Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 429 Dr» Blocks WvchLnfLML Stand hält, wohlgemerkt aber, wenn dieses Oorpus delictri von Kattuntüchel auch ein Fabrikat echt arischen Ursprungs ist. Um aber Mißverständnissen zu begegnen, sei vorausgeschickt, daß nicht in der Absicht dieser Auseinandersetzung gelegen sein kann, den unlauteren Wettbewerb zu beschönigen, werde er nun von einem Feudalherrn, kirchlichen Würdenträger, Getreidelieferanten, Viehzüchter, Weinhauer, Butterlieserantin oder — einem jüdischen Hausirer prakticirt. Mehr oder minder exculpirend — und eulpos ist der unlautere Wettbewerb für alle Fälle — ist die Zwangslage, die Lebensstellung, das sociale Milieu des Wettbewerbers und da wird man wohl zugcben müssen, daß für den polnischen Juden und dem jüdischen Hausirer mildernde Umstände ins Treffen genug geführt werden können. Allein dies kommt nicht in Betracht, der menschenschindende Feudalherr bleibt Fürst oder Graf, der pantschende Heurigenschänker bleibt weiter Reichsrathsabgeordneter, der getreideschwerende Großbauer ist nach wie vor Dorfpascha, die butterfälschende Bäuerin spielt weiters die erste Rolle im Dorfe, nur der Polnische Jude, der nicht das eigene Product fälscht, sondern nur das schlechte Fabrikat des arischen Fabrikanten in Vertrieb setzt, das er bemüßigt ist auf Credit zu nehmen, weil es ihm an Capital mangelt, für Baargeld sich nach Belieben reelle Waare anzuschaffen, dieser polnische Jude, von dem es notorisch ist, daß er mit einer zahlreichen Familie von zehn bis zwanzig Kreuzer des Tages Nothdurft bestreiten muß, dieser ist das Karnikel, er wird verbrannt, gegen diesen muß der Gesetzgebungsapparat in Bewegung gesetzt werden. Sei es nun, es soll das nicht nur gebilligt werden, im Gegentheil. man wird jede derartige Action mit Freuden begrüßen müssen. Aber man schaffe diesem bettelarmen polnischen Juden, dem jüdischen Hausirer überhaupt, die Möglichkeit sich in ehrlicher Weise das tägliche Brot auf anderem Wege für sich und seine Familie zu erwerben. Hausiren soll der arme Jude nicht, dürfen, wovon soll er mit Weib und zahlreichen Kindern dann aber leben. Es sei daran erinnert, daß tausende polnische Juden, die in den galizischen Naftagruben als Taglöhner arbeiteten, davongejagt wurden und trotz aller Bemühungen von einflußreichster Seite, nicht imstande waren, wieder als Grubenarbeiter placirt zu werden, nicht einmal in Gewerken, die im Besitze von Juden sind, weil die arischen Arbeiter mit ihnen nicht wirthschaftlich arbeiten wollten. Was ist unlauterer Wettbewerb? Nach den vielen Beispielen, wird man es wohl überflüssig finden, wohl erst eine substanzielle Definition zu liefern. Wir haben die Behauptung aufgestellt, daß der unlautere Wettbewerb ein arisches Product und aus arischem Boden gewachsen ist. nicht ein Ergebniß des modernen Verkehres, sondern ein Abusus von Handel und Wandel früherer Zeiten ebenso wie der Jetztzeit. Wir haben dargethan. daß der unlautere Wettbewerb in Industrie und Gewerbe sich am fühlbarsten schon zur Zeit bemerkbar gemacht hat, als es Juden noch verpönt war, sich auf diesen Gebieten überhaupt zu bethätigen. Unlautern Wettbewerb gab's im Alterthum, im Mittelalter und er war trotz hochnotpeinlicher Strafen nicht zu' begegnen. Wenn es der modernen Gesetzgebung gelänge, ihn aus der Welt zu schaffen, oder zumindest auf das engste Gebiet