Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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!)tr. 22 Vr. Blvch's Wochenschrift. Seile 419 Stricks, der in der uneigennützigsten Weise auch die artistische Leitung des Abends zur vollsten Zufriedenheit besorgte, lobende Erwähnung, dessen angenehme kräftige Tenorstimme geradezu frappirte. Mit einem Tanzkränzchen, das sich den Vorträgen anschloß und bis in den dämmernden Morgen währte, schloß diese schöne Gründungsfeier. 0, K Neutilschein. Am 22. v. M. verschied hier eines der Besten unserer Gemeindemitglieder, Herr Albert Herz, Gründer der Firma Albert Herz & Sohn. Das Leichenbegängniß gab Zeugniß von der Merthschätzung, welcher sich der Verblichene allseitig als Mensch, Jude und Kaufmann erfreute. Lange vor der festgesetzten Stunde hatte sich eine überaus große Anzahl von Trauergästen ans allen Schichten der Bevölkerung, aus der Stadt selbst, wie aus der Umgebung, ohne Unterschied der Confession, vor dem Trauerhause versammelt, um dem Heimgegangenen die letzte Ehre zu erweisen. Nachdem Herr Obercantor Schlesinger aus Olmütz mit seinem geschulten Chorpersonale die üblichen Trauergesänge in herzerhebender Weise vorgetragen, widmete unser Rabbiner, Herr Dr. S. Mandl, dem Verewigten einen Nachruf, welcher auf das Publikum einen so tiefen Eindruck machte, daß kein Auge trocken blieb. Prag. Der „Verein zur Beschaffung von Paffah-Bedürfniffen", welcher den Zweck hat, seinen Mitgliedern die Gelegenheit zu bieten, sich ihre Passah-Bedüefnisse auf billigste und leichteste Weise zu beschaffen, hielt am 20. v. M. seine ordentliche Generalversammlung ab. Der vom Cassier verlesene Cassa- und Geschäftsbericht wurde von der Versammlung genehmigt und dem Vorstande das Absolutorium ertheilt. Als Obmann des Vereines wurde Herr Ignaz P e r l i tz und als Cassier Herr Gabriel Lieben mit Stimmeneinhelligkeit gewählt. Die statutenmäßig aus dem Vorstande scheidenden Muglieder, Herr Markus K a u d e r s und Herr Efraim T e w e l e s wurden einstimmig wieder- und die Herren: Hermann Rechts und Julius Schneider in den Vorstand neugewählt. Als Rechnungsrevisoren wurden die Herren Simon Dewidels, Salomon Knina und Leopold Schnürdrehe r wiedergewählt. . Köln, 20. Mai. Zum Chefarzt am hiesigen städtischen K r a n k e n h a u s e ist an Stelle des verstorbenen Prof. L i ch t e n st e r n der außerordentliche Professor an der Straßburger Universität Dr. Minkowski, unser Glaubensgenosse, gewählt worden. Köln, 18. Mai. Laut Beschluß der Stadtverordneten- Versammlung sind die Ges amm 1 kosten des jüdischen Religionsunterrichts in den höheren Lehra n st a l t e n auf die Stadt übernommen worden, wie dies bereits in den anderen rheinischen Städten der Fall ist. Bisher wurden die Kosten, die sich auf 1650 Mark beliefen, zur Hälfte von der Stadt, zur anderen Hälfte von der jüdischen Gemeinde getragen. Berlin, 18. Mai. Der Kaiser von Oesterreich hat Herrn Fabriksbesitzer Jacob G u t f e l d. Secretär des hiesigen österreichisch - ungarischen Hilfsvereines, den erblichen Adel verliehen, Berlin 20. Mai. Herrn Commercienrath Bernh. L o e s e r ist der Rothe Adler-Orden IV. Classe verliehen worden. Osterode, 15. Mai. Die „Osteroder-Zeitung" meldet: Gestern Früh verschied nach längerem, schweren Leiden der Rabbiner und Lehrer der hiesigen jüdischen Gemeinde I. Wiesen. Der Entschlafene hatte es verstanden, wie wohl selten Jemand, durch sein entgegenkommeudes und. liebevolles Wesen sich die Verehrung und Achtung aller Kreise zu erringen. Unermüdlich seines Amtes als Seelsorger und Lehrer in der hiesigen und den benachbarten Gemeinden waltend, fand er noch so viel Zeit, sich schriftstellerisch zu bethätigen; mehrere wiffenschastliche Werke und Schulbücher von ihm haben sich einen Weltruf erworben. Die Ueberarbeitung war es wohl auch nur allein, die ihn auf das Krankenlager