Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Blvch's Wochenschrift. Teile 407 Mann der Wissenschaft, ein vorzüglicher Exeget .. . Anders bei den unter den Muselmannen zerstreuten jüdischen Gemeinden. Hier war jede Freude am Studium, ja selbst jede Erinnerung an die berühmten Rabbiner und Gelehrten, welche ehemals so viel Glanz über die orientalische und afrikanische Judenheit vcrbreiteten, abhanden gekommen. Auch die Physischen Kräfte der Race waren Dank den allmähligen Einwirkungen" eines in engen Ghettis eingepferchten Lebens herabgekommen. Leib und Seele geriethen in Verwahrlosung. Durch Lebensweise und hundertjähriges Vorurtheil jeder ernsten manuellen Arbeit entfremdet, waren die Juden in den muselmännischen Landen sozusagen an den Hausirhandel geschmiedet, (riväs au eoiportage) auf das jämmerlichste Gewerbe angewiesen. Zur Rettung dieser Unglücklichen gab es nur ein Mittel: Schulen. Noch vor der Bildung der Allianz waren ihre Gemeinden von dieser Wahrheit durchdrungen, und kaum daß die Alliance über einige Mittel verfügte, als sie dieselben schon der Creirung einer Schule in Tetuan in Marokko widmete. Das war im Jahre 1862. Im Jahre 1864 erfolgte die Eröffnung einer weiteren Schule zu Tanger, ebenfalls in Marokko, und im Jahre 1865 einer solchen in Bagdad. Seither hat sich das Schulwesen von Jahr zu Jahr auf das Beste entfaltet, so daß sich heute ein Netz von Schulen über Bulgarien, über die europäische Türkei, die asiatische Türkei, von Jaffa bis Aleppo und Bagdad, von da über Egypten, Tunis und Marokko ausbreitet. Es hat auch Boden in Rumänien geaßt und zieht sich bis nach Persien hin. Besonders rasch gingen die Schulgründungen seit dem Jahre 1879 von Statten. Im Jahre 1880 belief sich die Zahl der Schulen auf 34, im Jahre 1890 auf 54. im Jahre 1899 auf 94, davon 58 für Knaben und 36 für Mädchen mit einer Gesammtfrequenz von 25.000 Kindern. Daß sich das Erziehungswerk der Alliance so rasch entwickeln konnte, ist der Munificenz des Baron und der Baronin Hirsch zu verdanken. Wenn die Alliance in Rußland, Rumänien und Galizien keine Schulen gründete, so lag das darin, das, was Rußland zunächst betrifft, die Regierung überhaupt es nicht gerne sieht, daß sich hier die Juden bilden und civilisiren. So hat sie denn Alles, was irgendwie von der' Alliance ausgeht — selbst ihren Berichten — den Zugang versperrt. In Rumänien waren früher die öffentlichen Schulen den jüdischen Kindern zugänglich. Das ist nun vor 6 oder 7 Jahren anders geworden. Es wurde ein geniales Mittel entdeckt, um den jüdischen Kindern die öffentlichen Schulen zu verschließen. Es wurde nämlich ein Gesetz votirt, nach welchem die Kinder der „Fremdlinge" ein hohes Schulgeld zu zahlen haben. Noch mehr. Sie werden erst dann zugelassen, wenn vorher sämmtliche einheimische Candidaten Aufnahme gefunden haben. Da nun die Regierung ungeachtet der feierlichen, den Mächten gegenüber eingegangenen Verpflichtungen fortfährt, die Juden als Fremdlinge zu behandeln, so war es ein Leichtes, die jüdische Jugend von der Schule auszuschließen. Diese Absicht aber wird vereitelt werden: es wird den rumänischen Judengemeinden die erforderliche Hilfe geleistet werden, um eigene Schulen eröffnen zu können. Was aber Galizien betrifft, so hat Baron Hirsch im Jahre 1888 mit einer in der Geschichte der Philantropie beispiellosen Hochherzigkeit eine Stiftung zur Gründung von Schulen creirt und sie mit ganz bedeutenden Fonds ausgestattet. So mußte denn die Alliance ihre ungetheilte Wirksamkeit auf die Länder der Türkei und auf Bulgarien concentriren, wobei unbilliger Weise ein Strich Landes übergangen wurde; es ist dies Algerien. Es muß einen mit tiefer Trauer erfüllen, wenn man das moralische und intellectuelle Niveau der jüdischen Bevölkerung dieses Landes unbefangenen Blickes prüft: eine wahrhafte jüdische Cultur fehlt da ganz und gar. Die jüdische Jugend daselbst besucht wohl die öffentliche Schule, genießt aber nur einen trockenen Buchunterricht. Es wäre dringend geboten, ihr eine ausgedehntere, ihren Bedürfnissen entsprechendere, versittlichende Erziehung zn Theil werden zu lassen. Und dieser moralischen Erziehung entbehren sie. Heute wird der Fehler, Algerien sich selbst überlassen zu haben, allenthalben erkannt und geht man daran, ihn^ möglichst wettzumachen. Diese Aufgabe fällt aber nicht der Alliance, wohl aber dem Central-Consistorium zu. Die Alliance besitzt oder unterstützt gegenwärtig circa hundert Schulen. Welches aber sind die Principien, nach denen sie geleitet werden? Das Central-Comite der Allianz betrachtet den Schulunterricht nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel. Zweck der Schule ist die Heranbildung von Menschen im edelsten Sinne des Wortes, will sagen, von denk-und willenskräftigen, arbeitsfreudigen, von Liebe erfüllten Menschen. Das ist die Formel, auf welche das Schulprogramm eingeschworen ist. Dieses Bestreben, Charaktere zu bilden, beherrscht den ganzen Unterricht, es wird den Lehrern in den Instructionen ans Herz gelegt, es durchweht den Lehrstoff, mag dieser noch soweit von diesem angestrebten Gedankengange entfernt scheinen. Beim Geschichtsunterrichte werden die Namen der Schlachten und siegenden Feldherren entweder übergangen oder nur als nebensächlich gestreift. Dagegen werden in den Vordergrund gestellt: Die Geschichte des menschlichen Fortschrittes und die Ereignisse, welche auf den Gang der menschlichen Entwicklung Einfluß ausgeübt haben. In der Geographie werden die trockenen Nomenklaturen wenig beachtet und wird hier der Stoff als Reifebschreibung vorgetragen, woraus ein interessantes und nützliches Studium über Sitten und Gebräuche der Völker, über wirthschastliche Erzeugnisse, über commercielle und industrielle Thätigkeit u. s. w. sich ergibt. Müssen die moralischen und intellectuellen Eigenschaften hervorgehoben werden, welchen das eine Volk seine gedeihliche Entwicklung verdankt, und die Laster und Fehler, welche den Niedergang des anderen Volkes herbeigesührt. Bei solcher Auffassung des Unterrichtes hört er auf, eine Last für das Gedächtniß zu sein, sondern wirkt vielmehr belebend, erleuchtend und befruchtend auf Geist und Seele des Kindes. — Es mögen hier zur Jllustrirung des Gesagten einige Zeilen aus einem an die Lehrer im Juni d. I. 1826 gerichteten Rundschreiben Platz finden. Sie lauten: „Welches Ziel verfolgte die Alliance mit ihren in den Gemeinden des Orients und Afrikas unternommenen Schulgründungen? In erster Linie die Aufgabe: einen Lichtstrahl europäischer Civilisation in die durch hundertjährige Unterdrückung und Unwissenheit ausgearteten Kreise eindringen zu lassen, ferner der dortigen Jugend eine sichere, würdige Lebensquelle zu eröffnen, indem sie ihr die Grundlage einer rationellen Elementarbildung zn geben bemüht ist; endlich sucht sie gewisse Borurtheile, gewisse von Alters her eingewurzelte, abergläubische Vorstellungen und Bräuche, welche lähmend auf die Thätigkeit und die Schwungkraft des Gemeinwesens.wirkt, zu zerstören, indem sie die Geister den europäischen Ideen zugänglich macht. Insbesondere zielt das Wirken dahin, der jüdischen Jugend und somit in der Folge auch der ganzen jüdischen Bevölkerung, mehr eine moralische Erziehung, denn eine technische Bildung angedeihen zu lassen. Anstatt Halbgebildete zu schaffen, will sie Männer heranbilden, welche duldsam und gut, pflichttreu als Bürger wie als Juden, dem gemeinsamen Wohle in gleicher Weise wie dem ihrer Glaubensbrüder ergeben, endlich solche, welche die Anforderungen das modernen Lebens mit der den alten Traditionen schuldigen Achtung in Einklang zu bringen wissen. „Wir würden aber unser Werk tief bedauern, wenn es dahin führte, daß der Glaube in der jüdischen Seele verlösche, daß dieser Herd der inneren Glückseligkeit erkalte, daß diese kraftstrotzende Quelle versiege, welche Israel durch hundertjährige, in der Geschichte unerhörte Verfolgungen und Unterdrückungen geleistet hat. Im Gegentheil wollten die Gründer und wollen die gegenwärtigen Leiter der Alliance das religiöse Gefühl der jüdischen Bevölkerung des Orients und Afrikas gekräftigt und geläutert, allen unseren Zöglingen und durch diese auch den Eltern sittliche Würde eingeflößt und allesammt dem Guten und Edlen, dem Judenthume, seiner Geschichte und Tradition ergeben wissen. Dahin strebt unsere Wirksamkeit. Jene Lehrer aber, welche ihre Pflichten nicht in diesem Sinne aufgefaßt haben, haben unsere Absichten verrathen oder zum mindesten mißverstanden." Schließlich folgen die Weisungen, welche den mit der Ausführung der Wünsche des Centralcomitäs der Alliance betrauten Lehrern ertheilt werden. Sie lauten: „Euere Aufgabe ist belehrend, aber auch versittlichend zu wirken, die Schüler so zu bilden, daß sie Nutzen von dem Unterrichte ziehen. Ihr müßt aber dabei Menschen bilden, Menschen, welche in der materiellen Wohlfahrt nicht das einzige Ziel ihres Strebens erblicken, und denen die Eigenliebe nicht die ausschließliche Triebkraft ihrer Handlungen ist. Der Egoismus und die Gleichgiltigkeit gegenüber dem Gemeinwohle sind Feinde, welche bekämpft werden müssen. Ihr könnt nicht würdiger Euere Pflicht erfüllen und der jüdischen Bevölkerung keine