Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 408 Dr. Bloch's WochenschrM Nr. 22 befferen Dienste leisten, als indem ihr die Fehler bei den Kindern, deren seelische Zukunft in Eueren Händen liegt, bekämpft." Das sind allerdings vorzügliche Anleitungen, wird man sagen; wie verhält es sich aber in Wirklichkeit mit den Resultaten der Erziehung? Nun darf man vor Allem nicht vergessen, daß sich das Netz der Alliance-Schulen über eine Bevölkerung von 500.000 Seelen ausdehnt, und die Schulen erst seit verhältnißmäßig kurzer Zeit bestehen, während man doch mindestens den Wechsel einer Generation abwarten müßte, um greifbare Resultate wahrnehmen zu können; ferner daß in den Ländern, in denen die Schulen gegründet wurden, erst Alles herbeigeschafft werden mußte: Immobilien, Mobilien und Material, ja es mußten sogar die Lehrer, welche den neuen Ideen den Weg bahnen sollten, erst herangebildet werden. Man sollte doch bedenken, welch ein schwerer Kampf mit einer Bevölkerung ausgekämpft werden mußte, welcher der bloße Gedanke an eine Schule wie nicht selten bis zur Feindseligkeit gesteigertes Mißtrauen einflößte. War ja die Alliance anfangs geächtet von Rabbinern, deren Fanatismus oder Interesse die Verewigung der altherkömmlichen Unwissenheit anstrebten! Vergegenwärtigt man sich alle diese Hindernisse und Schwierigkeiten, so wird man über die bereits erzielten Resultate staunen. Ein Aufsatz eines fünfzehnjährigen Knaben aus der obersten Claffe der Schule zu Adrianopel, aus welchem wir hier einen Theil wiedergeben, erklärt dies am besten. Der Aufsatz ist überschrieben: „Die Leiden wirken oft verbessernd auf die Individuen, und durch Verfolgungen erstarken die von ihnen heimgesuchten Völker." Hier die Ausführung dieses Gedankens: „Mit unheilbaren Krankheiten behaftete Personen, sowie Individuen, welche begangene Verbrechen in Zwangsarbeiten abbüßen müssen, solche, welche dem Elende verfallen, werden durch die ausgestandenen Leiden gebessert. In Rußland werden beispielsweise Berurtheilte nach Sibirien verbannt, woselbst sie den Acker zu bebauen gezwungen sind. Was zeigt sich da? Nach Verlauf einiger Zeit gewöhnen sich die Verbannten an die Arbeit und ihre Besierung schreitet vor. Es wäre in der That der Mühe werth, den Ursachen nachzuspähen, welche edlere Gefühle in diesen grausamen Menschen wachrufen. Sie waren eben gewöhnt zu stehlen, oder sich durch Gewalt das Nöthige zu verschaffen. Nun aber, sich selbst überlassen, lernen sie die Nützlichkeit der Arbeit kennen und beginnen zu begreifen, warum sich so viele Menschen solche Mühe geben. Dinge zu verfertigen, die ihnen notbwendig. So werden sie allmälig nützliche und rechtschaffene Bürger. — — — „Die Hebräer hatten sich in der Leidensschule in Egypten herangebildet, und konnten in der Folge alle Entbehrungen ertragen — die Schmerzen und Leiden erzeugen im Menschen gewisse Tugenden, vorzüglich aber jene der Güte, so daß sie dem Elende und den Verfolgungen, von welchen ihre Brüder heimgesucht werden, nicht mit Gleichmuth zusehen können, sondern ihnen mit Freuden Hilfe und Unterstützung entgegenbringen. Wie in einer Familie die Bruderliebe reger wird und die Bande derselben sich enger zusammenschließen, wenn das Schicksal ein Glied aus demselben reißt, verhält es sich ähnlich bei ganzen Völkern. Auch diese schließen sich bei drohenden Verfolgungen enger aneinander, und reger und inniger wird ihr Empfinden für die Freiheit und den Glauben. So bewährten sich denn die Verfolgungen im Völkerleben wiederholt als eine Wohlthat. Sie schützten Nationen vor dem Untergange. In einem ähnlichen Falle befindet sich Israel, welches unterjocht, zerstreut, verfolgt und jeder Lebenssicherheit beraubt, seinen Fortbestand dem engen Zusammenhalten verdankt. „Das Bindemittel aber war die Religion, deren erhabene Moral die Seelen der Israeliten kräftigte, deren hygienische Gesetze die Körper wunderbar stählten. Die Verfolgungen, denen dieses Volk ausgesetzt war, sind zahlreich. Je mehr sie aber verfolgt wurden, je enger man sie in den Ghetti einschloß, desto stolzer hob sich ihre Brust, Juden zu sein. Die ganze jüdische Geschichte bildet lediglich eine Märtyrergeschichte. Das Mittelalter ist von ihrem Blute getränkt. Alle die zahlreichen für den Glauben gefallenen Märtyrer stärkten den Muth der Nation, daß sie alles Ungemach, alle Verleumdungen und Verfolgungen zu ertragen fähig wurde". Nicht minder charakteristisch sind die folgenden