Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021358--10013-3034471- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 484 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 26 duldsamkeit, welcher den Zuständen in Wien das Gepräge gibt. Viele Fremde, die es früher nie verabsäumt haben, Wien zu besuchen, bleiben jetzt aus und kommen nicht mehr; sie motiviren ihr Fernbleiben damit, daß ihnen nunmehr der Aufenthalt in Wien durch die ewigen politischen Hetzereien verleidet sei. Namentlich die Gäste aus Ungarn, die für den Fremdenverkehr Wiens stets daS größte Contingent gestellt, die theils zu geschäftlichen Zwecken, theils zur Zerstreuung Wien mit Vorliebe besucht haben, stehen heute aus dem Standpunkt, die Stadt Wien gewissermaßen zu boycottiren. Die Fluth der Fremden, welche die österreichischen Curorte besuchen und die früher nie verabsäumt haben, ihren Weg über Wien zu nehmen, berühren in den letzten Jahren Wien wenig oder gar nicht, so daß die Fremdenlisten der Wiener Hotels während der Badesaison kaum eine wesentliche Vermehrung erfahren. Man hatte gehofft, daß die Pariser Weltausstellung einen großen Theil der aus den Balkanländern und aus Rußland kommenden Besucher nach Wien bringen würde. Doch hat man sich in dieser Hoffnung getäuscht. Besonders die Russen fayren lieber über das billigere, ausstrebende Berlin und lassen Wien links liegen. Die Reisenden aus den Balkanländern halten sich in Wien gar nicht oder nur kurze Zeit auf. Diese für Wien tief beschämende Thatsache wird natürlich von den Hoteliers am schwersten empfunden; sie müssen zusehen, wie Wien die Zugkraft, die es früher beseffen hat, allmälig verliert, und können nichts thun, um diesen Rückgang, der auch den Rückgang ihres Gewerbes bedeutet, auszuhalten. Ich studire", schloß Direktor Pollitzer, »täglich die Curlisten der österreichischen Curorte und finde zu meinem Erstaunen oft Curgäste verzeichnet, die es früher nie verabsäumt haben, vorher nach Wien zu kommen. Da es mich interessirt, den Grund ihres plötzlichen Fernbleibens zu kennen, ersuchte ich einige brieflich, mir bekanntzugeben, weßhalb sie nicht wie früher sich in Wien aufgehalten haben. Ich erhielt stets die Antwort: „Wir haben Wien überhaupt nicht berührt, da es uns nicht einfällt, unser Geld nach Wien zu tragen." Prag. (Ein Dementi.) Professor Masaryk's „Oas" veröffentlicht unterm 23. Juni folgendes: »Eingesendet". »Löbliche Redaction der Zeitschrift ,,6as"! In Ihrem geschätzten Blatte, Nummer 71 d. I., lese ich im Artikel: »Zur Juden- und antisemitischen Frage" folgenden Absatz: »Ein Herr, welcher bedeutenden Einfluß auf die jüdische Studentenschaft besitzt, ist sogar bereit zuzugeben, daß eine geheime Ritualmordsecte vielleicht existirt und seine Aussprüche hierüber werden natürlich von den Antisemiten mit Behagen colportirt." Da mir mitgetheilt wird, daß manche Leser Ihres geschätzten Blattes mich für »jenen Herrn" halten, der sich auf ähnliche Weise geäußert hätte, constatire ich, daß ich mich niemals und gegen Niemanden derart ausgesprochen habe. Indem ich um freundliche Veröffentlichung dieser Erklärung bitte, zeichne ich in größter Achtung ergebener Prag, am 19. Juni 1900. Prof. Zucker." Wir halten es für eine Beleidigung des bekannten Strafrechtslehrers Prof. Zucker, wollten wir erst versichern, daß wir gar niemals an die bloße Möglichkeit eines derartigen Aussprches von ihm auch nur gedacht, geschweige denn je hätten daran glauben können. Ueber jedweden Verdacht solcher Gesinnung ist uns Prof. Zucker stets hoch erhaben. Einen Erklärungsgrund zur Nothwendigkeit obiger Verwahrung finden wir ausschließlich in der unklaren Fassung der ersten Satzhälfte: »Ein Herr, welcher bedeutenden Einfluß auf die jüdische Studentenschaft besitzt" .... Da hätte es richtig lauten sollen: »Ein Herr, welcher durch seine Anhänger im »8 p o 1 e k 5eskJ ch akademiku zidü“ für Herrn BreznovskF Stimmen sogar auch bei deutschen Juden sammeln ließ." Dann hätte jedermann gleich gewußt, wer dieser Herr ist. Dieses verbürgte Factum hätte . jede Zweideutigkeit von Vorneherein ausgeschlossen. Tatsächlich hörten wir auch bei der Seelenfeier im Herbste 1899, unmittelbar nach den Polnaer Processen, den czechischen Prediger im neneu Weinberger Tempel, Herrn Dr. Gustav Weiner feierlichst von der Kanzel herab schwören: »So wahr es Einen Gott gibt, so wahr ist es, daß es überhaupt keine Secte im Judenthum gibt, welche an irgend ein Blutritual glauben würde, obwohl es leider Gottes selb st unter uns Juden Einzelne gibt, welche