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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 424 Nr. 23 Dr. Bloch's WochenfchvM von Stöcker, uneingedenk daß nicht blos die Juden, die sich übrigens national längst assimilirten, in den Leib der Gemeinde injicirt sind, sondern auch — und zwar viel compacter, viel fremder, viel wiederstandskräftiger und überdies offensiver — Polen, Dänen und Franzosen, an dem Deutschen Reiche und an den Rechten des Volkes participiren. Ein unverzeihliches Verbrechen an den Zeitgeist und der Cultur, beging Treitschke durch die Vergiftung der akademischen Jugend, durch antihumanistische Ideen und durch ihre Erziehung zu Haß und Verfolgung Andersgläubiger und Andersdenkender. Es ist die Pflicht des Lehrers der Jugend ihre ideale Welt zu erhalten und sie vor Verwilderung zu bewahren, nicht aber sie in die Arena zu hetzen, wo so viel Menschenglück zur Strecke gebracht wird. Treitschke aber stieg, zu seinem späteren Bedauern, bis fast zu den Niederungen eines Ahlwardt hinunter, der an FAschung, Verleumdung und Verlogenheit das würdige Vorbild unserer heimischen Antisemiten ist, die wie Pestbeulen am österreichischen Staatskörper hasten. Die nachträgliche Erkenntniß des gelehrten Mannes, daß er zu weit gegangen, daß er sich in die schlechteste Gesellschaft verirrte, konnte nichts mehr fruchten — seine publicistischen Schriften, seine Geschichte Deutschlands, seine zahlreichen Hörer waren von antisemitischen Ideen gesättigt. Ec, der Führer, unterlag den von ihm geschaffenen studentischen Vereinen und wurde noch von Eugen Dühring übertrumpft. Eine kurze Spanne Zeit, während der leider blos hunderttägigen Regierung des edlen Kaisers Friedrich, kam die antisemitische Bewegung in Deutschland zum Stillstand. Die Meute schwieg vor den zornigen Worten der Entrüstung des Monarchen, welcher die geistige Verirrung und die engherzige Exklusivität der Deutschen bitter beklagte. Kaum aber schloßen sich die müden Augen des schwer geprüften Fügten, als auch schon der Hexensabbath der in Haß geeinten anttsemttischen Parteien wieder losging und der Mordproceß von Xanten den Deutschen ein Schandmal setzte. Die Bolksausschreitungen in Nerstettin legten ihrerseits ein Zeugniß ab, wie ttef auch ein hochcultivirtes Volk sinken kann, wenn die Leidenschaft entfeffelt, wenn die Bestie im Menschen losgelaffen wird und wenn gewissenlose Hetzer hinter ihm stehen. Diese Hetzen, so sehr sie die Juden schädigen, trugen aber gleichzeittg bei, sie zu einigen, enger an einander zu schließen und aus der Lethargie zu wecken. Auf dem Wege zur vollständigen Affimilirung, bestrebt die Contraste zwischen jüdischem und germanischem Wesen abzustreifen und durch zahlreichen Ueberttitt zur christlichen Kirche die sociale Schranke gänzlich niederzureißen, sahen sich die Juden durch die Feindseligkeit Jener, denen sie sich eben nähern wollten, urplötzlich aufgehalten und in rüder Weise an der Vorwärtsbewegung gestört. Die zweiundfünfzig Millionen Deutsche fürchteten die Aufnahme des kleinen Häufleins von sechshunderttausend Juden wohl wegen ihrer durchschnittlich überragenden Intelligenz und freiheitlicher Gesinnung. Da bäumte sich der verletzte Stolz, das Selbstbewußtsein erwachte und wie in ihrem Pferch eine Heerde beim Anblick von Raubthieren, schloßen sich die Juden gegen den Chauvinismus studenttscher Vereinigungeu, gegen die Niederttacht Stöcker'scher und Ahlwardtscher Banden, enger zusammen. Union fait la force. Dies sah Pfarrer Naumannein, als er, in der Erkenntniß es sei weiser die jüdischen Staatsangehörigen durch Freundlichkeit zu domptiren, als durch Knüttel zu reizen, die christlich-sociale Partei reorganisirte, die Bezeichnung „christlich" climinirte, den socialen Charakter in de» Vordergrund rückte und sogar den Juden den Eintritt in dies«! umgestatteten Verein ermöglichte. So hat sich in Deutschland die früher hochgehende Fluth des Anttsemittsmus ein wenig geglättet; er hat nicht aufgehört, ist aber ruhiger geworden. Uebrigens war er nie von