Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 24 (15.6.1900)
- Date
- 1900-06-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021356--09970-3034426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24 Dr« Bloch's Wochenschrift. Seite 443 das thu' auch einem Anderen nicht. Wie sieht aber dieser Grundsatz in der Anwendung aus? Oder gilt er nur sür den Christen gegen Christen oder ab^r gar nur innerhalb desselben Volkes? Drastischer läßt sich der Widersinn der sogenannten Fremdenpolitik in Europa gar nicht demönstriren, als er durch die Vorgänge in China dargelegt wird. Aber aus dem zwiespältigen Verhalten der europäischen Völker und ihrer Regierungen geht — wie eben di< Vorgänge in China unzweifelhaft erweisen — ebenso unwiderleglich hervor, daß nicht Culturinteressen, nicht Moral und Ethik die Schritte der Regierungen leiten, sondern Handelsinteressen. Und diese Völker und Regierungen, die den armen Juden zum Vorwurf machen, daß sie ein Handelsvolk seien, sie geben zu erkennen, daß ihr ganzes Streben, und Trachten von keinem anderen Beweggründe geleitet ist als vom Handel. Das ist die Moral der chinesischen Wirren. A. Wiener. Köder für die Juden. Es ist merkwürdig! Man behandelt die Inden als quantite negligeable, ja als quantite detestable und bewirbt sich doch um ihre Stimmen. Sie haben nicht Stellen noch Aemter zu vergeben, nicht Macht noch Einfluß zu üben, sie sind die Gedrückten und Entrechteten und dennoch drängt man sich immer wieder an sie heran! Es ist nicht zum erstenmal geschehen, daß den Inden der Köder hingesteckt wurde, sie sollten doch die Fahne des Liberalismus verlassen, ihren Freisinn abschwören und sich zur Gefolgschaft der — euphemistisch bezeichneten — „Conservativen" bekennen, wie es vor wenigen Tagen geschah. Vor mehr als zehn Jahren ist derselbe Ruf an sie ergangen. In den letzten Tagen der Taaffe'schen Aera war es, ^als man ihnen die Lockspeise hinhielt, an die die Juden anbeißen sollten, um der Sache der Freiheit und des Rechtes untreu zu werden und fast mit denselben Worten wie jüngst, sagte man ihnen damals, was habt Ihr von Freiheit und Recht? Die Liberalen können sie Euch nicht geben und Euer Vortheil müßte Euch sagen, daß Ihr nur von den herrschenden Parteien Scbutz zu erwarten habt, also zieht den alten Adam aus und werdet Conservative; der Liberalismus ist ja ohnedies todt und Ihr werdet ihn auch nicht zum Leben erwecken, die Socialdemokratie ist aber eine Zerstörungspartei, die bringt mit den Anderen auch Euch um; also werdet Conservative! Aber siehe da, die angeblich so auf materiellen Gewinn versessenen Juden hatten für diesen Handel so gar kein Verständniß; sie zogen es vor gesinnungstreu zu bleiben und wenigstens freie Männer zu heißen, statt sich zu „Schutzjuden" selbst zu degradiren und wie sie damals den vorgehaltenen Leckerbissen versckmähten, der doch wenigstens offenbar von anständiger Seite kam, so lehnen sie jetzt noch vielmehr den Köder ab, da er ihnen von so zweifelhafter Seite präsentirt wird. Nein, die Juden werden keine „Conservativen", und welchen Namen sich auch die reactionären Kreise geben werden, sie werden den Grundsätzen treu bleiben, die sie als die richtigen erkannt haben, unbekümmert um die Verhetzungen, die sie erleiden, um die Drohungen, die sie erschrecken sollen, um die moralischen und materiellen Nachtheile, mit denen man einen Druck aus sie ausübt. Ihre Erkenntniß, die Geschichte und die Ehre schützt sie davor, jemals den Verlockungen Gehör zu geben, und sie zur Untreue an sich selbst zu verführen. Es gibt unter den Juden Männer der verschiedensten politischen Anschauungen, der verschiedensten Interessen und es ist nur ein erbärmliches Escamoteurstück ihrer Feinde, stets „die Juden" an die Stelle „des Juden" zu stellen und für das, was der Eine sinnt oder thut, Alle verantwortlich zu machen. Ohne uns mit