Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 418 SK. 32 Dr. Bloch's Wochenschrift. Glauben doch wahrlich nicht aufgeklärt, wie ihr Taschentuch an den Fundort des Kopfes kommt. Ihre weitere Erklärung, die sie als ganz nebensächlich hinstellt, daß ihr Taschentuch wahrscheinlich in alten Kleidern zurückgeblieben, die sie an Kleiderjuden verkauft, ist doch offenbarer — Mumpitz! Gerade weil diese ebenso harmlose, wie gläubige Frau einen Ritualmord als feststehend betrachtet, hätte sie dem Untersuchungsrichter klipp und klar den oder die Namen der Kleiderjuden bezeichnen muffen, der ihre alten Sachen kauft. Wir leben hier nicht in einer Großstadt, wo täglich Händler anfragen, ob alte Sachen zu verkaufen wären. Hier kennt jedes Kind die zwei Händler, welche gelegentlich alte Kleider kaufen. Da die überaus harmlose Frau den Kleiderjuden nicht hat nennen können, so bezeichnet man hier allgemein ihre Angaben, wie ich es gethan. Dadurch wäre allerdings kein Mord, den ein Jude verübt, bewiesen, aber die so überaus gläubige Frau hätte sich in Anderem doch in dem rührenden Glauben bestärken können. Für jeden Unbefangenen ist es daher klar und erwiesen, daß Frau Rohde keine alten Sachen an Kleiderjuden verkauft, und daß sich in keinem Falle darin ihr kostbares Taschentuch befunden hat. Die verehrte Frau wird wohl wiffen, wie das Tuch an den Fundort gekommen. Was wir glauben, wollen wir lieber verschweigen. Da aber immerhin es einem anderen Untersuchungsrichter oder Criminalbeamten einfallen könnte, an die Frau ernstliche Fragen zu richten, so nimmt der Herr Kreisschulinspector Rohde — zwei Monate vor Beginn der Schulferien Urlaub uud macht mit seiner harmlosen, an einen Ritualmord glaubenden Gattin eine — Erholungsreise! während täglich aus der Umgegend Juden denuncirt und vernommen werden. Ms Könitz wird telegraphirt: Ungeheure Aufregung herrscht hier in Folge der Verhaftung des Fleischermeisters Hoffmann und seiner Tochter unter dem Verdachte der Ermordung des Gymnasiasten Winter. Derselbe wurde freigelaffen und in Haft genommen sein Gehilfe W e h l k e, der bald nach dem Mord Könitz verlaffen hat. Der ermordete Winter hatte mit der Tochter Hoffmann's intimen Verkehr. Die „Danziger Zeitung" schreibt: . »Die zum. Theil sehr. auffälligen. Widersprüche in den bisher in der Mordaffaire abgegebenen eidlichen Zeugenaussagen, werden für einzelne Zeugen, wie aus bester Quelle verlautet, sehr ernste Folgen haben." Zu der Schwester eines katholischen Geistlichen, die die gewagtesten Beschuldigungen gegen einen Juden besMor, sagte der Untersuchungsrichter in Gegenwart des Juden: Fräulein, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß wir für Meineide auch Zuchthäuser für Katholiken haben! Herford in Westphalen, 25. Mai 1900. Der durch seine jüdisch-wissenschaftlichen Vorträge bekannte Herr Dr. S. Kulka aus Leipnik, weilt seit Kurzem zu Familienbesuch hier. Der Vorstand des hiesigen jüd. Literatur-Vereines ersuchte ihn nun, in dem großen städtischen Reffourcen-Saal einen Vortrag zu haw«. Dieser fand am 24. Mai statt, und zwar vor einem geladenen, distinguirten Auditorium, der Elite sämmtlicher hier vertretenen drei Confeffionen. Der mit Applaus begrüßte Redner sprach über »Manaffe ben Israel" und seine Zeit (1604—1657), und wußte die Aufmerksamkeit der Zuhörer durch die geistvolle Darstellung und sein geradezu phänomenales Gedächtniß zu seffeln. Manaffe ben Israel, geboren als Sohn einer vornehmen Marannen-Familie zu Lissabon am 12. Juli 1604, wurde in Amsterdam erzogen. Schon in seinem 18. Jahre als großer Gelehrter und gewandter Redner berühmt, wurde er zum Rabbiner der Amsterdamer Gemeinde erwählt. Er beherrschte 10 Sprachen. Beweise seines enormen Wissens legte er in zahlreichen theologisch-philosophischen, theologisch-hermeneutischen und historischen Schriften nieder. Hauptsächlich aber wurde sein Ruf begründet durch semen »Louoiliackor", Versuch eines Ausgleiches der scheinbar sich widersprechenden Bibelstellen (Amsterdam 1632—51, 4 Th.) Die gefeiertesten christliche» Gelehrten jener Zeit standen mit ihm in lebhaftem Verkehr, wie Gerhard und Isaak Vofsius, Hugo Grotius, Caspar Barläus, Rene Descartes, Amos Comenius, Johann Buxtorf der Jüngere u. s. w. Er gründete in Amsterdam die erste hebräische Buchdruckerei. ßür die Wieder- Mfnahme