Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 490 Vr. Blych's Wochenschrifi. Nr. 26 sie ihr treu wie ein Hund und mit herzlicher Liebe wie eine Schwester. Der Bürgermeister hatte eine kleine Ansprache an das Volk gehallen. Er sagte, daß Maria Slowata glücklich den Händen der Juden enttonnen sei und daß er einen Boten nach Prag gesandt habe, um Befehl zur Ausweisung der Juden zu erbitten. Solange möge sich das Volk gedulden und nicht eigenuiächtig dem Gesetze vorgreifen. Das klang allerdings anders, als Frau Marie es gewollt; aber sie lag krank und konnte nichts dagegen thun. Tage, Wochen vergingen. Der Bote des Bürgermeisters war noch nicht zurück. Aber eine andere Botschaft kam von Prag und erhitzte die Gemüther auf's Neue. Johannes Capistranus, der päpstliche Legat, hieß es, verweile zur Zeit in der böhmischen Hauptstadt und entflamme die Katholiken zu glühender Begeisterung. Wie der Sturmwind flog die Kunde von Mund zu Mund und entfachte die glimmenden Funken zu lodendem Brand. Mosessohn, der sich schon an die Ausbesserung feines Hauses gewagt, mußte wieder in den Keller flüchten. Jessika sah vom Fenster des Slowata'schen Hauses auf die drohende Masie und warf sich weinend zu Boden, Jehova anrufend. Unruhig schritt Frau Maria, die seit Tagen das Lager verlaßen konnte, im Gemach auf und ab. Sie hatte einen berittenen Knecht nach Prag an ihren Gemal gesandt. Er möge bei dem Reichsverweser Georg v. Podiebrad für die Juden ein gutes Wort einlegen. Aber es war ihr ungewiß, ob ihr Gemal die Bitte erfüllen würde. Ebenso schickte sie einen Boten um den andern aufs Rathaus. Der hohe Rath möge endlich dem furchtbaren Treiben in den Straßen Einhalt thun. Aber der Bürgermeister hatte nur die kühl ablehnende Antwort, es fei nicht seine Sache, dagegen einzuschreiten. Er und die meisten terren des Rathes waren Hussiten und wenn sie auch mit den atholiken der Stadt nicht in offener Fehde lebten, so bereitete es ihnen doch eine kleine Genugthuung, der Frau des gut katholischen Rathsherrn Slowata eine Bitte unerfüllt zu lassen. Wilder und wilder indessen tobte das Volk in den Straßen. Und plötzlich verstärkten sich der Lärm und das Johlen zu einem bestialischen Geheul. .Was hat das zu bedeuten?" rief Jessika angstvoll und stürzte an's Fenster. Da tönte der vielstimmige Ruf an ihr Ohr: „Die Juden kommen! Die Juden!" Und da kamen sie. Wankend, gebeugt, schleppenden Schrittes, . . . in ihren schäbigen, zeriffenen Kaftanen, ... die Weiber in ihre grauen Schleier gehüllt, . . . weinende Kinder auf den Armen, ... die Männer hastig zufammengeknüpfte Bändel in den Händen . . . So bewegte sich der traurige Zug durch die große Straße, die geradeaus nach dem westlichen Stadtthor führte. Es waren die Armen aus der Judengasse, die ihr letztes Heil in der Flucht suchten. Als sie an David Mosessohn's Haus vorbeikamen, wurden sie aufgehatten. Der erbitterte Pöbel, unter dem sich jedoch auch gute Bürger befanden, drängte sich ihnen in den Weg. Ein Steinhagel empfing die Unbewehrten. Das erste Opfer war Achim Baruch. Ein Wurfgeschoß traf ihn an die Schläfe. Lautlos brach er zusammen, um nie wieder aufzustehen. Die anderen waren mehr oder minder leicht von den Steinen verwundet worden. Aber nun einmal Blut floß, war die Mordlust des Volkes wach geworden. Jauchzend warfen sie sich über das unbewaffnete Judenhäuflein her. Die Männer schlugen sie zu Boden, die Weiber schleiften sie an den Haaren durch die Straße; dann schrie Einer: .Vergeht David Mosessohn nicht!" Im Nu warf sich eine Rotte gegen das Judenhaus. Lettern wurden angelegt und der Oberstock erklommen. Einige Augenblicke später flogen Tische, Stühle und Betten, der gesummte Hausrath unter donnerndem Jubel zu den Fenstern heraus. (Schluß folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Ein undd re.ißigstes