Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4?6 Nr. 26 XBrtixrr'- Ox. Blocks wochenfchrM» Lande ruhig leben wollte, die Aufgabe der Menschheit nicht im Zerstören der Menschen erkannte — mußte es nicht nur die Kriegskosten an Japan zahlen, sondern seine militärische Schwäche noch an Europa büßen, das nun ohne jegliches Recht Fetzen von seinem Leibe riß. Rußland: Port Arthur, England: Weihaiwei, Deutschland: Kiaotschau, Frankreich: Mnnan. Das chinesische Volk hat soviel Heimatsliebe, wie jedes europäische Volk und sein Nationalgefühl ist nicht ungerechter, als das von Deutschen und Russen — mußte es sich nicht aufbäumen gegen die ihm widerrechtlich zugefügte Gewalt, gegen die Ausbeutung seiner milirärischen Schwäche? Die europäischen Moralisten, die jetzt gegen China Menschenliebe anrufen, sind stark gegen die Schwachen — auch in Europa — und schwach gegen die Starken, daß ist ihre Humanität. Und wie man den Chinesen einerseits ihr Land wegnahm, so überschwemmten Missionäre ihr Reich, .um das Volk seinem vieltausendjährigen, nationalen Glauben abspenstig zu machen und wo sie hiutraten, erhoben sich Haß und Zwietracht, als Frucht ihrer Aussaat. Und jetzt wehren sich die Chinesen, sie wehren sich mit den Mitteln, Die die Europäer sie gelehrt, die Russen und die Franzosen, die nicht milder als die Chinesen gegen „Fremde" gehandelt, mit gleichem Maaße gehen die Chinesen vor und nun kommt über sie das Strafgericht von Europa, Asien und Amerika. Ein chinesischer Staatsmann hat auf einem Congreß in Philadelphia das Verhalten der christlichen Staaten gegen China scharf und treffend gegeißelt: „Was ist Civilisation?" so fragt er. „Bedeutet sie nur den Besitz größerer Gewalt und größerer Borräthe an offensiven und defensiven Waffen? Ich dachte. Civilisation meinte die steigende Achtung vor dem Rechte des Nächsten. Civilisation gestatte nicht die Besitzergreifung fremden Eigenthums ohne Zustimmung des Besitzers. Es würde ein trauriges Schauspiel sein, wenn das Ende des 19. Jahrhunderts solches Durchbrechen fundamentaler Lebensgesetze der Menschheit mitansehen sollte. Dann möchte ich lieber nicht civilisirt heißen/ Der Redner kam dann auf die Ermordung fremder Missionäre zu sprechen und berührte die schwierige Lage der chinesischen Regierung. Ob die amerikanische Regierung fähig sein würde, die Lynchjustiz erregter Volksmassen zu verhindern, wenn jetzt buddhistische Missionäre nach San Francisco kämen, Kirchen und Schulen gründeten und das Christenthum als veraltet und unzureichend angriffe»?" Was würde Europa sagen, wenn chinesische Missionäre das Land durchziehen würden. Man würde sie erschlagen wie tolle Hunde? Die christlichen Völker wollen China selig machen, aber dieses wehrt sich gegen die ihm aufgedrungene Seligkeit und hat auch kein Verständniß für die Blüthen und Früchte christlicher Moral, die sich in dem völkerrechtwidrigen, räuberischen Verhalten der christlichen Staaten gegen China offenbaren. Was heißt „Schutz des Fremden" in einem Zeitalter allgemeiner Fremdenverfolgung in Europa? Die Chinesen stützen sich auf ihr „nationales" Recht. Wenn nun die ganze Welt ihnen entgegentritt, so heißt das nichts Anderes, als, daß dieses nationale Recht nicht anerkannt wird. Und daraus muß man die Consequenz ziehen. Europa, Amerika und Asien verleugnen dieses Nationalttatsrecht in China und tteten ihm sogar mit Waffengewalt entgegen. Der Schutz der „Volksgenossen" ist nur der äußere Vorwand. Wenn sie das Nationalrecht bei sich üben, müssen sie es in China gelten lassen, wenn sie ihre Volksgenossen in China unbehelligt sehen wollen, müssen sie im eigenen Lande das Gleiche thuu. Ohne das Festhalten der Nationalitätsidee in China hätte dieser die ganze Welt in Bewegung setzende Conflict nicht entstehe können, und wenn die Chinesen im Kampfe um ihre Nationalität ausgeartet sind und diese Ausartung gestraft werden muß, so muß auch die Quelle verstopft werden, aus welcher die Ausartung entspringt, well sonst mit Naturnothwendigkeit das Uebel immer von Neuem Hervorbrechen muß. Es bleibt also gar nichts übrig, als den Chinesen, die jetzt europäische Nationalitätspolittk betteiben, diese Lust einfür allemal zu benehmen. Geschuht