Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 25 (22.6.1900)
- Date
- 1900-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 464 Dr. Llvch's Wochenschrift. Nr. 25 bracht hat. Sie besitzt iu der Nähe der Colonie außerdem 400 Hcctar steinigen Boden, von dem im Jahre 1900—1901 die Hälfte zum Ackerbau vorbereitet sein wird. Die im Juli 1899 in Jerusalem eröffnete Weberei beschäftigt 53 Personen mit 24 Webstühlen. Die Arbeit wird von den Juden in 6 Wochen vollständig erlernt. Die Zähl der Stühle wird auf 53 gebracht werden. Auch Strickmaschinen wurden an 13 Fcauen auf Abzahlung gegeben, auf die bereits 600 Francs abgezahlt wurden. In 8 Tage lernen es die Frauen, die Maschine mit großer Leichtigkeit zu handhaben. Der Bericht hebt als das wichtigste Ereigniß des verfloffenen Geschäftsjahresdie Abtretung der Rothschild'schen Colonien an die Gesellschaft hervor und fügt hinzu, die Jewish Colonisation Association studiert jetzt die Mittel und Wege, auf wüche Weise die unter ihre Leitung gelangten Colonisten zu selbstständigen Arbeitern gemacht werden könnten. Aber auch um das Wohlergehen der unabhängigen Colonien sind wir sehr bemüht. Wir waren bestrebt, eine gemischte Cultur einzuführen, damit dieselbe nicht gar zu sehr vom jedesmaligen Erfolg der Weinernte abhängen müßte. Cypern. Die von dem Londoner Verein Ahwat Zion auf Cypern gegründete Colonie Margo-Tiflik mußte total reorganisirt Waden. Bon den 15 Familien, die im September 1898 sich da aufiedelten, gingen 10 sehr bald nach England zurück. In die leer gewordene Stelle rückten 10 Landarbeiter aus Palästina ein. Die Colonie besitzt inclusive einen Administrator, einen Schochet, einen Lehrer, einen Ladenbesitzer und mehrere Handwerker 83 Seelen. Diese Zahl wird aber bald einen namhaften Zuwachs erhalten, da die^jungen Colonisten sich baldigst zu verheiraten wünschen. Zwei Dämme wurden angelegt, um das in der Nähe fließende Master auf die Colonien zu leiten. Die Damme haben schweres Geld gekostet, dafür ermöglichen sie es, 170 Hectar Land zu bewässern. Das Wasser treibt auch während 4 Monate im Jahre 2 Mühlen. Die Emte ergab: Bon 5V2 Hectar Weizenland 30 Heclo- Kter, ebensoviel wurde von 3 H-ctar Hafcrland geerntet. Wicken &efät auf 4 Hektar Brachland ergaben 4 Hectoliter und die irrste gerieth so schlecht, daß es sich nicht gelohnt hat, zu ernten. Unter diesen Umständen muß jeder Colonist, um existiren zu können, so viel Land haben, daß die Colonie höchstens 20 Familien wird beherbergen können. Klemasien. Or Jehub a heißt die erste von der Gesellschaft in Kleinafien angelegte Colonie. Sie ist 107 Kilometer von Smyrna und 3 Kilometer von der Station Kapakly, 6 Kilometer von der Station Ak-Jssaran der Eisenbahn Magnesia-Soma, Zweigbahn der Linie Smyrna-Kaffaba, entfernt. Die Colonie umfaßt 2587 Hectar Do« denen 1105 zur Cultur geeignet, der Rest gebirgig ist. Bsrerst haben sich einige ehemalige Zöglinge von Mikweh- Jsrael da niedergelassen. Rußland, Rumänien und Galizien. In Rußland hat die Gesellschaft das Feld ihrer Thäiigkett beträchtlich erweitert. Sie hat 21 Agricultur- und technische Schulen mit ca. 850 Zöglingen unterstützt und an 15 larckwirthschaftliche Unternehmungen resp. Colonien Darlehen gewährt, von denen ein Theil bereits zurückgezahlt ist. In Rumänien wurden einstweilen 2 Handelsschulen und 14 Volksschulen von der Gesellschaft subventionirt. In Galizien ist mit Hilfe der Jewish Colonisation Association eine „Creditgenossenschaft" für Kleinhandel und KleingÄvacke eröffnet worden, welche an ihre Mitglieder Darleheu mit wöchentlichen Rückzahlungen gegen sehr mäßige Zinsen gibt. Die Genossenschaft hat in Stanislau, Tarnow und Kolomea ihre Thätigkeit begonnen. Bon den Boryslawer Bergarbeitern haben auf Kosten der Jewish Colonisation Association 83 Familien mit 894 Seelen die Stadt verlassen und bereits anderswo Beschäftigung gefunden. Auch die deutschen Inden Haben die Segnungen der Gesellschaft gespürt. Der deutsch-israelitische Gemeindebund in Berlinder Israelit. und Verein für Obdachlose in Hamburg, d« Gärtuerschule und die Normalschule in Hannover empfingen von chr Unterstützungen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Lüge von den „Jüdischen Geheimlehren". Aus Halle wird der „Köln. Ztg." berichtet: Aus Anlaß der Konitzer Vorfälle hat der Rabbiner Dr. Feßler die Vertreter der alttestamentlichen Disciplinen