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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Dloch's Wochrnschrr^H. Seite ^23 Wahl Engels zu absentiren! Und was vormals richtig gewesen wäre, ist es heute noch mehr! Liegen in Wien die Verhältnisse theilweise auch anders — das Conclusum, zu welchem man gelangen mußte — auch heute noch gelangen muß, ist genau dasselbe. Gegen eine wirkliche Volksbewegung zu kämpfen, und sei dieselbe noch so thöricht, noch so verwerflich, ist ganz vergebens. Man löscht keinen großen Brand, wenn einzelne, wenige — und die Juden sind gegen die Masse nur verschwindend — Hineinblasen. Wie ganz anders, wie ungleich klüger war das Verhalten der clericalen Partei! Bon dem Tage an als die Wiener zur Aufhebung des Concordates die Straßen beleuchteten, dem persönlich hochachtbaren und geistig hochstehenden damaligen Erzbischof eine Katzenmusik brachten, durch mehr als zwanzig Jahre hat sich diese Partei nicht gerührt, keine Arbeit und keinen Heller verschwendet — selbst Wiesinger's Kirchen-Zeitung, ihr einziges Kampforgan, ließen sie verschwinden, bis durch die antisemitische Bewegung wieder ihre Zeit gekommen war und sie mit wohlgesparten Kräften, unpräjudlcirt durch vorangegangene Niederlagen auf dem Kampfplatze erschien. Auch hier in Wien hat sich zum mindest eine Persönlichkeit gefunden, welche die richtige Taktik erkannte. Einer der jüdischen Gemeinderäthe, allerdings ein Mann, politisch von erbarmungsloser Logik, hat schon vor 10 Jahren zum ausnahmslosen Rücktritte aller jüdischen Mandatare in allen Körperschaften gerathen, hatte anempfoylen, den offenen politischen Kampf auszugeben, kein Holz zu dem Brande mehr hinzuzutragen Nach seiner Ansicht sollten die Juden sich darauf beschränken, im Einzelnen jedes Unrecht kräftig abzuwehren, in der allgemeinen Politik sich aber damit begnügen, die Socialdemokraten — gegenwärtig die einzige Kampfpartei gegen die Reactivn — schweigend mit dem Stimmzettel zu unterstützen. Dieser Rathgeber stand zu jener Zeit mit seiner Ansicht ganz allein, seine Collegen hielten dieselbe für verkehrt. Er hat für seine Person aus seiner feststehenden Meinung die Consequenz gezogen, ist zurückgetreten und hat diese Abwehr — nicht ganz erfolglos — organisirt. Hätten wir Juden die Ueberwindung gehabt, der Thätigkeit aus dem Markte zu entsagen — wir würden wahrscheinlich heute dort halten, wo wir vielleicht erst in weiteren 20 Jahren angelangt sein werden. Und, schließlich und letzlich, was in aller Welt schlagen wir in die Schanze, wenn wir heute noch üben, was nach den Resultaten des Kampfes zu urtheilen offenbar schon vor 10 Jahren das Richtige gewesen wäre. Keine Partei in Oesterreich, die nicht entschlossen ist die Leiber sämmtlicher Juden für ihren politischen Vortheil einzuschlachten — keine Regierung in Oesterreich, ob sie jetzt diesen oder jenen Beamten an der Spitze hat, welche nicht bereit ist, wie sich durch die Sanction der Wiener Gemeinde-Wahlordnung gezeigt hat, für den geringsten Erfolg im Parlamente die Juden zu opfern — nein, der vor 12 Jahren gegebene Rath ist auch heute noch unzweifelhaft richtig — ebenso unzweifelhaft ist, daß er nicht befolgt werden wird; in der Minorität zu sein ist das Schicksal der Gescheiteren seit die Welt steht, auch die iüdische Welt besteht nicht aus Weisen, weise sind nur die ewig Lernenden: Das sind die Weisen, Die durch den Jrrthum zur Wahrheit reisen, Die im Jrrthume beharren, Daß sind die Narren. (Rückert.) Der Antisemitismus in Deutschland. Von Leo Herzberg-Frankel. Am Ende bilden sich unsere Judenkannibalen ein, daß sie den Antisemitismus, von dem sie so behäbig leben, erfunden haben. Nicht einmal diese traurige Priorität kann ihnen zugestanden werden; sie sind nichts als plumpe Nachbeter und Nachtreter preußischer Mucker, die schon in König Friedrich Wilhelm IV. eine starke Stütze fanden, der von seiner Abneigung gegen Juden keinen Hehl machte, namentlich seit er durch Johann Jacoby persönlich gereizt wurde. Zum Glücke schoben die Ereignisse des Jahres 1848 den feindseligen Bestrebungen dieser Partei einen Riegel vor. Die Rufe nach Freiheit und Gleichheit erschollen; das erwachte Volk zertrat die Kamarilla; die clericalen Duckmäuser verkrochen sich in die Erdlöcher wie die Maulwürf und die Juden hatten Ruhe bis zur Reactionsperiode