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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-22 · 25 (22.6.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
25 (22.6.1900)
Date
1900-06-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 462 Br. Blorh's Wochr.efchrifr. Nr. 25 zum allergrößten Theile mit der Ausübung von Gewerben und zum Leinen Theile mit dem Zwischenhandel. Man muß also entgegen den officiösen Nachrichten die Wahrheit feststellen, daß in Wirklichkeit nur die restrictiven Gesetze und die fortwährende, von den Judenhassern betriebene Hetze, diesen Nothstand, dieses unbeschreibliche Elend auf die Juden heraufbefchworen Haben." „Wenn man nur das zusammenfaßt, daß die Regierung durch ihre Gesetze und polizeilichen Beschlüsse die Juden nach einigen Städten der Moldau zusammentrieb, indem man ihnen tzfls Wohnen auf dem Lande und in den kleinen Städtchen verbot, ihnen durch die Untersagung des Hausirhandels auch die bescheidenste Existenzmöglichkeit auf dem Lande raubte (gleichzeitig aber den christlichen Haufirer tolerirend), ihnen jeden fteien Beruf (den eines Apothekers, Arztes, Advokaten, Architekten) verschließt, sie aus den Fabriken und Werkstätten vertreibt, indem das Gesetz bestimmt, daß in Industrien, die sich gewisser Begünstigungen erfreuen wollen, nur ein Viertel der Arbeiterzahl Juden sein dürfen; bei öffentlichen Bauten und Lieferungen die jüdischen Offerenten nicht berücksichtigt werden, den christlichen aber die Verpflichtung auferlegl wird, keine jüdischen Arbeiter und Handwerker anzustellen; wenn man die Juden von den Schulen aussperrt, von der Universität durch große Taxen vertreibt (gegenwärtig hat sich im ersten Jahrgange der Medicin kein einziger Jude mehr inscribirt) und wenn man jetzt daran geht, ihnen auch die Ausübung des ärztlichen Berufes gänzlich zu verbieten, wo sollen die Juden Erwerb und Existenz finden?" „Zieht man noch in Erwägung, daß die Gesetze von sämmtlichen Behörden von oben bis zu den niedrigsten mit größter Willkür gehandhabt werden, daß Recht und Gesetz für Juden nicht bestehen und daß sie nirgends Schutz und Gerechtigkeit finden können, daß ein „A n t i f e m i t e n b u n d" das ganze Land umspannt und daß dieser Bund unter Patronage und Förderung von Ministern, hohen Beamten jeder Kategorie und den sogenannten Staatsmännern das Volk gegen die Juden aufwiegelt, daß endlich die judenfeindlichen Zeitungen wie Pilze nach einem Sommerregen entstehen, den Judenhaß offen predigen und die Achterklärung der Juden als einziges, unfehlbares Mittel, sie loszuwerden, empfehlen, wie soll unter solchen Umständen den Juden der Aufenthalt in Rumänien noch erträglich und möglich sein?!" »Es ist wohl räthselhaft, daß man bis nun geschwiegen hat, daß man die Aufmerksamkeit der Culturmenschheit auf die rumänischen Zustände lenkte. Rumänien hat es gewußt, sich den Anschein eines civilisirten Staates zu leihen, man hat es als eine Oase der Civiüsation im Oriente betrachtet und Europa hat den Schwarzen in Afrika mehr und größere Beachtung gewidmet, als den aufs unmenschlichste verfolgten und geknechteten Juden Rumäniens." »Die rumänischen Juden haben bisher geschwiegen. Durch das Austreibungsg^setz, das Jeden unnachsichtlich bedroht, der die Lage, wenn auch nur in mildester Form im gesellschaftlichen Verkehr zu besprechen wagt, hat man ihnen ein Mundschloß angehängt,daß sich ihren Lippen kein Seufzer entringen kann; aber der Druck des ungeheuerlichen Elends ist schon unerträglich; sie können eine derartige, mehr als barbarische Unterjochung nimmer- ' mehr ertragen und noch länger zu schweigen wäre ein qualvolles Selbstmorden, das man ihnen nicht znmuthen kann." .... »Die Regierung besorgt Unannehmlichkeiten aus ihrem Verhalten zu bekommen, will es aber doch nicht ändern, sondern läßt zur Bemäntelung ihrer Grausamkeiten kundmachen, daß die Juden nur wegen der Mißernten, nicht aber der Verfolgungen halber, dem Jammerland Rumänien entfliehen." »Sie setzt jetzt alle Hebel in Bewegung, drängt auf den Prediger Dr. Beck in Bukarest ein, ihr eine Erklärung in diesem Sinne auszufolgen und führt mit ihm zu diesem Zwecke Verhandlungen unter dem Vorwände, ein rabbinisches Seminar zu gründen. Sie hat vorläufig damit nur soviel erreicht, daß die Stellung Becks, ganz ohne sein Verschulden und zum Schmelz aller, die ihn näher kennen, ins Wanken gerathen ist." »Derselbe Minister Jstrate, der Judentaufen geschäftsmäßig betreibt, ein