Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr« Bloch's Wochenschrift. Sette 467 fanden hat, während der Ruf „Feuer!" erscholl, der hat Aehn-.-> liches erlebt. Alle drängen sich zur Thüre hinaus, um ihr Lebens in Sicherheit zu bringen, alle sind sie von dem einen Gedankens erfüllt, der Erste zu sein, der den Weg ins Freie gewinnt; bafrji sie das Rettungswerk durch die blinde, hastige Flucht nur erschweren, daß sie ihre eigene Gefahr und die der Anderen nurfl' erhöhen — dafür haben sie nicht das mindeste Verständniß. In * früherer Zeit pflegte ich über die Flüchtlinge zu zürnen; ich nahm j ihnen diese feige Desertion persönlich übel. Andere thun dies noch ' jetzt, indem sie den sittenstrengen Cato spielen. Ich wage es hier zum ersten Mal öffentlich auszusprechen, daß ich in vielen Fällen mit diesen modernen Maranen Mitleid habe, weil ich weiß, welche Seelenkämpfe oft diesem letzten Schritt vorangegangen sind. Der Vorwurf kann aber nicht dem schwachen Einzelnen gelten, sondern unserer jämmerlich geleiteten Allgemeinheit, die den Einzelnen rath- und hilflos läßt. In Deutschland gibt es unter den Juden ein gebildetes Proletariat, dessen Lage geradezu verzweifelt ist. Dieses Proletariat ist noch immer im Wachsen begriffen. Ich will in erster Reihe auf die vielen jüdischen Lehrerinnen Hinweisen, die an keiner öffentlichen Schule eine Anstellung finden können. Die Regierung geht vom Standpunkt ans, die Volksschulen seien conseffionelle Unterrichtsanstalten, oft werden die Behörden von den christlichen Eltern dahin gedrängt, mit der Anstellung jüdischer Lehrerinnen recht sparsam vorzugehen. Als die Lehrerinnenfrage vor einiger Zeit in Berlin tobte, war es für unsere „Anführer" eine so günstige Gelegenheit, in der Oeffentlichkeit als Beschützer der armen jüdischen Lehrerinnen aufzutreten. Es war dies eine sehr billige Menschenfreundlichkeit, wie es ebenso nichts angenehmer sein kann, als auf Kosten Anderer den Märtyrer zu spielen. Die jüdischen Lehrerinnen sind geblieben, wo sie sind; aber seitdem habe ich nicht gehört, daß sich unsere „Retter" bemüht hätten, die armen Mädchen in jüdischen Familien beim Privatunterrichte unterzubringen, oder dafür zu sorgen, daß reiche Glaubensgenossen, die in keiner öffentlichen Spendenliste fehlen dürfen,-die in ihren Familien unterrichtenden jüdischen Lehrerinnen anständig zu bezahlen. Ueberhaupt werden die Kosten des Judenthums heutzutage den ärmeren und ärmsten Glaubensgenossen aufgewälzt. Bon den minderbemittelten Juden wird verlangt, sie sollen im Judenthum treu ausharren, während die Wohlhabenden abseits stehen. Im Mittelalter war die Lage der Juden eine viel schlimmere, aber da herrschte wenigstens Einigkeit unter ihnen, der Reiche half dem Armen nach Kräften, oft über seine Kräfte hinaus. Wi' steht es aber jetzt? B s vor einem halben Jahre hieß es in Deutschland: Der Antisemitismus habe nun gänzlich aufgehört! Auf der Straße wurde man von antisemitischen Rowdies nicht mehr so häufig belästigt, und das genügte unseren reichen Glaubensgenossen, um von dem gänzlichen Schwinden des Antisemitismus zu sprechen und sich um die Lage der minderbemittelten Brüder nicht weiter zu kümmern. Daß die Lage der Juden sich ökonomisch von Jahr zu Jahr verschlechterte, daß sie in den kleinen Ortschaften von der judenfeindlichen Landbevölkerung boycottirt worden und deshalb alle in die Großstädte wandern, wo sie das bereits vorhandene Proletariat nur noch vermehren helfen — das sahen unsere Vornehmen nicht und wollten sie auch nicht sehen. Und jetzt sprechen zu ihnen die Ereignisse von Könitz und den benachbarten Ortschaften eine beredte Sprache. Wenn sie diese verstehen könnten und verstehen wollten! Ganz Westpreußen und Pommern ist von dem Antisemitismus verseucht. In Könitz herrschte noch vor sechs Monaten der tiefste Frieden zwischen Inden und Christen, während man jetzt dort wohl kaum zehn Christen finden wird, die nicht an den „Ritualmord" glaubten. Die preußischen Behörden hüben in dieser Angelegenheit vollkommen correct gehandelt, was sich eigentlich von selbst versteht. In diesem Staate ist es ausgeschlossen, daß der Gang der Gerechtigkeit aus Rücksicht auf die gehässige Gesinnung der Bevölkerung gehemmt werde, oder daß einem Rechtsuchenden das Recht verweigert werde, wie wir dies in Galizien beim Fall Araten erlebt haben. Aber was auch die preußischen Behörden nicht thun können, das ist, Niedertracht und Bosheit zum Schweigen zu bringen. Denn nicht nur gegen die Dummheit, sondern auch gegen