Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 380 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 20 mit frischen Kränzen und hielt nur enthusiastische Monologe. In der Ueberschwenglichkeit meiner Gefühle sah ich in dem studentischen Treiben, das aller Scham und Aesthetik spottet, nichts als übersprudelnde Jugendkraft und Lebensfreudigkeit, und ich wollte mich auch in dieses Leben stürzen, mit jubelnden Gefährten aus klingendem Becher Lebenslust trinken, den Schläger führen uud mit voller Kehle das Lob der Venus und des Bacchus singen. Aber nur zu bald klang es mir von allen Seiten entgegen: Du bist nur Jude, aber kein deutscher Student. Du kannst Dich als Jude an den Brüsten der Alma mater so voll Du willst ansäugen, aber Du darfst an dem studentischen Leben keinen Antheil baben. Das gehört nur uns, das sind Nachklänge unseres ritterlichen Dttttelalters." Getäuscht in meinen Träumen und verwundet in meinen Gefühlen, zog ich mich zurück und warf mich ganz auf das Studium. Ich erhob mich in wissenschaftlicher Bildung über alle meine Commilitonen, und selbst die Professoren sprachen nur mit Lob und Achtung von mir. Damit wurde ich aber auch der Gegenstand des Hasses, wie früher nur der Verachtung, und die Rauf- und Trunkbolde versäumten keine Gelegenheit, mich anzurempeln. Lange blieb ich gleichgiltig gegen ihre Provokationen Einmal jedoch kochte das Blut in mir, und ich forderte in aller Förnilichkeit einen dieser Saufbrüder sunt Duell heraus. Höhnisch antwortete er mir: „Ein Jude ist nicht satisfactionsfähig, mit Juden schlagen wir uns nicht." Ich stürzte ntich vor Wuth auf ihn und ließ ihn blutüberströmt am Platze liegen. Von da ab war ich aber täglich thätlichen Verfolgungen der ganzen Meute ausgesetzt. Ich durfte mich in der Aula nicht mehr blicken laffen. — Dadurch ward mir das Studiren und die ganze wissenschaftliche Carriere verleidet. Ich entschloß mich, zur Kunst überzugehen'. Mit der Kunst beherrschen wir unsere Feinde, dachte ich. Ich handhabte von Jugend auf die Violine und wollte nun weiter arbeiten, es zur Meisterschaft bringen. Bis dahin sollte das Lectionengeben mir meinen Unterhalt verschaffen. Drei Jahre steuerte ich schon diesem Ziele zu und seit ungefähr einem Jahre waren die Musikstunden, die ich einem Knaben in einem reichen« bürgerlichen Hause ertheilte, meine einzige Hilfsquelle. Als eines Tages die Stunde zu Ende war, wurde ich in den Salon gerttfen. Ich erschrack, weil ich die Kündigung fürchtete, denn ich merkte schon einige Tage eiuc kühlere Behandlung Ich hatte mir zwar keine Vernachlässigung meiner Pflicht vorzuwerfen, aber man hatte vor Kurzem im Hause mein Judenthum entdeckt. Bei der Ausnahme glaubte ich nicht, nachdem man mich nicht darum frug, mein Glaubensbekenntniß oblegen zu müssen; jüngst wurde ich aber dazu herausgefordert. Ein neuer Hausfreund, der jetzt fast täglich die-Familie besuchte, schimpfte eines Tages in meiner Gegenwart über die Juden. Die Eltern meines Schülers lachten, ich aber sagte mit aller philosophischen Ruhe, die zu bewahren mir nur möglich war: „Ich kann Ihnen nicht beistimmen, weil ich selbst Jude bin!" Alle waren sie perplex. Seitdem bemerkte ich, daß man mich nicht anders ansehen konnte, als dabei an den Religionsunterschied zu denken und so oft der Herr oder die Frau mich persönlich sprechen wollten, gewärtigte ich die Kündigung. Auch bei diesem Rufe in den Salon wappnete ich mich mit der Resignation, meine Entlassung angekündigt zu bekommen. Ju dem von einem Gasluster hellerleuchteten Salon befand sich Niemand als die etwa