Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 406 Dr. IMmfiY Wvcku.'NschriN» sondern eine Schule für Arbeit. Wir werden an anderer Stelle den statistischen Nachweis für das Wirken dieses Vereines bringen, hier sei seiner großen Bedeutung und der ihm für die kommenden Tage zugewiesenen Mission gedacht, die um so schwerwiegender ist, je ungünstiger politische und wirtschaftliche Elemente die Lage beeinflussen. Einer solchen Institution muß, damit sie gedeihe, das vollste Verständniß, die allerumfangreichste Theilnahme, die ausgiebigste allseitige Mitwirkung zugewendet werden. Man darf sie nicht als eine Angelegenheit der Wohlthätigkeit betrachten und sich mit einer mitleidvollen Gabe mit ihr abfinden, man muß in ihr vielmehr den unentbehrlichen Factor anerkennen und an demselben muß Jeder sich betheiligen, Jeder nach dem Maße seines ganzen Könnens, der ein Gefühl für die bedrängten und verfolgten Juden hat. Auch wenn er an seinem eigenen Leibe die Verfolgung noch nicht spürt, so muß doch seine Seele sie empfinden; seine Ehre gebietet ihm an der Abwehr theilzunehmen, seine Selbstachtung fordert, daß er nicht abseits stehe und er kann durch nichts so sehr seine Thellnahme bekunden, als daß er Alles daransetzt, um die Arbeitskraft der Juden zu erhalten. In diesem Sinne haben wir es als publicistische Pflicht erkannt, für den Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis einzutreten. Zu den vielen inneren Gründen, welche uns dazu bestimmten und die wir in Obigem dargelegt haben, tritt im letzten Augenblicke, da wir die Feder aus der Hand legen wollen, noch ein äußerer Grund von niederschmetternder Gewalt. Der Mann, der um die Organisirung und Functiouirung der Vereines die größten Verdienste sich errungen hat, Bankier Sigmund R o s e n f e l d, ist jählings dem Vereine entrissen worden. Plötzlich wurde er von diesem Leben abberufen und fassungslos stehen wir vor einem Verluste, der nahezu eiu unersetzlicher ist für den Verein, dem seine Energie, sein Talents seine Hingebung, seine Opferfreudigkeit zum Dasein verholfeu. Was Herr Rosenfeld für den Verein war, läßt sich kaum mit Worten beschreiben. Er war dessen belebendes, schaffendes, treibendes Element; er widmete ihm sein Denken und seine Arbeit, vergrößerte seinen Wirkungskreis, gab ihm stets neue Aufgaben, hielt die stramme Ordnung in der Vertheilung aller Arbeiten aufrecht, dabei war er aufopferungsvoll in Allem, was er für den Verein thun konnte und ohne Uebertreibung darf man es sagen, seine Kraft war wie eine Gewährleistung einer stets steigenden Entwicklung. Daß der Verlust eines solchen Leiters einen jungen Verein schwer trifft, steht außer Zweifel. Aber die That des Guten trägt die Kraft in sich, nicht nur unmittelbar, sondern auch fortzeugend zu wirken und so wird auch die Erinnerung an Rosenfeld nicht blos seinen Verdiensten ein unvergängliches Andenken bringen, sondern stets aneifern zu bethätigen, daß der Verein die Lücke nicht empfinde, die sein Tod in die Reihen gerissen, daß sich immer Männer finden, die in seinem Geiste nach seinem Beispiel, mit seiner Liebe nnd Treue dahin streben, was ihm als Ziel vorgeschwebt hat. In der Darstellung der Aufgaben des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis wissen wir uns eines Sinnes mit dem Dahingeschiedenen, und wir geben uns der Ueberzeugung hin, daß die Männer, die mit ihm zusammen diesen Verein geschaffen und geleitet haben, die Weiterführung des Vereines wie ein theures Vermächtniß Hochhalten werden, und ebenso daß sich in der Gemeinde immer neue Kräfte finden werden, das begonnene Werk zu vollenden. I. L. Sigmund Rosenfeld. . Heute wird ein Mann zu Grabe getragen, der zu den edelsten geistig und ethisch höchststehenden Menschen nicht nur der Judenschaft allein, sondern der Gesammtbevölkerung unserer Stadt gehörte. AuS einer jüdischen Kleinbürgersfamilie des slovakischen Städtchens Sillein ging in ihm ein Mann hervor, der sich auf dem steilen Wege zu angesehener Stellung in der Finanzwelt, nie