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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 25 Vr. Bloch's Wochrnfchrifk. Seite 475 „Der starke Mann hat die eisernen Stäbe seines Zellenfensters ausgebrochen und ist durch dieses ins Freie gelangt." „Entflohen?" rief Sara, „ah! Du herrlicher, staker MichaelWohin? Ja das weißt Du nicht, mein gutes, liebes, altes, braves Mädchen! .... Wie lange her ist's, daß sich Michael durch die große Kraft, die ihm Gott gnädig verliehen, befreit hat?" „Vier Wochen, er war nicht einen vollen Tag im Kerker." Sara war nachdenklich geworden. „Und er hat während der langen Zeit nichts von sich hören lassen? Nicht fragen lassen, wie es mir geht? Das wundert mich, wundert mich recht sehr! .... Er muß mich ja wissen lassen, wo er ist .... ich muß ja zu ihm; das kann ja gar nicht anders sein! .... er hat keinen Menschen auf der Welt, als mich, ich keinen, als ihn, wir haben uns ja stets wie treue, zärtliche Geschwister geliebt .... ich kann ja ohne ihn gar nicht leben, — gewiß auch er nicht ohne mich! .... Er wird mich gewiß, sobald er einen sicheren Ruhepunkt gefunden, zu sich rufen .... Dann niußt Du, mein gutes, altes Mädchen, mit mir zu ihm .... ich werde Dich ja nicht allein unter fremden Leuten zurücklassen, was solltest Du denn auch allein beginnen?" „Wie betamt*), wie choschew**) Du bist!" rief Channe und ein neuer Thränenstrom entstürzte ihren Angeu. „Oder", fuhr Sara, die Unterbrechung nicht bemerkend, fort, „sollte er auf der beschwerlichen Flucht in der rauhen Jahreszeit erkrankt sein, allein, ohne Pflege, hilflos und verlassen bei fremden, theilnahmslosen Leuten?! O! Du allerbarmender Gott, das, das wirst Du mir wohl nach all dem Leid, das ich schwaches Weib schon gottergeben ertragen, nicht noch auferlegen!" Ein geliebtes Wesen bedroht glauben und zu ohnmächtig sein, es zu schützen, ist ein entsetzliches Gefühl. Gehäufter Seelenschmerz steigert sich in geometrischer Progression und Sara litt von Neuem unbeschreiblich, unschilderbar! Channe wußte nicht was sie thun, was sie sprechen sollte. Im ersten Augenblicke erschien es ihr, als wäre es am besten, Sara in ihren Hoffnungen zu bestärken; aber die alte, treue Magd hatte in ihrem Leben die so leichte Kunst des Lügens nicht gelernt; und überdies trat noch das schwere Bedenken hinzu, daß, wenn Sara sich in Hoffnungen einleben würde, eine spätere Enttäuschung noch zermalmender auf sie einwirken müßte. In ihrer totalen Ratlosigkeit wandte sie sich ab, um so gut als möglich ihren Schmerz zu verbergen. Sara hatte trotz der harten Schicksalsschläge rasch die Klarheit ihres Hellen Geistes wieder erlangt; das noch nicht siebzehn Jahre alte Mädchen war scharfblickend, nach kurzem Bedenken fuhr sie aufgeregt fort: „Du schweigst? Du wendest Dein Antlitz von mir ab? Hast Du etwas über Michael's Schicksal erfahren? . . . Dann verheimliche mir nichts! .... Was nützte auch das Verschweigen? — Es könnte mir ja nicht für immer verborgen bleiben! Rede, beste Channe .... ich bin ja ein starkes Mädchen .... sorg' Dich nicht, ich werde nicht mit der Wimper zucken — es mag auch sein, was es wolle!" Aber das schwache starke Mädchen mußte doch vor Schmerz ihr schönes Haupt in die Kissen vergraben. „Ich beschwöre Dich bei dem allmächtigen, einig einzigen Gotte", fuhr sie nach kurzer Pause fort, „mir die Wahrheit zu sagen, die volle Wahrheit und nichts, als die Wahrheit!" Channe schauerte zusammen und sprach: „Nun denn in Gottes Namen! ich will thun, wie Du es verlangst .... Gott stärke Dich! .... Michael war es, wie ich Dir schon erzählt, gelungen, das Eisengitter seines Zellenfensters auszubrechen und durch dieses, welches auf die Flußseite geht, zu entfliehen. Er wollte den Strom, der gefroren war, überschritten; aber die Eisdecke war durch heftigen, anhaltenden Regen und weil es auch warm, plötzlich dünn geworden, .... an einer Stelle trug sie ihn nicht — er brach ein ... . Der Kerkermeister, der bei der Visitation Michael's Zelle leer fand, hatte einen Schrei gehört, als er ans Fenster eilte, eine Gestalt einsinken sehen, auch zwei Soldaten, die aus dem Wirthshause kamen und auch der