Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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. Seite 436 Vr» Bwch's Wochenschrift. Nr. 23 war, hatte erzählt, es wäre gräßlich anzusehen gewesen, wie man Ihren Leib stückweise zerschmettert, und sie hätte in ihrer letzten Stunde, in ihrer höchsten Qual ihren ersten Versührer, der sie ins Unglück gestürzt, ihr Leben vergiftet, durch den sie schließlich ans Rad gebracht wurde, verflucht und vor Gottes Richterstuhl gefordert, daß den Zuhörern schier vor Angst und Grauen die Haare zu Berge standen. Wie's der Zimmermann im Wirthshaus erzählte, überlief uns Alle eine Gänsehaut." Der Bürgermeister wurde leichenblaß; ein convulsivisches Zittern durchflog ihn, er wandte sich weg, doch konnte der Kerkermeister bemerken, daß er die Hand krampfhaft an die Augen preßte, als könne er das häßliche Bild, das vor seiner Seele aufstieg, verdrängen. Die längst verschollene Angelegenheit schien ihm doch nicht so gleichgiltig, als er vor Kurzem behauptet hatte. Aber die aufgeregte Stimmung hielt bei Bürgermeister Golzinger nicht lange an, unwillkürlich warf er Mostrich einen haßerfüllten Blick zu, aber nichtsdestoweniger trat er an ihn heran, klopfte ihm höchst herablasiend auf die Schulter und sprach kopsschütteld salbungsvoll: „Mein lieber Mostrich, Ec betrachtet die Sache nicht vom richttgen Standpuntte aus. Die Gesetze bilden ja nicht den letzten Zweck, sie sind nur ein Mittel zum Endzweck, zum Wähle der menschlichen Gesellschaft, und wer zu ihrer Handhabung berufen ist, ist zuweilen gezwungen, kleinere oder auch größere Correcturen vorzunehmen. Alles Menschliche und Irdische ist unvollkommen. Ich will, wie sich das von selbst versieht, nicht den geringsten Tadel gegen unsere vortreffliche Gesetzgebung oussprechen; sie ist die allerbeste, die es nur geben kann, aber was der Mensch auch schafft, ist schließlich doch Alles nur unvollkommenes Stückwerk. Mein lieber Mostrich, wenn man etwas in dem guten Glauben recht zu handeln unternommen, so kann man dann nie und nimmer etwas Unrechtes, am allerwenigsten eine Pflichtverletzung begangen haben. Er sieht es ja" — Golzinger zuckte ein klein wenig zusammen, „das Mädchen hat nicht, wie ich gehofft, bereut und sich gebessert, und Gottes Gerechtigkeit hat sie doch wieder in die Hand irdischer Richter gebracht, unsere Absicht war die beste! — Wenn Er mich richtig verstanden hat und sich die Sache überdenkt, wird Er als kluger Mann erkennen müssen, daß wir damals nur ein gottgefälliges Werk stiften wollten. Es wäre mir lieb", führ der Bürgermeister nach einer Pause tiefaufathmend fort, „wenn es mir gelungen wäre, Ihn über seine unrichtige Auffassung belehrt und bekehrt zu haben .... denn ich wollte eben mit Ihm über einen ähnlichen Fall Rücksprache nehmen. Es handelt sich nämlich", — Golzinger senkte seine Stimme fast zur Unhörbarkeit herab,.so daß der Kerkermeister, um ihn zu verstehen, nahe an ihn herantreten mußte, „um den Juden, den Michael Klein, der heute verhaftet wurde. Es liegt da ein eigenthümlich verzwickter Casus vor — ich kann Ihm das in der Kürze nicht so klar und deutlich auseinandersetzen — der es mir sehr wünschenswerth erscheinen läßt, wenn der Unglücksmensch gar nicht zum ersten Verhör kommt .... und da wärs am besten, wenn man dem Vogel die Käfigthür öffnen und ihn zum Hinausfliegen aufmuntern würde. Was meint Er darüber, Mostrich?" Mostrich antwortete erst nach längerem Bedenken langsam, jedes Wort schwer betonend. „Wenn ich offen und ehrlich sprechen soll, wird meine Meinung genau von der Summe abhängen, welche Euer Gestrengen mir für meine Mitwirkung bei diesem Werke christlicher Barmherzigkeit zu bewilligen die Gnade haben werden. Und auch das muß ich sofort bemerken, es könnte diesmal nur eine große Summe Geldes fern, die mich bestimmen könnte, ein zweitesmal Euer Gestrengen zu lieb meine Pflicht in gröblicher Weise zu verletzen, mich ein zweitesmal der Gefahr auszusetzen, mit Schimpf und Schande von meinem Amte gejagt, streng bestraft zu werden. Wovon sollte ich in meinem Alter leben?" „Er ist ein sehr bedachtsamer, praktischer Mensch," erwiderte der Bürgermeister, „und ich will mich nicht knickerig zeigen, ich werd' Ihm eine Summe bieten, daß Ec vor Freude deckenhoch springen wird. Er soll bei dem guten Werke wieder