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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-25 · 21 (25.5.1900) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
21 (25.5.1900)
Date
1900-05-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 386 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sir. 21 Natürlich, die kalte Berechnung hätte den jüdischen Bürgern sagen sollen, daß sie draußen bleiben, aber die Instinkte, die edlen und unedlen, regieren in uns stärker als die Maximen des Verstandes. Biele Juden haben diesen Rausch des Culturkampfes mitgemacht und die meisten meinten es ehrlich und aufrichtig. Sie glaubten der Sache der Freiheit und des Vaterlandes zu dienen. Es war eben nach dem großen Sieg von 1870—71. Der Traum aller Dichter und Idealisten war zur Wahrheit geworden. Deutschland stand groß und geeint da. ein Stolz seiner Söhne. Und nun sollte auch der innere Ausbau zur herrlichen Vollendung gelangen. Fort mit der Finsterniß! Ein großes, freies Volk mit großen Idealen! So dachten sich die Meisten, und sie stürzten sich mit blinder Leidenschaft in den Kampf. Der Lohn der christlichen Helfer Bismarck's in diesem Kampfe war Ehren und Aemter. Der Lohn der jüdischen Streiter aber war, daß die Katholiken, die für ihre Gegner ein besseres Gedächtniß als wir haben, es uns nie vergessen, daß ein Theil von uns den unseligen Kampf mitmachte, und die Schuld der Väter an den Kindern rächen. Eine ähnliche Epoche, wenn auch nicht von so großer Bedeutung, haben wir heute wieder in Deutschland. Es ist die Bewegung gegen die Reaction in Kunst und Literatur. Diese Bolksströmung gegen die schwarzen Heinzemännchen ist so frisch, so kräftig und allgemein, wie wir sie in unserer müden und matten Zeit kaum erwartet hätten. Und sie hat großes Interesse für Jeden, denn jeder Culturmensch ist ja mit Kunst und Literatur verwachsen. Kein Wunder daher, daß sich die Juden hervorragend betheiligen. Sie, die von der Macht der Finsterniß am meisten bedroht sind, wüsten ja mit aller Leidenschaft die Knebelung der Freiheit bekämpfen. Das aber wird ihnen schon heute zu einem Verbrechen gestempelt. Natürlich nützen sie durch ihr Reden und Agitiren, durch ihren scharfen Witz und ihre gewürzte Satire der Bewegung, sich selber aber sicherlich nicht. Tragikomisch ist es, daß die „berufenen Wächter der Sitten und Tugend", den ganzen Entrüstungssturm als einen „jüdischen" darstellen. Es ist das alte Hausmittel des großen Wunderdoktors Bismarck: wenn man etwas verdächtigen will, bezeichnet man es als jüdisch. Der liberale Gedanke ist jüdisch, die demokratische Idee ist semitisch, der Socialismus ist alttestamLNtarisch und der Freihandel talmudisch. Deutsch ist nur die Reaction und national das Agrarierthum. Das ist ein altes Lied. Und diese Heuchelei unserer Pfaffen und Junker! Sie wissen ganz gut, wie morsch die ganze Gesellschaftsmoral ist und wie wenig sie im Leben Bedeutung hat. Wagt aber jemand diese Schäden aufzudecken und die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, dann o weh! Da ist man über die „orientalische" Schamlosigkeit empört. Man will alles Nackte verbannen, weil man die nackte Wahrheit nicht vertragen kann. Deswegen braucht man freilich seinen persönlichen Liebhabereien nicht zu entsagen, aber: „Blamir mich nicht, mein Kind und grüß' mich nicht Unter den Linden, Wenn wir erst allein sind, wird sich die Sache schon finden." Das traurigste ist, daß der Jude es niemals recht macht. Ist er in erster Reihe Jude und denkt an die Folgen für sich und seine Gesammtheit, dann ist er ein Fremdling, ein störendes Element. Ist er aber Deutscher mit den Deutschen, modern mit den Modernen, dann macht er sich wieder Feinde auf Schritt und Tritt. Ich habe hier nicht die directen Antisemiten im Auge. Diesen gefallen hieße dem sittlichen und socialen Ruine entgegengehen. Aber auch den anderen Parteien wird es der Jude für die Dauer nimmer recht machen, weil sie eben trotz aller schönen Theorie« in ihm nur den Juden sehen. Es zeigt sich hier die Zerfahrenheit und der innere Widerspruch, die der antisemitische Geist beim Juden erzeugt hat. Er ist irre geworden an sich selber und an der Welt, die ihn umgibt. Er weiß nicht, welcher