Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 466 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 25 Der unlautere Wettbewerb. Was ist unlauterer Wettbewerb! Ein altes Sprichwort schon sagt: „Auf des Krämers schwören, soll man niemals hörend Unlauterer Wettbewerb wird immerdar ein Begriff bleiben, den sich jeder nach seinem subjectiven Empfinden, nach, seinem Charakter und Gewissen zurechtlegen wird und dies ist das traurige an der Sacke. Der Sensible, Feinfühlige wird viele Transactionen einzugehen vermeiden, die der minder Scrupulos unbedenklich durchzuführen keinen Anstand nehmen wird, ohne aber dabei mit dem Gesetze auch nur im Geringsten in Collision zu gerathen, Unlauterer Wettbewerb ist Sache des point d’honeur. Der Wettbewerb ist das wichtigste Attribut des Kaufmannes, das treibende Element, ohne welches er sich nie über das Niveau des simplen Krämers zu erheben vermag. Der lautere Wettbewerb muß stets das Ideal des Kaufmannes sein, dem Biele wohl nachstreben, ohne ihm näher zu kommen oder gar es zu erreichen. Die ganze Staytskunst, alle Politik und Diplomatie culminirt in der Förderung des Wettbewerbes. Alle Kriege von der Urzeit bis zum heutigen Tage, sie galten stets der Ausbreitung des Handels und Verkehres. Das aufstrebende, mächtige deutsche Reich hat erst vor wenigen Tagen im Gesetzgebungswege mehrere Milliarden zu S.chiffsbauzwecken bestimmt, unter dem Titel der Ausbreitung und Sicherung der heimischen Industrie, der Stimuliruug des Wettbewerbes. Der Begriff vom unlauteren Wettbewerb läßt sich ebenso wenig in feste Formen einzwängen, als der Begriff von Anstand, Manier und Tact, die verschieden beurtheilt werden nach Stadt und Land, socialer Stellung und Familienverhältniffen. Si duo faciunt idem, non est idem. Da aber die Auffassung von unlauterem Wettbewerb eine so verschiedene ist, der Zeitströmung unterliegt und individualisirt wird, so war es schon im Vormärz, vor mehr als 60 Jahren, das Bestreben der Einsichtigen und Weisen der Judenschast, die Juden, so weit eben möglich, vom Handel abzulenken und sie dem, den Schwankungen des Verkehres weniger unterliegenden Gewerbe, dem Handwerke zuzuführen; dem Ackerbaue sä zu widmen, blieb ausgeschlossen, da den Juden Grund und Boden zu erwerben gesetzlich nicht gestattet war. Erst vor wenigen Wochen hat der „V e r e i n z u r B eförderung der Handwerke unter den inländischen J°sraeliten" in Wien die Feier seines sechzigjährigen Bestandes begangen. Eine stattliche Armee von Knaben hat er dem Handwerk, zngeführt und eine Legion von absolvirten Zöglingen verdankt ihm eine Existenz und eine angesehene sociale Stellung, die alle ein beredter Protest gegen die Berläumdung sind, daß die Juden manuelle Arbeit scheuen. Es gibt kein Handwerk in, dem nicht Inder: reichlich vertret n sind. Mit besonderer Vorliebe wenden sich dieselben sogar den schweren Proseffionen, z. B. der Schlosserei, dem Maschinenbau u. s. w. zu, und sie leisten stets Vorzügliches, find mitunter auch' im idealen Sinne „Meister" ihres Faches. Natürlich haben die jüdischen Handwerker das Bestreben, ihr Metter industriell auszugestalten und derart sind aus Proseffionisten mit der Zeit Industrielle geworden, die ihrer Branche durchaus nicht zur Unehre gereichen, eine geachtete Stellung einnehmen und, soweit es bei der derzeit herrschenden Sttömung möglich und thunlich, zur Jnstallirung öffentlicher monumentaler Bauten mit Vorliebe herangezogen werden. Geht man daran, die Thätigkeit der Juden auf dem Gebiete der heimischen Industrie zu schildern, so kann man dies wahrlich mit einem erhebenden, stolzen Gefühle thun. Es bedarf wohl nicht erst des Hinweises darauf, daß Oesterreich bis in den Fünfziger-Jahren ein Agrarland war. Eine Industrie, namentlich aber eine Großindustrie, gab es noch nicht. Juden dürfen sich das Verdienst vindiciren, mitgewirkt zu haben, eine Industrie in Oestereich zu schaffen, ja sie können sich stolz dessen berühmen, neue Industriezweige creirt zu haben, die noch derzeit grundlegend sind, und eine eminente, nationalökonomische, handelspolitische und volkswirthschaftliche Bedeutung besitzen. Juden waren es, welche in Oesterreich die Confections-Jndustrie in ihren vielfachen Abarten und Verzweigungen gegründet, in der sie noch heute ausschließlich dominiren. Die Männer- und Damen Kleider-, Wäsche-, Schuhe-, Kappen-, Pelzwaaren-, Cravatten-, Schirm- und Handschuh-Fabrication, sie alle wurden von Juden creitt und befinden sich auch derzeit noch in ausschließlich jüdischen Händen. In der Textilindustrie haben sich die Juden bewährt und großen Antheil genommen zu deren