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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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«r. 24 Vr. Bloch's Wochrnfchrifl. Seite 449 erregt hätte, beschloß das Directorium auf Antrag des Präsidenten des literarischen Comites das Werk dennoch einigermaßen zu subventioniren. Dieser Beschluß veranlaßte nun den früheren Präsidenten, Rabbiner Dr. Samuel' Kohn von der Leitung der Literaturgesellschaft zurückzutreten, ungeachtet dessen bei der diesbezüglichen Beschlußfassung gleich im Vorhinein eine Erklärung abgegeben wurde, daß das Directorium sich mit dem Inhalt und der Tendenz der Schrift nicht identificire. Da Dr. K o h n unabänderlich bei seiner Resignation verharrte, so wurde dieselbe unter großem Bedauern zur Kenntniß genommen und an seine Stelle der bisherige zweite Präsident, kön. Rath Dr. Philipp W e i nm ann gewählt, an dessen Stelle wieder Rabbinerseminar-Professor Dr. Wilhelm Bacher trat. Nachträglich aber verzichtete der Urheber des ganzen Aufsehen erregenden Vorfalles auf die angesuchte und bereits bewilligte Subvention. Tant de bruit pour une Omelette. Das diesjährige Jahrbuch, welches in Begleitung des zweiten Bandes der Bibelübersetzung (die ersten Propheten) an die Mitglieder verschickt wurde, ist sowohl hinsichtlich seiner äußeren Ausstattung als auch seines gediegenen inneren Inhaltes seiner Vorgänger würdig. Wre in jedem Jahr, ist es auch beuer der Sammelplatz durchgehends interessanter Arbeiten, die wir hier der Reihenfolge nach anführen: P e t ö f i: eine von Adolf H a v a s anläßlich der 50. Jahreswende des Todes dieses phänomenalen ungarischen Dichters geschriebene Studie. Aus den vom Verfasser mitgetheilten Aufzeichnungen Petösi's, welche dessen Gesinnung den Juden gegenüber kennzeichnen, heben wir diejenige aus dem Jahre 1848 hervor, die er unter dem Eindrücke der Preßburger Judenkrawalle geschrieben: „Deutsche Bürger, ich klage Euch vor der Nation und der Nachwelt an ... die Zeit der Belohnung und der Bestrafung ist angekommen und noch nicht vorüber! ... Warum verfolgt Ihr die Juden, wie könnt Ihr es wagen, sie hier bei uns zu verfolgen?! Habt doch wenigstens so viel Ehrgefühl, daß Ihr die Nation, auf deren Boden Ihr Euch mästet, wenn Ihr sie schon nicht liebet, so doch wenigstens sie nicht besudelt!" Mit seiner Zornesgeißel hieb er auch auf jene elenden Winkelschreiber ein, welche die Freiheitskämpfer damit verleumdeten, daß sie von den Juden bestochen wurden. „Die Elenden," ruft er, „wissen es nicht, oder wollen es nicht wissen, daß es ehrenhaftere Männer, als sie sind, gibt, welche nicht Sklaven des schmutzigen Eigennutzens, sondern Freunde der reinen Wahrheit und Humanität sind." Radbinerseminar-Professor Dr. Wilhelm Bacher bietet mit einem kurzen Artikel „Der hebräische Sirach in Gefahr" einen klaren Einblick in den Gelehrtenstreit über den vor wenigen Jahren entdeckten hebräischen Sirachtext, aus welchem ersichtlich ist, daß das Alter des Textes in neuester Zeit nicht nur von dem Oxforder Professor Dr. S. Margolwuth, sondern auch von Israel Levy, dem Redacteür der „Revue des etudes juives“ um fast tausend Jahre vermindert wird. Adolf Agai, der bekannte Feuilletonist und geistreiche Causeur, beginnt im diesjährigen Jahrbuch unter deni Titel: „Alte T a g e b u ch b l ä t t e r" Mittheilungen aus den autobiographischen Aufzeichnungen seines Vaters. Die literarische Kunst des zum Kernmagyaren gewordenen pietätsvollen Sohnes reproducirt die von seinem vor 80 Jahren gus Galizien eingewanderten Vater niedergeschriebenen trockenen Thatsachen mit einem köstlich humoristischen Schmelz überzogen. Lehrreich ist der Artikel Franz Szekely's: „Zahlen und deren Lehren", worin der Verfasser auf Grund seiner