Capitel. Sara, das geistig und körperlich starke Mädchen war trotz ihres schweren Leidens doch endlich vollkommen von ihrer Krankheit genesen. Sie stand nun allein ohne Stütze im Leben, ja mehr als das, sie hatte jetzt nicht für sich, sondern auch für Channe, der treuen Pflegerin ihrer Jugend, welche in der letzten Zeit durch die aufregende Krankenpflege arbeitsunfähig geworden, zu sorgen. Zu dem unverlöschlichen Schmerze über die großen Verluste, die sie erlitten, war auch das Gefühl endlos großer Erbitterung gegen den Menschen, der all das Unglück über sie gebracht, Erbitterung gegen Lorenz Hornek-Golzinger getreten, auch darüber, daß es Niemanden auf der Welt gab, der ihn für seine Schandthaten zur Rechenschaft zog. Es war noch ein Glück für Sara, daß Lorenz Hornek - Golzinger seine Vaterstadt verließ. Der Krieg mit Frankreich hatte begonnen und das Regiment, in welchem er diente, war nach Deutschland marschirt. Sara hätte seinen Anblick nicht zu ertragen vermocht, das energische Mädchen hätte sich vielleicht zu einem Acte der Vergeltung hinreißen lassen. Bürgermeister Golzinger hatte unter dem Drucke eines schwer belasteten Gewissens Sara einen Beweis besonderer Achtung gegeben, der in den Annalen der W.er Judenschast oh le Beispiel war. Er war ihr, als sie nach ihrer Genesung, das erste Mal von dem Friedhofe, von dem Grabe ihres Vaters heimkehrte, auf dem Ringplatze begegnet, hatte sie angesprochen und über den plötzlichen Tod ihres Vaters, der .ein wackerer Mann gewesen und den er als tüchtigen Judenvorsteher gekannt", zu trösten versucht. Das noch nicht siebzehnjährige Mädchen hatte mit königlicher Hoheit seine Worte angehört, und hatte sich, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, von ihm entfernt. Sara's Lebensverhältnisse hatten sich nach jeder Richtung hin ungünstig verändert. Ihr Vater war kein reicher, aber ein bemittelter Mann gewesen, der von seinem Pflegesohne unterstützt, in seinem Geschäfte so viel erwerben konnte, als die kleine Familie zu ihrem bescheidenen Lebensunterhalte bedurfte. Sara aber war verarmt. Ihre Krankheit hatte einen erhöhten Aufwand erfordert, das kleine Vermögen war plötzlich zerschmolzen. Sarah konnte als. Mädchen das Geschäft ihres Vaters nicht fortführen, auch wenn sich die Kunden nicht während der Zeit ihrer Krankheit und Reconvalescenz verlaufen hätten. Die dessortirten Waarenvorräthe, deren Lücken nicht ersetzt wurden, entwertheten, die Ausstände wurden bei der Auflösung des Geschäftes uneinbringlich, dagegen war Alles, was Aron Brack seinen Geschäftsfteundett schuldete, vollständig und pünktlich bezahlt worden, und Sara betrachtete es noch als ein Glück, daß das kleine Häuschen ihr schuldenfrei geblieben war, so daß sie wenigstens nicht gezwungen war, die Gastfreundschaft Fremder in Anspruch zu nehmen. Sara's trauriges Leben blieb auch von Aufregungen schmerzlichster Art nicht verschont. Die alte Magd Channe starb. Ein wundes Gemüth fühlt jeden Neuen Schmerz schärfer. Channe hatte Sara's Mutter aufgezogen, und war stets als ein Familienmitglied behandelt und betrachtet worden. Sie hatte Sara stets aus ihrer Mutter Jugendzeit, davon erzählt, wie ihre Eltern einander geliebt, welche Hindernisse, die sich ihrer Verbindung entgegenstellten, sie zu-bekämpfen hatten; sie wußte ihr von ihrem verstorbenen leiblichen Brüderchen, wußte ihr von Michael's Ankunft in W., von seiner Aufnahme in ihres Vaters Haus zu erzählen, sie war ihre einzige Gefährtin und wäre ihr unter Vielen die liebste gewesen. Channe war für Sara cin Band, das sie unsichtbar mit ihren lieben Todten verknüpfte, und ihr dadurch auch das Leben erträglich machte. Die siebzehnjährige Sara war des Lebens, das nicht den geringsten Werth, nicht den geringsten Anreiz für sie besaß, müde; allein ihrer tiefsinnigen Frömmigkeit lag der Gedanke