Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-15 · 24 (15.6.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
24 (15.6.1900)
Date
1900-06-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021356--09969-3034425
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 442 Nr. 24 Dr. Blocht Wochenschrift» Das ist die Mission, die die Judeuheit in ihrer ganzen Geschichte befolgte, in dem kurzen sonnigen Abschnitt und der langen leidvollen Periode. Der jüdische Staat wirkte durch se ne unvergleichliche Verfassung, seine menschlich-göttliche sociale Fürsorge wie ein Stern aus der Ferne auf die Barbarenvölker. Die Juden des Exils wirkten dann noch mehr ethisch durch ihre gewaltigen Leiden, durch ihren religiösen Heroismus. Die Juden unterschieden sehr fein: Glauben und Religionsgesetz. Jener, der innere Kern des Seelenlebens, die Grundsäule der Moral, kann überall bestehen, ist frei, losgelöst vom Nationalen und kann sich jedem Volke und jeder Zeit anschmiegen. Dieses aber, die Gesetze des Lebens und Handelns, die Normen des Wirkens, bestimmt, das Dasein zu veredeln und es mit der inneren Weltanschauung in Einklang zu bringen, müssen auf realem Boden basiren und dürfen der inner» Natur und der äußern Constellation des Volkes nicht widersprechen. Für das jüdische Volk selbst nun waren beide Theile zu einer untrennbaren Einheit verschmolzen. Sie wußten den schlichtesten, gesundesten Realismus mit dem höchsten Idealismus zu paaren. Sie machten ihre Gesetze so, daß sie zum Schutze der Seele und des Körpers, des Fühlens und des Handelns dienten. Nie ist ein Volk mit seiner Gesetzgebung sich selbst, seinen Lebensintereffen und seiner Zukunft so gerecht geworden, wie die Lehre Mose. Sie ist thatsächlich dasLebensbuch Israels. Ethik und Aesthetik, Humanität und Staats - Weisheit, Gesundheikslehre und Naturrecht, — alles finden wir darin vereinigt. Aus jeder Zeile fast leuchtet der religiöse Gedanke, der reinste und höchste Monotheismus, und der praktische Zweck, die Erhaltu« g eines kleinen gerechten, echt menschlichen Volkes mitten in einer Welt voller Unreinheit und Grausamkeit, deutlich hervor. Konnte diese Lehre in ihrer Totalität irgend einem Volke des Alterthums zugeführt werden? Konnte ein Gesetz, das dem Leben diametral entgegengesetzt ist, auf Erfolg, ja auch nur auf Verständniß rechnen? Gesunde Gesetze können nicht am grünen Tische künstlich sabricirt werden. Sie müssen — in ihren Hauptzügen wenigstens — sich auf das beim Volke übliche Naturrecht stützen. Sind sie nicht schon vorher Sitte gewesen, dann wird die äußere staatliche Sanction nicht viel nutzen. Das war wohl auch der Hauptgrund, warum nicht das jüdische Völk direct aus Egypten nach Palästina geführt wurde. Die Söhne Israels hatten zu lange unter den Ketten der Sclaverei geschmachtet und hatten die Fähigkeit verloren, einen freien Staat zu bilden. Sic waren aber berufen, den Geist einer großen Lehre in sich auszunehmen und in der Geschichte die Rolle eines Culturstaates zu beginnen. Sie mußten erst in der Wüste zur Freiheit und zur Ordnung erzogen werden, es mußte erst der Boden für eine gesunde Cultur geschaffen werden. Die Juden wollten freudigen Herzens allen Völkern den Gedanken der Einheit Gottes, den Urquell aller Sittlichkeit verkünden. Sie wollten durch ihr reines Leben erziehlich auf die Welt einwirken. In diesem Sinne finden wir überall in der Bibel Hinweise. Das Judenthum soll eine Fahne für die Völker sein, sie sollen es bewundern und den Geist Gottes rühmen. Und in diesem Geiste sind auch die meffianischen Verheißungen der Propheten gehalten. Die Völker sollen erst den Monotheismus, die Anbetung des Geistes statt des Sinnlichen, kennen lernen. Sie sollen die Grundlage des jüdischen Glaubens anerkennen. Nicht mehr und nicht weniger. Um das ganze Gesetz Mose zu beobachten, um Leben und Lehre zu verschmelzen — dazu mußte man die jüdische Seele und die jüdische Vergangenheit haben. Es lag keine Ueberhebung darin und der Begriff des Auserwählten war keine Hochmuth, sondern ei» innerer Stolz, ein Ansporn zur Reinheit, zur weitern Veredlung. Es war nur eine richtige Erkenntniß seiner eigenen Natur und der Natur der anderen Völker. Diesem Programm ist Israel stets treu geblieben. Es wirkte durch sein religiöses und sociales Leben zur Verherrlichung der Idee des Gotteskinderthums^ der menschlichen Würde, zur Anerkennung des Monotheismus. Es blieb seinem Berufe treu und wurde zur Mutter aller monotheistischen Religionen, zum Urquell aller Sittenlehre. Das darf als das