einzudämmen, würde dies wohl zumeist im jüdischen Interesse zu wünschen sein, denn den Juden wird ja bekanntlich alles in die Schuhe geschoben und sie für jeden k'aux pa3 verantwortlich gemacht. Die Juden wünschen nichts sehnlicher, als das Treu und Glauben im Handel und Verkehr zur Geltung kämen. In einem nächsten Artikel soll der Nachweis erbracht werden, daß während der relativ kurzen Zeit, wo es Juden vergönnt ist, sich auf dem Gebiete industrieller Thätigkeit bemerkbar zu machen, das bei diesen das Bestreben obwaltet, auf der Höhe der Situation zu bleiben, den betreffenden Industriezweig zu heben, nicht aber zu prostituiren und nicht nur den besten Mustern nachzuahmen, sondern auch nach jeder Richtung mit Erfolg mustergebend und bahnbrechend zu sein und zu wirken. ' Eduard Beer. Besuch bei einer Hundertjährigen. Nachdem durch die Tageszeitungen bekannt geworden, daß eine frühere Köchin, die unverheiratete Friedrike Wolff, ihren hundertsten Geburtstag am 12. Mai gefeiert habe, nachdem sie bis zum 75. Lebensjahr, treu ihrem Beruf, sich im Hausdienst das tägliche Brot erworben, seitdem aber einsam auf sich angewiesen ein ärmliches Dasein friste, beschloß der Berliner Hausfrauenverein, der Jubilarin auch eine Freude zu bereiten durch monatliche Unterstützung aus der Lina Morgenstern-Stiftung. Schon zur Feier des Geburtstages der Veteranin waren drei Herren zu einem Comitö zusammengetreten, die eine Geldsammlung mit Erfolg veranstaltet und Frl Wolff mitgetheilt hatten, daß sie nun von diesem kleinen Capital je nach Bedürfniß Beträge erbeben könne. Bis dahin nämlich war die Greisin nur auf die Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen, die ihr seit einigen Jahren monatlich 25 Mark gab. Am Himmelfahrtstage begab ich mich mit Frau Baumeister Clara Rudloff zu der Hundertjährigen. „Eine Treppe auf dem Hofe links wohnt Fräulein Wolff" erhielten wir auf unsere Frage im Hause Schwerinstraße 7 zur Antwort. Auf unser Klopfen an der Thür öffnete eine Frau von untersetzter kleiner Gestalt und gntmüthigem Gesicht, die wir höchstens für eine Siebenzigjährige gehalten hätten. „Meine Damen, welche unerwarteter Besuch. Bitte, treten sie näher und entschuldigen Sie, wie ich und mein Stübchen aussehen, aber bei diesem strömenden Regen habe ich niemand erwartet. Ich war eben beim Aufräumen." — Wir traten durch ein dunkles kleines Entree, das zur Küche mit blinkendem Geschirr an den Wänden eingerichtet war, in ein Stübchen, so eng, daß, als.ich auf dem alten kleinen Sopha Platz nahm — und Friederike Wolff auf ihrem Bett — unsere Knie aneinander stießen und Frau Baumeister Rudloff mit ihrem Stuhl den Gang versperrte Am geöffneten Fenster prangten aber die blühenden Pflanzen auf dem Blumenbrett — die noch vom Geburtstage her dem kleinen, mit den nothwendigsten Möbeln ausgestatteten Raum ein freundliches Ansehen gaben. Nachdem wir unsere Namen und den Zweck unseres Besuches genannt und die freundliche Greisin ihre Freude und ihren Dank geäußert. erzählte sie auf unsere Bitte mit kräftiger Stimme, lebhaften Geberden, untermischt mit humoristischeu Bemerkungen, über die wir ebenso wie über ihre drastischen Darstellungen herzlich lachen mußten, aus ihrem Leben. Unser Erstaunen wuchs, als die Alte, ohne zu ermüden, wohl eine ganze Stunde erzählte, manchmal ganz dramatisch werdend. Ich berichte das, was allgemein interessant