dies aber — nun dann hat die Nationalitätenpolitik Bankerott gemacht, nicht nur in China, sondern auch « Amerika und in Europa. Die Nationalitätenpolitik wäre sonst nichts als eine erbärmliche Lüge, eine Heuchelei, ein unmoralischer Zug mehr in dieser von Gewalt und Lug und Trug erfüllten „civilisirten" Welt. Man kann nicht in Asien den Chinesen verwehren „nationale" Politik zu machen und in Europa selbst sie betreiben, man kann nicht in China freien Verkehr, „offene Thüren" fordern und sich in Europa „national" absperre», man kann nicht in China Freizügigkeit begehren und im eigenen Lande „nationale" Schranken errichten, man kann nicht in China Glaubensfreiheit predigen und im eigenen Lande Glaubensdruck üben — wenn man sich nicht zum niederträchtigen Lügner und zum Heuchler machen will. Wollt Ihr aber als Menschlichkeitsapostel gelten — seid es zuerst im eigenen Lande! Der moralische Bankerott der Nattonalitätspolitik ist ein unleugbarer — der praktische wird hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten lassen. Chinrstfcher Aberglaube vom christlichen Vlutrituale. Seit Jahren klagen europäischst Diplomaten über die Nachsicht, welche die chinesische Regierung gegen die Christenhetzer an den Tag legt. In einem englischen Blaubuch, Ende der Achtziger- Jahre hieß es: „Die chinesische Regierung theilte ihrem Londoner Gesandten telegraphisch mit, daß im Juni in sieben verschiedenen Plätzen, nämlich in Wuhu, Tanstang, Wuyeh (in der Nähe von Kinkiang), Wusieh (in der Nähe von Suchau), Chingkwan, Iangwu und Kiangyen, Unruhen vorgefallen seien. In einem Telegramm an Sir I. Walsham erklärte der englische Premier, er hoffe, daß die chinesische Regierung alle betheiligten Uebelthäter zur Verantwortung ziehen werde. Die chinesischen Behörden halten die Ausschreitungen für das Werk geheimer Gesellschaften oder entlassener Soldaten. In aufrührerischen Placaten waren die Katholiken beschuldigt worden, chinesische Kinder zu entführen, ihre Augen und Eingeweide, Herz und Nieren zuschändlichenZwecken zu verwenden und die Behörden zu bestechen. Diese werden ihrerseits angeklagt, de »„Barbaren" ihre Beihilfe geliehen zu haben. Der britische Consul in Hankau übersendete Lord Salisb u r y die im Großen und Ganzen mit den bereits früher veröffentlichten Berichten übereinstimmenden Aussagen der Augenzeugen über die Ermordung der Herren Green und Argent in Wusieh am 5. Juni. In einem vom 9. Juni datirten Briefe schreibt Consul Gardner über denselben Gegenstand: „Herr Argent handelte mit großer Kaltblütigkeit und Entschlossenheit, verlor jedoch sein Leben bei dem Versuche, die gefährdeten Damen zu retten. Ich bin überzeugt, daß einige wenige entschlossene Männer die Unruhen hätten unterdrücken können. Bon den vier chinesischen Regierungs beamten in Wusieh benahmen sich d r e i i n f a m und stupid. Die Nachsicht, mit welcher die Behörden der Verbreitung a n t i ch r i stl i ch e r B r o sch ü r en und P l a c a t e zngeschaut haben, hat den Ausbruch wesentlich b e s ch l e u n i g t." An den Straßenecken Wusieh's fand man Placate angeschlagen, welche besagten, daß sö und so viele Kinder für Miffionszwecke gestohlen worden seien. Eines dieser Placate war, folgenden Inhalts: „Es ist wahr, das die Katholiken dieses Platzes ihre Häscher aussenden, um anderer Leute Kinder zu stehlen Md aus ihnen die Essenz ihrer Lebenskraft zu ziehen. Falls Eltern nicht achssam sind, wird es ihnen schlecht gehen. Gutes Volk, vervielfältige diese Placate und schlage sie überall an. Eine Unzahl von Kindern ist bereits auf diese Art umgekommen. O Himmel, nimm diese Höllenhunde, rotte diese Bestien aus! Die verfluchten Beamten dürfen es nicht wagen die Fremden zu bestrafen." In einem zweiten Aufruf hieß es unter Anderem: „Das Land ist verrathen und das Volk ruinirt! Man tritt menschliche Wesen mit Füßen zu Staub! So stehen die Dinge, und deshalb wollen wir Folgendes constatiren. Wuhu ist ein Vertragshafen, in welchem Ausländer in Menge leben. Diese thun den Leuten Schaden in einer Weise, welche die Feder unmöglich beschreiben kann. Weiber werden von anderen Otten verschrieben, um Kinder zu entführen. D an n sticht man den Kindern die Augen aus