Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 20 Drv Dloch's Wochrnfchri^ Sette 377 Publikum, das oft ganz harmlosen oder nebensächlichen Wahrnehmungen eine ihnen nicht zukommende Bedeutung verleiht und dann auf die Untersuchungsbehörden, mit diesem Material einstürmt. Unterstützt wird diese Geschichtenträgerei noch wesentlich dadurch, daß neben den wirklichen Untersuchungsbehörden, dem Untersuchungsrichter und dem Ermittelungsrichter, sich noch von a n t i semitischer Seite ein freiw illiger förmlicher Nebenuntersuchungsausschuß — bestehend aus zwei — seitdem nachdrücklich verwarnten — Gymnasiallehrern und einem Zahnarzt — etablirt hat, der, von dem Gedanken des Ritualmordes hypnotisirt, unermüdlich „neue Fährten" auffindet, die natürlich ausschließlich in jüdische Häuser führen. Ein großer Theil der in letzter Zeit stattgehabten und resultatlos verlaufenen Untersuchungen in den Wohnungen jüdischer Einwohner von Könitz dürfte auf die Mitarbeit von dieser Seite zurückzusühren sein. Andererseits gelangen wichtige Feststellungen, zu deren Mittheilung die Staatsanwaltschaft schon seit über drei Wochen öffentlich aufforderte, verspätet und oft mit einem gewissen Zögern zur Kenntniß der Behörden. So soll einer der oben bezeichnten Herren jetzt bekunden wollen, daß er Winter noch gegen 6 Uhr Nachmittags am Tage des Mordes gesehen haben will. Die Untersuchungsbehörden hatten bekanntlich den größten Werth daraus gelegt, diejenigen Personen festzustellen, die noch im Laufe des Nachmittags den Ermordeten gesehen haben. Mit dem Obductionsbefund, wonach angenommen wurde, daß der Mord in der Zeit zwischen 2 und 4 Uhr Nachmittags erfolgt ist, dürste diese Mittheilung jedenfalls nicht in Einklänge zu bringen sein. Wie bereits mitgetheilt, ist nunmehr auch die Eigenthümerin des in unmittelbarer Nähe des Kopfes aufgefundenen Taschentuches in der Person der Frau Kreisschulinspector Rohde ermittelt worden, aber nur rein zufällig, obwohl die öffentliche Aufforderung an den Eigenthümer, sich zu melden, ebenfalls schon seit vierzehn Tagen ergangen war. Diese „Entdeckung" ist, wie die „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" berichten, in höchst eigenthümlicher Weise erfolgt. Auf einer Soiree bei dem Herrn Bürgermeister, an der auch die genannte Dame theilnahm, bemerkte nach dem Weggange der Gäste der Bürgermeister persönlich in dem Gesellschaftszimmer ein seitens seiner Gäste zurückgebliebenes Taschentuch. Bei näherer Besichtigung sah er zu seinem Erstaunen, daß das Taschentuch dasselbe von ungeschickter Hand gezeichnete Zeichen A trug wie das bei dem Kopfe des Winter gefundene. Es war dem Gastgeber ein Leichtes, festzustellen, wem das Taschentuch gehörte, und als er der genannten Dame das Taschentuch überbrachte, bekannte die sich auch ohne Weiteres als Eigenthümerin desselben und gab auch zu, daß das bei dem Kopfe des Winter gefundene Taschentuch ihr gehörte. Die Auffindung des Taschentuchs stellte sich unter diesen Umständen, wie mitgetheilt wird, als harmlos und belanglos dar. Wie aber — so darf man wohl angesichts der in Könitz von den Antisemiten gegen die dortigen Juden entfalteten Denunciationswuth fragen — wenn nicht eine Dame aus christlichen Kreisen, sondern ein Mitglied einer jüdischen Familie sich erst durch einen solchen Zufall als Eigenthümerin des Taschentuchs hätte entdecken lassen? Der antisemitische Janhagel wäre mit seinem Urtheil sofort fertig gewesen und hätte, auch wenn die Untersuchungsbehörden in gleicher Weise wie jetzt dem Fund eine auf die Mordthat bezügliche Bedeutung nicht hätten beilegen können, unter Berufung auf die Stimme des Volkes, das