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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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'irr. 23 Vr. Vwch's Wochn Seite 437 meiner wohlwollenden Absichten, in seinem Kerker verharren wollen, darauf bestehen, verhört zu werden. Ich muß Ihm genaue Instructionen geben. Setz' Er sich nur ganz ungeniert neben mir zum Tisch. — Vorsichtshalber wollen wir, um von Niemanden in unserer Besprechung gestört zu werden, die Thür verriegeln." Achtundzwanzig st es Capitel. Michael Klein war von Dragonern ins Gefängniß escortirt und vom Gerichtsdiener dem Kerkermeister übergeben worden. Er wurde in eine Zelle gebracht und ihm an Händen und Füßen Ketten angelegt. Michael Klein hatte sich von der dringendsten Nothwendigkeit dazu getrieben, bevor er verhaftet wurde, mit dem Aufgebote aller seiner Geisteskräfte, einen Moment zu scharfem Denken und richtigem Handeln aufgerafft; allein zu Vieles war im Laufe weniger Stunden niederschmetternd auf ihn eingestürmt, und nun war er wie betäubt, geistig gebrochen. Eine Zeit lang erschienen ihm die furchtbaren Erlebniffe der letzten Nacht so unglaublich, dadurch auch so nebelhaft verschwindend, dast er einen bösen, wüsten Traum zu träumen glaubte, aus dem er im nächsten Augenblicke erwachen würde. Viele Stunden lang war er, starr vor sich hinblickend, in diesem fiebertraumartigen Zustande geseffen, aber endlich hoben sich wieder die kurze Zeit gelähmten Schwingen seines Geistes, die einzelnen Erlebnisse der letzten Stunden begannen sich wieder in seiner Erinnerung zu verdeutlichen, traten endlich als Ursachen und Wirkungen zu einem Gesammtbilde zusammen, vor welchem Michael Klein bis in die Tiefen seiner Seele erzitterte' Sein Pflegevater todt! Seine Verlobte mit dem Tode ringend, er, ihr einziger Beschützer auf Erden, ein auf den Tod Angeklagter, selbst der Hilfe im höchsten Grade bedürftig, sein Ankläger ein nichtswürdiger Bube und sein Todfeind, — sein Richter, der Vater desselben, und er, der Schuldlose, wie er sich in dem Momente begreiflicher, höchster Entmuthigung einräumen mußte, nicht im Stande einen glaubhaften Zeugen zu erbringen, daß er nur einen Act gebotener Nothwehr ausgeübt! Die verschiedenartigsten Gefühle zerrten unbarmherzig an seiner Seele, jedes einzelne stark genug, die höchste Qual zu bereiten. Trauer um den zweiten Vater, den edlen Wohlthäter, der ihm plötzlich entrissen, in des Wortes wahrster, ureigenster Bedeutung an gebrochenem Herzen gestorben: — unschilderbare Angst um Sara .. . Wenn auch sie stürbe, wenn sie ihn, den Verlassenen, den Vereinsamten, der keinen Menschen auf der weiten Welt sein nannte, allein, ganz allein zurückließe! Und doch fühlte er sich so unglücklich, daß der schreckliche Gedanke, Sara werde ihm, während er im Kerker lag, entschweben, noch als ein Labsal gegen den noch entsetzlicheren erschien, daß Sara, allein, verlassen, den Verfolgungen eines nichtswürdigen. wohllüstigen Buben ausgesetzt, lebend zurübleiben sollte! Und wenn es ihm nicht gelang, seine Schuldlosigkeit nachzuweisen, wenn sie ihn zu einem schimpflichen Tode, oder zu lebenslanger Kerkerhaft verurtheilten, was mußte dann Sara's Herz ertragen? Und — Michael Klein war ein edler Mensch, aber er war ja doch nur ein M e n s ch; — auch das schmerzte und dehmüthigte ihn, mehr als es Menschenwort zu schildern vermag, daß Lorenz Golzinger über ihn triumphiren, daß der Böse siegen, der Gerechte unterliegen sollte, und — der Gedanke erschütterte seine Seele — wie konnte der starke und gerechte Gott, der wunderbare Gott, i>em sein Vater, seine Verlobte und er selbst, ihr volles Leben lang gedient aus voller Seele und mit all ihrem Können und Vermögen, es gestatten, daß der Gerechte in die Hand des Frevlers falle! „Ah!" rief Michael endlich aus, „Gott, Du bist Gott, und wir Menschen vermögen Dich endlos Erhabenen nicht zu erfaffen... Dem todten Pflegevater wirst Du im Jenseits den höchsten Lohn verleihen. Und uns — Sara und mir?! .... Wenn Du nur willst, allmächtiger Weltenlenker, kannst Du in einer Secunde Hilfe senden ... Sara kann genesen ... und ich? Ich bin zwar ein auf den Tod angeklagter Mann, aber spricht es nicht schon der Talmud wunderschön aus? Affillo cherew chaddo munachas al zaworau schel odom, al jimna azmo min horachamim, schenemar: Heu jekatluni lo ajachel^?"