Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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-I-Tinn-intaizcFTfeeur 480 Vr. Vloch's WochL.»schrlf1. Nr. 26 da bäumt sich ihr Rechtsgefühl nicht auf, da empört sich ihre Sittlichkeit nicht. Sie, die keinem Handelsmann in China ein Haar krümmen lassen wollen, dulden es, daß in Europa hunderttausende braver, gesitteter, schaffender Menschen an Leib und Leben bedroht, um Gut und Blut gebracht, in Ehre und Glauben gekränkt werden, die man im Lande nicht leben, aber auch außer Landes nicht ziehen lassen will. Und dieses Europa empfindet nicht die Schmach, die ihm angethan wird, daß ein von ihm als Grundlage des gesammten europäischen Status quo besiegelter Vertrag verhöhnt und in Fetzen geriffen wird und es duldet, daß kaum der türkischen Selaverei entronnene Knechte ein solches Willkürregiment in Europa führen wie die Rumänen. Das Anrufen Enropas, d. h. der Staatsmänner und der ehrlichen öffentlichen Meinung Europas gegen die in Rumänien verübten Greuelthaten, sowie die Prüfung der gegen das rechts- und vertragswidrige Vorgehen in Rumänien zu ergreifenden Mittel wird deshalb allerdings eine der dringendsten Aufgaben derjenigen Elemente sein, die sich um menschlicher Gefühle willen der Roth von zweimalhunderttausend Menschen erbarmen wollen. In erster Reche aber muß Hilfe, schnelle Hilfe den Ertrinkenden gebracht werden, die im rumänischen Sumpfe untergehen müssen, wenn ihnen nicht die rettende Hand dargereicht wird. Wie es dieser König aus einem hochsinnigen Fürstenhause, wie eS diese Königin, deren ideale Gesinnungen über alle Zweifel erhaben sind, mitansehen, schweigend dulden können, was unter ihren Augen geschieht, das geht über unsere Begriffe. Sie müßten ja schon um der Culturmiffion willen, der sie sich unter den Barbaren des Ostens in Europa gewidmet haben, es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, das Volk, das sie beherrschen und leiten, zur Anerkennung der Menschenrechte zu führen und den unseligen Wahn zu zerstören, der unmittelbar gegen die Juden, mittelbar gegen das eigene Land wüthet! Sie haben in anderen Fragen ihre geistige Uebermacht erwiesen, sollten sie es nicht in einer Frage der Menschlichkeit und des Rechtes? Sie stehen erhaben über den auf die Erhaltung temporärer Machtbefugnisse und Vorurtheile und auf Ausnützung der Borurtheile gerichteten Bestrebungen den aus der Politik ein Gewerbe machenden Factoren und ihr moralischer Einfluß ist ein so übermächtiger, daß einer von ihnen gegebenen Anregung ein Widerstand nicht entgegengesetzt werden könnte — wo ist nun dieses moralische Uebergewicht, wo dieser Einfluß, wo die durch Abstammung und Bildung gegebene Pflicht gegenüber der Roth von zweimalhunderttausend Menschen, die Juden sind, geblieben? Auch die Frage sollte nicht außer Acht gelassen werden, den guten Willen des Königs und der Königin in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen und auch in dieser Frage würde das Zusammenwirken aller Elemente, die nicht blos der Juden, sondern jedes unglücklichen Menschen sich annehmen müssen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein. Allein wir kehren immer wieder zur Forderung zurück, daß vor Allem den Unglücklichen materiell geholfen werde, die politischen und moralischen Unterstützungsmittel gehen deshalb doch nicht verloren. A. Wiener, Rumänische Grausamkeit. Unser Specialcorrespondent schreibt uns: Die Zahl der Nothleidenden und Hungernden in Rumänien hat in den letzten Monaten ungeheuer zugenommen, zwar wird geholfen und unterstützt, aber jede Action ist dem Elende nicht gewachsen, dasselbe schreitet schnell, und die Hilssaction, die, nebenbei gesagt, in Folge der allgemeinen Lage keine bedeutende ist. kann mit der Noch kaum Schritt h alten. Was Wunder also, wenn wir Zeugen sein mußten, wie Menschenkinder den Erstickungstod durch Kohlengas oder den Feuertod durch Petroleum dem Hungertode vorzogen. Die Zahl der arbeitslosen, sonst gesunden und kräftigen Handwerker, die einst in einem verhältnismäßigen Wohlstände lebten, hat zugenommen. Es hat genügt, daß eine Gruppe Hungernder aus Berlad, das Losungswort fallen ließ „wir gehen zu Fuß", und in sämmtlichen Städten haben sich die hungernden, gehetzten und verfolgten Juden in 3, 4 sogar 5 Gruppen von je 100 bis 150 Mann zusammengenommen, um zu Fuß nach Hamburg, Rotterdam. Marseille