Bahn er folgen soll. Er weiß nur, daß er stets angegriffen und von Niemand gerne vertheidigt wird. Die psychologische Grundlage düses Verhängnisses ist das Z w e i s e e l e n - S y st e m, an dem der deutsche Jude seit der Emancipation. krankt. Er traut sich nicht ganzer Jude zu sein, er möchte etwas Anderes sein. Man ist aber immer schlechter und nicht bester, wenn man sich nicht in seiner Natürlichkeit zeigen darf. Besser wird es erst werden, wenn er zur Einsicht gelangt, daß es nur eine Politik giebt, die er pflegen kann: d i e j ü d i s ch e. Nicht eine Parteipolitik, aber die jüdische Politik: Die Politik, die uns als Juden nützt. Die Juden sollen in erster Reihe an sich selber und ihre Gesammtheit denken. Die Idee des geschichtlichen Judenthums läßt sich in keine Parteischablone zwingen. Das hat der Zionismus bewiesen. Er ist groß als Ideal und hatte anfangs viel Schwung und frische Begeisterung. Er ist aber philisterhaft, senil und corrumpirt, seitdem er eine Partei bildet. Die Gestaltung der Parteien wird wahrscheinlich in der Zukunft ein anderes Bild bieten. Die Parteidisciplin, das Einpauken von Dogmen, dre Züchtung von gedankenlosen Jasagern ist mit der Ausprägung der Jnduvidualität unverträglich. Die Menschen werden sich in der Zukunft nicht um todte Prostramme, sondern um lebendige Ideen schaaren. Fangen wir Juden mit dieser neuen, lichtvollen Periode an. Sammeln wir uns um die Idee der jüdischen Zukunft. Unterstützen wir alles Schöne und Gute, fördern wir die allgemeine Cultur und begeistern wir uns für Kunst und Literatur, aber —bleiben wir in erster Reihe Juden. Zu den Gemeinderathswahlen in Wien. Plenarversammlung des „polit. Volksvereines" vom 19. Mai 1900. Zum Zwecke der Berathung und Beschlußfassung über die der jüdischen Wählerschaft Wiens zu empfehlende Stellungnahme zu den bevorstehenden Gemeinderath sw ah len veranstaltete Samstag, den 19. d. M. der Politische Volks- Verein im großen Saale des Hotel de France eine Plenarversammlung, welche zahlreich besucht, nach animirtem und intereffantem Verlaufe zur einstimmigen Annahme einer vom Vorstande beantragten Reso lut.i.on führte, die auch wir mit unserer vollen Zustimmung begrüßen. Den Vorsitz in der Versammlung führte der Vereinspräsident Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. HerrmannFialla, welcher nach einer wirkungsvollen Ansprache dem Borstandsmitgliede Herrn kais. Rath Dr. Johann L i ch t e n st a d t das Wort zur Erstattung nachstehenden Referates ertheilte: Ich habe der Einladung unseres Präsidenten gerne Folge geleistet, die Discussion über die bevorstehenden Gemeinderathswahlen in diesem Kreise einzuleiten und an die Mitglieder dieses Vereines die Aufforderung zu richten, sich von der großen Bedeutung dieser Wahlen durchdringen zu lassen, und demgemäß sich mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften an der Wahlbewegung zu betheiligen, mit dem größten Eifer dahin zu wirken, daß der W a h l a u sgang derjenigen Partei günstig sei, die allein die Principien der Gleichberechtigung hochhält und von der wir erwarten, daß sie künftig noch entschiedener als bisher, noch energischer sich den Attentaten widersetzen wird, welche gegen Gerechtigkeit und Fortschritt geplant werden. Ich habe dieser Einladung 'gerne Folge geleistet, weil ich es als Pflicht anerkenne, daß Jeder von uns seine Fähigkeiten und seine Mittel in den Dienst der Sache stelle und weil ich es umso mehr als Pflicht anerkenne, daß dieser Verein nicht zurückstehe, nicht der Letzte sei in dem Kampfe, der nicht um Privatinteressen geführt wird, sondern in dem es sich darum handelt, ob die Residenz, die Jahrzehnte lang eine Führerin des Reiches war, wenn es galt Freiheit und Recht zu vertheidigen, nunmehr für lange Zcit an der Spitze stehen soll, um dem Unrecht, der Unterdrückung, dem Rückschritt auf geistigem und wirthschaftlichem Gebiete die Wege zu ebnen. Darüber darf man sich heute keiner Täuschung hingeben, es ist kein persönlicher, sondern ein Principienk a m p f, der geführt wird, und wer in diesem Kampfe unterliegt, vem wird rin vae victis zugerufen werden, wie es seit langer Zeit nicht gehört wurde!

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