Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 426 Nr. 23 Br. Bloch's Wvchr.tfchrifi. ' Dieser edle Monotheismus aber konnte nur die Frucht einer hochentwickelten Civilisation gewesen sein, wie sie eben bei den alten Juden, die ihre Vorstudien im Lande der Pharaonen gemacht haben, wirklich vorhanden war, und die ganze Weltgeschichte lehrt uns, daß die Anzahl der Götter genau in demselben Grade abnimmt, als die menschliche Intelligenz zunimmt. Und es ist bewunderungswürdig, wie diese kleine und verachtete Nation über -ie Köpfe der sämmtlichen Völker des Alterthums hinweg, die Stürme Babyloniens, der Chaldäer, Phönizier, Griechenlands, Roms und Indiens überwindend, bis auf unsere Zeiten an einer Idee festgehalten hat, die nur bis dahin dem höchstmöglichen Zustand der menschlichen Gesellschaft entsprungen sein konnte. Selbst die weitgehendste Skepsis sieht sich gezwungen, einen Augenblick lang vor dem Wunder der Fortexistenz dieses sonderbaren Volkes innezuhalten, daß sozusagen durch den Schlamm der Zeiten hindurchwatend, auf seinen Schultern die Bürde seiner großen Idee herumträgt, und unter der treibenden Gewalt derselben wie unter einem fortwährenden unwiederstehlichen Impulse weiter existirt. Die Mischen Gebete undPredigtendie man heutzutage in den Synagogen von Wien und Berlin, von London, Chicago und Melbourne hört, hörte man schon vor mehr als 2000 Jahren in den Straßen Roms und weiterhin in Babylon und Ächeben, in Tyrus, Sydon, Palmira und in Ninive. Und wie viel Nationen sind seitdem untergegangen und im Abgrund der Zeiten verschwunden, wie viele Sprachen, deren Laute verklungen, wie viele herrliche Culturen sind seitdem in Ruinen zerfallen, wie viele Tempel, Kirchen, Thürme und Städte sind zu Staub zerbröckelt, wie sind die sieben Wunderwerke der alten Welt dahin gerafft, wie ist der Trotz der irdischen Stärke erlegen vor der Himmelskrast, seit die fixe Idee des Monotheismus dieses Volk erfaßt hat. Alle die nomadischen Stämme ihrer Vorväter sind dahin, das Land ihrer Verheißung ist im Besitz von Fremden, aber das Judenthum mit sammt seinem Sprößling dem Christenthum ergreift von der ganzen Welt Besitz und die ununterbrochene Fortexislenz dieses einen verachteten und elenden Volkes, ist heute die einzige Brücke, die den Ungeheuern Abgrund der Zeit überspannt, die zwischen den heiligen Sprüchen des Buches der Bücher und dem Ende des 19. Jahrhunderts liegt. Wenn der Weltgeist, von dem dieses Universum nur eine Ausdrucksform ist, und von dessen Körper die riesenhaftesten Sterne nur die Molecüle bilden, sich überhaupt damit abgibt, die Gesetze der Materie und die Thaten der Menschen irgendwie zu beeinflussen, sollte dieser Einfluß sich dann nicht vor allen Dingen darauf erstreckt haben, aus dem Wracke, dem Geröll der untergegangenen Völker und ihrer Culturen die edel st e Frucht derselben zu retten: „Den Glauben an einen einzigen gerechten Gott, dem Born und Urquell aller Moral?" Diese mit einer dithyrambischen Begeisterung und mit der tiefsten Gluth der Ueberzeugung abgrgebene Apotheose des jüdischen Volkes sollte in ganz Israel, von Dan bis Bersöba, mit eisernem Griffel tief eingeprägt werden, um Zeugenschaft abzugeben von der einzigen Rolle, welche dieses Volk in der Weltgeschichte gespielt hat, und von welch hoher Bedeutung seine Existenz für die gesammte Menschheit ist. Insbesondere der jetzigen, zum Theile decadenten Generation, die nach dem Ausspruche eines hervorragenden jüdischen Pädagogen kaum mehr die Kraft besitzt, ein kurzes Stoßgebet zu verrichten, sollte von den Religionslehrern in eindringlichster Weise die Großartigkeit der jüdischen Liturgie und die hohe sittlich veredelnde Kraft der jüdischen Gebete gelehrt werden. Das Leben einer Nation stirbt überall da aus, wo die Lampe der alten Erinnerung erlischt, und es ist vergebens, daß die neue Zeit ihre Gaserleuchtung an deren Stelle anzündet. So mögen wir denn Alle unsere Pflicht erfüllen und wenigstens einen Tropfen Oel auf die Lampe der Erinnerung gießen. Samuel Löwenthal. Die erziehliche Thätigkeit der „Alliance Israelite Von Dr. Arnold