Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr° Bloch's Wochrnsthrist» Sette 437 feiern, welches Raum für 1000 Kinder haben wird. Da ist keine Gegnerschaft mehr wahrnehmbar, ja noch mehr, die Eltern, welche vordem jeden Gedanken an einen profanen Unterricht voll Abscheu abwehrten, sie führen jetzt ihre Kinder selbst herbei, um Aufnahme für dieselben flehend. Was die Mädchenschulen betrifft, so, waren dieselben nirgends von größerer Wichtigkeit als in den türkischen Ländern, wo die Frau eine ganz untergeordnete Stellung inne'hat. Um ihr den ihr gebührenden Rang und den Platz in der Familie zu erringen, um sie zur wahrhaften Mutter, will sagen zur Erzieherin ihrer Kinder zu erheben, mußte sie nothwendig ihrem Manne gleichwerthig gemacht werden, dies ist über alle Erwartung gelungen. Die Mädchenschulen der Alliance stehen ihren Knabenschulen nicht nur nicht nach, sie überflügeln sie sogar in mancher Beziehung. Wollen wir, nachdem wir Aufsätze 14—15jähriger Knaben der Schulen Adrianopel, Constantinopel und Damascus citirt haben, auch einen kleinen Auszug aus einem von einer 14jährigen Schülerin einer Schule in Constantinopel über dasselbe Thema: Die Nützlichkeit der Leiden rc. verfaßten Aufsatz reproduciren: „.. .Wenn — so heißt es hier — wenn die Schmerzen und Leiden auf den Menschen bessernd wirken, so liegt die Ursache darin, daß sie ihm Gelegenheit bieten, sich an des Lebens Ungemach zu gewöhnen. Die Gefahr zwingt dem Menschen den Kampf auf und dieser Kampf stählt und bessert ihn. Der vom Schicksal hart Betroffene wird gewiß weniger Neigung, Böses zu thun, empfinden, als derjenige, der noch nie gelitten." Es darf hier nicht einer der beredtesten, durch die Mädchenschulen herbeigeführten Erfolge übergangen werden: In der Türkei werden Mädchen schon im zarten Alter von 10 bis 11 Jahren verheiratet. Es soll hier diese beklagenswerthe Sitte nicht näher erörtert oder qualificirt, sondern lediglich auf die ernsten und traurigen Folgen hingewiesen werden. Solche sind: eine erschreckliche Sterblichkeit unter den Frauen, welche der frühzeitigen Mutterschaft unterliegen, wahre Hetakomben unter den Neugeborenen, denen die jungen Mütter die nöthige Pflege nicht zu gewähren verstehen. In jenen Städten, wo die Alliance-Schulen gegründet, hat diese Unsitte zum Theile ganz aufgehört, zum Theile verschwindet sie mit jedem Tage. Es ist also auch auf diesem Gebiete ein gutes Stück Arbeit vollbracht worden. Es würde zu weit führen, alle durch die Schule in der materiellen Lage unserer Glaubensgenossen herbeigeführten Wandlungen zum Besseren anzudeuten. Sie lassen sich aber leicht vorstellen. Ist einmal die Hand des geübten Arbeiters mit einem guten Werkzeuge versehen, so weiß er dasselbe mit Nutzen zu gebrauchen. Ausgerüstet, wie die Zöglinge der Alliance heute für den Kampf sind, finden sie einen Erwerb, der ihnen vormals bei ihrer Unwissenheit unzugänglich war. Anstatt beim Hausirer- und Maklergewerbe zu verkümmern, silid sie sitzt in Folge ihrer Bildung seitens bedeutender Handelsfirmen und Verwaltungen gesucht; Andere wieder betheiligen sich an den Geschäften ihrer Eltern, breiten die Geschäftstätigkeit derselben aus und knüpfen Beziehungen mit dem Occident an. Endlich gehen Hunderte dieser jungen Leute, welche in ihrer Heimat nicht Gelegenheit finden, ihre Bildung zu verwerthen, Dank den in den Schulen erworbenen Kenntnissen in entfernte Länder, wo ihr Unternehmungsgeist, ihre Enthaltsamkeit und Ausdauer sie in die Lage versetzen, sich eine anständige Existenz zu gründen. So findet man in Südamerika ganze Gemeinden, die zum größten Theile aus Absolventen der Alliance-Schule in Marokko bestehen; in Indien und China solche, welche aus, Zöglingen der Alliance-Schulen von Bagdad und Aleppo sich gebildet haben und weist Egypten ein zahlreiches Contingent von Zöglingen auf. welche in den Schulen Syriens herangebildet wurden. Endlich hat die Alliance überall, wo dieses nur möglich war, Curse für Erwachsene organisirt: für Arbeiter, Hausirer und Krämer, welche nie eine Schule besucht haben. Das folgende, von einem Schulleiter an das Comitä der Alliance gerichtete Schreiben dürfte eine Vorstellung von der Nothwendigkeit und Ersprießlichkeit solcher Curse gewähren: „Es bietet einen rührenden Anblick dar", so heißt es in dem in Rede stehenden Schreiben, „diese von des Tages Mühen abgearbeiteten Leute zu sehen, wie sie den kleinen Kindern gleich, schweigsam und aufhorchend in den Schulbänken sitzen. Man muß den Eifer sehen, womit sich ein vierz gjähriger Hörer dem Lehre gegenüber entschuldigt, daß er etwas zu laut von seinem Nachbar Aufklärung über den