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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 S>t\, Moch's Wochrnfchrrft. Seile 38" Sehen Sie die Bundesgenossen unserer Gegner an und Sie werden nicht nur wissen, wes Geistes dieselben sind, sondern worauf sie abzielen. Sie dürfen sich versichert halten, sie werden ihren Wahlsieg mit rücksichtslosester Consequenz ausnützen und wir werden die Kosten zahlen. Wir und Wien. Wer die Entwickelungsgescyichte dieser Stadt seit Jahren beobachtet, dem kann es nicht entgangen sein, daß unser Wien nicht gleichen Schritt hält mit anderen G r o ßst ä d t e n. Ich kann die fortschrittliche Partei von dem Vorwurf nicht freisprechen, daß siedieletzteZeit ihrer Her rs ch a f t n i ch t in dem Maße ausnützte, als es ihr möglich gewesen wäre, und Vieles wäre anders geworden, wenn sie mehr von ihrer Macht aufgewendet hätte, als es wirklich geschah. Aber während ihre letzten Jahre nur einen Stillstand bedeute t e n, ist seit ihrem Niedergang ein völliger Rückschritt wahrzunehmen, der nicht blos auf wirthschaftlichem, sondern auch auf politischem Wege sich geltend macht. Als Steuerträger dieser Stadt' als treue Söhne Oe st erreich s, beklagen wir diese Verhältnisse und müssen darnach streben, daß sie beseitigt werden. Wir hängen an dieser Stadt mit allen Fasern unserer Herzen. Wir haben zu ihrem Aufbau kräftig beigetragen, wir — wir Juden-— haben an ihrer Verschönerung mitgewirkt, wir haben auf allen Gebieten des Geisteslebens in Kunst und Wissenschaft, in Musik und Malerei, im parlamentarischen und communalem Leben, auf allen Gebieten der öffentlichen Wohlfahrtspflege,auf allen Gebieten wirtschaftlicher Bethätigung Zeugniß davon abgelegt, daß wir keinem unserer Mitbürger nachstehen, daß Wiens Ehre unsere Ehre ist, daß wir freudigen Sinnes mit unseren Mitbürgern wetteifern um die S t a dt groß, schön, geehrt zu machen. Und wir haben von dieser Stadt nichts verlangt, als was unser R e ch t ist : die Uns durch die Staatsgrundgesitze gewährleistete Gleichberechtigung. Und gerade diese wird von den jetzigen Machthabern mit Füßen getreten. Sie kränken unsere Rechte im Schulwesen. Sie beeinträchtigen das Recht der jüdischen Lehrer. Sie präteriren jüdische Beamte. Sie verweigern jüdischen Gewerbetreibenden die Arbeit. ' Sie lehnen die Unterstützung humanitärer Vereine ab. Sie beschimpfen unsere Vertreter. Ich will das Sündenregister nicht weiter ausdehnen. Jeder von Ihnen, meine Herren, kennt die Sachlage, jeder fühlt es tief in seinem Herzen, welches Unrecht an uns verübt wird und darum soll auch jeder seinem Gefühle Ausdruck geben, und er kann es am besten thun mit dem Wahlzettel in der Hand. Aber nicht nur als W i e n e r empfinden wir es bitter, was durch das jetzige Regime verbrochen wird, sondern auch als treue Söhne dieser Monarchie. Man braucht nur aus die Stimmen zu hören, die aus dem gegnerischen Lager laut genug ertönen, um zu erkennen, welche Richtung die Politik des Staates nehmen müßte, wenn es dieser Partei gelänge, die Ruder des Staatsschiffes in ihre Hände zu bekommen. Der Haß gegen Ungarn ist zu deutlich ausgesprochen worden, als daß man nicht befürchten müßte, es werde das Berhältniß der beiden Theile der Monarchie gestört, ja die Grundlagen des Reiches erschüttert werden, wenn nicht dem Treiben der Christlich-Socialen Einhalt geboten würde. Und kann man an die Fortdauer des Dreibundes, dieser Stütze des Weltfriedens glauben, wenn jene Partei ans Ruder kommt, deren Ziel die Wiederherstellungconcordatli ch e r Z u st ä n d e i st? die D e r o u l e d e und D r um o n t begrüßt und die Pariser Nationalisten. dieErzfeinde des Dreibundes, beglückwünscht? Sie sehen meine Herren, nicht von unserem speciellen Standpunkte, vom österreichischen allein schon müssen wir, was in unseren Kräften liegt, aufbieten, damit fich der Sieg nicht auf jene Seite wende, die geradezu eine Gefahr ist für Wien und Oesterreich. Wenn aber alle Anstrengungen vergebens sein sollten, wenn die Wahlpraktiken und die parteiische Wahlordnung wirklich zur Folge haben sollten, daß die Gegner ihre alte Macht behalten, sie vielleicht sogar