Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 26 Vr» Blvch's Wochenschrift. Seite 485 drohung der gesetzlichen Strafe auffordert, sofort Abhilfe zu schaffen. Der Director ließ nunmehr den Rabbiner Dr. Funk bitten, seine Function als Religionslehrer der Handelsakademie wieder aufzunehmen. Budapest. (Grabsteinsetzung für Professor David Kaufmann seligen Andenkens.) Noch sind es nicht ganze zwölf Monate, seit eine große Schaar von Freunden, Verehrern und Schülern David K a u f m a n n's im Pester isr. Friedhof die Bahre des großen Gelehrten umstand, und Sonntag den 24. Juni, um 7,4 Nachmittags umstand dieselbe Schaar, wohl etwas kleiner, aber mit derselben Trauer im Herzen, den hochemporragenden Grabstein, den die Witwe des Verstorbenen, Frau Irma Kaufmann, ihrem früh verstorbenen Gatten aus schönem weißen tirolischen Marmor errichten ließ. Außer der Witwe waren anwesend deren Mutter, Frau Rosa G o m p e r z, der Bruder des Verstorbenen, Herr Ignatz Kaufmann aus Kojetein, die beiden Schwestern, Frau D. Oppenheim aus Brünn und Frau L. König aus Budapest sammt ihrem Gemal und Kindern; die greisen Eltern aus Kojetein konnten die beschwerliche Reise infolge ihres Alters nicht unternehmen. Außerdem waren anwesend die Professoren der Landesrabbinerschule und des isr. Lehrerseminars, die' Vertreter der Gemeinde mit He'rn Rabbiner Dr. Samuel Ko hu und Professor I. G o l d z i h e r an der Spitze, Vertreter der Chewra-Kadischa, Vertreter des isr. Lehrervereins, zahlreiche Schüler und Bekannte des Verstorbenen, darunter auch viele Damen. Aus Breslau waren erschienen Herr Dr. M. Braun, Docent am Rabbinerseminar, und Dr. F. R o s e n t h a l, Rabbiner in Breslau. Letzterer hielt als Schwager Kaufmannes im Namen der Familie eine überaus wirkungsvolle Rede, in welcher die hohe Bedeutung K a u f m a n n's für die jüdische Wissenschaft und der Verlust, den das Judenthum erlitten, abermals in ergreifender Weise zum Ausdruck kam. Im Namen der Zöglinge der Rabbinerschule hielt Rabbinats-Candidat Blaugrund eine Rede, während Rabbiner K o h n das Kaddisch-Gebet recitirte. Bei dieser Gelegenheit sei erwähnt, daß die in Budapest anwesenden Familienglieder zugleich den reichen Nachlaß, 'bieij Correspondenz und die Bibliothek des Verstorbenen sortirenund ' revidiren. S. K. Ofen. (Rabbiner Dr. Rafael Goldberg gestorben.) Am 22. Juni, Freitag Nachts, um 11 Uhr, ist Rabbiner Dr. Rafael G o l d b e r g, der 30 Jahre hindurch Rabbiner der Gemeinde von Ofen war, nach längerem Leiden im 59. Jahres seines Lebens sanft verstorben. Der Verstorbene war als Sohn eines armen Lehres in Papa in Ungarn 1841 geboren, genoß den Unterricht seines besonders im Jüdischen gelehrten Vaters, absolvirte das Gymnasium in seiner Vaterstadt, bezog dann die Universität in Breslau und bildete sich dort an der Rabbinerschule zum Rabbiner aus. Als solcher zeichnete er sich durch Kanzelberedtsamkeit aus, auch hat er sich als Religionslehrer von Knaben und Mädchen an mehreren Schulen der Hauptstadt als guter Pädagoge bewährt. Auch sein reiches Wissen widmete er diesem Fache, besonders ist sein Lehrbuch über die „Geschichte der Juden" in mehreren Auflagen verbreitet. Mit sonstigen wissenschaftlichen Werken trat er, obzwar er reiches Wissen hatte, nie hervor, wie er denn überhaupt von liebenswürdiger Bescheidenheit und von gewinnender Freundlichkeit war. Vor fünf Jahren feierte seine Gemeinde in würdiger Weise sein 25jähriges Amtsjubiläum. In den folgenden Jahren trafen ihn Unglücksfälle in der Familie; eine Tochter kam in eine Irrenanstalt, ein erwachsener Sohn trägt eine tödliche Krankheit in seiner Brust, und er selbst siechte seit Jahren langsam dahin. Seine Functionen übte er schon vor einem Jahre nicht aus. Seine Gemeinde verliert in ihm einen treuen Seelsorger, das ungarische Judenthum einen wackeren Verfechter seiner materiellen und culturellen Interessen. Montag, den 25. Juni, Vormittags um 740 Uhr fand das Leichenbcgängniß statt; die Ofner Synagoge, in welcher die Leiche aufgebahrt war, konnte die Menge der Trauergäste nicht fassen, so das selbst die Nachbargaffen vom Publicum besetzt waren. Meisterhafte Reden wurden zu Ehren des Verstorbenen gehalten von den Rabbinern Dr. E. Adler in Alt-Ofen, Dr. M. Kayserling in Pest und Dr. H. Wiesner Religionslehrer in Ofen. Das Andenken des Gerechten sei zum Segen. S. K. Orsova. (Rumänische Auswanderer.) Von dort wird uns über die daselbst eingetrvffenen jüdischen Flüchtlinge aus Rumänien geschrieben: