Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr 23 Seite 439 Or. Hvch's Wochenschrift. einmal allwöchentlich der flackernde Schein der Sabbathkerzen. David Mosessohn aber bewohnte ein schönes Haus. Es stand in der vornehmsten Straße neben dem des Rathsherrn Wenzel Slowata. Ein schmales Gäßchen nur trennte die beiden Gebäude und man hätte von der Seitenfront des Slowata'schen Hauses bequem in die Stuben des Juden sehen können, wären dort nicht alle Fenster verhängt gewesen. Aber David Mosessohn sagte zu seiner Tochter: „Wenn Du willst sehen Sonne, so gehe nach den Stuben, die da liegen nach der großen Straße, dort hast Du Sonne. Aber hier muß zu bleiben. Ich mag nichtleiden, daß die Mägde' herübergucken und sich lustig machen über unsere Gebräuche. Ich will auch nicht sehen zu ihnen hinüber." David Mosessohn war klüger als die armen Leute in der Judengasse. Er fürchtete sich nicht vor den Christen, er machte Geschäfte mit ihnen, — aber er verachtete sie. Er besaß nur etwas auf der Welt, das er liebte, für das er sparte, für das er sich mühte — das war sein Kleinod, sein einziges Kind, seine Jessika. Sein Weib war ihm genommen worden, da er noch arm gewesen. Der Hund eines Christen hatte ihr die Brust zerfleischt. Daran war sie gestorben. Man hatte sich entschuldigt und gesagt, es sei ein Unglück gewesen. Aber davon wurde sie nicht mehr lebendig und seit dieser Zeit haßte David Mosessohn die Christen. Seine Jessika entfaltete sich zu einer seltenen Schönheit. Sie war klein, von zarter Gestalt und stark bräunlicher Gcsichtsfarbe, ihre Lippen blühten wie Purpurrosen. Lange seidenweiche Wimpern beschatteten die dunklen, unendlich sehnsüchtigen Augen, in deren feuchtem Glanz eine Welt von südlicher Leidenschaft und Schwermuth lag. Jessika hatte einen weniger jüdisch, als ausgesprochen morgenläudischen Typus. S'e liebte es auch, sich orientalisch zu kleiden und da sie fast nie das Haus verließ, konnte sie es auch ungehindert thun. Wo Juden sich öffentlich zeigten, war ihnen eine bestimmte Tracht vorgeschrieben. *) Jessika brauchte sich nicht darum zu kümmern. Ihr Vater ließ ihr in allem freien Willen. Er brachte ihr die kostbarsten Geschenke, orientalische Stoffe, Schleier, Schmuck. Es gab keinen Wunsch, der ihr nicht erfüllt wurde. David Mosessohn's ganzes Sinnen war darauf gerichtet, dem einsamen Mädchen alles zu bringen, was ihm, wenn auch nur flüchtig, Freude machen konnte. Zuweilen gestattete er Jessika auch, das Haus zu verlaffen. Sie hatte einmal die Bitte geäußert, die armen Juden der Stadt besuchen zu dürfen und ihnen, wenn nöthig, ihre Roth erleichtern zu helfen. Seitdem sah man David Mosessohn allwöchentlich mit dem tiefverschleierten Mädchen nach der Judengasse wandern und wo die Beiden eintraten, kam die Freude mit herein; denn David Mosessohn half den armen Glaubensgenossen mit Rath und That, und Jessika brachte Früchte und Blumen aus ihrem Garten mit und hatte manch gutes, tröstendes Wort für die Kranken und Verzagenden. Da war eine alte, fromme Frau; bei der verweilte sie oft lange und sprach mit ihr von einer fernen, befferen Zukunft. Die alte Sarah Baruch bewohnte die schlechteste, ungesundeste Hütte des ganzen Viertels. Feucht und fieberdunstig war die Luft in der einzig bewohnbaren, niedrigen Stube. Der Oberstock hatte schon vor Jahresfrist wegen allzu großer Baufälligkeit geräumt werden müssen. Die Alte kränkelte und lag oft wochenlang darnieder. Dann sandte ihr Jessika Wein und Arzneien und da die christliche Magd Mosessohn's sich weigerte, in die schmutzige Judengasse zu gehen, so mußte Achim, der Sohn Sarah Baruch's, selbst kommen, um die Gaben zu holen. Und Jessika freute sich, wenn er kam und gewann ihn lieb. „Jessika, mein Edelsteinchen", sagte Mosessohn, „Dein Herz soll nicht begehren nach dem armen Mann. Wenn die Zecken besser sind, wollen wir reisen nach Prag. Sollst Du sehen die schöne Stadt und die reichen Leut'. Da wirst Du finden den Mann, dem Du sollst folgen." Aber Jessika lachte: „Prag ist wohl eine schöne Stadt, aber mein Achim ist mir lieber!" Ihr war nicht sonderlich bange. Sie wußte, daß ihr im Ernste doch kein Wunsch versagt wurde. Biel schwerere Sorgen zogen durch ihr kleines Köpfchen. Was der Vater schonend verschwieg, erzählte ihr Achim. Mit Schrecken erfuhr