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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-06-08 · 23 (8.6.1900) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
23 (8.6.1900)
Date
1900-06-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Kr. 23 Dp. Bloeli’s Jahrs««- XVII. Crntrslorgan ... -=>* | K. ft. Postfparrsssrn-Amr "Clearingverkehr 1 Nr. 810.976. n; Nedaclion und Rdministrsiion: l Wien! IX., Untere Vuaarkrngr. ln. Telephon-Mr,14,847 für die gefamrnten Interessen des Iudenthums. . 8. Juni 190«. Erscheint jeüen Freitag. --—»■{'" - S3rief4Tjtfffe: Wien, II.. Untere Augartens! rafie 1». Telegramm-Adresse: Bloch s Wochenschrift, Wien. W Vrjugsprri» für SeKerrrich: Halbjährig 3 Uronen Einzelexemplare 50 Heller Jür’a Ausland: Halbjährig 10 Lronen. ganzjährig 20 Anzeigen: Lie 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ST •'.. ••* Inhalt. Leitartikel: Professor Anton Menger und die Gemeinderathswahlen. — Der Antisemitismus in Deutschland. — Der Gottsucher. — Die erziehliche Thätigkeit der „^lliauos Israelite". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Jüdische Combattanten im Jnf.-Reg. Nr. 71. Der unlautere Wettbewerb. Besuch bei einer Hundertjährigen Aus ärztlichen Kreisen. Ein Prachtexemplar von einem christlich-socialen Antisemiten. Ein Gerichtsurtheil. Ein Stojalowski-Antisemit wegen Religionsbeleidigung verurtheilt. — Eorrespondenzen: Ans der Plenarsitzung des Wiener israelitischen Cultusgemeinde vom 6. Juni. Wien, Baden bei Wien. Budapest, Malaczka, Warez, Berlin, Kempen, New-Aork. — Vermischtes: Wien, Prag. Proßnitz, Marienbad, Graz, Breslau, Berlin, Heringsdorf. — Feuil leton: Michael. — Der Sabbathengel. — Literatur. — Eingelaufene Schriften. — Briefkasten. Professor Anton Menger und die Gemeindrraths-Wahlen. *) *** Anton Menger, der Verfasser der epochalen Schrift: „Das bürgerliche Recht und die besitzlosen Clcssen". vielleicht die einschneidendste Publication seit Savygni's: „Der Beruf unserer Zeit zur Gesetzgebung", ist gleich hochstehend als Jurist wie als moderner Sociologe. Blitzartig beleuchtet die scharfe Bedeutung der soeben stattgefundenen Wahlen die Thatsache, daß ein in der Wissenschaft so hochstehender Mann, sich gedrungen jfühlt, über das Resultat derselben seine Meinung (Neue Fr. Pr. Nr. 12851 3./6. 1900) zu enunciren, trotzdem er, wie er sagt, der praktischen Politik, ihren Leidenschaften und Enttäuschungen immer ferne geblieben ist. Erkennen wir dankbar den Werth dieser bedeutsamen Aeußerung an — lassen wir uns aber nicht. abhalten sie zu beantworten, wenn der Inhalt eine Antwort verlangt. Und eine solche, eine Ergänzung verlangt sie, zum mindesten für die Juden! Die Ausführungen Menger's zeigen eine entschiedene Lücke. Er beginnt mit jener Frage, welche sich naturgemäß Jedem auf die Lippe drängt: was nun? — sie zu beantworten unterläßt er. Wir begreifen das sehr wohl. Die Frage ist nämlich fti* Juden und Nichtjuden kaum in gleicher, ja wir behaupten bestimmt, sie ist für die beiden Theile in verschiedener Weise zu beantworten. Das eben zu constatiren, wiederstrebt natürlich einem so vornehm denkenden, feinfühligen und humanem Geiste auf das Allerschärfste. Gewiß ist es richtig, wenn der Artikel Menger's darlegt, daß noch nicht an aller Tage Abend — gewiß ist der Satz Spinoza's: In der Geschichte ist weder zu tadeln noch zu loben, sondern zu begreifen, für den Forscher eine ewige Wahrheit, damit reichen auch die Forscher, damit reichen Spinoza und Menger, aber nicht wir aus — die Frage was nun thun. ist damit nicht beantwortet. *) Obiger Artikel, den wir unseren Lesern besonders empfehlen, ist uns von einem ausgezeichneten Mitgliede unserer Gemeinde zugekommen und veröffentlichen wir denselben mit umso größerer Bereitwilligkeit, als die in demselben gegebenen Ausführungen dem von der „Oesterreichischen Wochenschrift" stets vertretenem Standpunkte sehr nahe kommen. Die Redaction Versuchen wir mit aller Verehrung für Spinoza, mit aller Hochachtung für Menger sie zu finden, mit der Objektivität eines Mannes, welcher zu jenen ungezählten Schicksals- und Gesinnungsgenossen gehört, die in lebhaftem freundlichem Verkehr mit ihren christlichen Mitbürgern alte Leute geworden waren, ohne zu wissen, daß sie „Juden" sind, und die auch heute noch, wenn sie sich genau prüfen, gegen die antisemitische Bewegung kämpfen, weniger vielleicht weil sie Juden, als weil sie angegriffen sind. Wir haben oben die These hingestellt, daß die Frage nach der Berhaltungsweise für die beiden Lager nicht in gleicher Weise zu lösen sei. Das erscheint uns kaum zweifelhaft. Wie der Einzelne im Leben, wird auch in der Politik die Partei jedesmal ihr Wagniß nach dem richten müssen, was und wie viel für sie auf dem Spiele steht. Stehen nun für Juden und nicht jüdische Anticlericale thatsächlich die gleichen Werthe auf dem Spiele? Nehmen wir die clcricale Herrschaft als gelungen an. Von den Consequenzen derselben für das Reich als solches wollen wir hier nicht reden. Haben die leitenden Factoren in Oesterreich aus der Geschichte der letzten fünfzig Jahre, ja aus jener seit der Reformation bis zur Wiederaufrichtung des deutschen Kaiserthrones, dem causalen Ende der Gegen-Resormation — „Gottes Mühlen mahlen langsam aber sicher" — nicht gelernt, werden sie sich schwerlich jetzt belehren lassen! Wir denken hier nur an das Einzelschicksal der Vielen, aus welchen die Masse sich zusammensetzt. Also diese unzähligen einzelnen, nichtjüdischen Anticlericalen haben zu gewärtigen, daß sie sich wie in den Concordatsjahren „ducken" müssen, die Faust nur im Sacke machen dürfen. Ihre Kinder werden in eine Volksschule gehen, welche dem Caplane untersteht, werden auch in der Mittelschule einen — nicht nur Religions- — Unterricht genießen, welcher dem, was die Kinder zu Hause vom freisinnigen oder auch nur intelligenten Vater hören, stracks widerspricht; der Vater selbst, der Beamte, Arzt, Advocat, wird namentlich auf dem flachen Lande und in der kleinen Stadt, sich hüten uiüffen anzustoßen, er wird fleißig die Kirche besuchen, in Reden selbst gegen Bekannte und Freunde vorsichtig sein, sich nicht gehen laffen dürfen; und sein Sohn, wenn er eine auch nur bescheidene Carriöre beginnen will, wird direct heucheln, er wird dem Anschein nach zur clericalen Partei, wenigstens nicht zu ihren Gegnern gehören dürfen.' Schließlich Berfammlungsrecht und Preßfreiheit werden eine Verkürzung erleiden. Nun, das alles werden diese „nichtjüdischen Anticlericalen" mit

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