der Juden in England war er schriftlich und persönlich beim Parlament und bei Cromwell (1655) thätig. Mit Mühe und mit Glück. Den Angriffen der altenglischen und Papistenpartei setzte er seiner berühmt gewordenen Schrift „VLnäleiae .luckaeorurn" (deutsch von Mendelssohn, Berlin 1782) entgegen. Geradezu dramatisch-ergreifend schilderte der greise Redner ldem man aber seine 70 Jahre durchaus nicht ansieht) die Audienz Manasse's bei Cromwell. Auf der Rückreise Von England starb Manaffe am 7. April 1657 in Middelburg, an der Pest. Minutenlanger Beifall lohnte den Redner, als er seinen Vortrag beendet hatte. Der Vereinsobmann der Amtsrichter Herr Doct'or Levi sprach ihm in warmen Worten den Dank und die Bewunderung der Versammelten aus. Herr Dr. Kulka hat sich durch seinen formvollendeten Vortrag hier unvergeßlich gemacht. Vermischtes. Wien. Der allgemein bekannte und hochgeachtete Wiener Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Jg. Pick und Gemalin feierten am Mittwoch den 23. v. M. in strengster Zurückgezogenheit ihre silberne Hochzeit. Wien. Die bestbekannte Firma Moriz T i l l e r u. Comp., k. u. k. Hoflieferanten, begingen Sonntag den 6. v. M. das Jubiläum ihres 25jährigen Bestandes. Aus diesem Anlasse wurden den beiden Geschäftsinhabern, Herrn Moriz T i l l e r und Josef T o f l e r, je ein kostbarer Paravent mit mehr als 100 Photographien sämmtlicher Angestellten überreicht, ebenso ihre in Gyps gegossenen Reliefbilder. Ein Banquet schloß die Jubelfeier ab. Wien. (Trauung,) Sonntag, den 10. Juni 1900, um halb 1 Uhr Mittags findet im israelitischen Tempel II., Tempelgasse, die Trauung des Fräulein Rosa K l e b i n d e r, Tochter des Herausgebers und Chefredacteurs des „Wiener Tagblatt" Herrn Ferdinand Klebinder mit Herrn Karl L e ch n e r statt. Wien-Mariahilf. Da der T.mpel in der Schmalzhofgasse gegenwärtig einer gründlichen Renovirung unterzogen wird und infolge dessen die Galerien dem Publicum nicht zugänglich sind, so hat der Vorstand des Mariahilfer Tempel-Vereines die Verfügung getroffen, daß am 2. Schewuoth-Festtage 3 Gottesdienste.abgehalten werden, um den Tempelbesuchern die Theilnahme am „Maskir" zu ermöglichen. Diese Gottesdienste finden statt: Montag, 4. Juni halb 7 Uhr Früh, Montag, 4. Juni einviertel 9 Uhr Vormittags, Montag, 4. Juni 11 Uhr Vormittags. Wien. Samstag den 26. v. M. fand im Tempel des IX. Bezirkes, Grüne Thorgasse, eine schöne Feier statt. Der Sohn des verdienten Vereinsobmannes, des Herrn Gottlieb Bettelheim feierte an diesem Tage sein Confirmationsfest. Aus diesem Anlässe war der Tempel von Festgästen besucht und ein Kranz distinguirter Damen verherrlichte die Festfeier durch ihre Anwesenheit. Der Vater des Confirmanden, der Obmann dieses Tempelvereines bethätigte bei diesem Anlasse seinen bekannten Wohlthätigkeitssinn in besonderer Weise, indem er namhafte Beträge für Wohlthätigkeitsanstalten spendete. Sodann wurde der Confirmand als Maftir zur Thora gerufen, welcher die Hastorain besonders klangvoller Weise vortrug. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s hielt an den Confirmanden eine tiefempfundene, zum Herzen dringende Ansprache, indem er dem Confirmanden die Bedeutung des Festtages in beredten Worten erläuterte und denselben aufforderte, nach dem Vorbilde seiner wahrhaft seltenen Großeltern, sein Leben einzurichten, im Geiste seiner für Wohlthätigkeit und Nächstenliebe wirkenden Eltern seine Lebenslaufbahn zu beginnen. Zeigt doch jeder Stein dieser heiligen Stätte die Spuren des Wirkens und Waltens Ihres Vaters. Der Herr Rabbiner überreichte sodann dem Confirmanden Namens des Vorstandes ein Gebetbuch. Wlen. (Gründungsfest.) Mittwoch am 23. Mai d. I. fand im Prachtsaale des Hotel „Bayrischer Hof" die Gründungsfeier des humanitären Geselligkeitsvereines „Urania" verbunden mit Borträgen und Tanzkränzchen statt. Eine warmempfundene Begrüßungsansprache des Bereinsobmannes Herrn N. Chamaides eröffuete den Reigen einiger äußerst gelungenen Programmnummern, von welchen wir blos die Gesangsvorträge eines Männer Doppel-Quartetts, einige Lieder und Arien, die Frl. Gyarmathy mit schöner klangvoller Stimme und lobenswerthem Bortrage unter lebhaftestem Beifall des zahlreichen Publicums sang und die Recitationen des Herrn Grün. Bor Allem aber verdient die Gesangsleistung des Herrn Michael