Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 23 (8.6.1900)
- Date
- 1900-06-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28 Vr. Blvch's Wochrnfchrifk. Sette 435 So konnte zu solch gefährlicher Stunde dem Burschen kaum etwas willkommener sein als dieses Lied. „Sing vor", sagte er, „ich thu' mit." Der Hirt fuhr fort: „Lieber Freund ich frage dich." Erlefried entgegnete: „Lieber Freund, was fragst du mich?" Der Hirt: „Sag mir, was ist Drei." Erlefried: „Drei Patriarchen." Beide zusammen: „Drei Patriarchen, zwei Tafeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein, der da lebt und der da schwebt im Himmel und auf Erden." Ich brauche wohl nicht weiter zu citiren. Der kundige Leser, zumal derjenige, dem die letzten Accorde der Festgesänge von der jüngstver stoffenen Sedernacht noch nachklingen mögen, wird sofort errathen haben, daß er es hier mit einem guten alten Bekannten aus der Hagada schel Pesach zu thun hat. Das ist ja, wird er freudig ausrufen, unsere altehrwürdige Hymne: „Echot mi jodea, echod ani jodea." Ja wohl! das ist sie. Aber, wird er weiter verwundert fragen, wie kommt der Peter Rosegger dazu, aus einer so weltentlegenen Ecke diesen so bodenständig und wurzelfest in der Hagada stehenden Gesang hier von diesen zwei Gestalten in finsterer, nächtiger Zeit trillern zu lassen? Rosegger gibt uns im weiteren Verlauf der Darstellung die Antwort, indem er anführt, daß diese Hymne während der großen Procession am Frohnleichnamstage gesungen wird, und obige Episode am Vorabend dieses Festes sich abspielt. Rosegger ist in allen seinen Angaben ein so verläßlicher Autor, daß es gar keinem Zweifel unterliegen kann, daß diese Hymne thatsächlich während der großen Procession von den Gläubigen der römischen Kirche gesungen wird. Es entsteht nun die Frage, wo ist die Priorität dieses Gedichtes zu suchen, in der Hagada schel Pesach oder in der christlichen Liturgie? Tendenz, Structur und Durchführung des Leitmotives sind in beiden Liturgiestücken ganz die gleichen. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach kann die Entscheidung hierüber nicht zweifelhaft sein. Das Festum Corporis Christi der Frohnleichnamstag) zur Feier der Transsubstantiation ist eines der verhältnißmäßig jüngsten Feiertage in der römischkatholischen Kirche und wurde erst auf dem Cvncil zu Vienne im Jahre 1311 zur allgemeinen Bedeutung erhoben. Die Frohnleichnamsprocession zeichnet sich durch einen besonderen Glanz aus, um die Herrlichkeit der katholischen Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner zu offenbaren, deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen und cs wurde das Festofficium hiezu über Auftrag des Papstes Sixtus IV. von keinem Geringeren als von dem heiligen Thomas von Aquino verfaßt. Nun wissen wir aber, daß die Anordnung in der Hagada eine uralte ist, was neuerlich auch dadurch erwiesen wurde, daß die sogenannte „illustrirte Hagada von Serajewo", deren Ursprung von sachverständigen Gelehrten ins 11. bis 12. Jahrhundert nachgewiesen wurde, diese Hymne schon enthält. Thomas von Aquino — welcher, „Doctor universalis & Angelus“ genannt wurde — war einer der größten Theologen und Gelehrten des späteren Mittelalters und in allen Liturgien seiner Zeit wohl bewandert. Es kann also immerhin sein, daß von ihm eine Ueberarbeitung dieser Hymne veranlaßt und eine Anpassung an die christliche Liturgie geschaffen wurde. Und eine Umarbeitung und Nachbildung ist.diese Hymne, wie sie Rosegger uns gibt, denn nur die ersten drei Zahlen stimmen genau überein mit dem Originale, während schon bei Zahl Bier anstatt der 4 Patriarchenmütter die 4 Evangelisten, bei Zahl 5 die fünf Wunden Christi rc. interpolirt sind. Erst die Zahl 10 stimmt wieder genau überein mit dem Originale, indem in beiden die zehn Gebote Gottes enthalten sind. Merkwürdig ist, daß auch das kleine, putzige aber sehr tiefsinnige Chad Gadjulied, welches als letztes Stück, sozusagen als Piece de resistance in der Hagada sich befindet, in vielfacher Umarbeitung und Nachahmung in die deutsche Bolkspoefie übergegangen ist. Daß aber vielfach eine Reception aus der svnagogalen Liturgie in die der christlichen, namentlich der römisch-katholischen stattgefunden hat, ist für denjenigen, der einen Einblick in das „Lreviariurn Romanum“ gemacht hat, keine Neuheit. Ganz abgesehen von dem Psalter, den 150 Psalmen, welche den Ausdruck dys lebendigsten Gottesvertraueus, gegründet auf eine tiespoetische Welt- und Lebensbetrachtung darstellen, und als ein hohes Muster religiöser Lyrik von unvergleichlicher Schönheit zu bezeichnen find, beinahe ihrem