Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021356--09984-3034440
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

>Jh. 24 Vr. Bloch's WochrnschrifL. Seite 457 „Euer Gestrengen, Euer Gestrengen, belieben Sie aufzustehen. Der Kerkermeister Mostrich ist da, er hat etwas Wichtiges zu berichten. Ich Hab' ihm gesagt, Gestrengen lägen im tiefsten Schlafe; aber der Grobian will sich nicht abweisen lasten, ich Hab' seinem Willen nachgegeben, chm das Thor öffnen müssen..." ,,S' wird halt etwas Dringendes sein!" meinte der Bürgermeister, wie entschuldigend. „Er soll nur einen Augenblick warten, bis ich mich angekleidet habe. Ich war gerade im tiefsten Schlafe, .... so . . . ." Golzinger entriegelte die Thür und Mostrich trat ein. Beide Männer waren bleich wie Linnen und einige Sekunden vermochte keiner ein Wort zu sprechen. Endlich stammelte der Bürgermeister. „Die Flucht gelungen?" „Für Euer Gestrengen ist sie vortrefflich gelungen, — ob auch für ihn ... . weiß ich nicht." „Ich versteh' Ihn nicht," rief Golzinger, aber das convulsivische Zucken, das ihn durchflog, bewies, daß er ihn sehr gut verstanden, „spreche Er doch deutlicher, erzähl' Er den Vorgang umständlich!" „Ich hatte große Mühe, den Delinquenten zur Flucht zu bewegen. Es war genau so wie Euer Gestrengen in Ihrer großen Klugheit vorausgesehen hatten. Erst wollte er durchaus verhört werden und berief sich auf das Zeugniß seiner Pflegeschwester; als ich ihm sagte, daß sie gestorben, gerieth er in Verzweiflung und wollte, nachdem er nun nicht noch unglücklicher werden könne, als er schon sei, Alles über sich ergehen lassen, sich nicht aus dem Kerker rühren. Ich verzweifelte schon, daß Ihre Zwecke erreicht würden; als er sich doch — ich weiß nicht, was ihn plötzlich dazu veranlaßte — zur Flucht entschloß." „Weiter, weiter", keuchte der Bürgermeister. „Aus dem Kerker führt bekanntlich nur eine Thür und zwar auf die Straße. Es wäre geradezu Wahnsinn gewesen, ihn durch das ganze Haus, durcy alle Gänge, an allen Zellen vorüber auf die Straße zu führen. Der Dragoner, der vor dem Thore Wache steht, hätte ihn nicht passiren lasten, und überdies hätte er bei Nacht nicht die Stadt, deren Thore geschlossen sind, verlassen können. Ec mußte daher nur das Fenster ausbrechen; und das hatte auch den großen Bortheil, daß man behaupten kann, es wäre dem riesenstarken Mann gelungen, das Fenstergitter herauszureißen. Ich gab ihm also eine Feile, damit er die Eisenstäbe durchfeilen könne, dann gab ich ihm einen derben Strick, an dem er sich in der dunklen Nacht an der Rückseite des Hauses herablassen könne." Mostrich machte eine Pause, aber Golzinger, sich fortwährend den Angstschweiß von der Stirne wischend, schrie: „Weiter, weiter!" „Nun wissen Euer Gestrengen, hinter dem Criminalgebäude fließt die Hanna, und es ist nur ein ganz kleiner Streifen Land-, der sich an derselben hinzieht. Der Entfliehende hatte daher die Wahl, entweder auf dem schmalen Streifen festen Landes fortzukriechen, bis sich dieser erweitert und er auf die Straße vor der Stadt gelangt, oder." „Oder?" rief der Bürgermeister in höchster Spannnng und sein Gesicht ward noch bleicher als es schon bisher gewesen. „Oder die Eisdecke zu überschreiten. Er frug mich, welchen Weg er einschlagen sollte. Eigentlich . . . ." Mostrich hüstelte verlegen und fuhr leiser fort, „hatte ich ja nur die Aufgabe übernommen, ihn aus dem Criminalgebäude herauszubringen, zu weitern Rathschlägen war ich gar nicht verpflichtet . . . ." „Ganz richtig, ganz richtig, mein lieber Mostrich," stimmte der Bürgermeister zu, aber es klang dies nicht mit dem Tone voller Ueberzeugung. „Michael Klein ist ein sehr kluger Mann, wenn er der Fesseln ledig und außerhalb des Kerkers ist, kann er sich wohl am besten allein rathen; — aber . . . ." „Aber?" frug der Bürgermeister ächzend, obwohl er wissen mußte, daß Mostrich auch ohne sein Nachdrängen schon im nächsten Momente seine gespannte Neugierde befriedigen muß e. „Ich sagte ihm, was übrigens auch ganz wahr ist, daß wenn er über die Eisdecke des Flusses ginge, er sich rascher und weiter von der Stadt entferne; und .... er hat diesen Rath befolgt .... das heißt, ich kann eigentlich nicht sagen Rath .... ich wollte sagen, er hatte gleichfalls diesen Weg für den besseren gehalten, denn. . . ." „Mostrich, das .... das habe ich Euch bei Gott und meiner ewigen Seligkeit nicht aufgetragen — das nicht!.... Es ist ja seit gestern Thauwetter eingetreten, und es hat ja stark geregnet.... die Eisdecke