Gründer der Antisemitenliga ist, der die jüdischen Kinder vom Besuche der Elementarschulen ausschließt, dieser Herr will plötzlich Gründer eines Rabbincr-Seminars werden!! Welcher Cynismus!" »Die Regierung läßt jetzt auch die Emigranten verhaften und sucht ihnen mit Androhung der Landesverweisung Erklärungen im oberwähnten Sinne abzupressen, um dadurch Handhaben zu Justlficationen zu erlangen." .... »Unter solchen Verhältnissen erfaßte die Judenschaft Rumäniens helle Verzweiflung. Es bilden sich in allen Städten Auswanderergruppen, die sich zu Fuß nach den Grenzen bewegen, um nach Hamburg, Rotterdam, Marseille, Genua und anderen Hafenstädten zu gelangen und jenseits des Meeres eine Heimat zu suchen." »Die Hilfscomitßs von Jassy, Galatz und Bukarest haben in ganz Rumänien Rundschreiben vertheilt und darin klargelegt, daß die Auswanderer einem sicheren Verderben entgegeneilen, aber vergebens; die Leute jagt der Hunger und das Wehgeschrei ihrer Kinder von hinnen, und da hilft kein Abmahnen, da versagen alle Bernunftgründe." II. Ein anderer Correspondent schreibt uns: ». . . . Es kam in den letzten Tagen beinahe zu Thätlichkeiten zwischen den armen Nothleidenden und ihren Freunden, die ihnen von einer Auswanderung abriethen. Man darf es ihnen nicht verargen; denn es sind Desperados, Es ist herzzerreißend, die Leiden der Frauen und Kinder zu schauen und anzuhören. Die Noth hat ihren Höhepunkt erreicht. Da liegen einige fünfzig Familien im Synagogenhofe, dort andere fünfzig Familien auf dem Friedhofe zwischen Gräbern, die Männer im Freien, die Frauen und Kinder unter Zelten, wie Zigeuner, so daß ein Bileam ausrufen könnte: „Wie elend sind deine Zelte Jakob, wie traurig deine Wohnungen Israel!" .... „Die antisemitischen Liguen, die von Bukarest aus ganz Rumänien bis ins kleinste Nest mit ihrem Netze überzogen, lassen es nicht zu, daß Juden Arbeit und Beschäftigung finden. Diese Liguen arbeiten im Geheimen und unter Eidleistung und haben die Macht und die Autoritäten in Händen. Nicht einmal als Straßenkehrer, Laternenputz't oder Holzverlader darf ein Jude beschäftigt werden, weil man sie fortjagt oder todtschläqt. In Braila sind mehrere jüdische Arbeiter niedergestochen worden und die Geschwornen sprachen die Mörder frei." „Kann man unter solchen Umständen die Auswanderung aufhalten oder eindämmen?" „Der Stein ist im Rollen, und nicht einmal die Regierung, die jetzt bei der Ausstellung von Pässen Schwierigkeiten zu machen willens ist, bis nicht die nöthigen Steuern entrichtet werden — woher sollten die Verhunger den das Geld erschwingen? — ist im Stande, den Auswandererstrom zu hemmen." „Für einen Paß muß jeder 20 Francs entrichten und auf dem Passe steht: „dun uurnai pentru esire dm t£ra si nici cum spre intorcerea" d. h. „gut blos zur Abreise aus dem Lande und keinesfalls zur Rückkehr" oder einfach französisch: „Bon pour aller“. Kehrt nun doch einer und der andere in die angestammte Heimat zurück, wird er verhaftet und als ein Verbrecher behandelt." „Täglich reisen Hunderte arbeitskräftiger Männer zu Schiff oder mit der Bahn oder, und das ist die Mehrzahl, zu Fuß ab. Was einer besitzt, muß er um einen Schandpreis losschlagen, um nur Mittel zur Reise zu gewinnen. Frauen und Kinder verbleiben einstweilen hier zurück, in welchem Zustande, das kann kein Zola erschöpfend schildern." III. Noch ein anderer Correspondent theilt uns mit: ... »Die Leute haben sich kümmerlich, doch immerhin ernährt, bis der Antisemitismus und die judenfeindlichen Gesetze, zuletzt auch die fürchterliche Geschäftskrise, die im Lande seit einem Jahre herrscht, die Lage der Juden schrecklich erschwert hat und sie, die Allerärmsten, zwingt, das Land zu verlassen, wo sie keinen Erwerb mehr finden und wo sie zum Ueberfluß die Regierung aufs grausamste verfolgt." »In die Staatsschulen werden jüdische Kinder nicht ausgenommen; die Juden sind aber nicht in der Lage, eigene Schulen zu erhalten. Was sollen die armen Juden mit ihren Kindern anfangen, wenn sie ohne jeglichen Unterricht aufwachsen?" »Außerdem ist die Regierung bemüht, den Juden durch fortwährende Jnspectionen der jüdischen Privatschulen, wo solche bestehen, den Bestand zu erschweren. Die Kinder dieser Schulen müssen jedes Semester bei christlichen Lehrern Prüfungen machen und für jedes Kind ist eine Prüfungstaxe von 20 Francs zu entrichten. Ferner hat jüngsthin der Unterrichtsminister ange-

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