sechzehnjährige Tochter des Hauses. Sie saß vor dem schwarzglänzenden Ebenholz-Clavier und ihr goldig schimmerndes^ Haar sprühte Funken. Aus dem decolletirten Kleide aus dunklem Stoffe hob sich das Köpfchen, gleich einer duftigen, rundlichen Theerose hervor Ich mußte mix Gewalt anthun, Herr meiner Sinne zu bleiben. Zum Glück redete sie mich an: „Haben Sie ein wenig Zeit für mich, Herr Waiden?" „Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Fräulein." „Wollen Sie mich ein Wenig auf der Violine begleiten?" „Mit Vergnügen." Während ich die Violine stimmte, überkam mich eine solche Aufregung, wie sie der Schüler empfindet, der vor seinem Meister svielen soll. Ich stand hinter dem Elavier und das Stimmen des Instrumentes ging äußerst langsam von statten, denn das Mädchen wendete mir den Rücken zu, während sie die Noten suchte, und ich bewunderte aus unmtttelbarer Nähe ihr goldig schimmerndes Haar, den zarten Hals und den schlanken Wuchs. Dann kam sie näher, blieb vor mir stehen, besichtigte meine Violine und sagte: „Wissen Sie, was wir spielen werden?" „Dieselbe Piece, wie letzthin." „Das ist auch meine Lieblings-Piece." In den Salon mündeten mehrere Settenräume uttd alle waren finster Als ich die Jntroduction begann, kam es mir vor, als ab im letzten Zimmer sich Jemand bewegte, doch achtete ich nicht darauf. Ich spielte sehr schön. Eine ungewöhnliche warme Empfindung beseelte mich. Die liebliche Melodie nahm mich vollkommen gefangen, und es kam mir beinahe vor, als ob ich nur in derselben lebte. Plötzlich begann das Elavier zu klagen und Violine und Elavier gingen in einander auf Der Ton füllte den Salon aus. durch das offene. Fenster kam ein leiser Wind und sein Hauch begleitete die Melodie Wir kamen zum Finale.... Plötzlich erlosch das Gas .... Weltvergeffen spielte ich sort und es riß mich gar nicht aus meinen Träumen — ich war eins mit ihnen — als ich das Mädchen an meinem Halse, ihren Athem an meinen heißen Wangen fühlte und ihr Flüstern vernahm: „Ich liebe Sie!" Da wurde es plötzlich wieder hell im Salon ... Ich erwachte aus meinen Träumen und sah am Eingänge des Saales die Eltern, meinen Schüler und den Hausfreund, aus dessen blutunterlaufenen Augen finsterer Zorn blickte. „Elender Jude! Du willst dieses Mädchen verführen!" Und im nächsten Augenblicke grub sich ein wuchtiger Hieb mit eitlem Stocke in mein Gesicht. Das Tuch vor mein Antlitz pressend, schwankte ich zur Thüre, zum Thoxe hinaus. Ich empfand keine Schmerzen, ich war betäubt, apathisch. Nicht einmal der Gedanke an Rache stachelte mich. Wenn ein Erdbeben in diesem Augenblicke entstanden wäre und ein einziger bewußter Schritt genügt hätte, mich vom Abgrund des Verderbens zu retten, ich hätte ihn nicht gemacht. Mechanisch schritt ich meiner Wohnung zu. Ich verfiel in ein Fieber. Und als ich nach ungefähr vierzehn Tagen wieder das Bett verlassen konnte, war selbstverständlich mein Ziel die Gasse, wo das Haus stand, aus dem ich mit so blutiger Beschimpfung schied. Ich wollte Erkundigungen einziehen über das Befinden des armen Kindes, das so unglücklich in seiner Liebe geworden. Ich zitterte, zu hören, daß sie krank darniederliege oder gar schon gestorben sei Mit bangem Schritte näherte ich mich dem Hause Da sah ich eine lustige Gesellschaft aus dem Thore herauskommen und darunter auch am Arme des Hausfreundes mit dem sie scherzte und lachte, die Kleine, die vor kaum zwei Wochen mir ihr Herz entdeckte und mit wilder Liebesgluth mich umklammerte, wofür mir von ihren sittensttengen Eltern der blutige Schimpf angethan wurde, als hätte