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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 392 Vr. Bloch's Wvche^fchrifl. Nr. 21 Die erziehliche Thätigkeit der „Alliance Israeiite“. Do« Dr. Arnold Ascher. Als verderbliche, alles Nichtjüdische bekämpfende und vernichtende internationale Macht wird stets von gewisser Seite die ..Allknce Israeiite“ hingestellt, und wie ein Schreckgespenst wandelt sie in gewissen Gemüthern in der Welt einher. Dazu haben sie die Judenfeinde gemacht, sie dazu machen können, nicht ohne Schuld der Juden selbst, da zu selten energisch Protest erhoben und Aufklärung verbreitet wurde, gegenüber den böswilligen Anklagen und unbegründeten Verdächtigungen, vielmehr oft unterlassen wurde, in alle die verborgensten Winkel, wohin sich diese Verdächtigungen flüchteten, die klaren, überzeugenden Beweise ihrer nicht allein für das Judenthum segensreichen Thätigkeit laut und öffentlich zu liefern. Was ist die Alliance? Was strebt sie an? Was leistet sie? Die Judenfeinde gaben von allem Anfang an, genau Bescheid über diese Institution zu wissen; die Juden selbst, zumindest das Gros des Judenthums, scheint es nicht zu wissen; denn wären die Juden über das gemeinnützige Wirken der Alliance genau unterrichtet, sie dürfte nicht die fast beschämende Zahl von 30.000, sondern Millionen von Juden zu ihren Mitgliedern zählen. Aber, wie erwähnt, die großen Massen der Juden wissen von ihr zu wenig, kümmern sich nicht um sie, kennen sie — wenn überhaupt — in den meisten Fällen nur aus den Schilderungen der Judenhasser und hören den ihnen oft fremd klingenden Namen nur dann, wenn irgendwo im Osten eine Judenverfolgung ausbricht und die Alliance als Helferin in der verzweiflungsvollen Lage auf dem Plane erscheint. Wie sollen sie dann Aufkärung über die Wirksamkeit dieser Institution, die, wenn sie nicht vorhanden wäre, heute erst recht ins Leben gerufen werden müßte, geben und die verlogenen Informationen der Gegner mit Erfolg zurückzuweisen vermögen? So kam es, daß für die Verbreitung falscher und gefälschter Anschauungen, Berichte und Vorstellungen über diesen für Cultur und Gesittung so selbst- und geräuschlos thätigen Verein ein immer größerer Spielraum den Judenhassern eingeräumt wurde, die straflos über ihn die unglaublichsten. Schauermärchen verbreiten dürfen. Und so haben sie es denn glücklich zuwege gebracht, daß die Alliance zum Schreckbild geworden. Sie haben es verstanden, durch unausgesetzte Verbreitung falscher Berichte und böswilliger Gerüchte die Vorstellung in der urtheilslosen Menge zu verbreiten, als ob die Alliance nichts Geringeres, als die Erringung der Weltherrschaft und die Vernichtung des Christenthums anstrebe, und haben dadurch auch in wohlgesinnten, aber über die Ziele der Alliance nicht unterrichteten Kreisen der Intelligenz Mißtrauen erregt, denn: Oalurruiiare audacter, semper aliquid liaeret. Wohl erfolgten ab und zu, wenn die Anschuldigungen und Verdächtigungen gegen die Alliance gar zu ungeheuerlich und zu aufreizend wurden, Berichtigungen; allein das half so viel wie nichts. Denn einmal erreichten diese Richtigstellungen nicht jene Kreise, welche eigentlich eines Besseren zu belehren waren. Dann waren es ja nur Widerlegungen erlogener Beschuldigungen und verhallten ganz wirkungslos, so daß die widerlegten Beschuldigungen nach kurzen Intervallen immer. von Neuem erhoben wurden. Eine Belehrung weitester Kreise über die Mission der Alliance erfolgte nicht, konnte auch nicht gut erfolgen, weil diese Kreise für solche Belehrungen schwer erreichbar waren. Hierin scheint sich nunmehr ein gründlicher Wandel zum Besseren vollzogen zu haben — und diesen Wandel verdanken wir dem berufensten Interpreten der Aufgaben der Alliance und gründlichsten Kenner ihrer weitverzweigten Wege, ihrem langjährigen und verdienstvollen Secretär, Herr I. Bigart in Paris, welcher jüngst hinaus in die Oeffentlichkeit trat, um in ebenso klarer, als beredter Weise und mit großer Meisterschaft die Mission der Alliance zu beleuchten, ihre erziehlichen Arbeiten und deren Erfolge zu zeichnen und die Wüsteneien zu zeigen, die sie in fruchtbares Land umgestaltet hat. Die „mysteriösen Geheimarbeiten" der Alliance sind nun enthüllt, vor aller Welt enthüllt. Man muß es als eine glückliche Fügung bezeichnen, daß diesem tüchtigen, mit dem Wirken der Alliance so innig verknüpften Manne die Gelegenheit geboten wurde, sich über die Thätigkeit dieses Brudervereines aussprechen zu dürfen; denn durch dieses Beispiel