ganzen Umfange nach als hochgepriesene Gebete für die verschiedensten Lagen des menschlichen Lebens in die christliche Liturgie übergegangen sind, — erscheinen im Breviarium in den Landes, Hymnen, Responsorien, Antiphonien rc. ganze Abschnitte aus dem alten Testamente, die in der gleichen Weise wie in der Liturgie der Synagoge, ihre Anwendung finden. So z. B. werden in der katholischen Kirche 3 Abschnitte der Klagelieder Jeremiä (Lamentationen) am Mittwoch, Donnerstag und Freitag dec Charwoche in den Finstermetten — in Wien und Niederösterreich Pumpermetten genannt — abgesungen. Während der Adventzeit wird der gegen Tagesanbruch abgehaltene Gottesdienst mit dem Gesänge aus Jesaias Cap. 45.8 „Rorate eoeli desuper“ in der Synagoge: „Harisu Schumajim meoll" — eingeleitet. Die kraftvolle Hymne um Gnade beim Weltgericht, dem altbekannten „dies irae, dies illa“ liegt die Stelle des Propheten Zephanja 1. 14—18 zu Grunde und enthält frappante Anklänge an das „unessanu tokef", welches am Rosch haschano in der Synagoge mit tiefster Zerknirschung vorgetragen wird. Merkwürdiger noch erscheint es, daß ganze jüdische Liturgiestücke von christlichen Schriftstellern auch in ihren profanen Werken mit Vorliebe citirt werden. Der katholische tiefgläubige Marquis de Chateaubrand, der in den ersten Decennien des 19. Jahrhunderts eine Reise von Frankreich über Griechenland nach Jerusalem unternahm (dargestellt in seinem Werke Itineraire de Paris a Jerusalem) schreibt nach seinem Besuche des Gral males der Patriarchenmutter Rahel in Bethlehem in seinem Tagebuch: „Nicht so sehr an dieser Stelle, aber auf der Insel Chios, wo ich bei dem dortigen jüdisch-griechischen Arzt Avramiotti zu Gast war. habe ich angesichts der Greuelscenen, welche eine entmenschte türkische Soldateska gegen die dortigen armen jüdischen und christlichen Bewohner verübte, deren Bethäuser in vandalischer Weise zerstörte uud Jung und Alt, Weiber und Kinder in entsetzlicher Weise hinmordeten, die tiefe Bedeutung des Liturgiestückes, welches ich heute in meinem Breviarium vorgefunden habe, in seiner ganzen Erhabenheit erkannt: „Vox in Ramah audita est,- ploratus et ululatus multus. Rahel plorans Klios suos, et noluit consolari, quia non sunt — Jerem. 31. 15 —. Der berühmte Philosoph Schopenhauer, der gewiß nicht zu den Philosemiten gezählt werden kann, weiß — um für seine pessimistische Weltanschauung recht drastische Aussprüche von anerkannten Autoritäten anzuführen, nichts Beweiskräftigeres vorzubringen als ein jüdisches Liturgiestück, und so schreibt er in seiner Parerga und Paralipomina mit dem Brustton der vollen Ueberzeugung zu dem betreffenden Capitel: „homo natus muliere brevi vivens tempore, repletur multis miseris etc. Hiob. Cap. 14. In einem seiner Gespräche mit Eckermann nennt Goethe die Juden das Volk der Beter Lat Exochen und meint, daß hauptsächlich und wesentlich dieses Moment dazu beigetragen haben mag, daß diese Nation trotz der vielen Verfolgungen und trotz der unmenschlichsten Behandlung seitens ihrer Unterdrücker, sich in der ganzen Integrität erhalten hat. Wie wahr das ist! Wie batten sich die Juden in den langen bangen Jahrhunderten hindurch, in denen sie ärger wie das Treibwild gehetzt und gemartert wurden, erhalten können, wie hätten sie den zehnfach schweren Kampf ums Dasein überstehen können, ohne ihr felsenfestes Gottvertrauen, ohne ihre kräftigen markigen/ sie tröstenden Gebete, d.ie ihnen stets neues Hoffen auf beffere Zeiten mit Sicherheit ermöglichten. Wer aber der wirkliche Gottsucher war und von welch charakteristischer Beschaffenheit derselbe ist, das sagt uns ebenfalls ein tiefgläubiger arischer Christ, der Verfasser des wunderbaren Buches: ..Atlantis". In diesem Buche mit entzückender Darstellung und profunder Gelehrsamkeit sucht der Verfasser den Zusammenhang der untergegangenen Cultur und Civilisation der centralamerikanischen Staaten des Alterthums mit der der Völker der europäischen Mittelmeerländer durch Beweise zu erhärten. In dem Capttel, in dem er die Cultur der Juden darstellt, schreibt er folgende merkwürdige Sätze nieder: „Der treibende Grundgedanke, von dem die Juden sich tausende von Jahren lang zu allen Zeiten tragen ließen war die Ueberzeugung, daß sie ein „auserwähltes Volk" seien; ausgesondert und erkoren aus all der Menge anderer Völker, um die große Wahrheit kund zu machen, daß es nur einen Gott gebe, einen unendlichen, allmächtigen väterlichen Weltgeist, der die Guten belohnt und die Schlechten bestraft, in scharfer Unterscheidung von den mannigfalttgen Thier- und Menscheugöttern der anderen Völker der Erde.