Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021357--09996-3034453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 468 Nr. 28 Dr. Blorh's Wvchenfchrrfk. migkeit innerhalb einer Confefsion sich in Bedrückung, Verleumdung, Beschimpfung und Verletzung des religiösen Gefühls Andersgläubiger oder gar in Gewallthaten, wie in Könitz, China und Rumänien äußert. Zu den Verletzungen des religiösen Gefühls, ja eigentlich zu den Religionsstörungen gehören die durch Gewalt oder List herbeigeführten Bekehrungen Andersgläubiger zum Katholicismus und das vor einigen Jahren in Sachsen erlassene Verbot des Scklachtens von Thieren nach jüdischer, religiöser Vorschrift. Daß dieses unter dem Vorwände des Thierschutzes erlassene Verbot noch mehr als eine Verletzung des religiösen Gefühls ist, dafür haben wir einen hochachtbaren Zeugen in dem wirklich frommen Katholiken dem Dr. Lieber. In der 71. Sitzung des Deutschen Reichstages (25. April 1899) bei Gelegenheit eines von Antisemiten eingebrachten Antrags auf Erlaß eines Schächtverbots für das Deutsche Reich erklärte dieser Führer des (katholischen) Centrums: „Wir stehen auf dem Standpunkte der Erklärung der jüdischen Rabbiner vom Jahre 1894, daß die Einführung der Betäubung der Schlachtthiere die Juden zum Verzicht auf die Fleischnahrung zwingen müßte. Eine solche Erklärung muß uns abhalten, von Staatswegen einen Eingriff zu thun in die religiöse Ueberzeügung einer großen Anzahl von Mitbürgern. Besondere Thierquälerei liegt in dem Schächten nicht, es ist vielmehr die beste Schlachtmethode. Unzuträglichkeiten kommen bei jeder anderen Schlachtmethode ebenfalls vor. Damit überlassenwir das Schlachtfeld der antisemitischen Presse und erwarten von ihr geschächtet zu werden." Der antisemitische Antrag hat keinen Erfolg gehabt, aber auch das sächsische Verbot ist nicht aufgehoben worden. Eine jüdische Deputation, welche um die Aufhebung bitten wollte, soll vom Könige abschlägig beschicken worden sein, oder gar keine Audienz bewilligt erhalten haben. Die näheren Umstände sind mir nicht erinnerlich. Im siebzehnten Jahrhundert war der Hof von Dresden wegen Trunksucht und mörderischer Jagden verrufen. Auch der jetzige König geht gerne auf die Jagd, da er aber entweder selbst ein Thierfreund ist, oder auf die Thierfreundlichkeit seiner antisemitischen Unterthanen Rücksicht nehmen muß, so wird er wohl zu seinen Jagden stets ein genügendes Quantum Chloroform mitnehmen, um die Rehe, Hasen, Eber u. s. w. vor dem Erschießen zu betäuben. Oder erstreckt sich die antisemitische Thierfreundlichkeit nicht auf das edle Wild und beschränkt sich auf Ochsen und Kälber? Und ist diese Sympathie mit dem Rindvieh in den Geisteseigenschaften der Antisemiten begründet? Das wissen wir nicht aber wir wissen, daß der Appetit mit dem Essen kommt. Hat man mit der Bedrängung der Juden begonnen, so folgt naturgemäß die der Protestanten. Das kann man in Frankreich und auch bei uns sehen. Aber, höre ich den erstaunten Leser fragen: Bedrängung der Protestanten, Verletzung ihres religiösen Gefühls im Königreich Sachsen? im Königreich Sachsen, von dessen Bevölkerung 97 Procent Protestanten sind, dessen Herrscher früher im Deutschen Reich Directoren des Corpus Evaugejieorum warren? Wie ist das möglich? Und doch ist es geschehen. Mau wäre versucht, es einen köstlichen Witz der Vorsehung zu nennen, wenn die Sache nicht.gar so ernst wäre. Wenn die sächsischen Juden boshaft wären, könnten sie jetzt ihren evangelischen Mitbürgern zurufen, daß diesmal die Mühlen Gottes recht schnell gemahlen haben. Und das ist so gekommen. Vor ungefähr 200 Jahren ist Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, um die polnische Krone erlangen zu können, vom protestantischen Glauben zum katholischen übergetreten. Die polnische Krone hat das sächsische Herrscherhaus später wieder verloren, aber der Katholicismus ist ihm geblieben und es soll sogar ein sehr eifriger Katholicismus sein. Jedenfalls wird in der Hofkirche des fast ganz protestantischen Dresden der katholische Gottesdienst stets mit großem Prunk gefeiert und dazu wurden in letzter Zeit auch protestantische Soldaten, Cadetten und Pagen commandirt. Wozu man in der Grabkirche zu Jerusalem türkische Soldaten braucht, das weiß man, wozu Soldaten aber in der katholischen Kirche zu Tr sden bei den sonst als gutmüthig bekannten Sachsen nöthig sind, das begreift Unsereiner