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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Sette 456 DL» Blo.^'S Berlin. Zu den Mitgliedern der geplanten, Seitens des Deutschen Reiches subventionirten Expedition nach Baalbek gehört auch Herr Dr. Moritz Sobernheim. Der jugendliche Gelehrte, dessen lebhaftes Interesse für Juden und Judenthum sich auf den mannigfachsten Gebieten bethätigt, hatte die Auszeichnung, mit den übrigen Expeditions-Mitgliedern am 6. Juni von Sr Majestät dem Kaiser empfangen zu werden. Berlin. Frau Dr. Emilie Maybaum, Gattin des Herrn Rabbiners Dr. Maybaum, ist am ersten Schowuothtage ihren Leiden erlegen. Die Heimgegangene hat sich durch ihr opferwilliges, unermüdliches, einsichtsvolles Wirken auf den mannigfachsten Gebieten der Wohlthättgkett die aufrichtige Bewunderung aller Kreise der hiesigen Judenheit erworben. An der Leitung einer großen Anzahl von humau'tären Vereinen und Jlistituten hingebungseifrig betheiligt, hat sie vor einigen Jahren das vortreffliche Israelitische Kinderheim (Keibelftraße) begründet und zu segensreicher Entwickelung geführt. Auch die Qualen eines überaus schmerzenr-ichen Leidens vermochten ihren Hilfseifer nicht zu vermindern, bis nunmehr der Tod demselben ein Ziel gesetzt hat. Die Beerdigung, welche am 6. Juni Vormittag stattfand, gestaltete sich zu einer ergreifenden Kundgebung der Trauer und der Verehrung. Nachdem im Sterbehause Herr Rabbiner Dr. Vogelstein- Stettin Leben und Wirken der Entschlafenen gefeiert, setzte sich der Couduct nach dem Friedhofe in Weißensee in Bewegung. Dort sprachen die Herren Rabbiner Dr. Eschelbacher und Dr. Blumenthal-Danzig, »vorauf die sterblichen Reste in der Ehrenreihe zur Ruhe bestattet wurden. Zürich. In der hiesigen israelit. Cultusgemeinde, hielt der bekannte Rabbiner Herr Dr. Littmann an dem ersten Schewuoth-Festtage eine äußerste sinnige Predigt, womit der hervorragende Kanzelredner das gesummte Auditorium entzückte. Herr Dr. Littmann, der als großer Gelehrter und selten geist- ,eicher Mann bekannt ist, verfügt nämlich über eine glänzende Aussprache, die mit einem wunderschönen Timbre verbunden ist. — Der gottbegnadete Redner wird in der hiesigen Gemeinde sehr hochgeachtet und geschätzt. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasier von Gabriel. (Fortsetzung.) Neunundzwauzigstes Capitel. Es war schon zwei Stunden nach Mitternacht, alle Bürger in W., auch die ärgsten Wirthshausschlemmer lagen schon schnarchend unter ihren Federdecken, nur deren Oberhaupt, Bürgermeister Golzinger, wachte noch in seiner Stube. Es war ein recht unangenehmes Wetter draußen. Die Temperatur war in den letzten achtzehn Stunden umgeschlagen. Es war nach starkem Froste Plötzlich Thauwetter eingetreten. Es regnete in Strömen, die Tropfen schlugen unheimlich an die Fensterscheiben und der Wind sauste über die menschenleeren Straßen, der Himmel war von dichten schwarzen Wolken umzogen und nicht der geringste Lichtschein konnte von draußen in das Zimmer dringen. D,rr Bügermeister hatte sein Lager gar nicht ausgesucht, er wußte, er würde nicht schlafen können; auch hatte er den Kerkermeister beauftragt, ihm sobald als möglich Nachrichten über Kleines Flucht zu bringen. Daß dieser mitten in der Nacht zu ihm kam, konnte nicht auffallen, es stand ja mit großen deutlichen Buchstaben in Mostrich's Justructton, er müsse alle wichtigen Vorkommniffe dem Bürgermeister melden. . . . Mostrich hatte ja schon vor siebzehn Jahren, als die Eva Brümlerin aus der Hast entsprungen war, dem Bürgermeister mttten in der Nacht die „Schreckensnachricht" mitgetheilt. Golzinger war, um kein Aufsehen zu erregen, längere Zeit im Dunklen geblieben. Es hätte doch auffallen müssen, Verdacht erregen könne», wenn mitten in der Nacht ein Lichtstrahl aus dem Fenster seines Schlafzimmers heraus gedrungen .wäre. Es war ja bekannt, daß, wenn er nicht bei Trinkgelagen oder am Spieltische saß, er nicht der Mann war, seine Nachtruhe zu opfern. Aber es ward ihm im Dunkeln gar zu unheimlich. Alle Erinnerungen, die er gerne aus seinem Gedächtnisse gelöscht hätte, stiegen in ihm auf. Das Bild der Eva Brümlerin trat in den verschiedensten Gestalten vor sein geistiges Auge. Wie er sie das Erstemal gesehen, wie sie seine wilde Leäenschast entflamutt, — wie er sie das Erstemal gesprochen, — wie sie ihm das Erstemal gestattet hatte, sie m ihrem Kqm- WochenfchrisL. 