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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-29 · 26 (29.6.1900) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
26 (29.6.1900)
Date
1900-06-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Blmtz's Wochenschrifi. Seite 481 damit uns wenigstens eine erträgliche Lage hier geschaffen wird. Sie fürchten, daß ihnen vielleicht der Hahn des Anleihefaffes, von dem sie fortwährend zapfen, abgedreht werden wird und so handeln sie nach bereits bewährtem Experimente. Sie erinnern sich, daß es ihnen gelungen ist, auf dem Berliner Congresse die öffentliche Meinung irrezuführen, ind m sie durch die Production solcher Bilder den Glauben erweckten, die rumänischen Juden seien Halbbarbaren und verdienen keine Maffenemancipation. Sie haben es soweit gebracht, daß von den 250.000 rumänischen Juden während 22 Jahren nicht einmal 200 das Bürgerrecht erhalten haben und sie konnten ungestört daran arbeiten die Juden zu knechten und zu unterdrücken. Sie hoffen, es wird ihnen auch jetzt gelingen, wenn sie diese Bilder als Muster der hier lebenden Juden in die Welt hinausschicken, den Glauben zu erwecken, die Juden seien jeder Cultur unzugänglich. Es wird ihnen hoffentlich nicht gelingen, die öffentliche Meinung ist jetzt aufgeklärt, und wir hoffen, daß auch Sie Ihren Einfluß und Ihre Feder, in den Dienst der guten Sache, die wir vertreten, stellen werden und uns helfen die Oeffentlichkeit über die richtige Lage der Juden und über ihren Culturstand zu unterrichten. Sie werden gewiß dazu beitragen die Welt zu belehren, daß selbst die als Barbaren photographirten Juden unter ihrer ärmlichen Kleidung mehr Gesittung und Menschengefühle enthalten, als die rumänischen Machthaber.! j Die Märtyrer rumänischer Grausamkeit in Wien. Ein eigenartiges Bild bietet sich in den letzten Wochen beinahe alltäglich am Handelsquai nächst der Reichsbrücke dem Beschauer dar. Rumänische Auswanderer, arme verzweifelte Inden, die sich auf der weiten Reise nach Amerika befinden, bivouakiren dort tagsüber im Freien. Wie ein verschüchtertes Rudel Schafe haben sie sich an einander gedrängt. Es hat den Anschein, als wären sie bestrebt, möglichst wenig Raum einzunehmen, um ja nicht Haß und Mißgunst heraufzubeschwören, um sich die Duldung auf Stunden nicht zu verscherzen. Eine harte Zeit ist für die rumänischen Juden angebrochen. Daß die Juden in der Moldau und in der Walachei niemals ein sonderlich geneigtes Vaterland besaßen und daß sie nicht „Ursach' hatten, es zu lieben", ist genugsam bekannt. Aber die letzten politischen Wandlungen haben ihre Lage zu einer unerträglichen gestaltet. Seit dem December vorigen Jahres mögen etwa 16.000 rumänische Juden zum Wanderstabe gegriffen haben. In Trupps von 4" bis 80 und mehr Leuten treten sie die weite Reise an, deren Ziel Amerika ist. Keine gleißenden Goldträume hegen sie. Nur nach Arbeit geht ihr Verlangen. „Erdarbeiter in Canada", das ist das Ideal, dem sie mit hoffnungsglänzendem Auge Ausdruck verleihen, und in ihren phantastischesten Zukunststräumen schwärmen sie vom Geduldetsein . . . Ein Trupp von 66 Leuten lagerte gestern unter der Reichsbrücke. Darunter befinden sich 15 Frauen und 6 Kinder. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, verschiedenen Ständen gehörten sie an, verschieden war ihr Vermögen, und auch in Bildung und Wissen sind sie einander durchaus nicht gleich. Heute eint sie gemeinsames Gegenwartselend und gemeinsames Zukunftshoffen. Ein angesehener Kaufmann war der Eine. „Vor einem Jahre", sagte er mit bitterer Selbstverspottung, „o, da war ich ein respektabler Herr, da hatte ich 22.000 Francs im Vermögen. Heute kann ich nicht bis zu zwei Hellern zählen und meine Frau dort unterm Brückenbogen bläst in die Hände meines kleinen Mädchens, die der kalte Abendwind erstarren macht." Neben ihm steht ein mächtiger, breitschulteriger Geselle. Eine harmlose Gutmüthigkeit, die Niemandem etwas übelnehmen kann, spricht aus seinen jovialen Zügen. Der Mann erzählt mit achselzuckender Gelassenheit, als ob, was er vorbrächte, etwas Selbstverständliches wäre, zum mindesten etwas Schicksalbestimmtes, Unabwendbares. Kismet, Kismet! „Den Krieg im Jahre 1877 habe ich mitgemacht. Dann bin ich Gendarm gewesen Noch nicht lange ist es her. Vor dem Palais Ihres Gesandten bin ich gestanden und habe das Gewehr geschultert. Vor dem Hause von Baron Aehrenthal. Und ich habe meinen Dienst genau versehen. Der Herr Baron wirds auch bestätigen können. Da kommt auf einmal ein neues Ministerium. Aus ists mit mir. Warum? frage ich. Warum darf ich nicht mehr Gendarm sein? Du bist ein Ind'! sagt man mir. Das war ich früher auch und war doch acht Jahre beim Militär, vier bei der Gendarmerie; da auf einmal postenlos. Jede Arbeit wäre mir recht gewesen, aber keine Hab' ich kriegen können." Wieder ein Anderer, ein Handwerker: „Ich bin Anstreicher; die Leute wollen dem Juden nichts zu verdienen geben Das ist immer die erste Frage: Bist du Jud'? Aber ich war ja beim Militär, bis zum Unterofficier Hab' ich's gebracht Da hat man mich bei den Staatsarbeiten nicht zurückweisen können. Aber die Anderen waren mir, dem Juden aufsässig. Da hat einer ein großes Holzstück gegen mich geschleudert. Drei Wochen bin ich krank gelegen, noch jetzt hinke ich." . . . Und so geht's fort, die ganze lange Reihe hindurch mit herzzerreißender Monotonie das strophenreiche Lied der Bedrückung, des Haffes, der Unduldsamkeit. Und so haben sie sich zusammengethan, um anderswo eine neue, eine gütigere Heimat zu suchen. Den elenden Hausrath haben die Aermeren losgeschlagen, und die Bemittelten haben all das ihre zu Geld gemacht, unter schweren Verlusten. Was sie besitzen, es ist wenig genug, haben sie zusammengethan, den Weltgewandesten haben sie zum „Präsidenten" gewählt. Der leitet die Reise, sieht darauf, daß mit den kargen Mitteln ordentlich Haus gehalten werde, und gibt sich redliche Mühe, den spärlich träufelnden Quell der Unterstützungen in das Lager der Auswanderer zu leiten. In Orsova, da haben mildthätige Menschen sich ihrer werkthätig angenommen. Hier in Wien sind sie ziemlich unbeachtet. Dort, wo sie jetzt die zwei Tage, bis der Dampfer nach Passau abgeht, ihr Standquartier aufgeschlagen haben, wohnen arme Leute, bei denen selber Schmalhans Küchenmeister ist. Aber es kommt schon vor, daß sich den fremden, verängstigten Leuten ein Mann nähert, ein Kohlenarbeiter, ein Tramwaykutscher, der selbst einen Haufen Kinder zu Hause hat. und den Auswanderen einen Sechser in die Hand drückt. Oder es naht eine blasse, verhärmte Frau, und ans dem Tragkorb zieht sie einen Laib groben Brotes als milde Liebesgabe. Dann herzt sie die Kinder der Fremden, die „armen Hascherln", die so weit, weit fort müssen. Herzliche Worte der Anerkennung und des Dankes haben die Auswanderer für die Bediensteten der Dampfschifffahrt - Gesellschaft, vor Allem für den Hafencapitän König. Der gutherzige Mann hat dafür Sorge getragen, daß die Leute auf dem