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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 422 Dr. Bloch's Wochenschrist. ‘Jir. 23 großer Gemüthsruhe ertragen. An ihrer Existenz, an ihren Erwerb wird ja nicht gerührt, im Gegentheil, in vielen Richtungen wird die jüdische Concurrenz aufgehoben oder doch erschwert, scheinbar wird ihm leichter! Demgemäß wird der österreichische, christliche Liberale das alles so geduldig ertragen, wie er es noch heute tragen würde, wenn nicht 1859 von Außen her der Zusammenbruch des Systems erfolgt wäre. Er kann sich sogar, wenn er Goethe gelesen, auf ihn berufener: „D rechtschaffene Bürger", sagt dieser irgendwo, „hat überall soviel Freiheit als er braucht". Jawohl! Der „rechtschaffene Bürger" — nur hätte Goethe hinzusetzen mäßen: »nur darf er kein Jude sein!" Welche Folgen stehen aber für die Juden unter der clericalen Herrschaft in Aussicht. Diesen Juden ging es nicht blos an ihre Ehre, nein an Leib und Leben, an Magen und Kragen. Die Beamtenlaufbahn aller Branchen ist ihnen selbst in der liberalen Aera gesperrt geblieben und sie können auch jetzt sich kaum einer anderen Laufbahn mehr als dem reinen Gelderwerb zuwenden. Bald wird selbst die Advocatur, wenn auch unter dem Anscheine des numerus elausus ihnen verschlossen sein. Im Vormärz war ihnen das zünftige Handwerk unzugänglich, aber durch das „Commerzsystem" der Regierung blieb für sie die Großindustrie und der Handel ein weites Feld. Was die Gewerbenovellen von 83 und 85 angefangen, wird eine weitere und ausgiebige Einschnürung vollenden. Sind ja alle solche Gesetze anonyme Judengesetze, und was die Paragraphe nicht leisten können, wird die Handhabung durch antisemitische Magistrats-Beamte und Bezirks-Commissäre der Bezirkshauptmannschaften ergänzen. Das Heimatsgesetz wird zurückrevidirt, die Freizügigkeit anscheinend den Grundbesitzern zu Liebe aufgehoben, die Beschränkung des Aufenthaltes aber in Wirklichkeit nur auf die Juden angewendet. Selbst wenn der Jude vor dem Richter hintreten muß, wird ihn unwillkürlich die Befürchtung bedrücken, verwirren, nicht vor einem Manne zu stehen, der seine Aufgabe darin sieht, ihn vor einer falschen Beschuldigung zu befreien, sondern ihn derselben zu überweisen. Es ist eben nicht leicht für den Richter oder auch den Lehrer im Vorzimmer mit seinem Ueberzieher auch zugleich seine Gesinnung an den Nagel zu hängen. Rechtlos, schutzlos, erwerblos. Das alles ist gewesen — gewesen noch innerhalb der Erinnermig Jener, welche nicht älter sind als der Schreiber dieses. Die Juden wieder auf dieses. Niveau zu bringen ist das einbekannte Streben der Partei Lichtenstein, Vergani, Schneider, Lueger. Und gegenüber dieser Perspective sollen die Juden unter den politischen Mitteln wählen, geeignet um eine solche Zukunft von sich abzuwehren — that is the question! Principiis obsla! Was hätten die Juden in demselben Momente thun müssen, als sich gezeigt, daß die Wiener Volksseele der siegenden Kraft des Antisemitismus zu widerstehen nicht vermag? Wir müssen hier ans die Anfänge, auf die Genesis der Bewegung zurückgreifcn. Profeffor Menger sieht die Quelle derselben einzig in dem — wahren oder falschen — Concurrenz-Gefühl. Das ist nur zur Hälfte richtig. Man muß hier scharf Wien und sein Kleinbürgerthum von der Gesammtbevölkerung des flachen Landes und der Kleinstädte, der Märkte unterscheiden. Selbst in Wien war dieses Concurrenzgesühl nur das verhän nißvolle vorhandene Milieu, aber es hat keineswegs seine actuelle Entstehung verursacht. Dem Bauer ist der Jude nie und nirgends Concurrent, im Gegentheil der Abnehmer für sein Product ist seine Hilfe; nichtsdestoweniger ist der cechische Bauer Antisemit geworden, der deutsche es schon lange vorher gewesen. Und wie hat fHj selbst in unserer Metropole der Antisemitismus entwickelt? Hier war mit dem ersten Erwachen des politischen Lebens Anfangs der Sechziger-Jahre sofort der alte, auch in der Stadtgeschichte Wiens vorhanden gewesene, seit zwei Jahrhunderten nur schlummernde Gegensc tz zwischen Zünften und Geschlechtern, den Klein- und Großbürgern, in anderer moderner Form als ,demokratische Partei" unter Stendel und Löblich, Ostwald und Umlauft lebendig geworden. Substantiell war diese Partei durchaus die heutige antisemitische. Nur die Namen sind, und auch das nur zum Theil, andere geworden. Aber der Kampf, den diese „bürgerlich privelegirte" Demokratie fühlte, galt ausschließlich, und das war ja ganz folgerichtig, der ^Aufhebung der drei Wahlkörper". Von einem Gegensätze zwischen Christen und Juden ivar zu jener Zeit ebensowenig irgend eine Spur wie von einem V rständniß für einen vierten Wahlkörper. Die Kleinbürger unter den Juden standen, soweit sie sich überhaupt politisch interessirten, in den Reihen dieser „Demokraten"; Juden waren ihre besten Agitatoren, ihre