Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021356--09972-3034428
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Seite 445 V'^ch's WochenfrlirM zur Ableitung der in den Massen gährenden Unzufriedenheit zu benützen verstanden. Entziehen wir ihm diesen Blitzableiter und die elektrische Spannung wird sich früher oder später gegen ihn selbst entladen. Nach der Sanctionirung der famosen Wahlreform hielten viele einsichtige und wohlerfahrene Politiker den Wahlkampf im Großen und Ganzen für aussichtslos, und wir Juden mußten und müssen uns die Frage vorlegen, ob selbst ein partieller Erfolg in einem einzigen Bezirke uns dafür zu entschädigen vermag. daß wir die einzige Zielscheibe für die vergifteten Geschoße der Gegner abgeben. Da es sich gezeigt hat, daß der liberalen Partei keine christlichen Wähler mehr zur Verfügung stehen und der Wahlkampf in einen Religionskrieg zwischen Juden und Christen sich zu verwandeln beginnt, — so ist Zeit, daß die Juden erklären: einen solchen Krieg führen wir nicht, lieber überlassen wir das Feld den Gegnern. Wir erinnern an das Wort des Propheten: „Auf mein Volk, geh' in De.n Gemach, schließ die Thüre hinter Dir, birg Dich eine kurze Weile, bis daß der Grimm vorübergezogen." (Jes. 26. 20.) Es wäre wohl endlich an der Zeit, daß die Wiener Juden diesen Mahnruf beherzigen. — M. Einen anderen und entgegengesetzten Standpunkt nimmt der geschätzte Einsender nachstehender Zuschrift ein: An die „Oesterr. Wochenschrift". Die Diplomaten und Leisetreter haben eine bequeme Taktik, aber sie führen uns in den Sumpf. Gleich mir sind wohl tausende Juden durch die mattherzige theilnahmslose Haltung mehrerer jüdischen Organe Wiens während der letzten Wiener Wahlen irre geworden uud da immer bei großen Niederlagen „Verrath" geschrieen wird, so konnte ein Fernstehender zeitgemäß fragen: „Hat selbst das einst so schneidige, kampfesfreudige Blatt von den Antisemiten ein Schweiggeld bekommen?" Absurde Frage. Antisemiten sollen mitunter gerne Geld genommen haben vom Juden, aber den Judenblättern Geld geben! Nein das thun sie nicht. Ihr Schweigen hatte demnach principielle Motive! Nun soll es aber öffentlich in voller Aufrichtigkeit besprochen werden, wenn Fehler geschehen sind, damit sie sich nicht wiederholen. Das Verkriechen oder Davonlaufen war immer eine schlechte Taktik. Mehr als je brauchen die unglücklichen, verfolgten, jüdischen Bürger dieses Staates Muth und Beharrlichkeit. Sie müssen ihre bürgerlichen Rechte ausüben, damit' sie ihnen nicht leicht genommen werden. Die Juden haben den Vortheil. daß in dieser reaktionären Zeit das Interesse der Allgemeinheit, der Menschheit identisch ist mit dem ihrigen. Sie sind aber schon aus Rücksicht für die eigene Selbsterhaltung verpflichtet, das trübe glimmende Licht bürgerlicher Freiheit vor dem Verlöschen zu schützen. „Juden heraus" müssen wir rufen, weil man drüben ruft Juden hinaus. Mann für Mann unter Zurückstellung aller anderen Sorgen, mußten sie in den Wahlkämpfen ihr Wahlrecht als Wahlpflicht auffaffen. Die Vorsteher, die Vertrauensmänner, alle die in vorderer Reihe stehen, mußten in Extraausgaben Alarm schlagen, die Vereine und Corpor^tionen mußten ihre Mitglieder anfeuern, von Haus zu Haüs, von Mann zu Mann mußte es verbreitet werden. Ein Schuft wer wegbleibt! Bon all dem ist leider wenig, fast gar nichts geschehen und die Christlichsocialen blieben Sieger. Allein im zweiten Bezirke wurde durch die Energie Ferd. K l e b i n d e r's mit Hilfe einiger Männer: Hofrath K a r e i s, Eltbogen, Stiaßny, Spiegler, Po llaczek u. A. ein erfolgreicher Widerstand geschaffen. Es war ein harter Kampf nicht nur gegen die Indolenz der Juden. Nur durch die christlichen fortschrittlichen Wähler, voran die Gemeinderäthe Helbig, Mäher, Müller wurde der Sieg errungen. Von den Mischen Wählern blieben trotz aller Mahnungen im 3. Wahlkörper ca. 500, im 2. Wahlkörper ca. 300, im 1. ca. 150 der Wahlurne fern. Urbi et orbi soll es bekannt werden, daß Juden ihre Pflicht versäumten, weil sie Tags vorher zum Vergnügen nach der Schweiz oder Paris verreisen mußten, andere wegen eines Geschäftes nach Napagedl oder Preßburg, Biele, weil sie zwar in Wien waren, aber von ihrem Geschäfte nicht abkommen konnten, da wäre ihnen ja vielleicht