warf und ihn nach fast einjährigem Leiden in seinem 65. Lebensjahre wegraffte. London. (Der Seder auf einem englischen Kriegsschiffe.) Es wird interessiren, die Thatsache zur Kenntniß zu nehmen, daß das von England nach Südafrika vestimmt gewesene Transportschiff „Der Gothe" unter seinen Passagieren auch eine Anzahl jüdischer Soldaten an Bord hatte. Von Seite des Capitäns wurde die Verfügung getroffen, daß das jüdische Paffahfest von denselben gehörig gefeiert werden konnte, und daß außer der rituellen Kost selbst auch der Koscherwein nicht gefehlt hat. Petersburg. Das Percentverhältniß der Inden im russischen Heere ist nach Constatirung der öffentlichen Blätter ein sehr bedeutsames. Bon Juden wurden 31l/3, von Nichtjuden 29% Percent eingestellt. Anstatt 16.825 wurden 17.876 jüdische Recruten einberufen. Adrianopel, 16. Mai. Die Vorsteherin der hiesigen Alliance-Schule, Fräulein Sara Ungar, hat auf Vorschlag des Generalgouverneurs denkaiserlichenSchefaka t-O r d e n erhalten. Bombay, 2. Mai. Herr Henry Salomon, Ehrem secretär der „Anglo Jewish Association" Hierselbst, ist zum Friedensrichter in Bombay ernannt worden. Feuilleton. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfaffer von Gabriel. (Fortsetzung.) Siebenundzwanzig st es Kapitel. Lorenz hatte kaum das Zimmer seines Vaters verlaffen, als das Dienstmädchen an die Thür klopfte und als der Bürgermeister diese öffnete, den Kerkermeister Johann Mostrich, den seine Gestrengen herbefohlen hatten, meldete. „Soll hereinkommen!" erwiderte Golzinger, nahm in dem gepolsterten Lehnstuhle Platz, griff rasch nach der langen türkischen Pfeife, die in der Zimmerecke stand, setzte mit Stahl und Stein einen Zündschwamm in Brand. Ein aufmerksamer Beobachter hätteerkennen müssen, daß seine Hände bei diesen Verrichtungen zitterten, und daß er sich vergeblich bemühte, das Bild eines behäbigen, seelenruhigen Mannes darzustellen. Bürgermeister Golzinger that eine Weile, als wenn er trotz der Anmeldung, in der Zerstreutheit das Eintreten des Kerkermeisters nicht bemerkt Härte. Dieser war ein Mann von etwa zwei, dreiundfünfzig Jahren, und sah in der That so aus. wie man sich einen Kerkermeister vorstellt, wie solche in den Büchern geschildert werden: groß, stämmig, breitschulterig mit einem düstern, menschenfeindlichen Gesichte. Sein Haar war stellenweise schon ergraut und hing in die Stirne hinein, so daß diese niedrig aussah, ohne es wirklich zu sein. Seine buschigen Brauen streßen über kleine, schwarze, tiefliegende, tückisch blickende Augen, über der Nasenwurzel aneinander, die Wangen und die kurze, dicke Nase trugen jene kupfrige Färbung, welche in der Regel eine Folge übermäßigen Trinkens ist. Die blaffen, blutlosen Lippen waren im Berhältniß zu dem großen, plumpen Gesichte schmal, so daß der Mund nahezu ganz unter dem struppigen Schnurrbarte verschwand. Johann Mostrich war, bevor er vor zwanzig Jahren sein Amt als Kerkermeister in W. angetreten, Grenadiercorporal gewesen. Bei seinem Uebertritte aus dem Militärin den Civilstaatsdienst, hatte er sich als Zeichen seiner neuen Würde, zu dem Schnurrbarte noch einen Backenbart zugelegt. — Sein lang herabreichender, graumelirter Uniformrock verhüllte seine ganze Gestalt und ließ den Beschauer über alle andern Gegenstände seiner Toilette in vollster Unkenntniß; ja es blieb sogar unentschieden, ob seine plumpen, großen Füße mit Schuhen oder Stiefeln bekleidet waren. „Ah! Er ist da," sprach der Bürgermeister endlich, als wenn er aus seinen Träumereien erwachend ihn erst jetzt bemerken würde. „Ich habe etwas mit Ihm zu sprechen. Er ist ein kluger, mir treu ergebener Mann, mit dem man offen nnd vernünftig sprechen kann." Mostrich, der seine Augen stets zu Boden senkte, blickte überrascht auf. Eine solche Sprache war er von seinem Chef, der seine Untergebenen mit Härte und verletzender Geringachtung