Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 458 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 24 Banateich habe dort eine Schwester, eine Witwe, dort kann ich mein redlich Erspartes und Erworbenes, ruhig und ohne Furcht verzehren!" »Brecht den Hals! Je eher, je lieber!" rief ihm der Bürgermeister erbittert nach. Mostrich trat nun im Grenadierschritt an Golzinger nahe heran, näherte, seinen Mund dessen Ohre, so daß der Bürgermeister seinen heißen Athem an seiner Wange fühlte und sprach leise: „Nachdem Euer Gestrengen das Protokoll in den Amtslocalitälen ausgenommen haben werden, sind wir für immer getrennte Leute. Wir werden uns dann im Leben nie mehr unter vier Augen sehen. Ich bin nun nicht mehr Ihr Diener, Sie nicht mehr mein Gebieter, nun denn zu guter Letzt, noch ein offenes Soldatenwort: Bürgermeister Dominik Golzinger! Du bist der verächtlichste Schuft, den es auf der ganzen Welt gibt! .... Du hast nicht einmal den Muth ein rechter Schurke zu sein .... Du bist eine feige Canaille, eine hinterlistige Bestie!" Golzinger sank wie niedergeschmettert zu Boden, der Kerkermeister verließ das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Der Ssbbalhengel. Novelle von Mela Escherich. (Fortsetzung.) Eines Abends, da von den christlichen Kirchen das Aveläuten erscholl, huschte eine tiefverschleierte Frauengestalt an den Häusern entlang und zum westlichen Stadtthor hinaus. Dort zog sich zwischen Hügeln ein kleines, freundliches Thal dem Gebirge zu. Die Verhüllte schritt rasch auf dem Weg dahin, der in mannigfachen Windungen das Thal durchschnitt. Dann blieb sie stehen und sah wie prüfend um sich. Ein leichtes Zittern flog durch ihre Gestalt. Es mochte ihr ängstlich zu Muth sein in der schweigenden Einsamkeit. In kühler, herbstlicher Färbung schimmerte das Thal. Dunstig verhüllt lag die Stadt; nur die an sanfter Hügellehne sich emporziehenden Häuser ragten scharf Umrissen in die abendliche Luft. Weiter - oben außerhalb der Stadtmauer leuchtete über den Bäumen die reichvergoldete Kuppel der Synagoge. Bor etwa hundert Jahren, da die Juden ein befferes Los in der Stadt hatten, war das Bethaus erbaut worden. Später wurde ihnen die Erlaubniß verweigert, ihre Gottesdienste darin abzuhalten und sie mußten sich in der Ausübung ihrer Religion auf ihre arme», schmutzigen Häuser beschränken. Die meisten Juden hatten deshalb die Stadt verlaffen und nur die Aermsten waren geblieben. Die Goldkuppel der Synagoge glänzte seltsam im Zwitterschein des langsam auffteigenden Vollmondes und des rötlich dunstigen Abendhimmels. Scharf heben sich die Häuser, deren Fenster sich allmählig erleuchteten, wie Helle Punkte von dem waldigen Hintergrund. Langsam deckte die Nacht ihre Schwingen über das Thal. Noch wich der rothe Schein des Abends nicht der hereinbrechenden Dämmerung. Nur allmählig verschwamm er in dem tiefer und ttefer sich verdunkelnden, satten Blau des Himmels. Üeber der Synagoge funkelte jetzt ein Stern auf und wetteiferte mit dem Goldglanz ihrer Kuppel. „Jerusalem!" klang es gedämpft durch die Stille und ein Mann trat vorsichtig aus dem Gebüsch. Die Verhüllte wandte sich ohne Ueberraschung um und antwortete mit den Worten des hohen Liedes: „Mein Freund ist mein und hält sich zu mir." " Dann warf sie sich ungestüm in des Mannes Arme. „O Jeffika!" fllüsterte er, „Es hätte des verabredeten Wortes -ücht bedurft. Ich hätte Dich erkannt unter allen Frauen der Gebe. Aber nun nimm fort den Schleier. Wir sind unbelanscht." Jeffika schlug das graue Gewebe zurück. Dann schlang sie die Anne «m das Geliebten Nacken. „Ich bin gekommen, Achim, mit Angst und Zittern. Aber jetzt bin ich froh; denn du bist bei mir." „Meine Taube, meine Sulamith!" entgegnete Achim und küßte ihre Augen. Höher stieg der Mond und goß sein bleiches Licht über das Thal. > Die schöne Jüdin lag noch in des Geliebten Armen und er flüsterte ihr heiße, selige Worte zu. Der Nachtwind rauschte über ihnen und fuhr durch die Büsche. Leise Worte stahl er von den brennenden Lippen und trug sie weiter und ließ sie verhallen, daß keiner sie hörte. Und sie verzilterten die Küsse,... Seufzer,.. . Worte des hohen Liedes der Liebe... „Achim!" sagte Jeffika endlich, „wir sind nicht gekommen zur Liebe, sondern um zu reden von ernsten Dingen. Der Vater will nicht, daß ich werde Dein Weid. Und ich spreche ihm jetzt nicht von Dir. Es liegen zu viel schwere Sorgen auf ihm. Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt. „Gutes wohl schwerlich!" erwiderte Achim, „Herr Wenzel Slowata ist noch immer nicht von Prag zurück. Er wird dort lange aufgehalten." „Ob es wichtige Gründe sind, die ihn dazu zwingen? Vielleicht gefällt es ihm in Prag besser als hier." „Das glaube ich kaum. Zu'seinem Vergnügen hat er diese Reise nicht unternommen. Wenn man alt ist und hat eine junge Frau, läßt man sie nicht gern allein." „Sie soll schön sein, seine Frau." „Engelschön, wie die heilige Jungfrau der Christen. Sie trägt auch ihren Namen." „Maria. Eigentlich ein jüdischer Name." „Still, mein Täubchen, er ist durch christliches Weihwasser gezogen und genügend gereinigt." „Kennst Du die junge Frau?" „Ich sehe sie zuweilen, wenn sie zur Kirche geht. Sie ist eine fromme Katholikin." „Und sie lebt in Frieden und glücklich und wir sind verachtet, verstoßen, nur weil wir Juden sind!" „Ob sie glücklich ist, weiß ich nicht... Sie sieht nicht fröhlich aus. Ihr Gatte ist ein mürrischer Patron, der ihre Schönheit und Tugend wohl kaum genug zu schätzen weiß. Das Glück frägt nicht nach der Religion. Den einen liebt es, den andern verschmäht es, — gleichgiltig, ob er Christ ist oder Jude." „Komm!" bat Jesika, „wir wollen gehen! Mir ist, als läge em großes Unglück in der Luft, das uns alle treffen wird." Und plötzlich warf sie sich aufschluchzend an des Geliebten Brust: „Achim, flieh, flieh! Der Tod steht über Dir! Mein Vater ist reich; an ihn wagen sie sich nicht. Aber Euch, Euch trifft es zuerst!" „Fliehen?" murmelte Achim dumpf, „Fliehen! Ohne Dir?" „Ich darf den Vater jetzt nicht verlaffen. Aber später, — vielleicht hast Du Glück in der Welt. Dann kommst Du wieder und holst mich!" „Vielleicht!" wiederholte Achim düster. Auch über ihn kam es plötzlich, wie schwere Ahnung drohenden Unheils. So schritten die Beiden in trüben Gedanken den Weg zurück. Erst in der Stadt trennten sie sich und jedes huschle scheu, zitternd vor Verfolgern seinem Heim zu. In der Nacht war alles still, selbst in der Judengasse und Achim erreichte unbehindert seine elende Behausung. Auch Jeffika kam glücklich durch die große Straße, an der das Haus ihres Vaters lag. Aber sie ging an der Hauptthüre vorüber, da sie, um nicht gehört zu werden, nur den Schlüffe! zu einer kleinen Pforte, die nach der kleinen Seitengasse führte, bei sich trug. Eben wollte sie um die Ecke biegen, als sie einen jungen Mann auf sich zukommen sah. Sie drückte sich geduckt an der Mauer entlang; aber jener folgte ihr. Mit klopfendem Herzen lief sie nach dem Pförtchen und steckte rasch den Schlüssel an. Doch im Augenblick, als die Thüre aufsprang, hatte der Mann sie eingeholt und faßte sie am Arme. „Holla, Schickselchen! Was tteibst Du so spät auf der Straße?" „Laßt mich! Laßt mich!" rief Jeffika ängstlich. Sie sah, daß er trunken war. Aber jener ließ sie nicht. Er riß die zarte Gestalt gewaltsam an sich. „Nicht umsonst, Mädchen! Erst einen Kuß —!" Ein wildes Ringen begann. Jeffika stemmte die kleine Faust verzweifelt gegen des Mannes breite Brust. „Hilfe! Hilfe!" Ihr Nothruf verklang in der engen Gaffe. Ihre Kraft war erschöpft. Sie sank ins Knie. Da plötzlich erklang ein gebieterisches: „Zurück!" und eine hohe, Helle Gestalt trat aus dem Dunkel. „Der Sabbathengel!" schrie Jeffika auf. .