Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 3H\, B'och's WochensÄrrrst. Seite 473 erzählte ihr Abenteuer und ihre wunderbare Rettung durch das Erscheinen des Sabbathengels. Und was ist weiter geschehen?" frug Mosessohn. „Ich weiß nicht. Ich floh ins Haus und schlug die Thüre zu. Aber ich will doch sehen, ob der Freche fort ist oder ob ihn der Engel des Herrn geschlagen hat". Sie eilte über den Flur nach der Sabbathstube und schaute vorsichtig hinter dem Vorhang hinaus. Es war alles still. Sie öffnete das Fenster und sah aus die Gaffe. Dann fuhr sie rasch zurück. „Vater, der Engel hält vor der Thüre Wacht. Er liegt auf der Schwelle". „Er liegt?" wiederholte Mosessohn kopfschüttelnd. Auch er blickte hinaus. „Kind", meinte er „das ist kein Engel. Da ist etwas geschehen. Gieb mir den Schlüssel und nimm den Leuchter. Wir wollen gehen und helfen, wenn zu helfen ist". Jessika nahm das Licht nnd folgte dem Vater. Wie er den Schlüssel austeckte, wurde draußen Geräusch laut. Ec hielt inne. Drei Männer schritten, von spätem Nachtgelage heimkehrend, vorüber. Ein Knecht ging mit einer Fackel voran. Sie sahen die regungslos auf der Schwelle liegende Gestalt, traten näher und leuchteten der Bewußtlosen ins Gesicht. Einer erkannte sie. „Das ist des Rathsherrn Slowata junge Frau!" Nun bemerkten ste auch, daß ihr Kleid mit Blut befleckt war. „Der Jude hat sie gemordet!" „Er hat eine Christin getödtet!" ,.Ec opfert Cyristenblut zum Sabbath!" „Christenblut! Und den Leichnam wirft er vor die Thüre!" Wirr und erregt klangen die Stimmen durcheinander. Dann nach kurzer Berathung beschlossen die Männer, sogleich den Bürgermeister aufzusuchen und bald verhallten ihre Schritte in der Ferne. Leise öffnete jetzt Mosessohn die Pforte. Zu seinen Füßen lag das bewußtlose Weib. Ueber das weiße Gewand sickerte das Blut herab. Er kniete bei der Verwundeten nieder und lud sie sanft auf seine Arme. „Schließe die Pforte zu!" befahl er Jessika. Langsam schritt er mit seiner Bürde über t eil Flur zurück bis zur Kellerthüre. „Leuchte voran!" ,Da hinab?" frug seine Tochter verwundert. Er nickte stumm. Sie gingen die enge Treppe hinunter. „Hohle eine Decke und Kissen und dann Wasser und Leinen!" Jeffika sprang eilig hin und her. Bald hatte sie ein nothdürftiges Lager bereitet. Sie legten die Verwundete darauf. Marmorbleich war das schöne Antlitz Maria Slowata's. Der flackernde Kerzenschein ließ es fast geisterhaft erscheinen. Jessika nestelte das weiße Kleid auf, um die Wunde untersuchen zu können. Weiß und marmorbleich hob sich die Form der Brüste ans dem geöffneten Gewand. Dazwischen rieselte wie ein rothes Baud das rosenfarbene Blut. Mosessohn wollte die Wunde verbinden, aber er that es ungeschickt, das Leinenzeug fiel zu Boden und das warme Blut rann ihm über die Finger. Seine Hände zitterten. „Ich kann nicht", sagte er. Jessika, obwohl in solchen Dingen unerfahren, griff tapfer zu und brachte einen leidlichen Verband zu Stande. Währendem betrachtete Mosessohn unablässig das schöne, bleiche Geficht.;,Wenn sie nicht schon todt ist, so wird sie in dieser Nacht sterben", dachte er. Er hätte so gern noch die Augen gesehen, doch bangte ihm fast davor. „Maria!" flüsterte er leise. Da dröhnten dumpfe Schläge an die Hausthüre. Mosessohn sprang auf. „Du mußt hierbleiben, Jeffcka, bis ich wiederkomme!" Rasch eilte er die Treppe hinauf und schob behend einige Fäffer, die im Flur standen, vor die Kellerthüre. Draußen erklang eine tiefe Stimme: „Im Namen des Bürgermeisters macht auf!" Er öffnete. Fackelschein fiel in den Flur und übergoß die hochaufgerichtete Gestalt des Juden mit rothem Schein. Draußen stand ein Rathsherr mit einigen Dienern und Schergen. Dahinter drängte sich eilig herbeigelaufenes Volk. „Was wollt Ihr?" frug Mosessohn. Wüstes Geschrei antwortete ihm. Endlich trat der Rathsherr vor und begann in strengem Ton: „Du bist beschuldigt