Journalisten, das „Neue Wiener Tagblatt",' damals Eigenthum von Szeps, ihr Organ. Und in welchem Momente, durch welche Momente hat sich allüberall eine so radicale Wendung vollzogen? Wie hatte der Antisemitismus langsam und allmälig aber stetig und unaufhaltsam die Volksreihen bewältigen können? Man hat vielseitig als Ursache den Börsenkrach angesehen. Welch kindische Auffassung! Antipathie gegen die Juden, Judenhaß hat es immer, auch vor dem Jahre 1848 gegeben; aber der damalige Judenhaß war durchaus eine Eigenthümlichkeit nur der untersten, ganz ungebildeten Schichten. Die Classe der Gebildeten hatte das Gefühl, daß den Juden ein Unrecht geschehe — der einzelne Gebildete, welcher diese Vorurtheile nicht überwinden konnte, schämte sich derselben. Erst mit der Verseuchung auch dieser gebildeten Schichten, der Advocaten, Aerzte u. s. w. konnte dieBewegung siegen. Und wie, seit wann sind auch die e „Gebildeten" zum großen Theile antisemitisch geworden? Unbedingt erst durch die allmäligen Consequen/en des Jahres 1870! Der heutige Antisemitismus ist eben durchaus ein Product der Ausartung des berechtigten deutschen Nationalgesühls zum thierischen Racenhasse. Wo wie in Oesterreich verschiedene, nota bene einander im Kampfe gewachsene Nationalitäten, wie Czechen und Deutsche, aufeinanderstoßen, muß es nothwendigerweise immer zu einer Entartung kommen, Wenn der Czeche den Deutschen haßt, der Deutsche den Czechen — warum sollen sie dann beide nicht den Juden hassen, den Juden, der nun einmal durch die Ehegesetzgebung hüben wie drüben nicht im Stande ist mit ihnen eine gemeinsame animalische Nationalität, jene der Knochen und Muskeln, sondern nur die der culturellen und materiellen Interessen zu bilden. In Wien ist das deutsche Nationalgesühl allerdings von einer unsagbaren Schwäche. Das ist sehr natürlich. Berlin erhält seinen Zuwachs ausschließlich durch Deutsche. In Wien ist dieser Zuwachs, welcher statistisch den Ueberschuß an Geburten vielfach überwiegt, von einer babylonischen Vielsprachigkeit. Die im Jahrgange 89 des Wiener städtischen Jahrbücher enthaltene historische Zusammenstellung der hauptsächlichsten Gewerbegruppen in Wien ergibt für das Jahr 1780 an deutschen Namen 87, an slavischen 6, an sonstsprachigen 7 Percente sämmtlicher Namen. Dieselben Gewerbegruppen nun weisen 1887:57 respective 38 und 5 nationale Percente aus. Der einwandernde Czeche, Slowake. Rumäne, Magyare lernt deutsch reden aber nicht denken. Selbst das Deutschthum seiner hier ausgewachsenen Kinderistnicht echt, nicht die Farbe eines wollsondern unreines stückfarbigen Tuches, welches bekanntlich an seiner Schnittfläche immer den nicht durchgefarbten weißen Kern aufzeigt. Aber dieses jämmerlich schwache Deutschthum war immerhin stark genug, um das falsche krankhafte Product des deutschen Nationalgesühls aufzunehmen, und hat dann in der — nur nach mancher Seite hin — bedrängten Situation des Kleinbürgersmann trefflichen Boden gefunden. Prof. Menger gibt für die Ursache dieser Bedrängniß nicht ganz die richtige Erklärung! Die Depression hat begonnen seit der Zeit, als die ganze fabrrksmäßige Erzeugung, namentlich die gesammte Textil-Jndustrie von Wien auf das flache Land, nach Böhmen, Mähren und Schlesien verlegt worden ist. Dort arbeiten jetzt hundert und hunderttausende von Arbeitern in Industrien welche bis vor 40 und 30 Jahren in Wien heimisch gewesen waren, und selbstverständlich fehlt dem Wiener Handwerk und Kleinhandel, dem jüdischen genau sowie dem christlichen der Absatz an diese zahllosen Arbeiterschaaren. Das sind Verhältnisse, wclche die Juden nicht ändern können. Letzteren liegt nur die Frage vor, wie sie sich politisch zur antisemitischen Bewegung verhalten sollen. Nach einer Seite hin, auf dem politischen Hauptkriegsschauplatze, in Böhmen und Mähren war dieses ganz klar gewesen. Ist der Nationalitätenstreit der Brunnen, aus welchem der Antisemitismus geschöpft wird, so war es thöricht, wie es die Juden gethan haben, mit die Hanptstreiter in diesem Kampfe zu sein, anstatt sich durchaus von demselben fernezuhalten. An gutem Rathe hat es für die böhmischen und mährischen Juden nicht gefehlt. Es war ihnen nahegelegt worden, daß bei Fortsetzung dieser gefehlten Taktik sie nothwendig zu dem Antisemitismus der Kampfgenossen, zu dem deutschen nämlich, zu jenem, dcssen sie sich schon erfreuten, den czechischen hiezu bekommen müßten. Buchstäblich ist eingetroffen was ihnen von unbefangener Seite prophezeiet worden ist. Von welchem Tage datirt denn der offene czechische Antisemitismus? Waren doch die Jungcechen bereit, denselben nicht aufkommen zu lassen.Kalendermäßig datirt er von dem Tage, als die jüdischen Wähler in Olmütz-Proßnitz sich nicht entschließen konnten, wie die Czechen gewünscht — gehofft, bei

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