*) *) Wenn auch schon dcks Richtschwert auf dem Nacken eines Menschen ruht, soll er noch immer nicht die Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit aufgeben, wie es auch heißt (Job Cap. 13. V. 15): Wenn man mich auch tödten will, sollt ich nicht noch hoffen dürfen? (Berachoth fol. 10 a.) Bis zur Unbegreiflichkeit wunderbar, hatte sich Michael'» plötzlich eine, dem höchsten Grade der Gottgläubigkeit entstammende Hoffnungsseligkeit, bemächtigt, eine helle Röthe stieg in seinen bleichen Wangen auf, und er war von diesen tröstenden Gedanken so erfüllt, daß er es nicht bemerkte, daß sich die schwere eiserne Thür kreischend in ihren Angetn drehte, daß der Kerkermeister Mostrich einen Krug und einen Teller in der Hand, eingetreten, und erst aus seiner Gedankenversunkenheit auffuhr. als er Mostrich's schwere Faust auf seiner Schulter fühlte. „Entschuldigt, Herr Michael Klein/ sprach dieser, „daß ich Euch Eure spärliche Mahlzeit so spät bringe; — aber ich konnte nicht früher kommen, ich hatte eine Abhaltung, eine Unterredung, die Euch betraf/ Mostrich hielt inne, offenbar wartete er, der Gefangene würde ihn um deren Inhalt befragen; aber dieser sprach: „Nach Speise fühle ich nicht das geringste Verlangen, und wäre ich auch noch so hungrig, würde ich doch nur dieses Brod genießen. Gekochte Speise, die nicht nach dem Ritualgesetze meiner Religion bereitet wurde, darf ich nicht genießen, dagegen wird mich ein Trunk Wasser laben/ Michael verrichtete jene Benediction/welche der Jude nach rabdinischer Vorschrift vor dem Genüsse von Speis' und Trank zu verrichten hat und that dann einen tiefen Zug aus dem irdenen Krug. „Ihr müßt wohl meine letzten Worte überhört haben," begann der Kerkermeister von Neuem, „ich habe Euch ja gesagt, ich hätte eine lange Unterredung gehabt, die Euch betraf. * Michael blickte überrascht, mißtrauisch auf und verharrte in seinem Schweigen. „Ihr habt gute Freunde, denen Euer traurig Schicksal zu Herzen geht/ Mostrich näherte sich dem Gefangenen und senkte seine Stimme zu einem leisen Flüstern herab. „Rüben Weiß, der reiche fürstlich Lichtenstein'sche Branntweinhanspächter in Neuhof, der Euch und Enre Schwester gestern Nacht vergeblich erwartete, ist, um sich über die Ursache Eurer Abhaltung zu erkundigen, heute Morgen hier angelangt, und hat mit Entsetzen erfahren, was in dieser Nacht auf der Straße nach Neuyof, was in Eures Pflegevaters Hause Furchtbares vorgefallen. Ich muß Rüben Weiß bewundern; er hat in den wenigen Stunden seines Hierseins rusch einen klaren Einblick in Eure Verhältnisse* erlangt, und hat erfahren, daß Euch das Aergste, das ein Mensch zu befürchten hat, droht. Ein Erschlagener liegt auf der Straße, und neben ihm ein derber Knotenstock besudelt mit dem Blute des Erschlagenen, und auf dem Stockknopf sind die Anfangsbuchstaben Eures Namens eingravirt, ferner ein Bündel mit Frauenwäsche, welches mit den Buchstaben S. B., Sara Brack, gemärkt ist; — und mehr als Alles das, Herr Lieutenant Baron Lorenz Hornek-Golzinger hat unter Eid erklärt, daß er es von der Ferne mit seinen eigenen Augen gesehen, daß Ihr den Mann getödtet. — Ihr müßt zum Tode, oder was fast noch ärger wäre, zu lebenslanger Kerkerhaft verurtheilt werden. — Er war bei mir und hat mich — ich will's nicht leugnen — durch ein großes Geldgeschenk bestimmt, Euch zur Flucht zu helfen, nocb mehr als das, — da Ihr nach weiter Ferne fliehen müßt, sendet er Euch hundertfünfzig Gulden als Reisegeld.hier sind sie," und so sprechend legte Mostrich ein Päckchen Papiergeld vor den Ueberraschten. „Der edle Mensch!" rief Michael ergriffen, „so bin ich doch nicht so verlaffen, wie ich vor wenigen Minuten gefürchtet .... aber ich will nicht fliehen! Ich will dem Gerichte Rede stehen. Der Bürgermeister ist mein Feind, und weiß es Gott, er ist auch kein edler Mensch, aber einen Schuldsofen als Mörder verurtheilen, das thut selbst ein Dominik Golzinger nicht.... und er fitzt ja nicht allein zu Gericht über mich, er ist nur der Präsident desselben. Die Räthe find gerechte und gelehrte Männer. Ich werde dagegen Einsprache erheben, daß der Vater' meines Anklägers auch mein Richter sei. Ich baue auf den allmächtigen, allger echten Gott und auf mein gutes Recht, ich hoffe, ich werde erweisen können, daß ich nur meine Braut vertheidigt, ich hoffe, aus dem Kläger wird ein Angeklagter werden. . . / Michael brach ab, er wollte vor dem Kerkermeister nicht seine Absichten enthüllen; dieser aber schüttelte den Kopf und sprach: „Ihr seid in eigener Sache befangen und alle Eure Voraussetzungen find unrichtig. Es gibt keinen lebenden Menschen, der es bezeugen kann, Ihr hättet nur Nothwehr geübt. Rüben Weiß ist, wie Ihr wißt, ein überlegender, weiser Mann, der

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