Christenblut vergossen zu haben. Du hast Maria Slowata des hochedlen Herrn des Rathes unserer Stadt edle Gemahlin, ermordet. Ihr Leichnam wurde vor Deiner Thür gefunden. Du hieltest es hernach für klüger, die Leiche wieder an Dich zu nehmen. Wir fordern die Herausgabe der Todten!" „Was Ihr da sagt, ist nicht wahr", entgegnete Mosessohn ruhig. „Wenn ein Leichnam vor meiner Thüre lag, so ist es nicht meine Schuld. Sucht, wenn Ihr wollt! Ich habe keine Todte im Hause". Der Rathsherr befahl einigen Ralhsdienern hineinzugehen. Er selbst schien sich zu scheuen, die Schwelle des Judenhauses zu betreten. Es dauerte ziemlich lange, bis die Diener zurückkamen. Sie hatten Haus nnd Garten gründlich durchsucht und nichts gefunden. An der verborgenen Kellerthür waren sie wohl ein Dutzendmal vorübergegangen. Ein höhnisches Lächeln fuhr blitzartig über David Mosessohn's Züge. Dann neigte er sich vor dem Rathsherrn: „Euer Ehren sehen, daß ich gesprochen die Wahrheit". Da mußte jener abziehen; aber er ballte drohend die Faust: „Ich krieg' Euch dennoch, Judenpack!" Mosessohn verschloß seine Thür und legte einen schweren Riegel vor. Dann schleppte er Holzscheite herbei und verrammelte damit den Eingang. Seine Vorsicht war nicht übertrieben. Er kannte den-einmal entfachten Haß der Christen. Ebenso versicherte er auch sämmtliche Fenster des Unterstocks. Als er mit seiner Arbeit fertig geworden, war der Morgen nahe. Mosessohn wischte sich den Schweiß von der Stirne; dann ging er nach dem Kellereingang und schob die Fäffer beiseite. „Arme Jessika!" dachte er „welche Nacht für Dich!" Und doch war er stolz darauf, die Christin nicht ausgeliefert zu haben. Sie hatte für sein Kind ihr Leben geboten. Aber es war noch etwas anderes, wofür er ihr Dank wußte. Er empfand es wie ein Glück, sie unter seinem Dach zu beherbergen. Ihm war, als hätte er ein Recht auf ihren Besitz und wenn es auch nur der Besitz — einer Todten war. Jessika kam ihm entgegen. „Ach Vater, welche Angst hatte ich um Dich! Was ging oben vor?" „Der hohe Rath der Stadt hat mich mit einer Hausdurchsuchung beehrt; war aber vergebliche Mühe. — Lebt sie noch?" Jeffika nickte: „Stundenlang lag ste da. Ich dachte sie wäre todt, da schlug sie plötzlich die Augen auf." Er trat an das Lager. Die Kerze brannte und warf ihren ungewissen Schein über die Kranke. Frau Maria's Wangen brannten jetzt in Fiebergluth. Sie lag in unruhigem Halbschlaf. Bei der leisesten Bewegung zuckte sie schmerzlich zusammen. Mosessohn kauerte bei ihr nieder und nahm ihre Hand. Da schlug Maria die Augen auf und den Juden erkennend lächelte sie ihn freundlich dankbar an. Dann schloß ste die Augen wieder und versank in wirre Träume. David Mosessohn aber beugte das Haupt, als empfange er den Sedersegen. In diesem Augenblick empfand er, daß es dieses Weib gewesen, das ihm die Sabbathkerze gelöscht. (Fortsetzung folgt.) Michael- Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Dreißig st es Capitel. Die größte Schwierigkeit, welche sich dem Erzähler darbietet, ist die absolute Unmöglichkeit, die Thatsachen synchronistisch, daher mit voller Wirksamkeit darzustellen. Auch wir find gezwungen in unserer Erzählung um nahezu vierundzwanzig Stunden zurückzugehen. Als Michael Klein von dem Gerichtsdiener unter Escorte der Dragoner fortgeführt worden war, hatte sich in dem engen Raume des Brack'schen Wohnzimmers eine Masse des verschiedensten menschlichen Elends zusammengehäuft. — Aron Brack war eine Leiche, Sara, welche sich bisher in wortloser Betäubung befunden, begann nun in wilden Fieberphantasien zu rasen; Michael Klein ging einer ungewissen, soweit menschliche Voraussicht reichte, unglücklichen Zukunft entgegen. Die alte treue Magd Channe hielt beide Hände an die Stirn gepreßt, sie fürchtete wahnsinnig zu werden oder schon wahnsinnig geworden zu sein. Wenn bei einem so entsetzlichen Unglücke noch von Glück gesprochen werden