Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 440 Dr. Bloch's Wochenftlrrrft. Nr. 23 „Ich habe es gethan", entgegnete Jeffika, „weil niemand uns wird löschen die Kerze, als der Wind. Ich will beten zu Jehovah, daß er ihn uns sende." Mosessohn lächelte trüb: „Ja, meine Jessika, mein Goldh erzchen, Du hast gethan recht." Aber er wußte, daß draußen kein Lüftchen wehte. In seinem Innern kämpften Schmerz und Bitterkeit. Was hatte er den Christen gethan, daß sie die heiligsten Bräuche seiner Väter zu Schanden machten? Die Sabbathstube lag zu ebener Erde nach der kleinen Gaste zu. Die frühe Herbstdämmerung zog leise herein und hüllte das Gemach in trübes, ungewistes Grau. Nur der goldene Leuchter blitzte in scharfen Umristen durch das Dunkel. Alles war still . . . Sabbathruhe . . . Und kein Luftzug wehte. David Mosessohn stand ganz hinten in einer Ecke des Gemachs und sah heimlich auf seine Tochter. Sie lag regungslos auf den Knieen, die schönen gläubigen Augen vertrauensvoll emporgerichtet. Kindliche, unergründlich starke Zuversicht lag in dem Ausdruck ihrer Züge. Da schlich der Jude leise hinaus und draußen weinte er. Jeffika hörte es und auch ihr kamen die Thränen. Hastig wischte sie sie fort. Der Vater durfte nicht sehen, daß sein Liebling geweint. Aber die Thränen kamen wieder und wieder. Heimlich schlüpften sie aus den langen, schwarzen Wimpern und stahlen sich über die weichen Wangen. Jessika legte die Hände über die Augen. „Nicht weinen", sagte sie zu sich selbst, „um Vaters willen nicht!" Da rauschte es vor dem Fenster. Zitternd ließ Jeffika die Hände sinken. Sie sah etwas wie einen weißen Schatten vorüberschweben — und die Sabbathkerze brannte nicht mehr.» In heiligem Erschauern verharrte die Jüdin noch eine Weile auf den Knieen; dann erhob sie sich und holte den Vater. David Mosessohn sah sie ernst und durchdringend an: „Jeffika, mein Kind, die Kerze hast Du selbst gelöscht. Du thatest es in guter Absicht; aber es ist eine Versündigung wider die Vorschriften des Talmud." Jeffika schüttelte den Kopf: „Vater, habe ich Dich je belogen? Ich will nicht mehr, daß Du mich segnest, wenn nicht wahr ist, was ich Dir sage. Der Sabbathengel ging vorüber und blies das Licht aus. Ich sah ihn selbst. Der Herr hat mein Gebet erhört und half uns in unserer Noth." Da warf sich David Mosessohn mit ausgebreiteten Armen zu Boden: „Jehovah ist groß!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. In dem Werke von Alexander Jung „Vorlesungen über sociales Leben und höhere Geselligkeit" (Danzig 1844) findet sich folgende Stelle: „Es ist überaus merkwürdig, daß der Name Baruch für die neue Geschichte von besonders vortheilhafter, ja prophettsch erhabener Bedeutung zu sein scheint. Baruch bedeutet bekanntlich der Gesegnete. Darum geht denn auch von diesem Namen seit längerer Zeit ein so unverkennbarer Segen aus, obwohl viüe diesen Segen noch immer nicht zugeben wollen. Es ist der Segen des Bundes, es ist der auf dem Flügel der Völkertradition fortlaufende Segen des Mosaismus, es ist der dumpfe Groll des Judenthums, welches, allerdings in seiner geschichtlichen Idee oft einseitig und roh aufgefaßt, mit der herben Strenge seines ethischen Gesetzes, mit der Schärfe seiner Berstandesgewalt jetzt als das ätzende Salz wirken soll, uns vor der Fäulniß des Stolzes und der richtenden Unmenschlichkeit gegen anders Denkende zu bewahren. Man muß das Judenthum in seinen heiligen Rechten anerkennen, um das Christenthum in seiner Weltmission und Universalität verstehen zu können. Ja, Baruch Spinoza und Baruch Börne! Welche Verfolgung, welche Schmach knüpft sich an diese beiden Namen! Aber der Verfolgte war doch stärker als der Verfolger und der Geschwächte war doch reiner und seliger als der Schmäher und wer zweifelt wohl noch, daß diese beiden Geister für das Gedeihen wahrhaft freisinniger Prinzipien gerade in unfern Tagen besonders wirksam gewesen? — Wie sich Baruch Spinoza am liebsten Benedikt zu nennen pflegte, so haben diese beiden Benedikte, Spinoza und Börne, in der neuen Zeit, wenn auch in weiten Zwischenräumen, einen neuen, einen weitverbreiteten Orden der Benediktiner gestiftet, welcher die Freiheit und die sittliche Würde und das Recht der Individuen schützt und schützen wird, ob deren Beschützer auch nicht seien die Söhne von Fürsten, und ob sie auch nicht aufzuweisen haben die Approbation irgend eines Papstes!" »Laxorso.