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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 438 Vr. Blvch's Wochenrüiclfl. Nr 23. selbst bei Euch Juden für einen der klügsten Menschen gilt. Er ist von der Uerzeugung durchdrungen, daß Ihr fliehen, noch heute Rächt fliehen müßt". Michael wurde einen Moment in seinem Entschlüsse schwankend. Was Mostrich sprach, klang bei näherem Bedenken sehr glaublich. Seine Lage war eine äußerst gefährliche, allein der sübstlose Mann dachte weniger an sich als an Sara. Ihr zu Liebe, um sie vielleicht erst später, schützen, ihr, wenn vielleicht auch erst später, sein ganzes Leben widmen zn können, mußte er sich den Angriffen seiner Todfeinde, denen er — wie er in Momeuten schwerer Entmuthigung glauben mußte — wehrlos gegenüberstand, zu entziehen suchen. Wenn Sara, wir er hoffte, genas, war sie gewiß viel ruhiger, wenn sie ihn in der Ferne in Sicherheit wußte. Schon war er geneigt, Mostrich's Anerbieten anzunehmen, als plötzlich von Neuem ein Rückschlag in seiner Gedankenströmung eintrat. „Nein, nein!" rief er, „ich muß mit tiefster Dankbarkeit, aber dennoch mit größter Entscyiedenheit, die rettende Hand, die mir Rüben Weiß bietet, zurückweisen. — Würde ich fliehen, so würde ich zugestehen, daß ich ein Verbrechen begangen, ich könnte nie mehr zurückkehren, ich wäre verurtheilt lange, vielleicht für immer von Sara getrennt zu leben; für immer von Sara getrennt zu bleiben! Das ist ein Gedanke, der mich von Neuem zu Boden schmettert! Ich habe nicht Vater, nicht Mutter, nicht Bruder, nicht Schwester, nicht Heimathland, nicht Vaterstadt, nichts auf dieser irdischen Welt als Sara. Ich liebte sie von dem Momente an, wo sie das Licht der Welt erblickte, ich werde sie lieben mit selbstloser Liebe, so lange mir das Herz im Busen schlägt — nur sie allein verleiht meinem Leben Werth. ... Ich kann W. nicht verlassen! Kerkermeister, ich bleibe, ich will mich meinen Richtern stellen, Gott wird vielleicht diesmal dem Rechte seinen starken Schutz verleihen. Des Bürgermeisters Sohn behauptet, ich hätte einen Menschen erschlagen, das ist ein Zeuge; aber ich habe ja auch einen Zeugen, der zu meinen Gunsten aussagen wird, meine Pflegeschwester, meine Verlobte. Sie wird mit Gottes Hilfe genesen und dem Gerichte ihre Aussagen erstatten. Die Räthe, die Beisitzer werden die Wahrheit erkennen, .... Herr Mostrich, ich vertraue aus Gott und bleibe. . . . . Auf meine Verschwiegenheit könnt Ihr bauen, ich werde Euer Wohlwollen nicht mit Undank Lahnen, und, die hundertfünfzig Gulden, die mir Rüben Weiß als Reisegeld gesandt, und die ich ihm, wenn ich durch Gottes Hilfe wieder frei sein, mit großem Danke zurückerstatten werde, gebe ich Euch, Kerkermeister, um den Schaden zu vermindern, der meine Weigerung zu fliehen, Euch verursacht." Mostrich bewunderte die große Klugheit des Bürgermeisters. Dieser hatte es vorausgesehen, Michael Klein würde sich nicht leicht entschließen zu fliehen „Herr Michael Klein, ich nehme Euer großmüthiges Geschenk nicht an", sprach er, „und wiederhole es Euch, Ihr müßt fliehen, denn alle Eure Voraussetzungen sind falsch. Ich hätte Euch gerne die bittere Kunde erspart, sie wird Euch niederbeugen und Ihr bedürft jetzt der Fassung mehr als je. Allein Ihr drängt mich dazu! Herr Michael Klein, Ihr besitzt keinen lebenden Zeugen, der zu Euren Gunsten aussagen würde; — und wenn Ihr auch hier bliebt, wenn Ihr frei wie der Vogel in der Lust wäret — müßtet Ihr doch von Eurer Verlobten scheiden. Ein Höherer hat Euch getrennt. . . Sara ist wenige Minuten nach Eurer Verhaftung ihrem Vater gefolgt. Sara ist todt!" „Todt!" schrie Michael auf, und erhob sich wild von dem Blocke, daß die Ketten klirrten „todt. . . todt!" dann brach er wieder wie vernichtet zusammen und verhüllte sein Gesicht. Einen Augenblick meinte Mostrich, die Aufregung habe Michael getödtet, aber im nächsten schon athmete dieser schwer auf, ließ die Hände berabsinken, so daß Mostrich in sein leichenblaffes Gesicht, dem jeder Blutstropfen entströmt schien und aus welchem zwei dunkle Augen unheimlich leuchteten, blickten. Und daun sprach Michael laut, deutlich vernehmlich: Boruch Dajon hoemmes! . . Nach einer langen, schauerigen Pause ergriff er von Neuem das Wort und sprach mit einer Sümme, die allen Klang verloren hatte: „Weßhalb sollte ich jetzt, nachdem mir Gott so unertragbar Hartes zugeschickt, noch