Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021356--09980-3034436
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

. Nr. 24 Dx. Bloch's Wochenschrift. Seite 453 Jetzt soll unsere Flotte in Asien helfen, die Ordnung herzustellen; wir hören von der Boxer-Bewegung. Ja, ich lese in der Zeitung seit einigen Tagen, daß in dem wohlgeordneten Königreich Preußen in Könitz em förmlicher Bürgerkrieg ausgebrochen und das Standrecht proclamirt worden ist Ich bin ziemlich nahe vom Rhein, wo man im zehnten und elften Jahrhundert gesagt hat, das Judenthum habe christliche Kinder getödtet zu Ritualzwecken. Und dasselbe sagt man heute im letzten Jahre des neunzehnten Jahrhunderts in dem Preußen, welches die Cultur zu f rnen Nationen tragen will. Pfui der Schande, daß derartige Dinge mög ich sind! Dabei Hetzen die „Kreuzzeitung" und andere Berliner Blätter unablässig gegen die Juden. Ist denn etwa diese Konitzerei, sind diese Schandscenen nicht schlimmer als Alles, was in China passirt? Könitz. (Die Konitzer Mordaffaire). In Könitz hat die Situation eine überraschende Wendung dadurch erhalten, daß vom Landgerichte gegen den Fleischermeister Hoffmann die Voruntersuchung wegen Todtschlages eröffnet wurde. Hoffmann ist, wie. erinnerlich, vor einigen Tagen verhaftet, nach achtstündigem Verhöre aber wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Er ist ein Alt-Lutheraner und hielt in seinem Hause geistliche Corventikel ab. Seine Verhaftung war ein Schlag für die antisemitischen Hetzer und Volksaufwiegler, welche den Mord des Gymnasiasten Winter unter allen Umständen den Juden zuschreiben. Die Verhaftung des Fleischhauermeisters Hoffmann hatte in den Hetzblättern die frechsten Beleidigungen und Verleumdun en der Behörden zur Folge gehabt, welche beschuldigt wurden, die Juden absichtlich der Strafe zu entziehen. Ein Pastor Namens Reymann, welcher natürlich keine Ahnung von den Ergebnissen der Untersuchung hatte, richtete einen offenen Brief an die Presse, worin er aus eigener Machtvollkommenheit den Hoffmann, diesen frommen Mann, für unschuldig erklärte. Ein anderer Pastor, ein Strafanstalts-Geistlicher, sendete einen anderen Brief an die antisemitischen Blätter, in dem er die Bermuthung aussprach, der Gymnasiast Winter habe vielleicht ein Judenmädchen verführt und sei deshalb von einem „geheimen jüdischen Vehmgerichte" zum Tode verurtheilt und hingerichtet worden. Dieser Blödsinn wurde selbst von großen Blättern gläubig nach gedruckt. So ging die Hetze weiter. Die Behörde ließ sich aber inzwischen von dem als richtig erkannten Wege nicht abbringen, und die eingeleitete Untersuchung wird hoffentlich Licht in die dunkle Angelegenheit bringen. Aus dem Umstande, daß die Untersuchung wegen Todtschlages eröffnet wurde, kann man schließen, daß die Behörde der Meinung ist, Hoffmann habe den Ernst Winter im Zorn getödtet, vielleicht im Zorn darüber, daß Winter den guten Ruf einer dem Hoffmann nahestehenden Person in Gefahr gebracht hat. Ferner hat in Könitz der Erste Staatsanwalt nunmehr folgende Bekanntmachung erlassen: In der Untersuchung 'wegen Ermordung des Gymnasiasten Winter ist es bisher nicht gelungen, zwei sehr wichtige Zeugen zu ermitteln, nämlich zwei junge Leute, anscheinend Gymnasiasten, die am Sonntag, 11. März, gegen 2 Uhr Nachmittags sich auf der Danzinger Straße in der Nähe der Mauerstraße bei Winter befunden haben. Einer von ihnen soll ebenso groß wie Winter, der Andere kleiner gewesen sein, und einer einen grünen Hut getragen haben. Eine namhafte Belohnung wird diesen beiden jungen Leuten, wenn sie sich melden, oder Demjenigen zugesichert, der ihre Namen angibt/ Kreisschulinspector Rhode, welcher gegenwärtig in Danzig eine Uebung als Hauptmann der Landwehr absolvirt, hat in Anbetracht des Umstandes, daß seine Familie durch den bekannten Fund des Taschentuches seiner Frau in die Mordaffaire verwickelt wurde, eine militär-ehrengerichtliche Untersuchung gegen sich beantragt. Der Kronzeuge der Antisemiten in der Konitzer Mordaffaire, der dortige Gasarbeiter Mas!off, ist, wie nunmehr gemeldet wird, unter dem Verdachte des Meineides in Haft genommen worden. Die Aussagen, die er unter seinem Eide in der Mordaffaire vor dem Untersuchungsrichter wiederholt gemacht hat, waren für den Schlächter Levi und deffen Söhne in so hohem Grade belastend, daß sie sicher zur Verhaftung derselben unter dem Verdachte des gemeinsam mit Anderen an dem Gymnasiasten Winter begangenen Mordes geführt haben würden, wenn'sich die Aussagen nicht als