zweihundert Gulden verdienen." Mostrich machte nicht im Entferntesten Miene deckenhoch zu springen und sprach: „Zweihundert Gulden ist viel zu wenig .... Da müssen Euer Gestrengen Ihr lumpiges Anbot sehr stark erhöhen, wenn unser Geschäft zu Stande kommen soll." „Was in zehntausend Teufels Namen verlangt er denn?" schrie der Bürgermeiner. „Ich muß so viel bekommen, daß, wenn ich meine Stelle verliere, ich bis an mein Lebensende ruhig leben kann." „Sagen wir also dreihundert Gulden!" rief der Bürgermeister eifrig. „Noch zu wenig?" schrie er, als Mostrich schweigend den Kopf schüttelte, „also vier .... fünf.... sechs .... Sakkerment hinein, Er läßt ja mit sich schachern, als wenn Er der ärgste Jude wäre! Wie viel verlangt Er denn eigentlich, red' Er deutlich, red' Er deutsch!" „Die Hälfte der Summe, welche Euer Gestrengen von den Juden dafür bekommen." Der Bürgermeister lachte. „Auf diese Bedingung kann ich ruhig eingehen. Die Juden haben mir nicht einen rothen Heller angeboten. Ich habe seit der Verhaftung des Klein gar keinen Juden zu Gesicht bekommen. Er weiß es ja selbst: ichkam heute noch vor Tagesanbruch ins Amt, und habe die Verhaftung angeordnet. Im Amte hat sich heute, wie Er weiß, kein Jud blicken lassen und ich bin erst seit anderthalb Stunden zu Hause. Er ist ein schlauer Kerl, Mostrich, aber überschlau sein wollen macht dumm! — Wenn Er nur eiu klein wenig darüber nachdenkt, muß Er einsehen, daß in dieser kurzen Zeit die Juden noch gar keinen Beschluß gefaßt haben und nicht bei mir gewesen sein können; — denn hier in W. gibt es ja keinen so reichen Juden, der einen großen Betrag aus seinem Eigenen geben könnte; der müßte ja vielleicht im ganzen Kreise unter seinen Glaubensgenossen gesammelt haben; — endlich wenn die Juden eine so große Summe, wie Er sich vorstellt, hätten aufwenden wollen, um ihren bedrohten Glaubensbruder zur Flucht zu verhelfen, so wären sie ja lieber gleich zu Ihm gekommen.... He schlauer Fuchs! Er ist diesmal doch ein rechter Esel!" Das, was der Bürgermeister sprach, mußte Mostrich einleuchten, seine Gedanken verwirrten sich. Als Golzinger es vor siebzehn Jahren verhindern wollte, daß die des gemeinen Mordes an ihrem Kinde Angeklagte verhörte wurde, lagen seine Beweggründe klar am Tage; aber weshalb der Bürgermeister Michael Klein zur Flucht verhelfen wollte, war dem Kerkermeister in dem Momente, so sehr er auch seinen Verstand anstrengte, unerfindlich. Nur Eines sah er ein, daß dem Bürgermeister sehr viel daran lag, seine Absichten durchzusetzen. Er hielt es dafür für das Beste zu schweigen. „Also so red' Er doch! was verlangt Er dafür, daß Er Michael Klein aus dem Kerker entfliehen läßt. Wenn Er keine lächerlich hohen Forderungen erhebt, und wir uns über diese Angelegenheit vereinbaren, werde ich Ihm dann genau angeben, wie hierbei vorgegangen werden muß. Also, was soll mich der Spaß kosten?" „Zweitausend Gulden!" platzte Mostrich nach kurzem Bedenken heraus. Der Bürgermeister prallte vor Schrecken einen Schritt zurück, als hätte er von der Faust des kräftigsten Boxers einen Kernstoß in die Magengegend erhalten. „Hölle und Teufel!" stöhnte er. „bevor ich mich's zweitausend Gulden kosten lasse, lasse ich die ganze wohllöbliche Judenschaft in W. an den Galgen führen." „Ganz nach Hochdero Belieben," erwiderte der Kerkermeister .... „Haben Eure Gestrengen mir sonst noch welche Befehle zu ertherlen? Wenn nicht, werde ich gehorsamst bitten, mich gnädigst entlassen zu wollen. Es hat längst die Essensstunde der Gefangenen geschlagen, und es wäre unchristlich, die armen Unglücklichen noch länger auf ihr kärgliches Mahl warten zu lassen." Mostrich verbeugte sich bei diesen Worten und machte Miene der Thüre zuzuschreiten. „Ist er vom Teufel besessen!" schrie der Bürgermeister kirschbraun vor Wuth. „Laß Ec die Hallunken meinetwegen vor Hunger crepiren! Eil' Er nicht so als wenn Ihm das Feuer auf den Nägeln brennte.... Wenn er unchristlich auf seiner horrenden Forderung besteht, will ich auch diese erfüllen," und als sich bei diesen Worten Mostrich's finstere Züge aufhellten und er dem Bürgermeister näher trat, sprach dieser: „Aber die Angelegenheit muß genau erörtert werden. Wir haben es da mit einem ungewöhnlichen Menschen zu thun. Wenn die Sache nicht klug eingefädelt wird, könnte dieser Klein trotz