an die Existenz solcher Geheimsecten glauben!" .... Und auf die begreiflicherweise erregte allgemeine Frage nach dem Namen jener »Einzelnen unter uns", welche sich in den erstaunten Blicken aller Anwesenden deutlich ausdrückte, vernahmen wir die Namen der Herrn „Jednota"-Führer. Czernowitz. (Der erste jüdische Ehrenbürger der Landeshauptstadt Czernowitz, Bukowina.) Hauptmann Bernhard B a l t i n e st e r ist ein echtes und rechtes Bukowinaer Kind, das seiner Heimat alle Ehre macht. Als Nachkomme einer noch vor Einverleibung der Bukowina in den österreichischen Staatenverband in diesem Lande ansässigen Familie, zu Czernowitz geboren, trat er, von patriotisch-dynastischen Gefühlen durchglüht und begeistert, in dem welthistorischen Jahre 184-8 freiwillig als Expropriiscadet in die Reihen des heimatlichen Infanterie-Regimentes, damals Baron Siskowich Nr. 41, anvancirte im noch jugendlichen Alter von 20 Jahren, 1854, zum Unterlieutenant, 1859 zum Oberlieutenant und 1869 zum Hauptmann. Im Jahre 1859 machte er den Feldzug in Italien im Urban'schen fliegenden Corps gegen die Garibaldischen Freischaaren mit und wurde für sein tapferes Verhalten im Gefechte bei Castenedolo von seinem Regiments- und Compagnie-Commandanten. sowie vom Generalstabschef mit Tapferkeitszeugniffen ausgezeichnet. Im Jahre 1860 mit dem 3. Bataillon des 41. Regiments zum neuerrichteten 63. Jnfanterie-Regimente König der Niederlande transferirt und mit der Führung eines 400 Man starken, kriegsmäßig ausgerüsteten Ergänzungstransportes von Siebenbürgen nach Tirol betraut, gelang es ihm, durch sein muthiges und zielbewußtes Verhalten eine in Folge der damaligen erregten politischen Zustände in Ungarn hervorgerufene Meuterei unter der Mannschaft dieses Ergänzungstransports mit Hintansetzung des eigenen Lebens zu bewältigen, wofür er von Erzherzog Albrecht und dem Armeeeommandanten Ritter v. Benedek besonders belobt wurde. Im italienischen Feldzuge des Jahres 1866 machte Baltinester die rühm- und siegreiche Schlacht bei Custozza mit und zeichnete sich bei der Erstürmung einer feindlichen, am Montecroee postirt gewesenen Batterie derart aus, daß er für seine tapfere und hervorragenden Leistungen vom Kaiser mit der allerhöchsten belobenden Anerkennung und auch mit dem Militärverdienstkreuze ausgezeichnet wurde. In der erwähnten (Schlacht von fünf Gewehrkugeln getroffen und durch eine derselben durch die rechte Brust geschossen, war er in Folge der erlittenen schweren Verwundung und der lang andauernden Krankheit genöthigt, in den definitiven Ruhestand zu treten und sich in seiner - Vaterstadt bleibend niederzulaffen. Vom Vertrauen seiner Mitbürger, ohne Unterschied der Nationalität getragen, und von seinen Glaubensgenossen besonders geehrt, wurde er seit dem Jahre 1870 ununterbrochen mit Ehrenämtern im öffentlichen Leben der Stadt Czernowitz betraut und wirkte mehr als ein Bierteljahrhundert besonders als Gemeinde- und Stadtrath, Vorsteher und Präses-Stellvertreter der hiesigen Cultusgemeinde und dergleichen derart hervorragend, daß er nicht nur an allen Fortschritten und Errungenschaften seiner Glaubensgemeinde bedeutenden Antheil nahm, sondern auch durch seine eigene Jnitative bei Errichtung der gemeinnützigsten Errungenschaften auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens allgemein rühmlichst genannt und auch wegen seiner culturfreundlichen und patriotischen Bestrebungen lobend gedacht wird. Herr Hauptmann Baltinester hat sich auch journalistisch als Schilderer von Kriegserinnerungen bekannt gemacht. Preßbura. Wie Ihren Lesern bekannt sein dürfte, hat der Director der hiesigen Handelsakademie den Rabbiner Dr. Funk seiner Function als Religionslehrer in dieser Schule enthoben, weil derselbe sich erlaubt hat, die Schüler vor Verletzung der religiösen Pflichten zu warnen und gegen einige antisemitischen Aeußerungen eines sauberen College« zu protestiren. Die Gemeinde weigerte sich aber einen anderen Religionslehrer zu entsenden und sie hat auch die eigenmächtige Ernennung eines Religionslehrers nicht gestattet. Die Schüler blieben somit ohne' Religionsunterricht. Um jedoch den Studenten giltige Schulzeugnisse aussolgen zu können, hat der Director beim Cultusministerium um die Erlaubniß nachgesucht, den Schülern die vorjährige Religionsnote in das Zeugniß schreiben zu dürfen. Er erhielt darauf vom Ministerium in Budapest einen ziemlich scharfgehaltenen Erlaß, in welchem das Ministerium den Director für den »unerhörten Zustand" verantwortlich macht, und unter An-