Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-05-18 · 20 (18.5.1900) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
20 (18.5.1900)
Date
1900-05-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021352--09902-3034354
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 Br. Bloch's Wochenschrift. Seite 379 Feuilleton. Geistiges Ghetto. (Novelle.) Von dem besetzten Stammtische aus eines zumeist von Juden fcequentirten Kaffeehauses der Stadt wurde ein junger Mann freundlich begrüßt, der soeben scheu und in sich gekehrt in d^s gefüllte Local trat. Man machte schnell Platz für ihn an diesem Stammtisch und er setzte sich zu der Gesellschaft. „Es schien uns", sagte sein nächster Nachbar am Tische, „als wären Sie mitsammt Ihrer Muse eingefroren Seit Ihren Gedichten im... vom vorigen Jahre hat man von Ihnen nichts gelesen und Sie auch gar nicht zu Gesichte bekommen." „Ich wohne einfach nicht mehr in diesem Viertel, wo mir die Miethe zu theuer ist; aber meine Muse ist wirklich eingefroren." „Warum denn? Was hat Sie entmuthigt?" „Die Zeit. An den Strömen Babels saßen wir und weinten, unsere Harfen an die Weiden hängend, da unsere Dränger Gesang forderten, paßt ganz auf unsere heutigen Verhältnisse. Wie kann ein Jude jetzt dichten?" „Das ist nicht richtig", sagte einer der Gesellschaft, „wir haben in den finstersten Zeiten Poeten, allerdings nicht in der Landessprache, gehabt, und alle jüdischen Dichtergrößen der Neuzeit sind noch aus dem Ghetto hervorgegangen " „Ja, unsere mittelalterlichen Dichter hatten die Poesie des Schmerzes und unsere neueren begeisterte die Ahnung von der nahen Morgenröthe der Freiheit; doch heute ist es Verbitterung, Entrüstung, Zorn, die den Juden erfassen, und vor diesen weichen die Musen» besonders die zwei, welche den von ihnen Begnadeten über sein Selbst erheben sollen. Seit der Aera des Antisemitismus ist im Judenthum wirklich noch kein großer Dichter und kein großer Schauspieler entstanden. Dichter und Schauspieler, die man allgemein für die Treulosesten am Judenthume hält, sind die Empfindlichsten gegen den Judenhaß." „Es ist wahr", sagte ein Anderer der Tischgesellschaft, „ich selbst habe erst vor Kurzem ein schauspielerisches Genie an dem Gram über die Misere der Zeit zu Grunde gehen sehen. Ich war in Berufsgeschäften in P. Nachmittags saß ich in dem vornehmsten Cafe an einem Tische mit einigen Honoratioren der Stadt. Nach vielem Kannegießen über Politik, kam man auf das Theater zu reden. „Wissen Sie schon", sagte einer der Tischgesellschaft, „daß unser Garrik gestern zum letzten Male ausgetreten ist?" „Nicht das Geringste weiß ich — aus welcher Veranlassung — ist's möglich? — wissen Sie das auch gewiß, Herr Rath?" rief ein Dutzend Stimmen durcheinander, mit Geberden des höchsten Erstaunens „Es thut mir leid, Ihnen nichts Näheres referiren zu können", antwortete der Gefragte, „daß es sich aber so verhält, kann ich verbürgen. Dort sitzt indeß der Director, der wird Ihnen das Räthsel lösen können." Nun wurde dieser mit Fragen, von Einigen sogar mit Vorwürfen bestürnit, daß er den Liebling ziehen lasse. „Meine Herren", erwiederte, der Director, als sich der Lärm ein wenig gelegt, „Sie thun mir Unrecht. Wann hätte je einTheaterdirector, selbst wenn er rücksichtslos genug wäre, gegen das Vergnügen