noch vergrößert wird — nun so wollen wir wenigstens oas Bewußtsein haben, daß wir unsere Schuldigkeit gethan haben. Diese müssen wir aber voll und ganz thun. Wir dürfen uns nicht abhalten laffen, selbst wenn die Wahlchancen minder günstig find, unsere Pflicht zu erfüllen. Denn W a h l r e ch t ist unter allen Umständen auch eine Wahlpflicht und je mehr wir darauf sehen müssen, daß uns das Wahlrecht nicht verkürzt werde, desto mehr müssen wir deffen eingedenk sein, daß nur durch Ausübung des Rechtes dasselbe geschützt werden kann und daß die W a h l e n t h a l t u n g nichts Anderes b - deuten würde, als daß wir uns s e l b st a u s s ch a l t e n aus dem Einflüsse auf die Verwaltung dieser Stadt, auf die Kundgebung der Gesinnung dieser Stadt. Je mehr man uns bedrängt, desto zäher müffen wir an unserem Rechte f e st h a l t e n und durch Ausübung desselben unseren Willen betätigen. Die jüdische Bevölkerung beträgt etwa ein Zehntel der Gesammtbevölkerung. Nach dem von unseren Gegnern selbst aufgestellten Wahlschlüssel müßten wir ein Zehntel der Mandate erhalten. Aber das verlangen wir ja gar nicht einmal. Wenn man die Steuerleistung zum Wahlmaßstab machen wollte, würde sogar für die Juden ein noch viel günstigeres Ergebniß resultiren. Es weiß ja jeder von Ihnen, wie sehr seine Steuerschuldigkeit hinausgeschraubt wurde. Wir reclamiren aber in dieser Richtung nicht. Nur das uns gewährleistete Recht wollen wir uns nicht nehmen lassen und den uns gebührenden Antheil an dem, was dieStadt allen ihren Bewohnern zu geben verpflichtet ist, fordern wir und wir müffen daher jene Partei unterstützen, die bewiesen hat-, daß sie unser Recht anerkennt und die uns hoffen läßt, daß fie inZukunft noch kräftiger als bisher für unsere Rechte emtreten wird, d. i. die fortschrittliche Partei und keine Andere. Uns gehen die Wahlbündniffe dieser Partei nichts an, daß sind taktische Fragen, mit denen wir uns nicht abgeben. Uns kann man nicht zumuthen, für unsere Feinde zu stimmen, weil sie zeitweilig die Gegner der Christlich-Socialen find. Wir bleiben unseren Grundsätzen treu, erhalten diese rein, und darum stimmen wir mit voller Ueberzeugung für die fortschrittlichen Candidaten. Sie erwarten nicht von mir, daß ich Ihnen die c o m m unale Mißwirthschaft auf administrativem G e b i e t e vor Augen führe — sollte es nöthig sein, so würde ich es im Laufe der Debatte thun — und ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich dazu ein reiches Material in drr Geschichte der letzten vier Jahre fände. Ich glaube aber, daß es sich heute vornehmlich darum handelt, den principiellen Standpunkt klarzulegen und das hoffe ich in meiner kurzen Darlegung gethan zu haben, so daß ich Ihnen nun zum Schlüsse nur die Annahmeder Resolution zu empfehlen brauche, die also lautet: »Der Politische Bolksverein erklärt es als Pflicht und Interesse der jüdischen Wählerschaft von Wien, in den bevorstehenden, gegen die derzeitige Gemeinderathsmajorität gerichteten Wahlkampf mit allem Eifer und vollster Einmüthigkeit einzutreten, sich jedoch ausschließlich auf die Unterstützung und Wahl der fortschrittlichen Candidaten zu beschränken." Herr Dr. Fialla begleitet diese Resolution mit einer eingehenden Erörterung der Vergangenheit und der derzeitigen Lage der fortschrittlichen Partei, welche geradezu als unser Leidensgenosse erscheine, da auch fie gleich uns nicht auf Siege und Erfolge zu rechnen wage, vielmehr gleich uns auf eine »Abwehrth ätigkeit" angewiesen bleibt, gerichtet gegen denselben Feind der Wahrheit, des Fortschrittes, der Cultur und Gerechtigkeit (Lebhafter Beifall); Redner betont ferner die Unmöglichkeit und Verwerflichkeit der Zumuthung. daß wir jemals Candidaten oder Bestrebungen der deutschnativn a l e n Fraction zu unterstützen vermöchten; — »mag uns auch," schloß der Redner, »das Recht gebeugt, d^r Erwerb gehemmt, das Ansehen unterdrückt, die Gerechtigkeit versagt werden — ein Gut ist es, das uns nicht gemindert oder geraubt werden kann, dessen Schutz in unsere eigene Hand gelegt ist: unsere Ehre und Selbstachtung, und diese

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