an der evangelisch-lheologischen Facultät zu Halle um eine Antwort auf die Frage gebeten, ob im Judenthum auf Grund von Schriften oder Ueberlieferung die Verwendung von Christenblut zu Religionsgebräuchen gefordert wird. Die darauf ertheilte Antwort lautete: „Die Unterzeichneten bestätigen gern, daß das Gerede von jüdischen Geheimschriften auf leichtfertigen Verdächtigungen beruht. Vielmehr ist es eine Thatsache. die für die Kundigen nicht erst eines Beweises bedarf, daß es innerhalb des gesammten Judenthums weder eine schriftliche noch eine mündliche Tradition gibt, welche kundigen Christen unzugänglich wäre. Ergebenst Professor vr. theol. E. Kautzsch, Professor vr. theol. Rothstein." Bekanntlich zählt Professor Kautzsch zu den namhaftesten Vertretern der gesammten Bibelkritik nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus. Auf dem vorjährigen in Rom abgehaltenen zwölften Congr«sse der Orientalisten, der berufensten Kenner der orientalischen Sprachen der ganzenWelt, an welchem Dr. Kautzsch sich hervorragend betheiligt hat, wurde auf seinen Antrag unter allgemeiner Zustimmung und Zuruf folgende Erklärung angenommen: „Die zum XII. internationalen Congreß in Rom versammelten Orientalisten erachten es angesichts neuester Vorgänge für ihre Pflicht, auszusprechen, die Beschuldigung, daß jemals durch irgend welche für Anhänger der jüdischen Religion geltende Vorschriften die Benützung von Christenblut für rituelle Zwecke gefordert oder auch nur angedeutet worden war, sei eine schlechthin unsinnige und des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts unwürdige." Zur Hetze in Könitz schreibt die „Kölnische Zeitung": . „Wieder einmal mußte über eine deutsche Stadt das Standrecht verhängt werden, weil ein Theil der Bürger nicht' blos in ihrer wirthsch östlichen, sondern auch in ihrer leiblichen Existenz bedroht wird von andern Bürgern, die es wahrscheinlich sehr übel nehmen würden, wenn man sie nicht Christen und nicht civilisirte Menschen nennen wollte. Freilich, selbst Kaiser und Kanzler mögen viel leichter einen Glauben deeretiren, als einen Aberglauben wegdecretiren. Eindringlicher als Päpste, hervorragende protestantische Geistliche und Gelehrte können auch Cabinetsordres und Regierungsverfügungen nicht predigen, daß der jüdische „Ritualmord" ein Widerspruch in sich selbst ist. Wir lassen den nicht vorhandenen jüdischen Aberglauben des Blutmordes und den leider vorhandenen und immer von neuem aufgefrischten Aberglauben, daß ein solcher Aberglaube existire, ganz beiseite und wollen von den Konitzern und den übrigen Bewohnern der sibirischen Nachbarschaft annehmen, daß sie wirklich nur thöricht und verhetzt sind und von der „Gottesgabe" der Dummheit etwas zu ausgiebigen und geräuschvollen Gebrauch machen. Wir wollen noch nicht einmal allzu streng ins Gericht gehen mit einzelnen akademisch gebildeten Lehrern der Konitzer und selbst Berliner Schuljugend, die jenen Aberglauben vom Aberglauben ihren Schülern beibringen, oder mit Zeitungsred arteuren untergeordneten Ranges, deren Bildung manchmal die Elementarschule nicht überragt uud die kaum über der rohen Menge stehen, die zu verhetzen ihr Handwerk ist. Anders schon verhält es sich mit den Leitern großer Zeitungen, die es dulden, daß in ihren Blättern die diabolische Logik gelehrt wird: Da man noch nie einem Juden einen Ritualmord hat Nachweisen können, ist der Verdacht mehr oder minder berechtigt, daß Regierung und Justiz, weil sie von den Juden bestochen seien oder Furcht vor ihnen haben, die jüdischen Mörder nicht suchen und selbst die bereits angeklagten entschlüpfen lassen. Es wird in Zeitungen behauptet, in öffentlichen Volksersammlungen versichert: die preußische, eine christliche, Regierung läßt/absichtlich und regelmäßig jüdische Mörder christlicher Bürger, sobald sie zu Ritualzwccken gemordet haben, entschlüpfen, entzieht sie der gesetzlichen Strafe; die christliche preußische Regierung gestattet Juden, Christen zu morden. Das ist wohl die niederträchtigste Beschuldigung, die jemals gegen die Regierung und gegen die Justiz eines Landes von den eigenen Landeskmdern erhoben worden ist, jene werden thatsächlich der Mitschuld an Mordthaten, des Verraths an der eigenen Religion und dem eigenen Volke, der Mitschuld aus gemeinsten Triebfedern beschuldigt. Bei der Aufmerksamkeit, die von den Gerichten sonst der Presse oft