Unterrichtsgegenstand verlangte. Wir müffeu bei diesem Unterricht energisch Vorgehen, zumal im Anfang, wo die Leute, welche keine Disciplin kennen, das Gebühren und die Sprechweise ihrer täglichen Beschäftigung mit in die Schule bringen. Da die Zahl der um Aufnahme Bittenden größer ist, als die zur Verfügung stehenden Plätze, so sind wir in Bezug auf die Frequenz sehr streng und eine Verspätung von nur fünf Minuten hat eine Abweisung zur Folge. Und doch muß auch in solchen Fällen oft Nachsicht geübt werden. »Ich hatte beispielsweise bemerkt, daß ein fünfundzwanzigjähriger Hörer sich zweimal hintereinander um 20 Minuten verspätet und wollte ihn beim zweiten Mal heimschicken. Da sagte er weinend: „Was kann ich dafür, daß die Geschäftsfrau, in deren Diensten ich stehe, mich vor dieser Zeit nicht freilaffen will? Soll ich deswegen niemals etwas lernen?" Kann man wohl einen solchen Menschen abweisen? Selbstredend gehören sie sämmtlich der allerärmsten Classe der Bevölkerung an, der selbst die geringen Mittel fehlen, um ihre Kinder in die Talmud- Thora zu schicken, die vielmehr wirklich gezwungen! find, Dieselben auszuschicken, um Beschäftigung zur Herbeischaffung des täglichen Brotes zn suchen. Dabei verdienen sie 5 Piaster (gleich 94 Heller) wöchentlich und ein Stück Brot und Käse für ihr Mittagmahl. Mehr verdienen sie auch dann nicht, wenn fie älter geworden. „Es ist aber traurige Wahrheit, daß, je größer die Leiden und je schwieriger der Erwerb, desto größer die Trunksucht ist. Dies habe ich seit dem Beginne unseres Abendcurses wiederholt festgestellt. Ich habe bisher diese Leute noch nicht wegen der Trunksucht gerügt, aus Furcht sie zu verscheuchen, wenn sie merken, daß ich es aus diese ihre verderbliche Gewohnheit abgesehen habe. Aber nur Geduld! Ich gehe langsam vor. An der Hand geeigneter Lesestücke, sanft und unter Form von Leetionen über Hygiene ertheilte Rathschläge wird es gelingen. Und wenn ich es dahin gebracht, die Kundenzahl der Schankhäuser zu vermindern, so wird dieses mein schönster Lohn sein. Schon wirkt eine von mir getroffene Maßregel. Ich schmeichle mir keineswegs, dieses Laster zu unterdrücken. Es ist dieses vielen, und über ganz andere und glänzende Mittel verfügenden europäischen Ges-lljchaften bis heute nicht gelungen, doch hoffe ich dem Uebel wenigstens soweit zu steuern, daß es mir gelingt, ihm gewisse Schranken zu setzen." Seit einigen Jahren macht sich eine großartige, zukunstverheißende Bewegung geltend. Wahrhaft freisinnige Geister und aufrichtige Freunde des Volkes steigen in die Bolksmaffen hinab, um ihnen Belehrung und Gesittung zu bringen .... Nichts anderes strebt die Alliance an. Es hat sich aber auch gezeigt, mit welcher Liebe ihre Lehrer, begeistert von den edelsten und gesündesten Ideen, sich anstrengen, dem in den Gemeinden des Orients so zahlreich vorhandenen Mischen Proletariate die Anschauungen und Ideale jener großen Männer beizubringen, welche die Volksuniversitäten ins Leben gerufen haben. — Dieses merkwürdige Lehrpersonal, welches den guten Samen verbreitend in die Ferne trägt, diese jungen Männer und jungen Mädchen, wahrhafte Missionäre, wenn auch Laien, die wir aus unseren orientalischen und afrikanischen Schulen hieher (nach Paris) kommen lassen, um sie unter unseren Augen für ihre so schwierige Mission vorbereiten zu lassen, begeben sich, nachdem sie sich hier neben Pflichttreue eine gründliche Bildung angeeignet, ihre Studien vollendet haben, in ferne, nicht selten wilde Länder, um dortselbst ihren Aposteldienst auszuüben, mit einem Herzen voll Muth und Zuversicht, durchdrungen von dem Verlangen, der Sache der menschlichen Solidarität zu dienen und an der Regenerirung ihrer Brüder und Schwestern zu arbeiten. So wunderbar aber auch die Schule Fortschritt und moderne Cultur vermittelt, so genügt dennoch der Unterricht, den die Knaben hier erhalten, nicht immer oder vielmehr nur in seltenen Fällen, ihnen einen Broterwerb zu verschaffen; daher hat denn auch die Alliance von allem Anfang das Handwerk als die natürliche und nothwendige Ergänzung der Schule betrachtet. Allein der jämmerliche Stand der Gewerbe, die große Bedürfnißlosigkeit der Bevölkerung, die eifersüchtig gehütete Exclufivität der christlichen nnd muselmännischen Meister und endlich die geringe Neigung der Knaben für die ihren Eltern wenig vertrauten Handwerke (pour Iss rnstisrs ignorss äs Isurs parsnts), machten diese Frage, zumal im Orient, zu einer äußerst schwierigen. Wer sich nur irgend mit der Unterbringung von Kindern beim Handwerk befaßt, weiß, auf wie vielfache Enttäuschungen und Mißerfolge man sich gefaßt machen muß, bevor ernste