der Fünfziger-Jahre, in der die Nachteulen wieder geflattert kamen. Zu einer systematischen Bedrückung der Juden, zu einem strategischen Angriff in geschloffenen Colonnen war die Zeit und die Regierung Wilhelms des Ersten denn doch nicht angethan; besonders nicht als die Sonne der großen Siege über Preußen strahlte und später ganz Deutschland in Licht und Glanz tauchte. Bismarck trat in intime Beziehungen zu Bleichröder; Justizminister Leonhard und Cultusminister Falk beriefen Juden in ihre Refforts und der Abgeordnete Lasker übte im Abgeordnetenhause den weitreichendsten Einfluß aus. Dazu zog die lichte Wolke der französischen Kriegsentschädigung herauf, aus der ein Goldregen über Deutschland niederging, der die Industrie, den Handel, den Verkehr, die Speculation befruchtete; Gründungen wie Pilze aus der Börse emporwachsen ließ und Juden und Christen zur gemeinsamen Anbetung im Tempel des goldenen Kalbes vereinte. Da stiegen die hochgebornen Grafen und die steifsten Junker zu den jüdischen Börsenmatadors hinunter, setzten sich mit ihnen an die grünen Banktische, lheilten sich mit ihnen, freundlich schmunzelnd, in die Dividenden und freieten um ihre gutdotirten Töchter. Da ward mancher Cavalier Bankbeamter, mancher Industrieller Baron und manche Sarah oder Rachel, deren Wiege noch in der düstern Judergasse stand, bezog das stolze Schloß angeheirater Ahnen, die Panzer und Speer trugen! Dies goldene Zeitalter war jedoch nicht von ewiger Dauer — der Börsethermometer wies auf nahenden Sturm und gerade ein Jude — Lasker — war, es der im preußischen Landtage zuerst auf diese gleißenden, aber iirnen faulen Zustände hinwies, die denn auch im Jahre 1873 mit einem jähen Ruck zusammenkrachten und ein Trümmerhaufen die früher blühenden Gefilde bedeckte. Eine düstere Nacht war dem Hellen Tage gefolgt, dem Feste der Katzenjammer. Die erbitterten Gemüther, die verarmten Reichen, die irre gegangenen Speculanten, die zerschellte Industrie, die entwertheten Papiere, das hingeschwundene Wohlleben, sahen sich nun nach einem Sündenbock um, auf den sie loshämmern konnten — wen sonst als die Juden? Die guten Freunde von gestern, mit denen sie die Börsentempel stürmten, die Wettrennen der Curse veranstalteten, Consortien gründeten, Dividenden preßten und Beute machten? Wer sonst als der Jude hat den rasch hereingebrochenen wirthschaftlichen Ruin verbrochen und den allgemeinen Wohlstand untergraben? Otto Glagau war der Erste, der perfider Weise, die Brandfackel warf und die Juden als die Urheber und Veranlasser der Katastrophe denuncirte, als ob sie selbst nicht auch Opfer wären und nicht auch unter den Trümmern vergangenen Wohlstandes begraben lägen! Ihm folgte Hofprediger Stöcker, ein begabter, aber dunkler Ehrenmann, der es auf die liberale Partei abgesehen, zu der viele hervorragende Juden gehörten. Um Jene zu treffen, mußte man diese niederwerfen und dann auf der Wahlstätte die christlich-sociale Bereinigung aufrichten. Die Reaction auf dem Gebiete der Freiheit. Herr Theobald Ziegler, welcher in seinem vielumfangenden Werke „Die geistigen und socialen Strömungen des XIX. Jahrhunderts"', selbst kein Judenfreund, den Antisemitismus als die unerfreulichste Erscheinung fin de siöcle bezeichnet, nimmt hier bei Erwähnung Stöcker's. den Fürsten Bismarck gegen den Vorwurf in Schutz, die Machinationen desselben geduldet zu haben. Nicht Sympathie und Gesinnungsgemeinschast hätten auf den mächtigen Reichskanzler eingewirtt, sondern das einfache Caleul, die Christlich-Socialen in seinem Dienst zu nehmen und sie für seine neue Politik Minirarbeit verrichten zu laffen. Man nimmt wo man es findet, war sein Grundsatz. Zn Lakeien waren ihm Stöcker und sein Anhang auch gut. Jetzt trat auch Treitschke auf den Plan und feuerte mit weithin schallender Stimme die antisemitische Bewegung an. Die Abneigung gegen die mit Juden stark zersetzte Berliner Fortschrittspartei, welche unter Führung Bamberger's der neuen Schutzzollpolittk den entschiedendsten Widerstand entgegensetzte — ein Frömmlergefühl, welches, wie 1813, auch durch die Siege 1870 geweckt wurde — und endlich ein nattonaler Fanattsmus der aus dem deutschen Körper Alles ausschließen wollte, was angeblich fremd, trieb Treitsche bedauerlicher Weise in den Kreis

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