ist der Weg gezeigt, wie man am besten und sichersten allem böswilligen Geschrei der Judenhaffer begegnen, allen Verdächtigungen die Spitze abbrechen könne: sich in die Oeffentlichkeit flüchten. Wir Juden in Oesterreich insbesondere müssen uns Herrn Bigart für seine diesbezügliche Leistung, die uns nunmehr auch in französischer Sprache gedruckt vorliegt, zu großem Danke verpflichtet fühlen, da ja wir am meisten unter den bisher straflos und fast widerspruchslos gegen die Alliance erhobenen gehässigen Beschuldigungen und Verdächtigungen zu leiden haben; wir empfinden daher doppelt die Genugthuung darüber, daß er Gelegenheit gefunden, öffentlich über die Thätigkeit der Alliance zu sprechen, und daß er sich seiner Aufgabe so meisterhaft entledigt hat. Von der Union Scolaire in Paris eingeladen, eine Conferenz über die Alliance zu halten, folgte -r freudig diesem Rufe. Sein Vortrag*) ist so instruirend, erhebend und anregend, daß ihm im Interesse der Aufklärung die weiteste Verbreitung zu wünschen ist. Er wird ganz zweifellos das größte Interesse in jüdischen, wie in nichtjüdischen Kreisen erregen. Herr Bigart führt uns an die Geburtsflätte der Alliance, enthüllt uns die Ursachen ihrer Entstehung, zeigt uns ihr mühsames Hervorringen aus chaotischen Anfängen, ihre allmälige Entwicklung, welche in die erhabene Mission ausläuft: verwahrloste Menschenmaffen zu erziehen, zur Sittlichkeit emporzuheben und sie nützlichen und gesunden Berufen zuzuführen vermittelst Schule undArbeit! „An den erziehlichen Erfolgen", meint er, „wird man ermessen, welchen Einfluß die Bildungsanstalten der Alliance auf die Hebung unserer unglücklichen und unwissenden Glaubensgenossen ausüben." Folgen wir den Ausführungen des Herrn Bigart, der sich uns als ein vortrefflicher Führer darbietet: Wann entstand die Alliance und was veranlaßte ihre Bildung? Im Jahre 1840 verschwand plötzlich zu Damascus in Syrien der katholische Priester Pater Thomas. Seine Leiche wurde im Judenviertel gefunden. Die Christen erhoben Lärm und beschuldigten die Juden des Ritualmordes. Mehrere Israeliten wurden eingekerkert und Martern ausgesetzt, denen viele erlagen. Der Vertreter Frankreichs war der wüthendste Ankläger. Er glaubte fest an den Ritualmord, welchen Glauben übrigens sein Vorgesetzter, der Minister des Aeußeren Thiers mit ihm zu theilen schien. Der schon damals berühmte Cremieux und der englische Philantrop Sir Moses Montefiore begaben sich nach Egypten zu Mehmed- Ali, und ihren vereinten Bemühungen gelang es, die Opfer den Händen ihrer Henker zu entreißen. Die innigsten Wünsche der gesammten Judenschaft begleitete sie in ihrer edlen und erhabenen Mission, und so war der leitende Gedanke, der damals noch lange nicht bestehenden Alliance der Lenker der Schritte dieser berühmter Vertreter des Judenthums Frankreichs und Englands, um ottomanische, eines vermeintlichen Verbrechens beschuldigte Juden zu retten. In der That tauchte schon damals in vielen Geistern der Gedanke auf: es müsse eine Gesellschaft ins Leben gerufen werden, welche die Aufgabe hätte, die Rechte der Israeliten zu vertreten. In manchen jüdischen Blättern wurde eine derartige Schöpfung propagirt, die Anregung fand, jedoch aus Mangel an Verständigung und Ausdauer keinen Wiederhall. Erst 20 Jahre später, als der im Kirchenstaate erfolgte Raub des Judenknaben Edgar Mortara das ganze freisinnig- Europa erschütterte, nahm dieser Gedanke Form und Gestalt an. Sechs, damals fast unbekannte junge israelitische Männer in Paris widmeten dieser Aufgabe ihre Kräfte und lösten die in allen jüdischen Kreisen so viel ventilirte Frage. Es waren dies die Herren Rabbiner Aristides Ast ru c, Professor der Philosophie Isidor Cahen, Ingenieur Jules Carvallo, Advocat Narcisse Leven. Professor Eugen M a n n u e l, Carl Netter. Außer Carl Netter, der in Jaffa, aus dessen Boden durch seine aufopferungsvolle Thätigkeit die Ackerbauschule hervorgezaubert wurde, die im Leben nie gesuchte Ruhe fand, sind alle noch am Leben und wirken ungeschwächt an dem herrlichen Werke fort. Herr Leven steht heute als Präsident an dessen Spitze, nachdem er vierzig Jahre hindurch, ebenso bescheiden als unermüdlich wirkend, dessen Seele war. Warum nahm die Alliance den Titel „Universelle" an? Es gibt zwar in den meisten civilisirten Ländern, und es gab Der Titel lautet: „UAlliance Israeiite. Sou Action educatrice“. Conference faite le 6 F«vrier 1900 a L’Union Seolair« par M. Jacques Bigart.

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