kann ja einen starken Menschen nicht ertragen ..." „Das aflaube ich selbst," bestätigte Mostrich, „es war dunkel, ich könnte Klein's Gestalt nicht unterscheiden; und ich horchte aufmerksam aus jedes Geräusch, und strengte meine Augen an — Plötzlich glaubte ich, — ich sage glaubte ich; ich sag es nicht ganz gewiß, denn ein Mensch besonders, wenn er aufgeregt ist, kann sich auf sein Aug' und Ohr nicht verlassen — ich hörte in einiger Entfernung ein starkes Krachen und einen Aufschrei, auch glaubte ich eine dunkle Gestalt einsinken zu sehen.... Schade, ewig schade! „Mostrich Er ist ein Ungeheuer! . . . Jetzt ruft Er schade!" Mostrich schien die Unterbrechung nicht zu beachten, denn er setzte seine Rede unentwegt fort, „daß der Flüchtling die hundertfünfzig Gulden, die ich ihm, um das gut erfundene Märchen, Rüben Weiß wollte ihn befreien, glauben zu machen, als Reisespesen anbot, mitgenommen .... Schade, ewig schade für das schöne Geld, dem Todten, der lange Zeit, unter dem Treibeis bleiben, wenn es wieder frieren sollte, vielleicht auch nie zum Vorschein kommen wird, nützt das schöne Geld nichts, es wird im Wasser faulen und schimmeln." „Mostrich, Ec ist ein Teufel!.... das nehme ich nicht auf mein Gewissen, das werd' ich einst vor Go ... ." Golzinger vermochte es denn doch nicht, das höchste, inhaltsschwerste Wort der Menschensprache, das Wort Gott üoer seine bebenden Lippen zu bringen, und er fuhr fort, „nicht vor meinem Gewissen zu verantworten haben.... Geh' Er!.... fort!.... ich will Ihn nicht mehr vor mir sehen! In Satans Namen, warum geht Er nicht?!" „Ich werde gleich hochdero Befehl erfüllen," erwiderte der Kerkermeister; „sobald Sie die Gnade gehabt haben werden, mir meinen Lohn voll gezahlt zu haben." „Schurke, Gauner, Betrüger, Räuber!" brüllte der Bürgermeister, den Kerkermeister bei dem Rockkragen fassend und hatte Mühe, sich zu bezwingen, nicht allzulaut zu schreien. „Hab' ich Ihm nicht für des Juden Rettung", der thörichte, niederträchtige Mann betonte dieses Wort, als könne er hierdurch den allschauenden Gott täuschen — „im Bornhinein bezahlt? Habe ich Ihm nicht baare zweitausend Gulden, ein ganzes Vermögen ausbezahlt?" „Ganz richtig." erwiderte Mostrich, „die zweitausend Gulden für die Rettung des Juden, wie sich Euer Gestrengen jetzt auszudrücken belieben, habe ich baar und richtig erhalten, und es fällt mir gar nicht ein, das zu leugnen; aber Sie haben mir ganz am Schluffe unserer Unterhandlung noch weitere fünfhundert Gulden für den Fall versprochen, wenn dem armen Gefangenen bei seinem gefährlichen Fluchtversuche etwas Menschliches zustoßen sollte; sie meinten — als Linderung für die Gewissensbisse, die hiedurch bei mir entstehen könnten .... Nun ist dem Klein etwas Menschliches zugestoßen . . . ." „Da ... . das habe ich nicht so gesagt, am allerwenigsten aber so gemeint!" lallte der Bürgermeister. „Ich habe mir Ihre Worte genau gemerkt. Sie sprachen: Mostrich! bei einer solchen Sach' muß man Courage und ein festes, starkes Herz haben; wir thun das unsrige, dem armen Teufel die Freiheit zu geben, wenn er, sagen wir, beim Herabspringen zu Tode fällt, so sind wir ganz unschuldig dabei; — und damit Er Mostrich sich in einem solchen Falle nicht allzusehr gräme, will ich in diesem Falle, den ich zwar nicht wünsche, der uns aber am besten vor dem Kerl Ruh' schaffen würde, auf weitere fünfhundert Gulden nicht sehen und Ihm extra diesen Betrag auszahlen." „Blutsauger!" stieß Golzinger wutherstickt hervor, aber er schloß doch vorsichtig einen eisernen Kasten, der in seiner Nähe stand, auf, und legte mit zitternden Händen den geforderten Betrag auf den'Tisch. n >. Mostrich überzählte denselben sorgfältig und schob ihn dann in die Brusttasche seines Rockes. „Euer Gestrengen, wünsche ich nunmehr eine geruhsame Nacht," sprach er, näherte sich der Thür und blieb dort stehen. „Euer Gestrengen, Sie müffen mit mir über diesen Vorfall ordnungsgemäß ein Protokoll aufnehmen, damit ich nicht etwa nachträglich von anderen Herren Beamten, welche die Angelegenheit nicht so gründlich kennen und vielleicht unrichtig beurtheilen könnten, zur Verantwortung gezogen würde. — Ohne Zweifel werden Sie mich meines Amtes entlasten. Sollten Sie dies nicht thun, werde ich um meine Entlastung einschreiten. Es gefällt mir nicht mehr in W . . . . Wer dem gestrengen Herrn Bürgermeister nicht zu Geficht steht, ist seines Lebens nicht sicher .... Ich zieh weg von hier nach Berschetz im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.