« Abhandlungen über die Wissenschaft des Juden thums, redigirt von S. A. H o ro d e z ki, Zweites Bnch, Berditschew 1900. So der Titel der in hebräischer Sprache erscheinenden, seinerzeit auch von uns angezeigten Sammelschrift, von welcher das zweite Buch, in Form und Wesen dem vor zwei Jahren erschienenen ersten Buche sich gleichartig anschließend, vorliegt. Der gelehrte Herausgeber bedarf wohl keines besonderen Geleitswortes, um erst empfohlen zu werden, denn H o r o d e z k i hat sich schon längst durch seine trefflichen Arbeiten auf dem Gebiete wissenschaftlicher Literatur, und ganz besonders auf dem speciellen der jüdischen Biographie als einen der fleißigsten! und geschicktesten Quellenforscher und Quellen sinder erwiesen, dem man gerne folgt. So liest man mit großem Interesse die von ihm gegebenen Charakteristiken des E’schal im „Kerem Salomo“, des M’harschah im „S c h 6 m mi-Schemue 1“, des E’M ah im „ßabbenu Mose Is ser 1 s“ und über E’MordechaiJafeh im Bää.l ha-Lebuschim“, welche Monographien bereits vor einigen Jahren erschienen sind. Neuerdings bietet nun der Herausgeber im zweiten Buche des „Hagoreu“ die mit großer Sorgfalt und kritischem Verständniß entworfenen Monographien über E’M ose Alschakar und Jl’haram Schiff, wobei Horodezki ganz objectiv)zu Werke geht, da er das Geistes- und Charakterbild der von ihm behaudelten Personen einzig und allein nur auf Grund der in den betreffenden Responsenwerken Vorgefundenen Meinungen, Ansichten und Bekenntnissen jener Koriphäen aufbaut, ohne seine eigene vorgefaßte Meinung hineinzutragen. Ueberall folgt seiner Darstellung der Hinweis auf die Quelle, woraus er schöpft, nur ist er bei einem im allgemeinen anschaulich klaren Stile nicht immer klar genug, um voll verstanden zu werden. Außer den Arbeiten Horodezki's enthält der vorliegende Band noch wissenschaftlich-kritische Abhandlungen aus der Feder des Lectors F r i e d m a n n, Prof. Bacher, Dr. H a rkavy, Posnanski, Halber st am m, Kahana, Schuhm a n n, Josef Kohen-Zedek in London und schließt mit zwei kurzen summarischen Nekrologen über die beiden kürzlich Heimgegangenen Gelehrten Prof. David Kaufmann und S. S. CH. H a l b e r st a m m in Bielitz. — 83 — Eingelaufene Schriften. Jda Barber. „Glaubenskämpfe". 3 Erzählungen, Prag Jakob B. Brandeis. I. H. Schwarz. Rabbiner und Prediger in Kladno. „Ein glänzender Morgenstern." Nachruf an der Bahre der Frau Clementine Deutschmann geb. Munk. Briefkasten. Nemo. Wohl könnten sich viele ein Beispiel an den Worten des genialen Adolf C r e m i e u x nehmen, der als Präsident der ,,Alliance Israelite“ in der Generalversammlung vom 15. Juni 1863 seinen Vortrag in den flammenden Worten beendete: „Ich opferte freudig meine Jugendjahre, die Jahre meines reifen Alters die Religion zu vertheidigen und hoch in Ehren zu halten, welche die Moral der zehn Gebote zur Grundlage und die Einheit Gottes als höchste Spitze hat. Das ist ein Bund, welcher Gott mit den Menschen, den Himmel mit der Erde verbindet." Dr. I. W. (Berlin.) Wir erinnern Sie an den Vortrag, den Dr. Fr. D ö l l i n g e r (1882) in der baierischen Academie als deren Präsident über „die Juden in Europa" hielt. Döllinger führte darin aus, daß die Juden volle 1800 Jahre von den Christen in einer so barbarischen Weise behandelt wurden, wie sie der Mongolen und Hunnen würdig gewesen wäre. L. in Wien. Man hat es längst vergessen, daß es ein in Wien akklimatisirter Mecklenburger, der geniale Mechaniker Siegfried Markus, war, der vor beinahe dreißig Jahren zu allererst einen Bezinmotor in seinen Wagen spannte, und wir hatten es, wie schon so oft — man braucht ja nur an die Erfindung der Schiffsschraube zu denken — anderen Landern überlassen, die in unserer Mitte geborene Idee weiter zu entwickeln. Markus war ein glaubenstreuer Jude. Philipp G. B. Beiträge jederzeit willkommen. Adolf Freund. Wir bitten um Ihre Mtitheilungen. A. S. Der betreffende Dr. B. ist im Jahre 1890 aus der jüdischen Gemeinschaft ausgetreten. Josef Danzinger in G. Der Roman „Dr. Gutmann" ist. im Verlage der schlesischen Kunst- und Verlagsanstalt vormals S. Schottländer in Breslau, erschienen. Der Ladenpreis beträgt 3 Mark. Historicus. Feldmarschall H a y n a u legte im Jahre 1849 den Juden in Ungarn dafür, daß sie in den Reihen der ungarischen Truppen mitgekämpft hatten, eine ungeheuere Strafsumme auf. M. K. 11. Wir haben uns sofort in dringender Weise für Sie verwendet. Herausgeber und verautwortticher Redaeteurr Dr. Josef «. Bloch. — Druck vou L. Beck & Sohn, Wien, VJIL