Schleppdampfer übernachten dürfen, und was sie ihm nicht hoch genug anrechnen können, die Weiber und Kinder wurden in einem Wartesaal gebettet.So arm sie sind und so elend, eine gewisse frohe Entschiedenheit und Entschlossenheit scheint sie Alle zu beseelen. Ihr Vaterland hat ihnen als letzte Liebesgabe — Vagabundenpässe verabfolgt. Jeder, der auswandern wollte, mußte eine Erklärung unterschreiben, des Inhaltes, daß er ein subsistenzloser Vagabund sei. Sonst wurde er arretirt und in sicheren Gewahrsam gebracht. „Sie schämen sich vor Europa!" erklärte der Intelligenteste unter ihnen dieses Vorgehen. „Aber nein", setzte er hinzu, „wir sind keine Vagabunden, keine Bettler, wir sind ehrliche Arbeiter. Unsere Glaubensgenossen in Amerika werden für uns bürgen, daß wir dem Staate nicht zur Last fallen wollen. Und wir werden ihre Bürgschaft nicht Lügen strafen!" Ernst Schneider für die rumänische Regierung. Also die rumänische Regierung hat endlich einen Bertheidiger gesunden, und zwar in Person des Mechanikus Ernst Schneider. Derselbe hat eine Reise nach Bukarest unternommen und in einer Wiener Wählerversammlung über seine Erlebnisse berichtet. Ernst Schneider, der ein Schußgeld für jeden Juden beantragt hat, ist mit der Lage der Juden in Rumänien sehr zufrieden. Er schilderte die herzliche Bewillkommnung, die ihm von Seite des Bürgermeisters von Bukarest zu Theil wurde, und ebenso den liebenswürdigen Empfang bei einzelnen Ministern, bei denen er vorsprach. Aus dem Ganzen habe der Redner geschlossen, daß der antisemitische Gedanke auch in den Herzen der Rumänen gedeiht, wenn er auch noch nicht offen propagirt wird. Er fügte hinzu: „Bon einer Judenverfolgung oder Judenaustreibung in Rumänien kann entschieden keine Rede sein/ — Herr Ernst Schneider verbürgt sich somit für die Charakterfestigkeit der rumänischen Regierung und jüdische Finanzmänner können somit beruhigt Rumänien das Anlehen gewähren. Jntereffante Daten über die M a s s e n a u s w a n d crung rumänischer Juden berichtet der Correspondent der „Boffischen Zeitung": Nicht nur die Vertreibung aus den Dörfern, sondern auch die Ausschließung der Juden aus allen höheren Berufen (selbst Makler dürfen sie nicht werden, und schon plant man Gesetze, um ihnen die Laufbahn als Arzt und sogar das Handwerk unmöglich zu machen), der thatsächlich schon heute existirende Ausschluß der Juden vom Besuch der Staatsschulen und von der Aufnahme in die staatlichen Hospitäler, die Verordnung, daß in industriellen Unternehmungen nur ein Viertel der Arbeiter Juden sein dürfen, die Unmöglichseit, selbst in ganz klar liegenden Fällen vor den antisemitisch verhetzten oder bedrohten Richtern Recht fordern zu können, die fortwährenden Beschimpfungen auf der Straße, die folgenschwere Boycottirung der Kaufleute durch die sogenannte Culturliga, an deren Spitze der Minister I st r a t i steht, die Straßenexceffe in Bukarest vom 17. und 23. November 1898, sowie die Schreckenstage in Jassy vom Mai 1899, haben fast in der gesammten jüdischen Bevölkerung den Entschluß gereift, auszuwandern. 8 HEs sind durchaus nicht nur die ärmsten Claffen, auch nicht vorzugsweise Bauhandwerker; alle Berufe und Claffen sind von dem gleichen Drange beseelt, nur können natürlich Leute mit festliegendem Eigenthum dies nicht so schnell möglich machen. Ich traf beispielsweise vor Kurzem in Constantinopel die Vertreter einer Autarkster Auswanderungsgesellschaft, deren 100

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