fliehen, weßhalb noch länger leben wollen? .... Mein Leben ist ziellos; Kerkermeister, ich bleibe und sehe n,einer Zukunft ohne Hoffnung und ohne Furcht entgegen!" . Mostrich verzweifelte fast daran, daß es ihm gelingen würde, des Bürgermeisters Absicht, Klein zur Flucht zu drängen, zu erreichen; aber Golzinger's satanische Schlangenklugheit hatte ihn für alle denkbaren Fälle mit Instructionen versehen und er sprach: „Herr Michael Klein, seid Ihr auch ein Mensch wie wir Andern es sind? Rollt nicht warmes Blut in Enern Adern? - - - Ihr spracht. Euer Leben sei ziellos, .... Kennt Ihr das Gefühl der Rache nicht?! Ein Mensch, den Ihr selbst als Euren Todfeind bezeichnet habt, hat cs verschuldet, daß Schmerz, Gram, Schreck, Eure Verlobte, Euren Vater getödtet, soll er auch ungestraft den Triumph genießen, auch Euch in den Tod, in endlose Schmach zu treiben? Ihr müßt leben, müßt frei sein, um einst wiederzukehren und Euch zu rächen .... Ich frage Euch nochmals, hat Eure Seele für das Gefühl der Rache keinen Raum?" „Nein, meine Seele ist voll Schmerz und von Bitterkeit so erfüllt, daß für nichts Anderes Raum geblieben .... Und", fuhr er mit dumpfer Stimme fort, „es spricht der Herr: M e i n ist die Rache und Vergeltung!" Aber des Menschen Herz ist ein gar wundersames Ding, und seine Gedanken können sich mit einer Schnelligkeit, gegen welche jene des Lichts verschwindend klein ist, ändern. Plötzlich erhob sich Michael und rief? „Nein^ nein, ich will dem Mörder meiner Verlobten, meines Pflegevaters, doch nicht den Triumph gönnen, auch mich wie Gassenkoth zertreten zu haben, ich will frei sein! . . . . Wann kann ich fliehen, in welcher Weise?" „So ist's recht, Herr Michael Klein! — Ich will Euch jetzt eine kurze Zeit allein lassen. Zu Eurem Unternehmen bedürft Ihr des ruhigen, kalten Blutes, das fehlt Euch jetzt, sucht Euch zu fassen. Auch will ich nicht gar zu lange in Eurer Zelle bleiben, es könnte dies doch meinem Unterwärter Franz Lorch auffallen. In einer Stunde komme ich wieder, dann wollen wir Alles genau besprechen und zum Werke schreiten. (Fortsetzung folgt.) Der Sabbathengel. Novelle von Mela Escherich. Es war im Jahre 1453. Ein schwüler, gewitterloser Sommer war über das böhmische Land hingezogen. Nun strahlte die Sonne in mildem, freundlichen Glanz und der Herbst versprach klare, heitere Tage. Am politischen Himmel aber ballten sich schwere, finstere Wolken zusammen. Sie kamen von Süden und zogen drohend über Böhmen herauf; große und kleine aller Art. Röthlich beschienen zeigten sich manche im Abglanz der böhmischen Sonne; andere dräuten im tiefsten Schwarz. Und die schwärzeste von allen hieß Johannes Capistranus. Seit einem Vierteljahrhundert flog der Schrecken vor diesem Namen her. Im Auftrag der Päpste durchreiste der, seit 1450 zum päpstlichen Legaten ernannte ehemalige Jurist und spätere Franziscanermönch die Länder, predigte mit dem ganzen Fanatismus des Südländers — er war ein geborener Italiener, — gegen das damals allerorten aufkeimende Seclenwesen, hetzte das Volk gegen die Inden und suchte Begeisterung für einen Kreuzzug gegen die Türken zu wecken. Letzteres obwohl die Lieblingsidee seines Lebens, mißlang ihm. Die unruhigen Zeiten boten keine Gelegenheit an Fernes zu denken. Man hatte zu viel im eigenen Lande zu thun, um für einen türkischen Krieg Interesse zu haben. Religionshaß und Streitigkeiten zersplitterten die Einigkeit der Völker und drängten sich störend ins bürgerliche Leben. In einer kleinen böhmischen Stadt — heutzutage gehört sie zu Schlesien — lebte um diese Zeit ein reicher Jude David Mosessohn. Er war eine stadtbekannte Persönlichkeit, einerseits, weil er es durch Fleiß und unermüdliche Ausdauer vom wandernden Hausirer bis zu seinem jetzigen Wohlstand gebracht, andererseits weil er eine auffallend schöne Tochter hatte, die er wie seinen Augapfel hütete und zum dritten, weil er eben Jude war, ein verhaßter, schmutziger Jude. ES lebten noch einige Stammesgenossen von ihm in der Stadt. Aber sie waren arm und hielten sich ängstlich vor den Christen zurück. Sie hausten in einem elenden Winkel, Judengasse benannt. In ihre Wohnungen fiel nur wenig Licht. Katholiken und Hussiten wandelten im strahlenden Sonnenglanze und war jeder stolz, der am meisten Erleuchtete zu sein; über die kahlen, verschimmelten Wände der Judenstuben huschte nur

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