Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 22 Br. Bloch's Wochrnfchrifl. Seite 409 sam eine junge Alliance, angeregt durch das Beispiel der Mutter, in deren Fußstapfen sie rüstig vorwärts schreitet in deren Solidaritäts-Idee sie nach bestem Streben zu propagiren bestrebt ist. Vom Jahrmarkt drs Lebens. „Ironie" in der rumänischen Judennolh. „Schönes Nannerl, die Ironie ist ... . eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die eben so wichtig und eben Denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn Jemand eine Dummheit beging, was war da zu thun? Das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagen: Der Kerl war ein Rindvieh. Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügsten ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefsten diese Unannehmlichkeit .... Die Noth war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit blos aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avancirt Alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satyre, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz und Du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens." An diese kostbare Satyre des gottbegnadeten Spötters wird man häufig im Leben erinnert. In Nummer 21 der „Welt" ist zu lesen: ,,^ii der letzten Jahressitzung der Wiener „Allianz" brachte Tr. Bloch den Vorschlag ein, es möge der Präsident Ritter von (4 u l m a u n bei den europäischen Finanzmächten interveniren, damit der rumänischen Negierung für die Bedrückungen der dortigen Inden der von ihr jetzt angesuchte Credit verweigert werde. Gegen diesen Vorschlag wendete sich Dr. H e r z l mit einigen Worten, deren ironische Wendung wohl kein Vernünftiger mißverstehen konnte. Dr. H e r z l bemerkte, er müsse sich gegen diesen Änträg äussprechen, weil er nicht den Präsidenten einem Refus aussetzen wolle, denn er glaube erstens nicht an die angerufene Solidarität der Finanzmächte, und zweitens, selbst wenn eine solche bestünde, so würde sie den Lockungen, die */8 Percent mehr auf dem Anlagemarkte biete, sicherlich nicht widerstehen können. Es wird wohl Niemand glauben, daß Dr. H e r z l Herrn von Gut m a n n, dem ja ein Korb nicht schaden könnte, schonen wollte, und selbst unseren wüthendsten Gegnern wird es nicht einsallen, zu behaupten, daß Dr. H e r z l sich einer Hilfsaction gegen die armen rumänischen Juden widersetzen wollte." Schreiber dieser Zeilen muß zu seiner tiefen Beschämung gestehen, daß ihm der ironisch sein sollende Charakter der Herzlichen Ausführungen, „den kein Vernünftiger mißverstehen könnte", trotz aufmerksamen Auhörens völlig entgangen ist. Zu seiner Entschuldigung kann er nur anführen, daß es mehreren Herren in seiner Umgebung nicht besser erging. Auch diese waren über die Thatsache, daß Herr Dr. Theodor H e r z l den Antrag Bloch bekämpfte, noch mehr über die Argumente, welche er gegen denselben ins Feld führte, geradezu verblüfft. Allein selbst bei denen um Herzl, den Herren in seiner nächsten Nähe, seinen Gesinnungsgenossen scheint über den „ironischen" Charakter der Rede kein klares Bewußtsein geherrscht zu haben. Als im Laufe der Debatte Dr. B l o ch zur Vertheidigung seines Antrages gegen Herzl nochmals das Wort ergriff und nachdrücklich betonte, man dürfe sich von der Erwägung, ob der Antrag dem Präsidium angenehm und bequem sei, nicht beirren lassen, erhielt er eine Antwort von Herrn Aork-S teiner, unstreitig einem der begabtesten Wortführer der Herz l'schen Partei. Dieser Redner erinnerte daran, daß Dr. Herzl den Antrag nicht blos weil er dem Präsidenten unbequem wäre, abgelehnt hat, sondern auch, weil den europäischen Finanzleuten eine Verbesserung ihres Geschäftes um v8 Percent wichtiger sei, als das Geschick der Juden Rumäniens und man den Präsidenten einem Refus nicht aussetzen dürfe. Herr Iork-Steiner sprach über mancherlei Fragen mit unleugbarem Geschick und hohem Ernst. Auch ihm war die Thatsache entgangen, daß Dr. Herzl seine Ausführungen „ironisch" aufgefaßt haben wollte. Waren aber die Argumente Dr. H e r z l's gegen den Antrag B l o ch's blos ironisch gedacht, müßte man logischer Weise voraussetzen, daß er den Antrag selber gutgeheißen. Allein auch das scheint nicht zuzutreffen. Herr Dr. Herzl findet den Antrag Bloch jedenfalls zu verurtheilen. Nur hat er in der Versammlung „ironische" Argumente ins Feld geführt; die ernsthaften Motive hingegen, welche seine Stellungnahme veranlaßten, werden erst durch die Welt verlautbart; da heißt es: „Dieser Vorschlag ist nicht nur unnütz, sondern auch gefährlich. Erstens würde schon die Ankündigung dieser „Hilfe" für