Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 474 Dr. Bl<rch's Wochen sUrcifr. Nr. 25 darf, konnte die Anwesenheit des würdigen geistlichen Herrn als solches bezeichnet werden. Auch dieser war im ersten Momente fassungslos, aber die reiche Erfahrung eines langen, wohl benützten Menschenlebens, stand seiner großen Klugheit unterstützend zur Seite, und ervermochte es, die alte treue, verzagende Magd zu trösten. „Nur Ruhe und Besinnung", sprach er, „ich werde den ersten Euerer Glaubensgenossen, dem ich begegne, bitten, dafür zu sorgen, daß die entseelte HülleEures braven Herrn in das Leichen - haus auf Euren Friedhof gebracht werde. — Sara ist, wir Ihr seht, krank, ich glaube, daß sie ein Nervenfieber durchzumachen haben wird. Sie wird großer Pflege bedürfen, und es wird nothwendig sein, daß Ihr zu Euerer Unterstützung ein junges kräftiges Mädchen an der Seite hättet. Ich werde mich dieser wegen an einen Eurer Nachbarn wenden. Die Bekenner des jüdischen Glaubens sind, wenn sie den Geboten ihrer Religion nachleben, menschenfreundlich und unterstützen einander brüderlich und schwesterlich. Ich gehe, um so weit es mir möglich ist, Hilfe zu senden. Mittlerweile dürfte auch der Arzt, den ihr nicht zu Hause getroffen, heimgekehrt sein. Ich werde selbst zu ihm gehen und ihn herschicken. Sara's Krankheit ist aus einer begreiflichen, Nerven aufreizenden Aufregung entstanden. Ihre Jugend, ihre Kraft, ihre Gesundheit, könnte wohl mit Gottes Hilfe den Angriffen der heftigen Krankheit Widerstand leisten; allein ich fürchte den Moment, wo sie zum Bewußtsein gelangt, nach ihrem Vater und nach ihrem Verlobten fragen, und das Härteste, das sie auf Erden treffen konnte, zur Antwort erhalten wird." * * * Sara Brack war nicht, wie Kerkermeister Mostrich seinem Gefangenen Michael Klein vorgelogen, unmittelbar, nachoem er von ihr geschieden, gestorben. Sie war schwer erkrankt und schwebte wochenlang zwischen Tod und Leben. Die arme treue Channa wachte mit unermüdlicher Hingebung an ihrem Bette. Es war unbegreiflich, wie die alte gebrechliche Magd die riesigen Strapazen auszuhalten vermochte. — Endlich war das heftige Fieber bekämpft und Sara erwachte nach langer Zeit zum Bewußtsein. Ihr erster Blick fiel auf Channa's gutmüthiges runzeliges Gesicht, die in dem Momente eine Beute der heftigsten einander widersprechenden Gefühle war. Höchstes Glück und höchste Angst rangen in ihr. Das Gefühl des höchsten Glückes, daß sich Gott des jungen Mädchens und ihrer erbarmt, jene am Leben erhalten hatte; — und die entsetzliche furchtbare Angst, Sara's Fragen um ihren Vater und Verlobten beantwocteu zu müssen. — Cyanne hatte sich immer gewünscht, daß in dem Momente, wo Sara zum Bewußtsein erwachte, jemand, am liebsten der hochwürdige Herr Pfarrer, anwesend sein sollte; aber in dem freudenlosen Leben der armen, alten Magd waren auch die bescheidensten ihrer wenigen Wünsche nicht in Erfüllung gegangen und sie wunderte sich daher gar nicht, daß ihr auch dieser Wunsch versagt b ieb. Sie war ganz allein mit dem unglücklichen, verlassenen Mädchen, als diese nach vier Wochen sie das Erstemal mit ihren großen schwarzen Augen erkennend anblickte. „Ah!" sprach sie, „Du gute, liebe Channe, ich bin wohl krank gewesen? nicht wahr?" „Ja Kindleben*)" antwortete die treue Magd mit überquellenden Thränen. „Du warst schwer krank, und Gott boruch hu. ließ Dich genesen, er hat Dich .... „uns" wollte Channe sagen, sie zuckte schmerzlich zusammen und ergänzte „mir erhalten". Sara erhob sich im Bette zu einer sitzenden Stellung und blickte verwundert im Zimmer umher. Eine geraume Zeit hatte sie die Empfindung, als ob sie aus einem wüsten Traume erwachte. Die Erinnerung an die letzten Ereignisse vor ihrer Erkrankung schwebte ihr nur in schwachen Umrissen vor, sie wußte nicht, knüpften sich ihre Erinnerungen an Thatsachen oder an Träume. Sie traute sich nicht recht zu fragen, endlich mußte sie sich doch hierzu entschließen. „Channe, wenn ich mich recht erinnere, war ich unmittelbar vor meiner Erkrankung mit Michael auf dem Wege zu Rüben Weiß in Neuhof, — und da hat sich etwas Schreckliches, zugeiragen. Des Bürgermeisters Sohn kam uns in Begleitung einiger Männer entgegen, einer