vor der auf krummen Wegen wandelnden Macht gebeugt, von den Principien des Rechtes und der Gerechtigkeit sich nie auch nur um Haaresbreite entfernte und ihren Gegnern jemals, auch nicht die geringste Concession gemacht hat. Dieser principienstarke nackensteife Mann mit dem scharfen durchdringenden Verstände und dem ungeheueren Organisationstalente trug auch das beste, aufopferndste, gütigste Herz im Leibe. Es soll hier nicht der vielen Wohlthaten gedacht werden, welche er Einzelnen erwies. Nur seine beispiellose hingebende Thätigkeit im Dienste des Vereines für den unentgeltlichen Arbeitsnachweis, soll hier erwähnt werden; gesagt muß es werden, wie dieser Mann den größten Theil des Tages, dieser, für die Arbeitsuchenden so wichtigen Anstalt gewidmet, wie er mit jedem Einzelnen der abgehärmten Arbeiter persönlich seine Sache besprochen, wie er mit Rath und That und Geld zur Seite stehend, wie er, der angesehene Bourgeois, persönlich die kleinsten Arbeitsgeber aufsuchte, so eifrig, als ob es sich um eine wichtige Transaction mit hochvermö'genden Finanzkrästen handelte, wie er bestrebt war, den nichtqualificirten Arbeitskräften Arbeitsgelegenheit zu schaffen durch persönliche Intervention, dies muß noch von künftigen Biographen gewürdigt werden. Der angesehene, wohlsituirte, geistig so ungewöhnlich hochbegabte und seines Werthes sich bewußte Mann, war doch von einer solchen rührenden Bescheidenheit des Auftretens, von einer solchen vollendeten Urbanität des Benehmens, von einem so edlen Abscheu gegen alles Ethisch-Unschöne und Gemeine erfüllt, daß er wohl den Edelsten „der Edlen der Nation" als nachahmenswerthes Muster empfohlen werden kann. So treu wie sein Herz denen anhing, die er als Freunde erkannte, so unverbrüchlich hielt er fest an seinem Stamme, an seiner Confession. Der durch und durch von modernem socialwissenschaftlichem Geiste beseelte Mann trug kein Bedenken, sich offen und rückhaltslos zum Judenthume zu bekennen, sich seiner verfolgten und geschmähten Brüder anzunehmen, fürwahr ein seltener Muth in unserer Zeit. So stand er vor uns, ein wahrhafter Ritter ohne Furcht und Tadel, wenn auch ohne Prädicat und Wappen; als ihn jäh gefällt der Tod, nahte in der glänzendsten Thätigkeit, da konnten es die Menschen nicht fassen, daß solches möglich sei, denn Jedem, solchen, die ihn kannten, und solchen, die ihn nicht kannten, ist er abgestorben. Gesegnet sei das Andenken des Gerechten! Dr. E h r m a n n. Die erziehliche Thätigkeit der „ Alliance Israölite“. Von Dr. Arnold Ascher. II. Die von Erfolg begleitete Kühnheit, welche die Gründer bei der Bildung der Alliance zu einer Zeit, wo Opportunität und Nützlichkeit einer solchen Schöpfung noch vielfach discutirt wurde, entfalteten, führte sie zur Organisirung der Schulen. Ungeachtet ihrer Jugend besaßen diese Männer neben großer Begeisterung für die Sache gründliche Kenntnisse in Bezug auf die Bedürfnisse des Judenthums und fanden in den S ch u lgründungen das einzige Mittel, welches geeignet war, die jüdischen Volksmassen dem Drucke der Verwahrlosung und der Unwissenheit der Jahrhunderte zu entreißen. Die Wohlthat der Schule war es, welche die Alliance als Mittel gewählt, das Judenthum im Orient und in Afrika zn regeneriren. Und sie begann ihre Thätigkeit in diesen beiden Erdstrichen zu entfalten, weil daselbst die moralische Noch der jüdischen Bevölkerung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts am drückendsten war. Das geistige Niveau der dortigen Juden bei völligem Fehlen moderner Cuttur mußte jeden mit den Verhältnissen nur einigermaßen Vertrauten frappiren. Kaum daß die Jugend auch nur hebräisch lesen und schreiben lernte. Zweifelsohne waren die Juden Rußlands, Rumäniens und Galiziens unglücklicher, ärmer und den Verfolgungen mehr ausgesetzt; allein die heilige Flamme der Wissenschaft war bei ihnen niemals völlig erloschen und selbst aus der Finsterniß der Unterdrückung tauchte ihnen von Zeit zu Zeit ein hervorragender Schriftsteller auf, ein Philosoph,' ein