Entwicklung, namentlich auf dem Gebiete der Weberei, Spinnerei, Wirkerei und Stickerei. Die Kinderwagenbranche haben Juden vom handwerksmäßigen in Industriebetrieb mit hervorragendem Erfolg überführt, ebenso die Federnschmückerei. In der Holz-, Zucker-, Glas-, Holz- und Möbelindustrie nehmen Juden eine hervorragende, geachtete und angesehene, vielfach auch eine dominirende Stellung ein, wie sie sich auch unbestrittene Verdienste auf dem Geriete des Maschinenbaues, dem Bergbau und der Petroleum- Industrie erworben haben. Ohne arrogant zu sein, kann man füglich sagen, nennt man die besten Namen heimischer Industriellen, werden auch die jüdischen genannt. Nahezu ausnahmslos waltet bei den jüdischen Industriellen das tiefgewurzelte Bestreben vor. ihren Industriezweig zu heben, zu vervollkommnen, auf die Höhe der S tuation zu bringen und auch zu erhalten. Neid, Mißgunst, Scheelsucht und Verleumdung haben es bisher nicht gewagt, das Verdienst der Juden, die heimische Industrie gefördert, gehoben und erweitert zu haben, zu bestreiten, wenn es auch an Versuchen, die Position, die sie derzeit auf industriellem j Gebiete einnehmen, zu erschüttern oder gar zu untergraben, nicht fehlt. Auf keinem industriellen Gebiete, das von Juden gepflegt wird, kann man die Wahrnehmung des sogenannten „unlautern Wettbewerbes" machen, und wo derselbe dennoch zum Vorschein kommt, geht er nicht von Seite der Juden aus. Es gibt vielmehr keinen Industriezweig, wo Juden sich nicht in auszeichnender, mustergebender Weise hervorthun, wo sie nicht für eine vorzügliche Marke typischsind. Eine unbestrittene Thatsache ist ferner, daß sich Juden um den Exporthandel den Dank des Vaterlandes erworben haben. Juden wareu die Pionniere für den österreischen Export, für den sie namhafte Opfer brachten, häufig mit Hintansetzung materiellen Vortheiles, nur in der Absicht, dem heimischen Fabrikate Absatz in fernen Landen zu schaffen und es ist ihnen auch gelungen, die österreichische Industrie auf dem Continente sowohl als auch überseeisch in gutes dauerndes Renomu zu bringen. Der österreichische Export wäre auch ohne thatkräftige Mitwirkung jüdischer Industrieller auf ein Minimum reducirt. Sehr leicht ist es, auf der Bierbank oder beim „Heurigen" über unlautern Wettbewerb zu raisonniren, dagegen unendlich schwierig gestaltet sich der Kampf auf industriellem Gebiete und dem Exporthandel, namentlich in Oesterreich, wo eine kurzsichtige, kleinliche Politik, um einer momentanen, häßlichen Strömung eine tiefe Referenz zu machen, den Juden nach jeder Richtung hin, Hemmniffe bereitet. Eine der jetzt modernen Obstructionen der Juden auf dem Gebiete der Industrie würde zeigen, welche weite, unaussüllbare Lücke im heimischen Geschäftsverkehr entstehen würde. Der Exporthandel aber würde durch eine Obstruction der Juden, namentlich in der Textilindustrie, auf nahezu Null herabgedrückt. Es darf daher der berechtigten Erwartung Ausdruck verliehen werden, daß seitens der maßgebenden Factoren die Einsicht sich rechtzeitig geltend machen werde, daß es im staatlichen Interesse g.legen ist, die Stellung, welche die Juden in handelspolitischer, nationalökonomischer, volkswirthschaftlichcr Richtung einnehmen, voll und ganz zu würdigen und gleich wie in der andern Hälfte der Monarchie der beschämende', entwürdigenden Judenhetze, die bisher so viel Unheil angerichtet und noch weit größeres Unheil im Gefolge haben wird, falls ihr noch weiterer Spielraum gelassen würde. Eduard Beer. Verstimmungen und Hoffnungen. In der Berliner Judenheit herrscht zur Zeit eine äußerst gedrückte Stimmung. Wenn ich aber von der Berliner Judenheit spreche, möchte ich fast alle ausnehmen, die im Adreßbuch stehen und auch alle, die nicht im Adreßbuch stehen. Denn in Wahrheit ist die Stimme der Zeitereignisse noch'nicht an die Ohren unserer Glaubensgenossen gedrungen, die nach wie vor in ihrer Verblendung und ihrer Selbstbethörung verharren. Noch immer, glauben sie, das beste Schutzmittel gegen den Judenhaß sei, das Judenthum zu verleugnen. In Folge dessen mehren sich in unserer Mitte die Fälle der Taufe und noch mehr jene, in denen die Eltern die Kinder taufen lassen, „um ihnen für später die Wege zu bahnen". Dies Mittel halten unsere bethörten Brüder für approbat, merken aber nicht, daß die Massentaufen in nächster Zeit Zustände zeitigen werden, ähnlich jenen, die der furchtbaren Katastrophe in Spanien und in Portugal am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts vorangegangen sind. Gegen diese Massenflucht lohnt es sich nicht, auch nur ein Wort zu verlieren. Wer sich je in einem dichtgefüllten Saal be-