24 merlein zu besuchen; — wie er sie bethört —, wie sie ein Kind auf ihrem Arme vor ihm gestanden, — dann wie man sie mit Ketten an Händen und Füßen in den Kerker geworfen; — endlich wie der Henker in Breslau ihren schönen zuckenden Leib aufs Rad flocht und ihre bebenden Lippen ihren ersten Verführer verfluchten, ihn vor Gottes Richterstlchl luden!.... Ec mußte sich doch entschließen Licht zu machen .... freilich verhängte er zuerst sorgfältig das Fenster, damit kein Lichtstrahl hinausdringen und es verrathen könne, daß Bürgermeister Golzinger nicht schlafen könne!" „Es ist verfl. . . . kalt hier!" sprach er laut zu sich selbst, wohl nur um die peinliche Stille, die um ihn herrschte, zu brechen. Er versuchte es höchsteigenhändig in dem kleinen Ofen Feuer zu machen, aber entweder war er für die ungewohnte Arbeit zu ungeschickt oder zitterten seine Hände zu stark, denn nach einigen mißlungenen Versuchen gab er diese auf. Die Zeit erschien ihm endlos lang. Mechanisch griff er nach einem Buche, das auf dem Tische lag und schlug es auf. Es war die Bibel. Die Stelle, die aufgefallen war, schien ihn zu erschrecken, denn er schlug den Band rasch zu und schob ihn weit weg von sich. — Endlich wollte er seine lange Pfeife in Brand setzen, aber auch das gelang ihm nicht. Er setzte sich bald in den Lehnstuhl nieder und blickte starr vor sich hin — bald schritt er ruhelos, wie ein gereizter Tiger in seinem Käfig, auf und ab. — So waren ihm schon mehrere peinliche Stunden verflossen, endlich zwang er sich zu einem lauten Selbstgespräch. „Ich weiß eigentlich nicht, weßhalb ich heute so starkes Herzklopfen habe. Wenn ich mein Leben nichts Aergeres gethan hätte, als einen unschuldig Verhafteten entfliehen zu lassen, könnte ich meiner letzten Stunde ruhig entgegensehen. Lorenz ist ja doch mein einzig Kind und wenn Klein zu Worte käme, könnte er ihm eine garstige Suppe einbrocken. Rath Weckelsbach, der ihn verhören soll, ist schon lange mein Feind und nach meiner Stelle lüstern. Wenn er mich meuchlings von meinem Platze stoßen und meine Stelle einnehmen könnte, würd' ers gerne thun.Strafe hätte mein Sohn, der nichtsnutzige Lump, schon verdient; aber eine gar so harte eigentlich doch nicht!...." Es ist meine Pflicht als Vater, daß ich ihn diesmal durchschlüpfen lasse und auch meine Pflicht als Gatte. Meine arme gute Frau würde das Unglück nicht überleben .... wenn ich dem Juden zur Flucht helfe, da bin ich ja ein braver Mann, ja ganz gewiß, ein braver Mmm!" schrie er überlaut, als könne er hierdurch sein Gewiffen übertönen, aber er erschrak vor dem Klange seiner eigenen heiseren Stimme. „Freilich, freilich, murmerlte er dann wieder und seine Zähne schlugen hörbar, „die letzten Worte, die ich zu dem nichtswürdigen Blutsauger, dem elenden Hallunken, dem Mostrich gesprochen, wären, wenn ichs genau bedenke, eigentlich doch besser ungesprochen geblieben .... indessen, wer wird denn auch gleich das Allerärgste befürchten — und jeder Mensch ist sich ja immerhin doch der Nächste! Und mein armer Junge, der Lorenz ist ja doch mein Sohn, mein Fleisch und Blut, und der Michael Klein ist ja doch nur ein Jude! ..." nur ein Jude ... nur ein Jude ..." Golzinger's Stimme war zu einem leisen Röcheln herabgesunken. „Herr Gott sapperement! fuhr er nun wieder Pötzlich auf, „will denn die verfluchte Nacht gar kein Ende nehmen!? Vielleicht ist es dem Mostrich, dem Dummkopf gar nicht gelungen, den halsstarrigen Trotzkopf zur Flucht zu bewegen. Teufel noch einmal! fast wär mirs lieber, wenn Mostrich melden würde: der Jude wolle sich nicht vom Flecke rühren und läge frisch und gesund im Kerker in Ketten, als daß ein unangenehmer Zufall ... .ah! Vaierliebe kann den redlichsten Menschen unter Umständen zu einem Schurken machen!" Plötzlich horchte er auf. Es wurde heftig an sein Hausthor gepocht. Er wollte sich erheben, rasch zum Fenster schreiten, aber seine zitternden Füße versagten ihm den Dienst, er vermochte nicht sich vom Lehnstuhle zu erheben und sank in denselben zurück. „Fassung, Besinnung!'' rief er sich halblaut zu und wischte sich den Angstschweiß von der Stirne. Jetzt hörte er in dem todtenstillen Hause den schlürfenden Tritt der alten Dienerin, welche die Treppe hinabschlich, um zu fragen, was die nächtliche Störung zu bedeuten habe, wenn es nothwendig sein sollte, das Hausthor zu öffnen. Die kurze Zeit, bis diese zurückkehrte, erschien dem aufgeregten Manne wie eine Ewigkeit. Endlich wurde an seine Zimmerthür geklopft und die alte Dienerin schrie durch das Schlüsselloch.

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