Ascher. III. Und nun zu dem Berichte der Generalversammlung des Vereines ehemaliger Zöglinge der Alliance - Schule zu Smyrna. Die Statuten lauten: Artikel 1. Es hat sich zu Smyrna eine Gesellschaft unter dem Titel: „Verein ehemaliger Zöglinge der^Schulen der Alliance zu Smyrna" gebildet. A r t i k e l 2. Zweck der Gesellschaft: a) Freundschaftliche und solidarische Beziehungen unter den ehemaligen Zöglingen der Schulen der Alliance herbeizuführen und zu erhalten. b) Beschäftigungslosen activen Mitgliedern der Gesellschaft Arbeit zu vermitteln. e) Die bedürftigen Frequentanten der oberen und letzten Classen der Alliance - Schulen während der Studienzeit zu erhalten. ä) Eine Abend- und Sonntagsschule, sowie Conferenzen für solche junge Leute zu organisiren, welche die Schule vor Absolvirung ihrer Studien verlassen haben. Schon beim flüchtigen Durchlesen des Berichtes findet man, daß der Verein seinem Programme durchwegs nachgekommen ist. Eine Reihe von jungen Leuten wurde durch den Verein theils unterstützt, theils untergebracht. Es wurden Abendcurse organisirt, Gesellschaftscirkel gebildet, in denen interessante und erhebende Themata behandelt werden, als da sind: Die jüdische Frau. — Was soll man von den den Juden zugeschriebenen Fehlern halten? — Die Rolle der Frau in der Haushaltung. — Der Vegetarianismus. — Die mikrobischen Krankheiten u. s. w. Bescheidener, aber vielleicht um so rührender, lautet der Bericht des Vereines „Lonne Volentä", welcher von den ehemaligen Zöglingen der Alliance-Schule zu Haskeny und Constantinopel gegründet wurde. Er lautet: „Anfänge des Werkes : — Die Schule der Alliance Jsraelite zu Haskeny wird bekanntlich von vielen armen Kindern besucht, die so arm sind, daß viele derselben selbst ein Stückchen Brot zu Mittag entbehren. Die Lehrer richten daher öfters ihre Mahnungen an die Wohlhabenden, ihr Mahl mit diesen Hungernden zu theilen, da es höchst ungerecht wäre, daß neben Kindern, die gar keinen Mangel leiden, solche sitzen sollen, die nicht einmal ihren Hunger stillen können. Viele kamen in der That dem Wunsche ihrer Lehrer nach; da jedoch die Zahl der armen Zöglinge ungleich größer als jene der Wohlhabenden, so blieb immer noch eine Anzahl armer Kinder den ganzen Tag dem Hunger ausgesetzt. Daraufhin beschloßen einige Zöglinge, Beiträge von je 100 Para (-50 h) monatlich zu spenden, um den hungernden Zöglingen wenigstens ein Stück Brod bieten zu können, und bald schloßen sich diesem Beginnen viele andere Kameraden an. So entstand ein kleiner Wohlthätigkeitsverein, dessen Mitglieder mehr über einen guten Willen als über materielle Mittel verfügten, daher auch der Name des Vereines „Guter Wille". Die erziehliche Thätigkeit der Alliance geht also über die Schule hinaus, sie überläßt keineswegs den Absolventen der Schule sich selbst, sondern begleitet ihn auch ins Leben, um ihn zu einem nützlichen und wackeren Menschen zu machen. Auf diese Weise ist es gelungen, allenthalben junge Vereine ehemaliger Zöglinge ins Leben zu rufen, deren wohlthätige Tendenzen, deren eifrige Initiative, deren feuriges Streben, Gutes zu thun alle Anerkennung verdient. So geartet ist die junge in den Schulen der Alliance herangebildete Generation. Aber auch auf die Eltern wirkt die den Kindern in den Alliance-Schulen gewordene Erziehung zurück. Unbewußt und ahnungslos machen diese Kinder im Elternhause Schule und machen diese allmälig sür die modernen Ideen empfänglich. Indem sie Tag für Tag ihre Umgebung mit den aus dem Munde der Lehrer gehörten oder aus ihren Büchern geschöpften Begriffen vertraut machen, üben sie, wie der Wassertropfen auf einen Stein, eine die Vorurtheile und Voreingenommenheiten der Eltern auflösende Wirkung. Die Wandlungen, die sich auf die bezeichnte Weise im Denken und Empfinden der Eltern vollziehen, werden am besten durch folgende Thatsache illustrirt. Als Herr Nissim Behar im Jahre 1882 eine Alliance-Schule in Jerusalem anregte, wurde er in den Bann gethän und fast gesteinigt. Heute zählt die dortige Schule 300 Kinder und geht die Alliance daran, die Einweihung eines Schulgebäudes zu