einer ganzen Stadt gewesen wäre, seinen eigenen Vortheil außer Acht gelassen! Und dieser Ferdinand W a l d e n, unser Garrik, wie ihn der Herr Rath mit Recht genannt, hat mir immer Haus und Lasse gefüllt, Sie können daher leicht ermessen, daß ich selbst sehr unangenehm überrascht war, als er mir heute Morgen schrieb, er werde nicht mehr auftreten. Es kann dies nur eine der Excentricitäten sein, die man seit Kurzem in seinem Privatleben zu bemerken glaubt." „Ferdinand Walde n", unterbrach ich das stumme Staunen, in welches die Erklärung des Directors Alle versetzte, „nannten Sie Ihren Liebling? Wenn es nicht zwei dieses Namens gibt, kann ich vielleicht das Vergnügen haben, Ihren Unersetzlichen zur Aenderung seines Entschlusses zu bewegen. Einen enthusiastischen Jüngling dieses Namens kannte ich in einer mir befreundeten Familie in .... . und ich hoffe, nicht ganz in seinem Andenken erloschen zu sein." „Sie werden sich den Dank unserer Stadt erwerben," sagte der Rath. „Und obendrein einen Korb Champagner," setzte der Theaterdirector hinzu. „Ich bin kein Feind dieses echten Franzosen", erwiderte ich und ging, fast zur Thüre hinausgeschoben, in die Wohnung meines vermeintlichen Freundes. Auf mein wiederholtes Anklopfen ward nicht geantwortet, so öffnete ich denn von Neugier getrieben und trat in ein großes, durch die herabgclassenen grünen Rouleanx verdüstertes Zimmer. Musikalien und Bücher lagen auf dem Boden in einem Zustande, der glauben ließ, der Besitzer habe sie gelangweilt von sich weggeschleudert. Ein mannshoher Wandspiegel mit schwarzem Rahmen machte die einzige Decoration des unheimlichen Zimmers. Auf dem Sopha saß wirklich der mir befreundete Walden, den Kopf trübselig herabgeneigt zu seinem schwarzen Dachs, mit dem er im Gespräche vertieft schien. „Sei nicht traurig, Bella", sprach er eben, als ich unbemerkt eintrat, „mögen dich immer die zweibeinigen Affen einen Hund nennen, was liegt am Namen. Du bist ein Engel gegen sie. Nicht wahr, du liebst mich, wenn ich dir auch verrathe, daß ich Jude bin. Ja, Bella, mein Freund, ich bin Jude, und die, die sich Menschen nennen, hassen mich, den Menschen, der sie in allen menschlichen Tugenden und Vorzügen weit überragt, weil ich Jude bin und machen mich zum Fremdling auf dieser Erde. Reich' mir dein weiches Pfötchen, du treues Wesen! So — so — es ist mir lieber, als der berechnete Händedruck aller Zweifüßler —". Und das Thier knurrte, als ob es ihn verstanden hätte und ihm beistiulmte. „Ja, ja, dein Bellen ist Musik in meinen Ohren, während ihr Applaus mir weh thut, denn sie verhöhnen mich, den Juden, wenn ich sie nicht unterhalte — Dieses Zwiegespräch mit seinem Hunde wollte mir zu lange werden, ich schloß daher die offen gebliebene Thür mit einigem Geräusch, als wäre ich erst jetzt hereingetreten. Ter Schauspieler fuhr auf, fixirte mich wie ein ans tiefem Schlaf Erweckter und sprach dann verdrießlich : „Was belieben mein Herr?" „Kennt Ferdinand Walden seinen Freund nicht mehr?" antwortete ich. „Was, Sie sind.?" rief er, und ein freudiger Strahl überflog sein trübes Gesicht. „Das freut mich sehr. Ein Bild aus unserer Jugendzeit ist wärmende Sonne in diesen frostigen Tagen. Setzen Sie sich doch; was wollen Sie aus meinen Zügen lesen? Erzählen Sie mir lieber, wie und wo Sie