Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 21 (25.5.1900)
- Date
- 1900-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Blocfi's Jahr-«»» XVII. Centralorgan für die gesammken Interessen des =- .X \l S. ft. Pofisparrassrn-Amr "Clearingverkehr Ar. 810.976. Ledsclion und Administration: Wien XX., Liniere Vuaarirntir. In. Telephon - Nr. 14,847 Je - =* Wien. 25. Mai 1900. ■ ij | intf ——-- Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien» II., Untere Rugartenstraße 1 a, Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Judrnthnms. X_—=_ -X 1 Bijugaprei» für Oesterreich: j Halbjährig 8 Kronen. I Einzelexemplare 50 Heller lür’a Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. x-~-=* Inhalt. Leitartikel: Die ewigen Opfer der Politik. — Zu den Gemeinderathswahlen in Wien. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine Interpellation. Der Proceß von Viterbo. Was weiß die „Köln. Volkszntung von Prof. Rohlnig. Aehnlichkeit in den Gebräuchen der Buren und Juden Aus Paul Heyse's Jugenderinnerungen. Bismarck und Bleichröder. Affaire Araten. — Tie erziehliche Thätigkeit der „^.llianeo Israßlite". — Stiftungscapital. — Eorrespondenzen: Wien, Preßburg, Prag, Rzeszow, Gliniany, Paderborn, London, New-Pork, Chicago, Teheran. — Vermischtes: Wien, Retz, Brzesko, Stanislan, Wadowice, Gablonz, Mähr.-Budwitz, Frankfurt a. M.— Feuilleton: Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Aufruf. Die ewigen Opfer der Politik Von Fabius S ch a ch in Karlsruhe i. B. II. Es gibt Erfahrungen, die uns weder glücklicher noch klüger machen. Es sind dies die Erfahrungen, bei denen man die Kette von Ursache und Wirkung nicht findet; Erfahrungen, deren Lehre nicht in Einklang mit unserer inneren Natur zu bringen ist. Die meisten Erfahrungen der deutschen Juden auf politischem Gebiete gehören zu dieser Kategorie. Sie stimmen uns traurig, ohne daß wir einen Ausweg finden. Sie rauben uns den Muth und versenken uns in den unseligen Zustand des Jndifferentismus. Gewiß, die .deutschen Juden haben mit allen politischen Parteien schlechte Erfahrungen gemacht. Aber sollen sie sich darum ganz ins Philisterleben zurückziehen. Sollen sie die parteilosen Stammtisch-Freuden der behäbigen Germanen genießen und die öffentlichen Angelegenheiten der von Gott eingesetzten Regierung überlaffen? Freilich, die Politik würde dann nicht schlechter als heute sein, und der einzelne Bürger würde weniger Aufregung und weniger Verbitterung von dannen tragen. Aber man darf dabei das psychologische Moment nicht aus dem Gesichtskreis verlieren. Man treibt meistens Politik, nicht alleiu des Zieles, des vorschwebenden Ideals wegen, sondern um seine Kampfeslust zu stillen, um seinem Thalendrang zu genügen. Die Juden mit ihrem glühendem Temperament und ihrem erregbarem Gemüth haben naturgemäß ein um so größeres Bedürsniß, an den Zeitfragen theilzunehmen, wenn sie auch noch so oft Opfer der Politik werden.' Könnte man Politik ä la Bismark treiben, mit kaltem Sinn, weit ausschauend, vor keinem Mitttel zurückschreckend, immer nur auf den einen Punkt gerichtet — dann wäre wohl das Interesse der Gesammtheit für die Dauer beffer gewahrt. Die Politik darf nie sentimental werden, nie Rücksichten nehmen, weil sie in der Ausnützung der Momente, in der Oekonomie der Verhältnisse ihren Zweck erblickt. Aber das ist nur die Politik der Staatsmänner, die Politik des Volkes ist meistens Nebel und Rausch. Bei den meisten Menschen ist es nur ein Streben, das leere Dasein mit einem Scheine von Werth auszufüllen, der Trieb, etwas zu bedeuten, als etwas zu gelten. Würden die Juden jemals gelernt haben, ihr eigenes Jntereffe wahrzunehmen, dann müßten sie st e t s die Politik des Abwartens verfolgen, während in Wirklichkeit die Ueberstürzung das äußere Gepräge ihrer Handlungen bildet. Hier stehen eben Temperament und Klugheit, wie immer, in krassem Gegensätze zu einander. „Du sollst keine Politik treiben, denn jede Politik wird dir zum Verhängniß!" lautet der kategorische Imperativ der Vernunft. „Ich muß Politik treiben, weil ich der Aufregung des Kampfes bedarf, weil ich sonst in der Prosa des Daseins versumpfen würde!" tönt es als Antwort entgegen. Aber, so treibe doch wenigstens keine gefährliche Politik! Ja, das ist wieder so ein Gebot der Vernunft, dem die Seele nicht gehorchen mag. Die Juden sollen im Culturkampfe neutral bleiben, sie haben selber durch Vorurtheile genug gelitten und sollen sich hüten, irgend welche Religion anzugreifen. Das ist ja klar und weise, aber eine wirkliche Volksbewegung wirkt auf Jeden ein, sie reißt alle mit und Niemand kann sich da ganz zurückziehen. Wo die politische Bewegung zu einer Volksströmung, zu einer Lebensnorm wird, da kann sich vollends kein Mensch ihrem Reize entziehen. Wir wissen es heute, daß der Cnlturkampf nicht allein sittlich unberechtigt, sondern auch Politisch ein Fehler war. Bismarck zog durch diese künstliche Märtyrerzüchterei nur das Centrum groß. Ein wirklicher Culturkampf darf nie durch Gesetze und Polizei ausgefochten werden. Das Alles wissen wir heute ganz genau, die Erfahrung hat uns klug gemacht. Aber man sehe doch einmal die damaligen Verhältnisse mit den damaligen Augen an. Der frische Zug, der durch das Land ging, der Zug der Begeisterung für Freiheit und Fortschritt, der Ruf nach Licht und Aufklärung — sie hatten etwas Gewaltiges, Bezauberndes an sich. Wer mag es leugnen? Die Zeit als solche war trotz aller Jrrthümer eine große. Der Drang nach Entfaltung der Freiheit des Individuums, der Kampf gegen Finsterniß, hat für den modernen Menschen etwas Anziehendes. Und man schoß über das Ziel hinaus, man machte Fehler über Fehler, man that Manchem weh, und viel Unrecht mußte nachher wieder gut gemacht werden. Aber mit welcher Bewegung sind diese Begleiterscheinungen nicht verbunden.