nicht. Genug, es wurden Soldaten, Cadetten und Pagen dazu commandirt und diese mußten bei der Messe das Knie beugen, was für einen frommen Protestanten vielleicht noch eine ärgere Religionsverletzung ist, als für einen Juden das Essen von Trefefleisch. Aber in doppelter Beziehung sind die Juden besser daran. Erstens gibt es selbstverständlich keine jüdischen Cadetten und Pagen in Dresden und daß man jüdischen Soldaten in dem strammantisemitischen Sachsen die „Ehre" erweisen sollte, sie an einer Function in der Hofkirche theilnehmen zu lassen, ist auch nicht zu befürchten. Zweitens ist Sachsen glücklicherweise nicht so groß, daß man nicht, selbst in das Centrum des Landes, frisches Koscherfleisch aus dem Ausland kommen lassen könnte. Der protestantische Soldat muß aber dem Befehle seines Vorgesetzten unbedingt gehorchen und wenn er sich ins Ausland flüchten sollte, würde man ihn als Deserteur behandeln. Die guten Sachsen, die nun am eigenen Leibe die Wirkungen papistischer Nadelstiche zu spüren begannen, geriethen in Unruhe, und ein Pastor wandte sich mit einer Beschwerde an den Kriegsminister. Wäre dieser ein gescheidter Mann gewesen, so hätte er nach berühmtem Muster antworten können, „vor dem Portale der katholischen Kirche muß die weltliche Macht Halt machen" und im Uebrigen durch Fortbeziehung seines Gehaltes alle in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Statt dessen antwortete der sächsische Minister, nicht mit polnischer Bescheidenheit, sondern mit deutscher Offenheit oder Grobheit: „Den Pastor geht die ganze Sache gar nichts an und nun gerade werden evangelische Soldaten und Cadetten Verwendung finden." Nun brach der Sturm in der protestantischen, größtentheils antisemitischen Presse Sachsens los. Die „Allgemeine evangelischlutherische Kirchenzeitung" jammerte: „Diese starke Aeußerung (des Ministers) läßt erkennen, wie wenig Entgegenkommen wir zu erwarten haben." Die Leipziger „Neuesten Nachrichten" meinten, man müsse dem Minister jede Qualification an verantwortlicher Stelle zu stehen absprechen und fügten hinzu: „Ueberdies würde jenes nun gerade, das den treuen Vertretern evangelischer Überzeugung entgegengeschleudert wurde, einen so starken Hauch von Frivolität verrathen, das selbst das schwächste kirchliche Empfinden sich bis ins Innerste verletzt fühlen mußte." Zugleich wies das Blatt auf die Zunahme der Mischehen mit katholischer Kindererziehung in Sachsen, die rasche Vermehrung der katholischen Kirchen in dem fast ausschließlich protestantischen Lande, den unbegrenzten Einfluß des katholischen Bischofs in Dresden und Aehnliches hin und zeigte sich für die Zukunft sehr besorgt. Der sächsische Kriegsminister scheint nicht, wie sein College an einem andern Orte, nach dem bequemen Auskunftsmittel gegriffen zu haben, seine Aeußerung abzuleugnen; die Sachsen hätten am Ende ihrem Pastor mehr geglaubt als dem Minister. Aber die katholische Hospartei scheint doch eingesehen zu haben, daß sie sich zuweit vorgewagt habe. Dem ganzen Sachsenvolke darf man doch nicht das bieten, was einigen tausend Juden. So soll denn endlich der König verfügt haben, daß zu den in der katholischen Hofkirche stattfindenden Feierlichkeiten in erster Linie katholische Pagen und Cadetten herangezogen werden sollen und wenn solche nicht in genügender Zahl vorhanden/ die evangelischer Confefsion zu instruiren sind, daß sie die Kniebeugung nicht auszuführen haben. Davon wurde dem evangelisch-lutherischen Landesconsisto" rium Mittheilung gemacht. Ob dieses sich dabei beruhigen wird, wissen wir nicht. Uns Juden in Oesterreich fehlt leider eine derartige Körperschaft, eine staatlich anerkannte Gesammtvertretung für alle Juden und für religiöse jüdische Interessen. Da man für die Fehler und Vergehen jedes einzelnen Juden stets die Gesammtheit verantwortlich macht, so müßte man doch auch eine diese Gesammtheit vertretende Behörde schaffen. Im Verhältniß zur Gesammtbevölkerung finden sich in Oesterreich mehr Juden als Katholiken in Sachsen. Letztere zeigen sich Herrschsüchte und suchen Propaganda zu machen; die Juden in Oesterreich wären froh, wenn man sie die auf dem Papiere stehende Gleichberechtigung in Wirklichkeit genießen lassen, gegen antisemitische Exceffe schützen möchte. Und dabei wagen es die antisemitischen Blätter noch, ihren Lesern täglich von jüdischer Macht und jüdischer Herrschaft über die Christen vorzulügen!