die Bestie im Menschen kämpfen die Götter und Behörden vergebens. Die Regierung läßt in ihrer Art, d. h. exact und sachlich, feststellen und erklären, daß an all' den Gerüchten, welche die antisemitische Preffe zur Verhetzung der Bevölkerung verbreitet, auch kein einziges wahres Wort ist. Tags ^darauf erläßt ein antisemitisches Blatt eine Abonnementeinladung «die alles Dagewesene an Gemeinheit und Verlogenheit gegen »Juden übertrifft. Da wird offen und in der aufreizendsten Form «gesagt, das fanatische Judenthum bedürfe der Christenkinder zum ^Abschlachten, die Behörden seien machtlos gegen das verbrecherische ^Treiben der Juden; die christliche Bevölkerung müsse zur Selbsthilfe greifen u. s. w. Etwas Aehnliches an Aufreizung gegen die . staatliche Ordnung ist kaum von den Anarchisten je geleistet ^worden, wie überhaupt der Antisemitismus die häßlichste Seite >' des Anarchismus repräsentirt. Und was thun unsere öffentlichen Organ*? Der Gemeindebund blüht nach wie vor im Stillen und beschäftigt sich mit der welterschütternden Frage, wie ein geeigneter Katechismus abzufassen sei, der erstens den Bo zug haben müßte, alle Juden, Reformfreunde wie Orthodoxe, zu befriedigen, und dann in etwa zwanzig Stunden den Kindern den ganzen Inhalt des Judenthums beizubringen, also eine Art Perpetuum mobile. Unsere Gemeinderepräsentanz hält zweimal monatlich Sitzungen ab, in denen lebhaft darüber debattirt wird, ob einem Winkelgotteshause eine Subvention von etwa 500 Mk. zu bewilligen sei. Im Stillen wird mit großem Eifer „Abwehr" getrieben, indem Zeugnisse berühmter Gelehrter gegen die Blutbeschuldigung gesammelt und veröffentlicht werden. Wen glaubt man damit von seiner vorgefaßten Meinung abzubringen, und was glaubt man damit zu erreichen? Für den, der sich überzeugen will, find derartige Schriften in genügender Weise vorhanden — die Antisemiten, denen solche Zeugnisse nicht in den Kram passen, überschütten die christlichen Theologen nnd Gelehrten, die sich gegen die Blutbeschuldigung aussprachen, mit Hohn und Spott. Seit Jahren stelle ich die Anforderung an die besser fituirten Glaubensgenossen, den Bertheidigungskampf nach Innen zu verlegen; ich meine, dafür Sorge zu tragen, daß das Judenthum widerstandsfähig bleibt oder gemacht werde. Biel schlimmer als die Blutbeschuldigung, die niemals aufhören will, ist die Verwahrlosung in unserer Mitte, die völlige Zerfahrenheit, die Unkenntniß des Judenthums, die Mißachtung gegen alles Jüdische, die in unserer eigenen Mitte immer mehr zunimmt. Ein gebildeter Christ, bei dem ich Anklänge an den Antisemitismus fand, gab mir auf die Bemerkung, daß selten ein Christ vom Judenhaß frei ist. die Antwort, auch die Juden nicht. Das ist leider wahr. Und noch mehr als die Juden hat das Judenthum unter der Mißachtung der Juden zu leiden. Hebt das jüdische Bewußtsein, verbreitet Kenntnisse des Judenthums, organisirt besser die Gemeinden, sorgt für einen guten Religionsunterricht, helfet den wirthschaftlich Schwachen, daß sie nicht in Versuchung kommen, den väterlichen Glauben aus Noth abzuschwören, schließt euch enger an einander — das ist die richttge Abwehr, deren wir jetzt gebrauchen. Die obigen Zeilen waren niedergeschrieben, als mir ein Aufruf im Namen aller Bnei-Berith-Logen in Deutschland zuging, durch welchen die Organisation eines groß angelegten Hilfswerkes für unsere hartbedrängten Brüder in Rumänien und Galizien angeregt wird. Nach vielen Jahren der Unthättgkeit endlich eine wahre That, die uns mit Hoffnung und Freude erfüllen kann. Ich will mich in diesen Tagen über Ziele und Absichten dieses Hilfscomites zu informiren suchen und darüber dann Bericht erstatten. Berlin. Dr. S. Bern selb. Antisemitisches und Antiprote ftantisches aus Sachsen. , v;; „Die Welt wird frommer jeden Tag, Man weiß nicht was noch werden mag," kann man jetzt, ein bekanntes Dichterwort variirend, mit Recht sagen, obwohl Weitsehende schon ungefähr wissen, was daraus werden kann. Freilich zeigt sich dieses Anwachsen der Frömmigkeit bei uns vorzüglich in Aeußerlichkeilen — prunkvollen Aufzügen mit Fahnen und Musik, feiertäglich geputzten Schulkindern und anderen Festlichkeiten u. dgl. Daß die Kosten solcher Veranstaltungen im Interesse einer Confeffion mitunter aus den Steuergeldern, zu denen die Mitglieder anderer Confeffionen auch beitragen, bestritten werden, zeigt wohl, daß die Veranstalter über das Mein und Dein nicht ganz klare Begriffe haben, wäre aber am Ende noch zu ertragen. Schlimmer ist es, wenn die gesteigerte Fröm-