der frechen Gesellen wollte mich gewaltsam fortschleppen, aber mein guter, starker Michael schlug ihn zu Boden, darob gerieth Lorenz Hornek in wilde Wuth, riß eine Pistol aus seiner Rocktasche und zielte auf das edle Haupt meines Verlobten. Da schwanden mir die Sinne und von dem Momente an ist Alles in meiner Erinnerung dunkel wie die schwärzeste Nacht." Sara fuhr plötzlich mit einepl wilden Schrei auf. „hat er ihn erschossen? Ist Michael tobt? sprich! Und wo ist mein Vater? Mein Vater, mein Bruder, mein Verlobter, wo sind sie? sprich, und als die Magd nicht sofort antwortete, fuhr sie entsetzt fort. „Quäle mich mit Deinem fürchterlichen Schweigen nicht zu Tode. Vater, Michael, wo seid Ihr?" Sara machte Miene sich zu erheben, aus dem Bette zu springen, aber sie war so schwach und kraftlos, daß sie zurücksank. „Dein Vater" erwiderte die alte Magd stockend, ist nicht da, ... . ist fort.... fort" Channe vermochte sich nicht länger zu beherrschen und brach in conculsivisches Schluchzen aus. „Also ist mein guter Vater — todt?" fragte Sara nach einer langen Pause und in jedem Worte zitterte eine ganze Welt des bittersten Schmerzes, „ist plötzlich ohne Abschied von mir gegangen, ohne daß er mich gesegnet!" „Das nicht, das nicht!" schrie Channe, „sein letztes Wort, sein letzter Athemzug war ein Segensspruch für Dich und Michael." „Wann starb er? Wie starb er? Was war die Ursache seines Todes?" So sonderbar es klingen mag, das Gehaben der stark geistigen Sara beruhigte Channe. Diese hatte einen Ohnmachtsanfall, den plötzlichen Wiederbeginn einer tödtlichen Krankheit, in Augenblicken großer Entmuthigung sogar gefürchtet, die Nachricht könne ihrem Liebling sofort den Tod bringen und nun hatte sie der furchtbare Schlag wohl zu beugen, aber nicht zu brechen vermocht. Es lag nun für Channe kein Grund vor, mit einem Worte von der Wahrheit abzuweichen. Sara erfuhr, daß endlos große Vaterliebe, der Schrecken, sie scheinbar leblos in den Armen ihres Verlobten zu sehen, sein Herz gebrochen hatte. „Boruch Dajon hoemmes!" sprach Sara wieder nach einer langen Pause.„So bin ich jetzt ganz verwaist . . . doch Gott sei Dank nicht ganz verlassen! Ich habe ja noch Michael .... wo ist er?" Channe war's zu Muthe, als wenn sie ein tödtender Blitz mitten in ihr armes Herz getroffen hätte. Den ersten harten Schlag hatte das gläubige, tapfere Mädchen mit wunderbarer Fassung ertragen; — würde sie diese, wenn sie die volle Wahrheit, das weitere Unglück erführe, noch ferner bewahren können? Channe's runzeliges Gesicht war vor Angst graugelb geworden, ihre zitternden Lippen vermochten kein Wort zu bilden, und hätten sie dies auch vermocht, sie hätte nicht gewußt, was sie sprechen sollte. Sara blickte überrascht, gespannt auf. Die Thränen, die in Channe's Augen glänzten, das Beben ihrer schmalen Lippen verkündete Unheil. „Verheimliche mir nichts! Was könnte hiedurch auch erreicht werden?" „Michael wurde bald nach seiner Ankunft verhaftet; aber . . . „Verhaftet? .... Weil er den frechen Mädchenräuber zu Boden schlug? Da wird man ihn ja freigeben müssen, wir leben ja unter dem Schutze des Gesetzes. Wurde er schon verhört? .... und Du sprachst noch ein Wort . . . . „aber" — was „aber?" Was wolltest Du mit Deinem „aber" sagen? .... o! Du gute, liebe Channe, Du kennst mich ja von meiner Geburt an, Du weißt es ja, ich bin ein gottgläubiges, gottergebenes Mädchen; — ich bin die echte, rechte Tochter meines lieben, todten Vaters — verheimliche mir nichts .... man hat ihn verurtheilt?!.... nicht wahr? Aber man kann ja an die Oberbehörde appelliren .... wenn es sein muß, laus' ich zu Fuß nach Wien zum Kaiser Franz — er ist ein gerechter Monarch, er wird mich anhören und Michael schützen. Ich will gleich aus dem Bette, mich ankleiden, mich, wenn es sein muß, sofort auf die Reise nach Wien begeben, ich fühle mich noch schwach, noch kraftlos, das ist wahr, aber für Michael ist mir nichts zu schwer, ihm opferte ich gerne mein Leben! Also sprich doch, liebe Channe, schweige nicht so grausam, Michael ist verurtheilt?" „Nein!" stammelte die alte Magd. „Nicht? Dann befindet er sich noch in Untersuchungshaft?" „Auch nicht!" „Auch nicht? — Also was denn, was denn?" *) Liebes Kind.