sein dürfte. „Ich bin im Herzogthum Posen 1800 geboren. Mein Großvater war ein groß-r Schlächter, er starb, als ich vier Jahre alt war. Mein Vater bekam das Geschäft. Ich hatte viele Geschwister, und ich war die älteste, aber von Lernen war keine Rede. Ich verstehe heute noch nicht zu lesen und zu schreiben, denn ich hatte später keine Lust, es zu lernen." „So lassen Sie sich wohl manchmal vorlesen", unterbrach ich sie. „Nein", antwortete Friederike, „was geht mich an. was in der Welt vorgeht Ich habe immer im Leben meine Arbeit gehabt und mich dabei zufrieden gefühlt! — Meine Eltern waren sehr wohlthätig, und für Arme gab es bei uns immer Freitisch! — Dann kam eine traurige Zeit. Unser Haus brannte in einer Nacht ab. Meine Mutter war gerade Wöchnerin, man entriß sie mit ihrem Kindlein dem Feuertode, und auch wir wurden im Hemde aus dem brennenden Hause gebracht. Von.Versicherung war damals keine Rede. Wir verloren alles Hab und Gut. Seit der Zett herrschte bei uns Armuth, ich und meine Geschwister mußten ans Brotverdienen denken. — Als ich zwanzig Jahre alt war, sagte mein Vater, „du mußt in den Dienst gehen, wi>- können dich nicht weiter erhalten." Gelernt hatte ich nichts, als von meiner Mutter wirthschasten und gut kochen. So vermiethete ich mich nach Bromberg und nach einigen Jahren an die russische Grenze. Jndeß war mein Vater gestorben und auch alle Geschwister bis auf das jüngste Brüderchen. Meine Mutter ließ mir schreiben, sie sei in großer Noth. Ich schickte ihr alles, was ich erspart hatte, und von da an unterstützte ich sie bis zu ihrem Tode — Da ich hörte, daß man in Berlin weit größeren Lohn erhalte, wandette ich theils zu Fuß, theils mit der Post dcchin. Damals 18-45 machte man aber einem jüdischen Mädchen, das hier Stellung suchen wollte, den Einzug sehr schwer. Ich mußte darben und warten, bis ich das Einzugsgeld beschaffen konnte Nun aber fand ich gute und feine Herrschaften — bei Christen und Juden. Ich diente bei einem General, bei einem Consul, bei einem Oberstabsarzt und blieb immer mehrere Jahre als Köchin in einem Dienst. „Wölffchens" Kochkunst wurde berühmt, da brauchten meine Herrschaften keinen Koch mehr zu Gesellschaften und „Wölffchens" Braten konnte mir niemand nachmachen." Nun plauderte die Alte von ihren Herrschaften, wie liebreich sie von den meisten behandelt worden sei. „So diente ich, bis ich 75 Jahre alt geworden. Da wollte aber das Kupferscheuern nicht mehr so gehen, und ich fand keinen leichteren Dienst mehr. Nun miethete ich dies Stübchen und ging als Kochfrau. Da sah mich der Maler Gussow, der fragte, ob ich ihm Modell sitzen wolle, er zahle für die Sitzung 3 Mark. Meine Ersparnisse waren bald aufgezehrt So nahm ich das Modellsitzen an. „Wissen möchte ich, was Sie an meinem häßlichen Gesicht zu malen finden", sagte ich. „Das kann ich Ihnen nicht erklären", meinte Herr Gussow „für mich ist es sehr intereffant". Das Bild hat er später auf die Ausstellung gegeben. Als ich nun ansing Noth zu leiden, gab mir die jüdische Gemeinde 25 Mark monatlich seit Jahren. Davon zahle ich 10 Mark Miethe auf mein Stübchen. „Wer räumt Ihnen dies auf, und wer kocht für Sie?" unterbrach ich die Alte. Da lachte sie auf, daß wir mitlachen mußten. „Wer?" Ich räume mir alles auf, ich koche mir — fteilich auf meine alten Tage ist es nicht viel. Ich habe oft die ganze Woche keinen Happen Fleisch. —