Auszüge aus Aufsätzen, welche in den Schulen von Constantinopel und Damaskus im Jahre 1898 verfaßt wurden. Das Thema lautet: Haben wir Ursache darauf stolz zu sein, daß wir Jsraiten sind?" Und in den Ausführungen heißt es u. A. „Nicht ohne stolzes Bewußtsein spreche ich das Wort „Israel" aus. Woran erinnert nicht alles dieser Name. Ihm verdankt die monotheistische Idee ihr Dasein, und aus seiner .Religion, aus seiner erhabenen Sittenlehre haben die anderen Nationen ihre Heilslehre geschöpft. Nie hat ein Volk so gelitten, wie Israel. Unaufhörlich hat es gekämpft, kämpft noch bis auf den heutigen Tag und wird bis zu dem Zeitpunkt kämpfen, wo alle Geister anerkennen werden, daß kein Volk so Großes geleistet wie Israel: indem es zuerst die Einheit Gottes den Menschen geoffenbart". (Constantinopel.) Und ein anderer Aufsatz: „Nur unseren frommen Gefühlen haben wir es zu verdanken, daß wir noch bis zum heutigen Tage bestehen. Wir haben allen Verfolgungen widerstanden, während die Phönicier, Philister, Griechen und Römer, deren Licht so glanzvoll gestrahlt, verschwunden sind. Noch mehr: durch alle Zeiten der Verfolgung haben wir nicht aufgehört die Wissenschaft zu pflegen und große Männer, wie Maimonides, Jbn Esra, Spinoza, Mendelssohn, rc. rc. hervorzubringen." (Damascus.) „Es liegt uns, die wir der jüdischen, zu so großer Mission berufenen Nation angehören, die Pflicht ob, mit stolzem Bewußtsein den Namen „Jude" zu tragen. Israel allein war es vergönnt, zuerst das Dasein Gottes zu verkündigen. Ihm ist die Thora anvertraut worden, dieses heilige Buch voll der schönsten Gesetze, welche den Geist erleuchten, die Sitten veredeln und welche schließlich alle Völker der Erde angenommen haben. — Israel muß für seine Glaubensfreiheit blutig kämpfen, muß seine Glaubensgenossen durch Bildung und Arbeit emporheben, Seelengröße in ihnen wecken, sie zu einem reinen und musterhaften Handeln erziehen, sie mit einem Worte: des Namens „Mensch" würdig machen." (Damascus.) Nun, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen: Wenn Schulkinder eine solche Reife des Denkens, eine so richtige Auffassung der Existenzbedingungen der Juden bekunden, zeigt dieses nicht zur Genüge, wie versittlichend diese Schulen wirken und welcher Werth dem Erziehungswerke der Alliance innewohnt? Und empfängt man nicht den ^Eindruck, daß die jüdische Bevölkerung im Orient und in Afrika vortreffliche Elemente besitzt, ungeahnte Ersatzquellen von Intelligenz und hohem socialen Werth? Richten wir nur für einen Moment unseren Blick auf die durch unsere Schule gegangenen und nunmehr in das Mannesalter getretenen jungen Leute, um ihr Thun und Trachten zu beleuchten. — Da fesselt zunächst unsere Aufmerksamkeit der Bericht des „Vereines der ehemaligen Zöglinge der Alliance-Schule zu Tanger." Dieser Verein wurde im Jahre 1893 gegründet, und der in Rede stehende Bericht, aus welchem wir hier, wie interessant er auch ist, doch nur wenige Zeilen citiren können, legt Rechenschaft über das Gebühren dieser jungen Gesellschaft. Da heißt es: „Wir kommen nun auf die Hauplleistung unserer Thätigkeit, die heute zum Abschlüsse gebracht wurde, und zwar auf die Errichtung eines Weißnäherei-Ateliers für Mädchen. Der Ausschuß hat sich vielfach mit dem Schicksale der zahlreichen Mädchen befaßt, welche bald nach ihrem Austritte aus der Schule einen Broterwerb zu suchen genöthigt sind. Wie bereits oben angedeutet, verdient dieser Theil unserer Jugend die größtmöglichste Fürsorge unseres Vereins. Da wir uns die sittliche Sanirung und die geistige Regenerirung zur Aufgabe gemacht, so dürfen wir nicht übersehen, daß die Stellung der Frau einen der wichtigsten Factoren in der dem Fortschritte zusteuernden Bewegung unserer Gesellschaft bildet. Alles was die Verbesserung ihrer Lage und die Verminderung ihrer Noth anbahnt, beseitigt gleichzeitigt die Ursachen ihrer Schwäche und bereitet ein gesundes und kräftiges Leben vor. Von der Richtigkeit dieser Anschauung durchdrungen und in diesem Sinne handelnd, trachtete der Ausschuß, dieser weiblichen Jugend das untrüglichste Werkzeug zur Erlangung ihrer Selbstständigkeit und zur Wahrung ihrer Würde in die Hand zu legen: e r führt sie dem Handwerk z u: Der Ausschuß wird bemüht sein, diese Wohlthat einer größtmöglichen Zahl von armen jungen Mädchen zutheil werden zu lassen." So sprechen, so bemühen sich zu wirken junge Leute im Alter von 17 bis 25 Jahren. Sie bilden nun ihrerseits gleich-