leben, welche Abenteuer Ihnen das Eden unter dem Monde verleidet oder wohnlich gemacht." „Der A b e n t e u e r", erwiderte ich, „gibt's wenig in meinem Leben. Ich vollendete meine juridischen Studien, ward Advocat, heiratete die Tochter meines früheren Kanzleichefs und lebe seitdem in der glücklichsten Ehe." „Ward geboren, nahm ein Weib und starb", rief der Schauspieler, indem er bitter lachend aus und ab schritt. „Mein Freund", sagte ich unwillig, „der alte Gellert, der dieses schrieb, mag es vielleicht vorgezogen haben, Fabeln zu schreiben: ich aber habe die Erfahrung gemacht, daß ein stilles häusliches Leben worin man gar nicht bemerkt, wie ein Tag dem anderen gleiche, zum mindesten glückliche Menschen mache. Ein solcher Glücklicher bin ich, während Ihre Hastigkeit verräth, daß glückliche Ruhe nicht in ihrer Seele blaut." „Blaut", rief der Schauspieler ironisch, „ich liebe nicht das Blaue, ein schwarzbehängter Himmel ist die schönste Dekoration und ein heulender Sturm die herrlichste Ouvertüre. Ich hätte mich unter den Verfolgungen des Mitelalters am Wohlsten gefühlt. Ich beneide unsere Märtyrer, sie hatten ein paradiesisch Fühlen auf Erden. Das heutige Leben ist mir ekel, ich bin seiner überdrüssig, mein Lachen klingt wie Weinen." „Und wozu lachen oder weinen?" sagte ich, „ist es nicht beglückender —-" „Ochsen mästen, Handel treiben, Expensnoten schreiben? Nein, nein — Demokrit oder Heraklit. Weinen oder Lachen, kein Mittelding!" unterbrach er mich heftig. „Welche heftige Stürme müssen die Segel Ihres Lebensschiffes zerrissen haben, daß es ein Wrack auf ödem Meere, trostlos den Strande zutreivt". sagte ich mitleidig. „Stürme? — Bedarfs der Stürme?" rief er. „Philister freilich, die nichts mehr als die Kornpreise und die Courszettel im Sinne haben, können von ihrer Indolenz nicht eher aufgeriittelt werden, als bis ein Sturm über ihrem Haupte dahinfährt und sie niederreißt. Wessen Gemüth aber eine zart empfindende Harfe ist, dem entringt ein rauher Hauch schon Schmerzgestöhn. Ich würde Psalmen singen, wenn wieder die Wallbrüder heranzögen und die Scheiterhaufen loderten; aber die Verachtung und dieses Zurückstoßen ertrage ich nicht." Ich merkte aus seinen exallirten Reden, daß ihm der Antisemitismus hart mitgespielt haben müsse und bat ihn um die Geschichte seines Lebens. „Ja, Geschichten liebt ihr", war seine Antwort, „wischt euch die Thränen gern, wenn der Hans die Gretel nicht bekam; aber für den Weltschmerz seid ihr stumpf. Sie sollen indeß meine Geschichte hören", fuhr er fort, „wer wird einem Jugendfreunde, ein hübsches Histörchen abschlagen? Tort liegen einige Blätter, worauf Sie mein Blut in Tinte verwandelt sehen können." Doctor L. zog Papiere hervor, die ihm der Schauspieler geschenkt und las daraus einige Blätter: Mit der ganzen Poesie und Schwärmerei des Studenten bezog ich die Universität. Mein Herz suchte nach Anschluß an Freunde. In meiner Opferfreudigkeit wäre ich für College» in den Tod gegangen. Nichts wollte ich allein besitzen, meine Habe wie meine Kenntnisse und Empfindungen nur mit Anderen theilen. Und ganz Feuer und Flamme für das Tentschthum, warf ich die Penaten meines väterlichen Hauses weg, schmückte die Statuetten der deutschen Lieblingsdichter täglich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.