ein Schaden von 2 bis 3 fl. entstanden. m Einzelne auch konnten aus dem Kaffeehause nicht abkommen. So geschah es im 2. Bezirke und Grelleres noch kam in den anderen Bezirken vor. Müssen wir uns da nicht sagen, daß wir unser Los verdienen? Will man auf die Einsicht oder die Barmherzigkeit unserer Verfolger speculiren? Wo blieben in dieser Zeit der Noth unsere Primatoren, wo die politischen Vereine? (Ausgenommen der jüdische Volksverein, der sich rührte.) Wahrlich, wenn wir nicht ernstlich zum Rechten schauen, so wird man uns einst im Unglück das Wort sagen dürfen, das Boabdil auf dem Wege ins Exil von seiner Mutter hören mußte: „Weine wie ein Weib um das, was Du nicht als Mann zu schützen wußtest." Wien, am 11. Juni 1900. Alois Brill Riemenfabrikant II. Taborstraße Nr. 71. Der unlautere Wettbewerb. ui. Wien, Juni. Was ist unedler Wettbewerb? Wo die Begriffe fehlen, stellt zur rechter Zeit eine Unterstellung sich ein. Man kann eine Wette eingehen, daß diejenigen, die sich die Sittenrichtern zurechtgelegt, am wenigsten Anspruch zu machen berechtigt sein dürften, sich auf den Cato hinauszuspielen. Die an der Macht sind, an der Schüffel sitzen, können sich leicht ealuniniare auckaeter zur Devise machen, es bleibt ja immer etwas hängen. Der Bedrängte, Unterdrückte, Angeseindete, Geschmähte und Verdächtigte aber hat ein hohes Interesse daran, daß das Terrain, auf dem er sich bewegen muß, glatt und eben sei, daß Gepflogenheit, Ordnung und Gesetz genau umschrieben sind, damit ihm nicht Fallen gelegt, damit er nicht hinterrücks angefallen, damit ihm nicht imputirt und nicht insinuirt werden könne. In einer gleichen Situation befinden sich die Juden, welche Stellung sie auch einnehmen mögen. Mit wahrer Aengstlichkeit geht jeder Jude an die Verrichtung seines Tagewerkes. Wird doch strenges Gericht über ihn gehalten, jede seiner Handlungen unter die Lupe gehalten und jede seiner Actionen einer hochnothpeinlichen Untersuchung unterzogen. Wehe ihm dann, wenn er auch nur um Haaresbreite von der idealen Linie des Rechtes, der Sitte und der Ordnung abgewichen, wenn er sich nur die geringste Jncorrectheit hat zu schulden kommen lassen. Und es ist gut, daß dem so ist. Der Jude wird aus der derzeitigen Sturm- und Drangsalepoche geläutert hervorgehen, sein Charakter wird gestählt werden und -wie er schon derzeit über die Mittelmäßigkeit hervorragt, wird er dann thurmhoch die Talmicatone überragen, die selbst nur von der Corruption ihre Existenz fristen und die Situation in egoistischer Weise ausbeuten, die ans Schamlose hart streift. Die Aufgabe dürfte wahrlich nicht schwer fallen, den Nachweis zu erbringen, daß die Juden derzeit auf allen Gebieten des Verkehres eine geachtete hervorragende Stellung einnehmen und wie schon letztens bemerkt, in vielfacher Richtung mustergebend, häufig sogar bahnbrechend gewesen und es noch weiter sind. Vorausgeschickt und erinnert muß werden, daß den Juden erst seit den Fünfziger-Jahren möglich ist, sich auf industriellem und gewerblichem Gebiete zu bethätigen. Im Vormärz konnte allerdings jeder Jude eine Licenz auf k. k. privilegirten Großhandel oder auf ein k. k. Fabriksbefugniß erwerben. Es braucht aber nicht erst darauf hingewiesen zu werden, daß von dieser Facultät nur in den allerseltensten Fällen Gebrauch gemacht werden konnte. Der Capitalsreichthum war im Vormärz überhaupt nicht groß. Unter den Juden aber herrschte im Allgemeinen Armuth, vielfach auch Noth und Elend. Die Befugnisse für Großhandel oder Fabriksbetrieb waren mit enormen Steuern und Abgaben verbunden, die allein schon ein für damalige Zeiten relativ großes Vermögen repräsentirten, über welches nicht der tausendste Jude zu verfügen so glücklich war. Die freiheitlichen Errungenschaften der Achtundvierziger- Bewegung gingen für die Juden bald verloren, als Bodensatz blieb aber doch eine, wenn auch nicht große Liberalität auf gewerblichem und industriellem Gebiete. Allein auch dieser bescheidene Bodensatz von Liberalität wurde von der Concordatsepoche nahezu gänzlich confiscirt. Trotzdem warfen sich die Juden mit allem Feuereifer auf die Exploitirung des schmalen Terrains. Erheblich eingedämmt wurde dieser Eifer freilich durch allerhand

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.