Zahlenstudien für die kirchliche Organisation des ungarischen Judenthums und für die Ablenkung der Heranwachsenden jüdischen Generation vom Gelehrtenstudium plaidirt. Die jüdischen Eltern sollten fürwahr die gutgemeinten Rathschläge dieses gewiegten Nätionalökonomen befolgen und ihre Söhne mehr der Landwirthschaft zuführen. Freilich bleibt es dahingestellt, ob man damit den Herren Antisemiten nicht wider einen neuen Stein des Anstoßes in den Weg legt, denn den Leuten dieses Kalibers kann ja der Jude nie recht thun. In dem Artikel „Der Kirchen g ei st und die Juden", von dem Historiker und Publicisten Dr. Ignaz Acsady, wird in interessanter Werse dargelegt, wie die anfangs verfolgte und sich nach Toleranz sehnende christliche Kirche, später, als sie zur Herrschaft kam und orgamsirt war, Andern gegenüber mehr keine Duldung kennen wollte und das freie Denken verbot. Vom XI. Jahrhundert angefangen wendete sich ihre Intoleranz auch gegen die Juden und hetzte auch die Ungarn, mit denen die Juden sin friedlichem Verkehr lebten, gegen unsere Ahnen. Die Acten des Culturfondes betitelt sich die übersichtliche Darstellung der Geschichte des jungen, bekanntlich aus Anlaß des denkwürdigen ungarischen Millenniums gegründeten jüdischen Culturfondes, welche aus der Feder des verdienstvollen Secretärs der Pester Chewra-Kadischa Dr. Franz M e z e y herrührt. Den Zweck des Culturfondes darlegend, schildert er mit seiner gewandten Feder die unüberwindlichen Hindernisse, die sich der Verwirklichuug seiner civilisatorischen Aufgabe unter unseren Glaubensbrüdern im nordöstlichen Ungarn (in den Comitaten Marmarosch, Bereg und Ung.) entgegenthürmen. In plastischer Schilderung führt er den Lesern ein trauriges Bild der dortigen jüdischen geistigen Versunkenheit und des wilden Zelotismus vor, an dem selbst die von den besten Absichten geleiteten culturellen Bestrebungen Schiffbruch leiden. Diese Zeilen, welche für die gebildeten Juden Ungarns tiefbeschämende Zustände schilderten, erschienen gerade um die Zeit, als die antisemitische Rede des Regierungscommissärs Egan im Abgeordneteuhause und im ganzen Lande so viel Aufsehen erregte. Dadurch wurde dieser Artikel sehr actuell, zumal auch die Expektoration jenes Regierungsorganes gerade jene Juden zum Ausgangspunkte seiner befangenen Philchpika nahm. Vom besonderen Interesse war im heurigen Jahrbuche auch die gelehrte Abhandlung: Kanaanitische Z a u b e r q e st a l t e n von dem Großwardeiner Rabbiner Dr. Leopold Ke cs kem e ti, welcher, wie Eingangs erwähnt, mit seiner dem Literaturverein vorgelegten religionsgeschichtlichen Werke in der ruhigen Gelehrtenversammlung solch' heftige Emotion verursacht. Die Arbeit, die sich blos mit den in Deuteronomium vorkommenden diesbezüglichen Gestalten befaßt und nur ein Theil des großangelegten kritisten Werkes zu sein scheint, zeigt von der vollständigen Beherrschung des grundlegenden wissenschaftlichen Apparates, mit welchem der Verfasser arbeitete und gibt uns einen Vorgeschmack des bald zu erscheinenden Gesammtwerkes. Seminar-Professor Dr. Heinrich Bloch, der als Historiker auch fletßiger Mitarbeiter des Pester Lloyd ist. führt in einem gegenwärtig besonders bemerkenswerten Artikel die antisemitische Presse der großen französischen Revolution vor, von deren einstiger Existenz nur Wenige wußten. Wir ersehen daraus, daß die Vorläufer Drummont's und seiner Sippschaft mit denselben verwerflichen Mitteln das Volk zu bethören suchten. Ein Bild voll Satyre aus dem Leben moderner, alle gesellschaftlichen Allüren nachäffender Juden bietet uns Frau Bertha Hermann-Politzer mit ihrer Skizze: Herr und Frau Moriz S z a r v a s; Rabbiner Dr. Max P o l l a k (Oedenburg), Verfasser der Geschichte der Juden in Oedenburg liefert historische Rotizni aus d e