den Verschiedenheiten unter den Juden aber weiter zu befassen, können wir doch sagen, daß sie darin Eines sind von dem sogenannten politischen ConservativisnmS" der ihnen jetzt als angeblicher „Rettungsanker" geboten wird, nichts wissen zu wollen. Ihre Ehre gebietet ihnen treu zu bleiben und sie waren treu und werden treu bleiben. Die christlichen Märtyrer haben ihre Vorbilder in den jüdischen Märtyrern und der alte Geist lebt in diesem viel tausendjährigem Volke ungebrochen fort. Die Geschichte warnt sie auf diese Lockungen und Anbiederungen zu hören. Wo immer und wann immer diese „Conservativen" das Regiment führten — die Juden haben es gebüßt, in Deutschland und in Spanien, in Rußland, wie im alten Frankreich und im Frankreich der Nationalisten. Von dieser Seite kann nie Gutes und wird nie Gutes kommen für die Juden und es wäre die größte und verderblichste Selbsttäuschung, wenn man diesen Sirenenstimmen je nachgehen wollte. Der ganze Antisemitismus hat nicht im Nationalismus seinen Rückhalt, sondern nur in derjenigen Macht, der der Liberalismus ein Stein im Wege ist, welche die Aufklärung bekämpft und mit dem weltlichen, das geistige Joch den Völkern auf den Nacken setzen will. „Gegen die Juden" ist der Schlachtruf dieser Macht, weil sie mit demselben alle Instinkte für sich in den Kamps führen kann, nationale, religiöse und materielle. Jeder dieser Instinkte ist wie eine Blende vor den Augen der Menge, daß sie nicht sieht, wer sie am Seile führt und wohin sie geführt wird. Die Freien und die Juden, die Juden, die nicht als Schutzjuden abhängig sein wollen von dem guten Willen ihrer Schutzherren, vermöchten doch, wenn man nicht das freie Wort knebeln und den freien Gedanken unterdrücken würde, Zeugniß abzulegen für Recht und Gerechtigkeit und deshalb führt man den Kampf gegen die Presse, die man als die. jüdische hinstellen will, deshalb macht man auch hier wieder das Wort eines Freien oder eines Juden zu dem Worte der Freien, der Juden und hetzt die Menge auf gegen die Gesammtheit, selbst wenn man sich den Anschein gibt, sie gewinnen zu wollen. Schon dieser eine Umstand zeigt den Juden den so künstlich maskirten Pferdefuß und sie müßten mit Blindheit geschlagen sein, wenn sie die Falle nicht sehen würden, in die man sie locken will. Einen Schritt vom Wege und sie wären physisch und moralisch in den Abgrund gestürzt. Aber nein! uns ist nicht bange, daß auch nur Einer den Köder nicht erkennen würde! Was der Verstand nicht erkennen würde, müßten ja die Augen sehen. Von wem wird die Leimruthe ausgesteckt? Ist das die Stimme eines Maßgebenden, die zu den Juden spricht oder auch nur eines Ueberzeugten? Nein! Es ist die Stimme eines Käuflichen, eines Mannes von dem wir nicht wissen, in wessen Solde er heute schreibt oder morgen schreiben wird, eines Mannes, dessen politischer Charakter keine Gewähr bietet und der zudem nicht einmal ein Officier der Conservativen, sondern vielleicht nur ihr Landsknecht ist, den sie morgen wieder davonjagen werden! Die Gefahr ist nicht vorhanden, daß die Juden oder auch nur ein Jude sich von diesem Köder angeln ließen und so war der Fühler wohl umsonst ausgesteckt. Ganz umsonst doch nicht! Er zeigt uns einerseits, wohinaus die Wege dieser Conservativen gehen und er zeigt uns, daß ihnen doch vor ihren Bundesgenossen bange ist. Sie sehen selbst, wohin der Nationalismus als Racenantisemitismus führt, sie ahnen die sittliche Zerstörung, die sie mitheraufbeschworen, sie sehen die Zersetzung voraus, die als unvermeidliche Folge eintreten muß, und sie möchten gern den Teufel abschütteln, den sie zu Hilfe gerufen haben. In diesen Proceß brauchen wir Juden nicht einzugreifen. Er geht von selbst seinem Ende entgegen. Die Zeit seines Zusammenbruches ist ungewiß, daß aber auch für diese Himmels stürmer die Bäumenicht in dm Himmel wachsen, das ist gewiß. A. Wiener.