die armen, wehrlosen rumänischen Juden ein entsetzliches Blutbad heranfbeschwören. zweitens wäre dem verhängnißvollen Schlagworte von der weltumspannenden Macht der jüdischen Finanzwelt neue Nahrung zugesührt und drittens würde dieses mystische Auskunftsmittel für die Herren einen billigen Vorwand abgeben, um für die rumänischen Juden in Wirklichkeit nichts zu thun." Du wir keineswegs sicher sind, daß nicht etwa nach Ablauf von weiteren 14 Tagen auch in den vorstehenden Ausführungen eine „ironische Wendung" entdeckt werden würde, die „kein Vernünftiger mißverstehen könnte", so enthalten wir uns vorsichtigerweise jeder Kritik und überlassen es den jüdischen Organen im Jn- und Auslande, die neuen Argumente auf ihre innere Natur zu prüfen, wie sie gemeint sind. Die rumänische Hungersnoth und die rumänische Regierung. Zu dieser Angelegenhnt erhält das „Berliner Tagblatt" die nachfolgende Zuschrift aus Bukarest: „Rumänien, dessen Lebenskraft ausschließlich ans den Erträgnissen der Landwirthschast strömt, kann die Mißernte des vorigen Jahres nur schwer überwinden. Alle Schichten der Bevölkerung sind hart getroffen Tie rumänische Regierung aber sorgt in väterlicher Weise für die Bevölkerung, indem sie den Nothleidenden Arbeit verschafft und bei den Rothstandsbauten, bei der Anlage von Tramways in verschiedenen Städten, beim Straßenbau aus dein flachen Lande viele Leute beschäftigt. Auch wurden seitens der Regierung unter die Bauern Nahrungsmittel und die zur Aussaat nöthigen Bodensrüchte, wie Gerste, Hafer und Mais in riesigen Mengen verrheilt. Nur ein Theil der Bevölkerung seuszr unter den Folgen der Mißernte, ohne jegliche Hilfe seitens der Regierung erhalten zu haben. Die Juden in Rumänien sind es, die m dieser traurigen Zeit des Mißwachses am meisten leiden. Grauenhaftes Elend herrscht unter ihnen; im verflossenen Winter erfroreu Säuglinge in jüdischen Häusern, bettelten anständige Männer, die bessere Tage gesehen um trockenes Brod für ihre Kinder Ja man erzählt auch von Broddiebstählen aus Noth. Viele dieser Unglücklichen fliehen plan- und ziellos in die Fremde, ihre Familien ohne Stütze in der Heimath zurücklassend. Täglich wandern Hunderte aus, und die Abschiedsscenen, die sich aus den Bahnhöfen abspielen, spotten geradezu jeder Beschreibung. Warum aber wandern gerade die Inden aus? Weshalb können diese am wenigsten die Nothlage ertragen? Derjenige, der die Lage der Juden in Rumänien kennt, dürfte sich darüber nicht wundern. Mehr als eine Viertel Million Juden zählt Rumänien, und nur etwa 200 haben seit 1878 durch das rumänische Parlament die politischbürgerlichen Rechte erhalten. Alle anderen Juden sind, trotzdem sie, selbst nach den Zugeständnissen christlich autoritativer Historiker, schon seit alten Zeiten im Lande weilen, dem Gesetz nach Fremde und werden durch legislative Bestimmungen, administrative Verordnungen, durch launenhafte Beamtenwillkür hart bedrängt. Ter Zutritt zu den öffentlichen Schulen wird den jüdischen Kindern erschwert. Nur wenn die nichtjüdischen Schulen nicht alle Plätze besetzt haben, werden die jüdischen gegen Entrichtung der Fremdengebühr zugelassen. 30 Frcs. für Elementarschulen, 60 Frcs. fürs Untergymnasium, 90 Frcs. fürs Obergymnasiunl, 90 Frcs. für die Elementarhandelsschule, 150 Frcs. für die höhere Abtheilung der Handelsschule, 300 Frcs. für die Besucher der medicinischen Facnltät jährlich! Es hängt von der jeweiligen Laune des Schuldirectors ab, ob die jüdischen Kinder Aufnahme in den öffentlichen Schulen finden. Man darf fast behaupten, daß nur solche jüdische Schüler in den staatlichen Lehranstalten zurückgeblieben sind, deren Eltern sich einer besonderen Fürsprache erfreuen. Die jüdischen Gemeinden, die übrigens seitens des Staates nicht anerkannt werden und infolge dessen uni ihre Erhaltung schwer ringen müssen, sahen sich auch gezwungen, aus eigenen Mitteln Schulen zu gründen, die natürlich kein eigentliches Oeffentlichkeitsrecht haben, doch um so mehr durch mannigfache Regierungsverfügungen in ihrer Entwicklung gehindert wurden. Wirtschaftlich sind die rumänischen Juden geschwächt. Aus den Dörfern werden sie mitleidslos verbannt. Das Hausirverbot wird ihnen gegenüber besonders stark in Anwendung gebracht. Producten- und Effectenmakler dürfen sie nicht sein. Zu den höheren Berufen, zum Beispiel Advocatur :c, werden sie selbstverständlich nicht zugelassen; selbst Apotheker können sie nicht sein. Als Aerzte werden sie nicht in den öffentlichen Krankenhäusern beschäftigt. Die Monopolisirung der Tabak-, Zündhölzer- und Eigarettenpapiersabrication hat sie ge-