Die Gruppe Pieionii, bestehend aus 60 Personen, ist Freitag, den 15. d., zu Fuß aus Berciorova hier angelangt. Die ganze Gruppe, mit Ausnahme von sieben Frauen und fünf Kindern, besteht aus lauter Handwerkern. Dieselbe wollte zu Fuß bis Hamburg. Die Leute wurden von der jüdischen Gemeinde aufs Freundlichste bewirthet und wollten Sonntag Früh um 4 Uhr zu Fuß nach Karansebes abgehen. Der Oberstuhlrichter gestattete jedoch nicht den Abmarsch, bis von Seite des Ministeriums eine Ordre kommt. Bis Montag Abends kam keine Nachricht, so daß Herr I. Prerau, Rabbinatsverweser, dem Oberstuhlrichter Vorstellungen machte, daß dies sowohl für die kleine Gemeinde, als für die armen Emigranten ein herber Schlag ist, er möge die Leute weiter ziehen laffen. Dies wurde auch gestattet. Die jüdische Cultusgemeinde faßte spät in der Nacht den Beschluß, die armen Emigranten per Bahn bis Karansebes zu senden. Als dieselben Dienstag 5 Uhr Morgens aus dem Gasthause zur Bahn hinausgehen wollten, kam die Gendarmerie und ließ die Leute nicht vom Platze. Vorstandsmitglied Prerau begab sich zum Oberstuhlrichter, um Erkundigungen einzuholen. Man theilte ihm mit, daß der Minister die Abreise nur dann gestatte, wenn die Leute mit Karten bis an die äußerste Landesgrenze versehen sind, widrigenfalls Alle am Nachmittag nach Rumänien zurückbefördert werden. Der bis Mittwoch Nachmittag 2 Uhr erbetene Aufschub wurde bewilligt. Die hiesige j dische Gemeinde, außer Stande, so großes Opfer zu bringen, da sie seit Monaten schon von rumänischen Emigranten in kleineren Gruppen belästigt worden, wendete sich an die Schwestergemeinde um Hilfe, welche auch geleistet wurde. Die Leute saßen Mittwoch Nachmittag bereits im Waggon, die Karten wurden bezahlt und dem Führer der Gruppe übergebeu, als plötzlich der Grenzcommissär Pattera zu Herrn Prerau kam und erklärte, daß er den stricten Befehl habe, die Leute nur dann abreisen zu laffen, wenn die Karten direct bis Marchegg lauten. Der Stationschef, respective Cassier, sagte, daß er die Karten nur bis Budapest geben könne. Der Zug war bereits zum Abgehen bereit. Herr Prerau wollte dem Commissär das Geld für die weitere Reise von Budapest nach Marchegg übergeben, damit er es selbst dem Zugsführer t übergebe und veranlaffen möge, daß an die Staatspolizei von i Budapest auf seine Spesen depeschirt werde, man solle die Leute nicht aussteigen lassen. Es half jedoch Alles nichts. Auf den Lärm kam ein Bahnrevisor, der zufällig hier weilte, und sagte, daß die Leute nicht fahren können, da sie als Passagiere und nicht als Arbeiter betrachtet werden und ganze Fahrkarten haben müssen. Herr Prerau und Herr Kugler wollten die Differenz für die Fahrkarten deponiren, doch acceptirte man dies nicht und die Leute wurden aus dem Wagen geholt nnd mußten wieder in die Stadt zurück. Grenzcommissär Pattera, der sich in überaus schroffer Weise benahm, wollte sodann die Leute nach Rumänien zurückschicken, was jedoch durch die Intervention des Oberstuhlrichters, der darauf hinwies, daß die Leute Fahrkarten und Geld haben, verhindert wurde. Freitag Morgens fahren die Emigranten mittelst Schiffs direct nach Wien. Semlin. (Ein edler Mensch). An die löbliche Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" in Wien. Durch Ihre ausgebreitete Correspondenz, sowie durch die Tagesblätter, hatten Sie schon früher Kenntniß von den israelitischen Auswanderern aus Rumänien. Auch dürften Sie Kenntniß davon haben, welche großen Opfer die kleine israelititische Cultusgemeinde zu Orsova für die unglücklichen Emigranten gebracht. Am 20. l. M. langte hier der erste Transport der Emigranten- Gruppe Fix, circa 160 Personen, an. Diese wurden beinahe von der ganzen Gemeinde bei der Donau erwartet, mit Lebensmittel und Geldmittel versehen, und am 21. d. Früh, nachdem ihnen ein Frühstück gereicht wurde, reisten sie weiter über Budapest nach Wien, wo sie am 23. l. M. angekommen sein dürften. Die Cultusgemeinden längs der Donau wurden überall telegraphisch verständigt und überall wurden sie herzlich begrüßt und unterstützt. Am 22. folgte ein zweiter Transport aus 60 Personen (siehe Beilage), welche ebenso empfangen wurden. Als Charakteristik erlaube ich mir in Nachfolgendem die Copien zweier Briefe zu übersenden, welche einen Ehrenplatz in Ihrem werthen Blatte verdienen. I. Löbl. Präsidium der israelitischen Cultusgemeinde Semlin. Die Erinnerung aus meiner zartesten Jugend, stets in guten und brüderlichen Einvernehmen mit meinen Mitbürgern