schönste Ruhmesblatt in seiner Geschichte angesehen werden. (Ein Schlußartikel folgt.) Arische Chinesen und chinesische Arier. Die Vereinigten Staaten haben Euba und die Philippinen noch nicht verdaut, die sie dem Nationalitätenprincip zu trotz sich angeeignet haben, und die Engländer sind noch nicht die Herren von Südafrika, das sie auf Grund des Majoritätsprincips gegen die holländische Minorität zu verschlucken sich anschicken, und schon wieder droht — kaum daß die Tinte auf den Ratifikationsurkunden der Haager Friedens-Protokolle trocken geworden ist, ein neuer schwerer Kamps, der Asien und Europa in Flammen zu setzen droht und bei dem Handelsinteressen und Nationalitätsprincip einander in den Haaren liegen! Ostasien und speciell China ist der Schauplatz dieses Kampfes. Auf europäischer Seite steht diesmal keine Culturfrage. Es ist blos Sucht nach Gewinn und Beutesucht, welche die Staaten antreiben, China wie eine Artischocke blattweise unter sich aufzutheilen. China hat eine alte hohe Cultur; diese mag im Stillstände sich btfinden, aber sie ist unleugbar vorhanden, und sie beruht auf ethischen Grundlagen. Die Chinesen haben auch einen hochentwickelten Familiensinn und es läßt sich gar nicht leugnen, daß sie große geistige Anlagen, eine bemerkenswerthe Literatur und besondere Kunstfertigkeiten besitzen. Mag sein, daß sie in vielen Dingen hinter den Europäern zurückstehen, aber was berechtigt die Europäer, einem Volke von 400 Millionen Menschen ihre Cultur, ihre Religionen, ihre Anschauungen aufzudrängen? Was berechtigt die Europäer, aus dem Leibe Chinas ganze Stücke herauszureißen? Was treibt die Europäer nach China? Nichts anderes als die arische Sucht nach Geld und Gut, die Gier nach Länderbesitz und Machterweiterung. China ist ein reiches Land, reich an Natur- und Kunstproducten, reich an einer gewerdfleißigen, kräftig consumirenden Bevölkerung. Die Erzeugnisse Chinas sich anzueignen und die eigenen Maaren den Chinesen aufzudrängen, das ist der nächste Zweck der europäischen Actionen im fernen Osten. Europa leidet unter Ueberproduction und es sucht Märkte für seine Maare. Auf dieser Suche kennt es keine Rücksicht und wirft Alles über den Haufen, was es im eigenen Heim als Lebensprincip zur Geltung bringen will. Sollen wir daran erinnern, wie England, um seinem Opiumhandel Absatz zu verschaffen, China zwang, dem demorabsirenden Gift Eingang zu gewähren? Sollen wir daran erinnern, wie die Vereinigten Staaten Gesetze machten, um die Chinesen an der Einwanderung und am Erwerbe zu hindern? Was thun nun die Chinesen? Sie wehren sich gegen „fremde" Einwanderung. Sie stellen den Fremden das Princip entgegen, das Russen und Franzosen, Amerikaner nnd Deutsche und selbst die Czechen bei sich zu Hause angewendet wissen wollen. Die Russen verwehren allen Fremden Grundbesitz und Fabriksbetrieb, erschweren die Einwanderung, Naturalisirung und Ansiedlung — die Chinesen wollen dasselbe thun. Die Franzosen treiben, bekanntlich nicht nur den Deutschen gegenüber das Nationalitätsprinop auf die Sp tze. Die wurzelhaften Deutschen haben sich, wie man weiß, auch des Grundsatzes der sogenannten Volksreinheit bemächtigt und diesen politisch und wirthschaftlich auszubeuten gesucht und das „Kauft nicht bei Fremden", ob es in deutscher Sprache oder als svuj k svemu in czechischem Idiom erklingt, ist ja auch nichts anderes als die wirthschaftliche chinesische Mauer. Und nun kommen dieselben Nationen nach China und zetern, weil die „Ritter von der starken Hand" sich der Eindringlinge erwehren wollen, weil eine „national" gesinnte Kaiserin sich auf die Vvlksmassen stützt, um die fremde Bevormundung abzuschütteln, weil sie als Recht will gelten lassen, was zeitweilig „populär" ist? Man wird uns gewiß nicht imputiren wollen, daß wir für die Chinesen und die Chineserei Sympathien hegen oder sie auch nur zum Scheine zum Ausdrucke bringen wollen. Wirzeigen nur, in welchen Widersprüchen sich die sogenannte europäische Politik der christlichen Staaten bewegt und wir demonstriren nichts Anderes, als daß das Nationalitätsprincip, das man hier zum Panier erhebt und in Ostasien bekämpft, eben nichts ist, als eine große Lüge! < . Ist es hier berechtigt, dann haben die Chinesen Recht, die „Fremden" von ihrem Boden zu verjagen und ist es in China .Unrecht — nun dann muß es in Europa auch Unrecht sein. Die christlichen Mächte müßten doch eigentlich nach dem christlichen Grundsatz handeln: was du nicht willst, das dir geschehe,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.