r V e r g a n g e nheit deralten jüdi schen Gemeinde zu Matter sd o r f. Mit einer hochinteressanten tiefen Betrachtung über die Gegenwart und Zukunft unsererReligion stellt sich im heurigen Jahrbuch Rabbinerseminar - Professor Dr. Ludwig Blau ein. Die Arbeit war vorher auch Gegenstand einer mit vielem Beifall aufgenommenen Vorlesung in der israelitischen Literaturgesellschaft. Der gelehrte Theologe gelangt in seinen Betrachtungen zu der tröstlichen Conclusion, daß die moderne Bildung dem Judenthume ebenso wenig Gefahr bringe, wie einst die hellenische und arabisch Bildung. Unser vor 20 Jahren wegen antisemitischer Zurücksetzung nach Frankreich ausgewanderter Landsmann, Dr. Ignaz tont, welcher jetzt dort eine Professorenstelle bekleidet, würdigt in einem Lebensbild den französischen Dichter und Pädagogen Eugen E m a n u e l. Lehrerseminar-Professor Tr. Samuel Kraus, der auch schon in wissenschaftlichen Kreisen des Auslandes bestbekannte Philologe und den auch die Leser der Wochenschrift als Mitarbeiter dieses Blattes kennen, bespricht die i ü d i s ch e n Handschriften der Ofner Corvina-Bibliothek. Schriftsteller Hugo H a z a i reproducirt einige schon vor Jahrhunderten in kerniger ungarischer Sprache geschriebene jüdische Gebete der Siebenbürger Sabbathäer, welche er gelegentlich seines vorjährigen Besuches bei ihnen vorgefunden. Der Artikel bildet eine interessante Ergänzung zu der von Rabbiner Dr. Samuel Kohn, dem gelehrten Geschichtsforscher der ungarischen Juden im Jahre 1889 veröffentlichten gediegenen Monographie dieser Unitariersecte, welche im Jahre 1867 offen zum Judenthume übertrat. Die folgende philosophische Abhandlung: Derreligiöse Optimismus stammt aus der stylistisch-glänzenden Feder unseres Landsmannes, des Berner Univerfitätsprofessors Dr. Ludwig Stein. Sie gelangte im vorigen Jahre auch in der Berliner israelitischen Literaturgesellschaft zur Vorlesung. Rabbiner Dr. Gabriel Schwarz (Karlstadt), trägt in einem fesselnd geschriebenen Artikel geschichtliche Notizen über die k r o atischenJuden zusammen. Dr. Simon Meller plaidirt in einer kurzen Betrachtung: Der Budapester neue jüdische Tempel dafür, in den Synagogenbauten den Renaiffancestyl einzuführen. Rabbiner Dr. Alexander B ü ch l e r (Keszthely). der fleißige und glückliche Forscher auf dem Gebiete der Geschichte der ungarischen Juden, stellt sich mit historischen Mittheilungen aus den zwei letzten Decennien der vorigen Jahrhunderts ein. Dieselben führen den Titel: De judaeis. Die nachfolgende literarhistorische Studie: Michael Tompa, das Evangelium und dieAgada hat den Professor Dr. Bernhard Heller zum Verfaffer. der in den Dichtungen dieses großen ungarischen Poeten, besonders aber in seinen Legenden, viele agadische, in anderen wieder rabbinische Elemente nachweist. Rabbiner Dr. Mathias Eisler (Klausenburg), behandelt die hebräischen Studien Johann Apaczai Cs er i's, eines im 17. Jahrhundert lebenden ungarischen Gelehrten, welcher nicht nur in der heiligen Schrift, sondern auch in deren Commentaren bewandert war. Mit diesem Artikel schließt die lange Reihe der wissenschaftlichen und belletristischen Arbeiten des diesjährigen Jahrbuches, dazwischen find aber in schön abwechselnder Aufeinanderfolge viele poetische Arbeiten eingestreut, welche theils schwungvolle, von jüdischer Begeisterung getragene Originaldichtungen, theils gelungene Uebertragunaen jüdischer Dichtungen und agadischer Sagen, theils wieder Ueoersetzungen deutscher und czechischer Poeme find. Als poetische Mitarbeiter des Jahrbuches figuriren Prof. Heinrich L e n k e i, Rabbiner Dr. Moriz Klein, Adolf P e r e n y i, Rabbiner Dr. Simon Händler, Bela T e l e k e s, Attila G e r ö u. Alexander T e l e k i.

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