Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 26 (29.6.1900)
- Date
- 1900-06-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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26 Dr. Bloch’s im Centralorgan für die gefammtrn Interessen des Iudenthums. Wien, 29. Juni 190«. Erscheint jeden Freitag. -.——-- Brief-Adresse: Wien. II., Untere Augartenstraße 1 a. Telegramm-Adresse: Block s Wochenschrift» Wien. A. k. Postsxsrrsffrn-Amr Clearingverkehr Nr. 810.976. Redsction mit» Administration: Wien II., Ankere AuaarkenAr. I». Telephoa - Kr. 14,847 *—^ .— » I Vrxngsprri» für Srstrrrrich: Halbjährig S Kronen. I Einzelexemplare 50 Heller! Wb Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. X —■... "* Znhalt. Leitartikel: Europäisches Boxerthum als Humanitätsapostel in China. — Chinesischer Aberglaube vom christlichen Blutritual. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Hilfe für die rumänischen Juden. Rumänische Grausamkeit. Die Märtyrer rumänischer Grausamkeit in Wien. Ernst Schneider für die rumänische Regierung. Ein Vorschlag dem Judenelend abzuhelfen. Antisemitische Lügen. Oesterreichischer Reichsrath Wider Juden und Katholiken. - Eorrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom l-6. Juni. Wien, Prag, Czernowitz, Preßburg, Budapest, Ofen, Orsova, Semlin. Berlin, München, Bonn. Karlsruhe, Petersburg, Kiew, New-Zork, Philadelphia. — Vermischtes: Wien, Baden, Proßnitz, Trebitsch, Holleschau, Prag, Deutschbrod, Krakau, Triest, Amsterdam. — Feuilleton: Der Sabbathengel. — Michael. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate« Europäisches Voxerthum als Humanitätsapostel in China. Ganz Europa und Amerika rüsten sich plötzlich zu einem Riesenkampfe gegen einen gemeinsamen Feind. Wer ist dieser Feind? Der Nationalismus in China! In dem eigenen Lande haben sie ihn großgezogen und nun er ihnen mit eiserner Consequenz entgegentritt, vereinigen sie sich alle, ihn zu erschlagen — in China. England rüstet eine Flotte aus; Deutschland entsendet eine Armee; Japan hat bereits 20.000 Mann in Bewegung gesetzt; Frankreich will mit seiner neuen Colonialarmee gar an zwei Punkten Chinas operiren; die Vereinigten Staaten lassen ihre Monroe-Doctrin zu Hause und gehen auf Raub aus und selbst der „nationalste" Staat Rußland geht Arm in Arm mit den übrigen Staaten, um in China dieselbe Idee zu bekämpfen, die es zu Hause am brutalsten verficht. Fehlte nur noch, daß auch Rumänien sich zum Partisan aufwerfe, „zum Schutze der Fremden gegen die Barbaren", damit die Komödie eine vollständige werde. Diese eine Flöte fehlt noch in dem sauberen Concert, das in Asien aufgeführt wird. Angeblich steht diese seltene Einmüthigkeit der ganzen „civilisirten" Welt im Dienste reinster Humanität. Wenn man die Stimmen der öffentlichen Meinung, oder dessen, was sich dafür ausgiebt, anhört, so treibt „nur" Menschenliebe die Mächte an, ihre Völker zu opfern, ihre Schiffe zusammenschießen zu lassen, Gut und Blut herzugeben. Oh, über diese Edlen Welch ungeheurer Schatz von Großmuth ist doch in diesen Mächten verborgen gewesen, den wir gar nicht gekannt haben!- Jst es nicht ein wunderbares Schauspiel, Rußland, das soeben Finnland entnationalisirt, als Kämpfer gegen den Nationalismus auftreten zu sehen. Und Frankreich, dessen Gerichte und Armee befleckt sind von Meineid und falschem Urtheil, das Unschuldige verdammt und Gerechte verurtheilt im Dienste des Nationalismus, rüstet sich für die Humanität in China. Die Vereinigten Staaten, die auf den Philippinen die Eingeborenen entrechten, wollen die Welt glauben machen, sie hätten edelmüthige Gedanken, als könnte Jemand vergeffen, daß zu derselben Zeit — fast mit derselben Feder, welche den Zug gegen China commandirt — die Fremdeneinwanderung neuerdings erschwert wird. Natürlich dürfen die biederen Deutschen nicht fehlen. Sie sind ja das Volk der Idealisten! Sie haben kein Geschäft im Sinne, ihnen ist es gewiß nur um Menschenrecht zu thun, sie haben ja niemals auf Rechnung der Nationalität gesündigt. Glückliches China, das jetzt von Europa, Asten*und Amerika mit Pulver und Blei Menschlichkeit lernt und zugleich belehrt wird, daß es nicht so national sein darf, wie seine Lehrmeister! Die Komödie wäre ganz vollständig, wenn nicht leider die Chinesen selbst das tragische Moment hineingetragen hätten. Sie wollten so national sein, wie die Russen, wie die Franzosen, wie die Rumänen, wie die Deutschnationalen und sie hatten sich die Lehren der Christlich-Socialen, der Schneider und der Rohling, der Deckert und der Drumont und der Regis und der Pobjedonoszew so treulich zu Muster genommen und sie in die Praxis übersetzt. Ja, Chinese, das ist etwas ganz Anderes, wenn Du es thust oder die Anderen. Gegen Dich zieht die ganze Welt in die Schranken! Wenn Du es thust, ist es Unmenschlichkeit — und da kommen die menschlichen „Schneider", „Regis" und „Pobjedonoszew" — deren Mund von bluttriefenden Reden voll war und an deren Händen das Blut von hunderten Unglücklichen klebt und wollen Dich Menschlichkeit lehren! An Dir werden die Mordthaten gerächt, die Deine Nationalen, die Boxer, begangen haben. Gegen Dich ziehen Soldaten zu Felde, die zu Hause bei Fuß gestanden find, wenn jene, die sie „Fremde" nannten, überfallen, beraubt, gemordet wurden. Ueber Dich kommt das Strafgericht, das zu Hause seines Amtes vergißt. Wir nehmen Deine Mordthaten nicht in Schutz. Wer Blut vergießt, deffen Blut soll wieder vergossen werden. Steht aber das Rächeramt demjenigen zu, der im eigenen Lande sich so wenig vom Chinesen unterscheidet? Menschenliebe soll es sein, welche die ganze Welt zu einem Rachekampf gegen China aufruft. Woher denn plötzlich diese Menschenliebe? China und Japan waren im Streite. Das Bierhundert- Millionen-Reich unterlag im Kampfe. Militärisch zurückgeblieben — weil es keine agreffiven Aspirationen hatte, weil es im eigenen