solcher Vehemenz, von so bestialischem Carakter wie in Oesterreich, wo ein Prinz Liechtenstein und der Bürgermeister der Residenzstadt es nicht verschmähen in einer Linie mit einem Schneider und Gregorig und den Marttweibern zu kämpfen. In Deutschland, dem die Juden einen Mendelssohn-Bartholdy, einen Meyerbeer, einen Laffalle, einen Berthold Auerbach, einen Heinrich Heine gaben, trug der Anttsemittsmus prüder Weise ein Feigenblatt und führte eine halbwegs anständigere Sprache; das Volk der Denker konnte sich doch nicht zu Hausknechten und Gassenkehrern erniedrigen, während er bei uns in schamloser Prostitution die unnatürlichsten und widrigsten Verbindungen ein geht, Humanität und Gesetz frech mit Füßen tritt, wie dies besonders im Falle Polna und Araten zu Tage trat, ohne daß die Regierung pflichtmäßig eingegriffen hätte. Freilich ist auch in Preußen jetzt ein Pestfall vorgekommen, Könitz; es steht aber dort, bei den von den Gerichten und politischen Behörden ergriffenen Maßregeln und verfolgten Tendenzen, ein anderer Abschluß zu erwarten als in Polna, vor Eingreifen des Obersten Gerichtshofes, der allein einen offenbaren Justizmord verhinderte. So stehen wir, die wir der Welt die Religion und dem Christenthume den Messias gaben, am Morgen des zwanzigsten Jahrhunderts — da weniger, dort mehr geächtet, getreten, verfolgt und gehetzt und das Jagdrevier unserer Fremde ist — der ganze Welttheil! Der Gottsucher. In einem Wiener Journal wurde vor kurzem der neueste Roman Peter Rosegger's „der Gottsucher" veröffentlicht. In demselben wird eine starke tiefgehende religiöse Bewegung des Landvolkes und die Gründung einer neuen Secte in Travies und Umgebung geschildert, und zwar in einer farbenprächtigen Sprache, so marttg und kraftvoll, wie wir sie in den meisten Produkten Rosegger's zu finden gewohnt sind. Auf den eigentlichen Inhalt des Romanes soll hier nicht näher eingegangen werden, nur auf eine einzelne Episode in demselben, in der 108. Fortsetzung will ich hier aufmerksam machen: „Der junge Gottsucher Erlefried raffte sich auf und mit einigen Schritten stand er vor dem Felsblock. Er stutzte. Auf dem Steine eine Menschengestalt. Ein Mann wars, mit einer langen spitzen Nase und einem spitzigen Kinn. Den Mund hatte er zusammengekniffen und schmunzelte so in sich hinein. Der Jüngling stand hinter einem Baume und wollte warten, bis sich der flachsgelbe Mensch entfernen würde. Aber dieser blieb sitzen und trillerte ein Liedchen ums andere und ließ die Beine hin- und hertaumeln. . . ..... ... Die verhängnißvolle Nacht zog immer höher herauf, und alles dunkelte. Da war keine Zeit zu verlieren und, wie oft genug erzählt worden, der Böse findet sich genau zur Stunde ein. Wenn er aber schon dort säße und wartete? In Hirten verkleidet er sich gern. Der auf dem Felsblock saß, trillerte: „Lieber Freund ich ftage dich. — Lieber Freund, was fragst du mich? Sag mir, was ist Eins? — Eins und Eins ist Gott allein, Der da webt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden." Erlefried athmete auf. Der Teufel ist es also nicht. Er ttat hin und fragte den Hirten: Was machst du da? „Ich singe mein Abendgebet", antwortete je« c gleichmüthig und trillerte weiter. „Lieber Freund, ich ftage dich. — Lieber Freund, was ftagst du mich? Sag' mir, was ist Zwei? — Zwei Täfeln Mosis, Eins und Eins ist Gott allein, Der da lebt und der da schwebt Im Himmel und auf Erden." „Bist du keiner von der neuen Secte, daß du noch das alte Lied hast?" fragte Erlefried. „Doch wohl, doch wohl." antwortete der Hirt, „ich nehm's alles durcheinander, wie's mir just einfällt, und denk', daß ein doppelter Glauben wohl besser wird sein als wie ein einfacher. Bei dem Lied aber sollten Zwei sein. Kannst du mir helfen? Erlefried kannte das Lied von seiner Mutter her, es heimelte ihn an. Die Mutter hatte gesagt, die sier Gesang wäre so hochheilig, daß, wenn er auf Erden gesungen würde, die Sterne am Himmel still ständen und wie Altarkerzen leuchteten.

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