sie, wie es in der Welt zuging und daß das Unheil sie selbst in nächster Nähe betraf. *) Die Frauen mußten einen grauen Schleier, die Männer den sogenannten Judenhut tragen, (hoher spitziger Hut mit schmaler Krempe.) In manchen Gegenden auch einen gelben Fleck am Kaftan. Johannes Capistranus. der päpstliche Legat war vor kurzem durch die Stadt gezogen unv hatte drei Tage lang auf dem Markte gepredigt. Seine Worte waren wie Feuer in die Herzen gefallen und da die Katholiken und Hussiten der Stadt in leidlichem Frieden nebeneinander auskamen, warf sich Beider Haß mit bewunderungswürdiger Eintracht auf die in der Minderzahl lebenden Juden. Achim's Worte bestätigten sich bald in erschreckender Weise. Eine Schar johlenden, schreienden Volkes zog in die Judengaffe, warf Steine in die Fenster und prügelten Jeden, der sich aus dem Hause wagte. Die Juden bezogen die Keller und beteten jammernd zu Jehovah. An David Mosessohn wagte sich die Rotte noch nicht heran. Er war der einzige Israelit, der einiges Ansehen in der Stadt besaß, weil er reich war, dennoch bekam auch er die Folgen der herrschenden Stimmung bald zu fühlen. Die christliche Magd lief ihm fort. Aus der Judengaffe konnte er kein weibliches Wesen holen, weil sich keines durch die tobende Menge herauswagte. So mußte er sich ohne Magd behelfen. Es ging schlecht genug. Jessika hatte nie eine häusliche Arbeit verrichtet. Sie besah sich die Gegenstände in der Küche und wußte nicht, was damit anfangen. David Mosessohn suchte die zarten Hände seines Lieblings zu schonen. Er griff selbst zu, so gut er es verstand. Nur an den Geheimnissen der Kochkunst scheiterte seine Geschicklichkeit. Jessika lachte ihn aus, wenn er die verunglückten Gerichte auf den Tisch brachte und küßte ihn zärtlich für seine fruchtlosen Bemühungen. „Sei nur uicht böse, mein Edelsteinchen, es werden wieder bessere Zeiten kommen." „Habe nur Geduld, Väterchen, es kann ja nicht lange dauern." So tröstete eines das andere und eines verbarg vor dem andern die eigene Hoffnungslosigkeit. Achim kam eines Tages und sprach lange mit David Mosessohn. „Euer Nachbar, der Rathsherr Slowata", berichtete er, „ist abgereist nach Prag. Was mag er dort wollen?" „Er ist kein Freund unserer Sache, fürcht' ich", murmelte Mosessohn, „er wird erwirken einen Befehl gegen uns. daß wir sollen verlaffen die Stadt. Wir werden ziehen nach Prag. Wir wollen anrufen den unmittelbaren Schutz Georg v. Podiebrad's*). Der Reichsverweser ist kein Judenhaffer." „Bis Prag ist ein weiter Weg. Sie schlagen uns todt eh' wir hinkommen." „Das steht in Jehovah's Hand." „Jehovah hat seine Hand von uns abgezogen." „Lästere ihn nicht! Jehovah ist groß. Er hat geführt unser Volk durch die Wüste und das rothe Meer. Er wird uns führen über die ganze Erde." „Ja, aber verachtet und verstoßen. O, warum sind wir nicht Christen!" „Schweig Achim! — Ich will Dir das Wort vergessen, weil Du es hast gesagt in der Verzweiflung. Es liegt Schweres über uns. Aber verzage nicht! An den Hütten des Unglücks klopft der Engel des Herrn und segnet sie. Ich warte auf ihn." Schwer und schwerer zog sich das Berhängniß über die kleine Gemeinde des auserwählten Volkes zusammen. Wenn der Hunger die Juden aus den Häusern trieb, wurden sie geschlagen und mit Steinen beworfen. Wenn sie sich aus dem einzigen Brunnen der Judengaffe Waffer holten, war der kurze Weg mit Lebensgefahr verbunden. Schmerzlich empfand David Mosessohn das Schicksal seines Volkes. Mit namenloser Angst erwartete er die Stunde, da der Haß der Christen sich auch gegen ihn richten würde. Wenn er auf seine Tochter sah, weinte er heimlich. Welches Los würde ihr beschieden sein! So war der Freitag herangekommen. Die Sonne neigte zum Untergang. Die Sabbathkerze brannte. David Mostssohn sang seine Gebete und wandte sich dabei von Jeffika ab, daß sie seinen Gram nicht sehe. Nie noch war ihm so weh zu Muthe gewesen, wie heute. Sonst hatte die Magd die Kerze gelöscht, wer sollte es hente thnn? „Warum hast Du gelassen offen das Fenster, wo der Tisch steht so nahe dabei?" frng er seine Tochter. *) Georg von Podiebrad, seit 1453 Reichsverweser, wurde später (1458) König von Böhmen. Er gehörte den Utraquisten, einer hussitischen Secte, an. (Siehe Jordan, das Königthum Georg v. Podiebrad's. (Leipzig 1861.)