ich, der Jude, sie verführt. Ich verzweifelte an der Menschheit. Mein wundes Herz sehnte sich weg von diesem Häusernteer, mit den Ungeheuern in Menschengestalt, die in seinen Tiefen toben. Nach wenigen Tagen verließ ich die Hauptstadt, aber „der schwarze Kummer saß mit zu Pferde", er verließ mich nicht, wohin ich auch ging. Ich durchstreifte wochenlange zu Fuß weite Gebiete, übernachtete oft in Wäldern, denn ich mied, wie nur möglich, die Menschen.. Einmal überkam mich der verzweifelte Gedanke, mich an einem Baum zu erhängen. Da fiel mir aber ein, daß sie Der M Juden lachen und allen Bäumen solche Früchte wünschen würden. Nein, sagte ich, so lachen sollen sie über den Juden nicht. Ich will nicht sterben, aber lachen will ich sie machen und damit sie beherrschen. Ich schmiedete die Nacht hindurch meinen Plan bis zur völligen Reife äus. Des Morgens ging ich in die nahegelegene Stadt, wo eine wandernde Schauspielertruppe eben gastirte, meldete mich beim Director uud ließ mich engagiren. Mein Spiel machte ungeheures Glück, ich überließ mich der tollsten Laune, den bizarrsten Einfällen bei einer wohltönenden Stimme und glücklichen Gestalt. Ich sah mich nach einem Jahre schon von der „Schmiere" weg in ein ständiges Theater gezogen. Die Kritiker sprachen von Originalität, Genie, Unnachahmlichkeit. Ich nahm meine ironische Jndividualilät von der Bühne auch ins Leben mit und machte auch hier viel Glück. Ich ward der Liebling der Damen, weil ich keine liebte, ich war geistreich, weil für nichts begeistert, kühn, weil gleichgiltig, schmachtend, romantisch, spießbürgerlich, je nachdem ich mich in diese oder jene Rolle dachte. Aber dieses k ü n st l i ch e Leben konnte nicht lange dauern bei einem Herzen, das nur Wahrheit will, und in Wahrheit fühlt ich, daß in dem Augenblicke, wo ich sie nicht durch meine Kunst beherrsche, ich in ihren Augen nur der verachtete Jude bin. Ich wurde dieser Mummerei überdrüssig. Ich kam mir vor, wie der Golem, der todt liegt, bis der Meister den erweckenden Spruch in seinen Kopf legt, — es graute mir vor mir selbst. Da warf ich Kothurn und Maske hin, trete auf Ritterkleid und Purpur — noch einmal will ich als Bürger durch die Welt ziehen, und wenn ich in keiner Zone als Mensch ausgenommen, sondern überall als der Jude mitleidig oder verächtlich angesehen werde, so will ich meinen Leichnam in die Katarakte des Nils stürzen, daß mich sein Schlamm wieder in die Erde bettet, von wo unsere Väter ausgezogen, zur ewigen Freiheit wähnend, während ein ewiger Fluch auf uns lastet — — — —" „Ich las tief ergriffen, ob dieser Zerrissenheit", erzählte Doctor L. weiter, „und sann auf ein schmerzstillendes Wort Ferdinand schüttelte aber nur den Kopf über meine Tröstungen. Beim Abschiede rang ich ihm jedoch das Versprechen ab, noch beim Theater auszuharren. Ich kam mit dem Berichte über den Erfolg meiner Mission zu der Gesellschaft im Cafe zurück und wurde mit Dank überschüttet. Den vom Director versprochenen Korb Champagner sollte ich nach Wien geschickt bekommen, nach dem Wiederaustreten Walden's im Theater. Anstatt dieser Champagner-Sendung erhielt ich jedoch nach acht Tagen die traurige Meldung, daß bei dem Schauspieler Ferdinand Walden auf der Bühne der Wahnsinn ausgebrochen, die Vorstellung unterbrochen und der Unglückliche vom Theater weg in eine Irrenanstalt überführt werden mußte." Dr. L. hatte mit dieser Erzählung die Freunde erschüttert und noch lange wurde an dem Stammtische gesprochen über das moderne Martyrium, unserer studierenden Jugend, über das geistige Ghetto, welches uns bevorsteht.