unhaltbar und unbegründet erwiesen hätten. Masloff hat seine Angaben fortwährend abgeändert und sich dabei in so schroffe Widersprüche verwickelt, daß der Verdacht des Meineides gegen ihn sich immer mehr verdichtete und nunmehr zu seiner Haftnahme geführt hat. Standrecht in Könitz. Könitz, 11. Juni. Am Sonntag Vormittags kamen neue Ruhestörungen vor. Die Polizei und die Gendarmerie erwiesen sich als machtlos. Nachmittags wurde die Synagoge demolirt. Der Criminalcommiffär Wehn wurde angegriffen und mußte sich flüchten. Abends traf eine Compagnie des Graudenzer 14. Regiments ein, welche die Straßen säuberte. Das Standrecht wurde proclamirt. In Könitz wie in den angrenzenden Theilen von Westpreußen und Pommern herrschen in Folge der antisemitischen Verhetzung beispiellose Zustände. In Könitz selbst ist es zu offenem Ausruhr gekommen, die Berichte von dort lauten sehr ernst, die Staatsregierung sieht sich durch diese scandalösen Zustände vor verhängnißvolle Entschlüsse gestellt. Die Heranziehung einer 'großen Truppenmacht und die Proclamirung des Standrechtes sind die ersten ernsten Folgen einer gewissenlosen Agitation, deren vergiftende Wirkungen sich in ihrer ganzen Tragweite noch nicht übersehen lassen. Einer der Berichte aus Könitz erzählt unter Anderem: Die Demonstrationen vom Sonntag trugen alle Anzeichen des Aufruhrs und der Empörung an sich. Es war ein offenbar planmäßig hervorgerufener Aufstand. Radfahrer hatten schon am stützen Morgen in allen umliegenden Dörfern die Landbewohner alarmirt und bald darauf durchzog eine johlende, tosende und tobende Menschenmenge die Straßen der Stadt. Der beliebte Landrath wirkte begütigend auf die Menge ein, doch vergeblich. Der Bürgermeister durste sich nicht sehen lassen, ohne verhöhnt oder beleidigt zu werden, und mußte vor der Bolkswuth flüchten. Die Polizeibeamten wurden thätlich angegriffen, Arrestanten wurden losgeriffen, kurz es war offene Empörung gegen die Staatsgewalt. In den Fenstern jüdischer Häuser wurde des Abends kaum eine Scheibe ganz gelassen, faustgroße Steine wurden in die Jnnenräume geschleudert. Bei der Synagoge kam es zu besonders wüsten Scenen, Gendarmen wehrten vergebens die Menge ab, Fenster und Thüren wurden eingeschlagen. Graudenz, 11. Juni. Das 1. Bataillon des 14. Regiments begab sich heute Früh mittels Sonderzuges nach Könitz. Könitz. Montag Abends ist ein Bataillon Soldaten auf telegraphischen Befehl des Kaisers eingerückt. Die Maueranschläge enthalten ausdrücklich die Bemerkung, es sei der Befehl des Kaisers, daß das Militär hier so lange bleiben soll, bis die vollsten Garantien für dauernde Austechthaltung der Ruhe gewährleistet sind. Auf Befehl des Kaisers hat die Stadt die Kosten dieser militärischen Expedition zu tragen. Berlin, 11. Juni. Ein Artikel der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" über die Konitzer Angelegenheit betont, daß die Behörden bestrebt seien, objectiv und nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu ermitteln und die Schuldigen zur Strafe zu ziehen, tadelt die parteipolitische Agitation, durch welche zahlreiche unwahre Behauptungen über die Ergebnisse der Untersuchung verbreitet werden, und erklärt, daß die mit allem Ernste angestellten Ermittlungen nichts ergaben, was die Annahme eines jüdischen Ritualmordes rechtfertigen könnte Der Artikel appellirt an die betheiligten Bevölkerungskreise, die. Behörden bei der Lösung ihrer schwierigen Aufgabe zu unterstützen, fordert insbesondere die Konitzer Bevölkerung auf, zur Besonnenheit zurückzukehren, und warnt vor Ausschreitungen, die nicht nur für die Thäter selbst, sondern auch für die gesammte Einwohnerschaft von Könitz von den schwersten Folgen begleitet sein müßten. Währenddem trägt die antisemitische Hetze in Könitz ihre Früchte. Wie bereits kurz gemeldet wurde, entstand am 7. Juni dort ein Brand auf dem Synagogen-Grundstück. In den späten Abendstunden fanden aber wiederum lärmende Straßenkundgebungen gegen die Juden statt. Um 10 Uhr ertönte Feueralarm; es brannte ein zur Synagoge gehöriger Schoppen. Das Feuer griff auf die benachbarten Schoppen de- Malers Heyn und des Kaufmannes Petzold über. In dem letztgenannten Schoppen lagerte Benzin, das man jedoch rechtzeitig hinausschaffen konnte. Alle drei Schoppen brannten, trotzdem zwei städtische Spritzen in Thätigkeit waren, nieder. Der Landrath und der zweite Bürgermeister waren zur Stelle. Gegen 1 Uhr war das Feuer gelöscht und hatte der Lärm auf den Straßen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.