und anderen Häfen zu gelangen, von wo sie die Ueberfahrt ins freie Amerika, dem Lande der Gleichheit und des Erwerbes erhoffen. Gleich einer Bölkerwandernng, steht man überall diese Züge hungernder, abgehärmter weißer Sclaven, welche gezwungen sind, jetzt im Jahre des Heils 1900, den Verfolgungen und Unterdrückungen, welche Racen- und Religionshaß gezeitigt haben, zu fliehen. Auf sämmtlichen Landstraßen Rumäniens sieht man diese Gruppen sich gegen die Grenzen des Landes bewegen, mit den winzigen Habseligkeiten auf dem Rücken, ziehen sie dahin, mit ihren Thränen die Wege, die sie wandeln, befeuchtend. Wie schwer ist ihnen doch die Trennung geworden, mancher hat sich kaum der Umarmung seiner hochbetagten Eltern entreißen können, er war ihre einzige Stütze; werden sie sich noch Wiedersehen? Anderen brach das Herz, als sie von Weib und Kind Abschied nahmen, wenn sie sich auf den dornenvollen Weg der Brodsuche begeben mußten. So ziehen sie hin ins Ungewisse, dem sicheren Verderben in die Arme. Sie werden bei den Grenzen nicht durchgelassen; zwar ist es einer Gruppe gelungen, nach vieler Mühe uach Oesterreich eingelassen zu werden und befindet jetzt auf dem Wege nach Kanada. Den anderen Gruppen wird es schwer gelingen, — welch Loos erwartet sie dann? Wir haben alles aufgeboten um sie von diesem gefahrvollen, ungewissen Vorhaben zurückzuhalten, aber vergebens. Die Leute werden vom Hunger und dem Schrei nach Brod ihrer Kleinen gejagt! Wer könnte sie zurückhalten? Ihr Denkvermögen ist von so vielen Leiden derart erschüttert, das Vernunftsgründe nicht fruchten können. Die Regierung aber, die in ihren steten Geldnöthen, um ihren guten Ruf und Credit stark besorgt ist, möchte diese Bewegung, die ihr den bis nun gewahrten Schein des Civilisationshortes benimmt, gerne unterdrücken. Sie sucht daher einerseits von den führenden Persönlichkeiten der Juden Erklärungen, daß die Juden nur wegen der Mißernte, nicht aber in Folge der Restrictionsgesetze und Verfolgungen, auswandern, anderseits droht man den Auswanderern mit Abschiebungen, Verhaftungen und Expulsirungen. Sie hat bereits begonnen, indem ein Circularerlaß die Auslieferung von Emigrantenpässen unter verschiedenen Vorwänden beschränkt. Im Lande unterdrückt und verfolgt, gehetzt und gejagt, werden sie nicht aus dem Lande gelassen, wenn sie fort wollen. Sie werden gezwungen hier zu verkümmern und zu verenden; sie müssen das Folterkind für Rumänien abgeben. Die Wortführer der Auswanderungsgruppen wurden verhaftet und expulsirt. Mit einem gewissen D. Jurescu, Student der Medicin, rumänischer Soldat in der Reserve wurde der Anfang gemacht und als Fremder über die Grenze geschafft. Da aber Oesterreich-Ungarn den Zufluchtsort für die von Rumänien als staatsgefährlich ausgewiesenen, jedoch nach Rumänien zuständigen Juden nicht abgeben will, wurde er von Ungarn unter Escorte zurückgesteüt. Er wird jedoch in Rumänien nicht eingelassen und die Regierung bemüht sich, wie sie am besten eine Lösung für diese Aufgabe ihrer Staatskunst finden soll. Vielleicht erleben wir noch eine Wiederholung des summarischen Verfahrens, daß man die au sgewiesenen Juden ganz einfach in die Donau untertauchen läßt. Die Regierung will mit Repressalien gegen Oesterreich- Ungarn Vorgehen und zugleich den Schrecken unter die Juden jagen. Sie veranstaltet eine Jagd auf sämmtliche ärmlich gekleideten Juden, sowohl in der Hauptstadt als in der Provinz. Die in Oesterreich geborenen Juden sollen, obwohl sie bereits seit 30, 40 und 50 Jahren im Lande wohnen und hier alle Pflichten erfüllen, ausgewiesen werden; die andern werden nach ihren Geburtsstädten abgeschoben, obwohl sie bereits seit Jahren in der andern Stadt ihren Wohnsitz und Existenz haben. Die Polizeiorgane überfallen die jüdischen Quartiere, dringen in die Behausungen und Bethäuser, zerren in Massen die Juden in die Polizei-Arreste, halten sie in Hast, um sie dann abzuschieben oder auszuweisen. Dies alles in der Hauptstadt unter den Augen der Regierung und des Königs Caroll. Erwischen sie einige Juden in der traditionellen Tracht, werden sie gleich Verbrechern in Gruppen und in entstellten Positionen photographirt, um sie als Muster den einflußreichen Personen im Auslande vorzuführen. Sie haben in Erfahrung gebracht, daß unsere einflußreichen Glaubens genoffen und Gönner ihre bis nun leider beobachtete Passivität aufgeben wollen,