Kabronimschammes***), der von einem Sterbenden in einem nahegelegenen Dorfe nach der Stadt zurückkehrte *) lieb **) edel ***) Diener der Beerdigungsbrüderschaft« — haben den Schrei gehört, einen hochgewachsenen Mann unter den Eisschollen versinken sehen." Sara hatte Channe's Bericht mit athemloser Spannung angehört; — ihre großen, schwarzen Augen traten geisterhaft aus ihrem bleichen Gesichte hervor, ihre Lippen bebten, die Flügel ihrer griechischen Nase zitterten. „Mein Vater todt .... Michael todt .... meine Mutter todt .... Alle todt!" rief fie „weshalb soll ich allein leben, Du unerforschlicher Gott?!" — Dann erleichterte sich ihr Schmerz in einem convulsivischen Schluchzen, in welches Channe von Neuem einstimmte. Nach einer Viertelstunde tiefen Schweigens frug Sara: „Sind die beiden Todten nebeneinander bestattet worden?" Michael's Leiche ist nicht aufgefunden worden, sie ist unter das Eis gerathen und der Fluß bei rasch eingetretenem Froste wieder zugefroren." „So kann ich nicht einmal an seinem Grabe beten! Die Hülle seiner edlen Seele ein Raub der Fische!" (Fortsetzung folgt.) Eingrlarrfenr Schriften. Der Koniher Mord. Ein Beitrag zur Klärung. Breslau, Verlag von Preuß & Junger. Jacques Jäger. „Wanderungen in Rußland", Zeitbilder aus den Balkanländern, Central-Rußland, der Krim, dem Kaukasus und Central-Asien. Verlag von Carl Teufen (Fr. Bauer), Wien, 1900. Phil. Dr. Alexander Kisch, Gemeinde-Rabbiner in Prag. „Das mosaisch-talmudische Eherecht" von Rabbi Ezechiel Landau, weiland Oberradbiner von Prag, auf Verlangen Kaiser Josefs des Zweiten gegen Anwendung des kaiserlichen Ehepatentes vom 16. Januar 1783 auf die Juden erstattetes Gutachten. Zum erstenmale veröffentlicht und mit Einleitung und Anmerkungen versehen. (Für Cultusbeamte ermäßigter Preis 1 Krone) Ladenpreis Kronen 1.50. Dr. I. Hirsch. „Fragment einer arabischen Pentateuch- Uebersetzung", herausgegeben und eingeleitet. Leipzig, Otto Harrassowitz, 1900. Dr. Jacob Neumann. Der Pentateuch-Commentar des Joseph Bechor Schor zum Buche Numeri. Cap. 1 bis 15. Nach dem Manuscript Nr. 52 der königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München heraus gegeben, sowie mit Quellenangaben und Anmerkungen versehen. Frankfurt am Main. Verlag von I. Kaufmann, 1900. B. Friedberg. „Geschichte der hebräischen Typographie in Krakau von 1530 bis auf die Gegenwart". Krakau, 1900. Joses Sofer, Bezirksrabbiner, Derecske, Ungarn, Jalkut Sofer zum IV. Buch Mose. Briefkasten. L, Vor einiger Zeit machte, wie die „Allgemeine israelitische Wochenschrift" unlängst mittheilte, ein neuernannter jüdischer Professor dem preußischen Cultusminister Dr Bosse die übliche Dankaufwartung. Bei der Veraschiedung sagte der Cultusminister zu dem Beförderten: „Thun Sie mir den Gefallen, Herr Professor, taufen Sie sich nicht!" L. in Wien. Herr Casimir Jonas, von dessen Persönlichkeit unlängst im Gerichtssaal ein so charakteristisches Bild gegeben wurde, hat sich im Verlaufe seines Verhöres als Geschäftsantisemit bekennen müssen. Bei den Inseraten, welche leichtgläubige Personen seinen schwindelhaften Absichten überliefern sollten, befand sich nämlich der Vermerk: „Juden ausgeschlossen". Scheinbar ist das ein philosemitischer Vermerk gewesen — Herr Jonas wollte eben keinen Juden begaunern. In Wirklichkeit war diese die Juden ausschließende Bemerkung im Inserate die Consequenz einer tiefen Abneigung, welche sich des Herrn Jonas gegen die Juden im Laufe seiner Gaunerpraxis bemächtigt hatte. Der Einzige von den vielen Clienten des Jonas nämlich, welcher durch diesen nicht zu Schaden kam, ein Herr G er a s s i, war ein Jude. Diese Vordringlichkeit des einen Juden, diese Arroganz, unter so vielen Beschwindelten der einzige Nichtbeschwindelte sein zu wollen, trieb Herrn Jonas in "das antisemitische Lager. Freilich suchte er sich dann für seinen praktisch erworbenen Antisemitismus eine historische Begründung. „Ich konnte" — sagte er — „seit jeher die Juden nicht leiden." Aber die Theorie erfuhr doch eine neue Stütze, daß der wohlwollendste Mensch, wenn er mit Juden zu thun hat, Antisemit werden muß!

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