heißt der fanatischen Masse, stürmisch die Verhaftung des Betreffenden gefordert. Sieht sich doch jetzt der Criminalcommissär Wehn in einer Erklärung im „Konitzer Tageblatt" gezwungen, gegen die von antisemitischer Seite in offener und versteckter Form gegen ihn gerichteten Vorwürfe der mangelnden Schneidigkeit energisch Verwahrung einzulegen. München. (General-Musikdirector von L e v i.) Aus München wird das Ableben des pensionirten General-Musikdirectos v. L e v i gemeldet, Hermann Levi. im Jahre 1839 zu Gießen als Sohn des Rabbiners Dr. Levi, geboren, war in jugendlichem Alter, zwischen seinem 13. und 16. Lebensjahre, Schüler Bincenz Lachner's in München, besuchte dann das Conservatorium in Leipzig und war in der Zeit von 1859 bis 1861 Musikdirector in Saarbrücken. Diesen Posten vertauschte der Künstler mit der Dirigentenstelle am Deutschen Theater zu Rotterdam, wo er', wieder drei Jahre thätig war, kam dann 1864 nach Karlsruhe und erhielt acht Jahre später die Berufung als Hofcapellmeister an die königliche Oper zu München, in welcher Stellung er auch den Titel eines Geueralmufikdirectors erhielt. Levi war ein begeisterter Vorkämpfer für die neudeutsche Mufikrichtnng. Mit Hans v. Bülow innigst befreundet, befolgte er mit ihm gleiche Tendenzen. Für Liszt und speciell Richard Wagner setzte er sein großes, reiches Talent ein und trug nicht wenig dazu bei, den ersten Aufführungen des „Nibelungenringes" und des „Tristan" Glanz zu verleihen. Eine der Schwestern Levi's war mit dem Oberstlieutenant Morsch im französischen Generalstabe vermählt, deffen ältester Sohn auch als höherer Officier der französischen Armee angehörte, vor einigen Jahren' seinen Abschied nahm und sich eine Insel mit prächtigem Schloß an der normannischen Küste kaufte. Der Bruder H. Levi's war unter dem Namen Lindeck ein vielgefeierter Sänger, dessen romantische Heirat mit dem schönsten und reichsten Mädchen der Rheinprvvinz, der „Rose von Köln", aus einer streng katholischen Familie seinerzeit viel von sich reden machte. London. Der Bericht des Oberst K e k o w i ch über die Bertheidigung von Kimberley erwähnt eine ganze Reihe von jüdischen Officieren mit großer Auszeichnung. In erster Linie gilt dies natürlich von dem unermüdlichen Oberst Harris, dem zweiten Commandanten von Kimberley, der die Freiwilligen, die sogenannte Stadtgarde befehligte. Dann rühmt Kekowich speciell die Leistungen der Capitäne W. S. E l k i n, C. E. H e t t o g und A. Blum von der kimberley Town Guard und endlich von dem Kimberley Ligth Horse Lieutenant G. Harris, wegen bewiesener außerordentlicher Tapferkeit und Corporal H. Harris von demselben Regiment, wegen Tapferkeit. Noch ein anderer jüdischer Soldat ist in der letzten Zeit ausgezeichnet worden. Der Reiter A. Lewis von den Kitedener Horse D’Squadron ist für seine Tapferkeit am Riet River zur Distuingished-Dienstmedaille vorgeschlagen worden. Die Verlustlisten der letzten Wochen weisen nicht weniger als 5 Todte, verwundet 1 Major. 6 Gemeine, endlich als Invalide nach England zurückgesandt 2 Lieutenants, 1 Corporal und 1 Sergeant. Im Ganzen nicht weniger als 18 Glaubensgenossen, die der Krieg theilweise in ihrer Gesundheit schwer geschädigt, theils ihres Lebens beraubt hat. Jntereffant und ein Zeichen des Eifers, mit dem die Juden in allen Theilen des englischen Weltreiches sich zum Dienst mit der Waffe drängen, ist die Thatsache, daß auch unter den Buschmännern aus Australien, bekanntlich eine Elite- Truppe, die sich durch besonders gutes Reiten und Schießen auszeichnet, sich einige Juden befinden, in dem Contingent von Westaustralien unter 125 Mann 2 Juden. Solomon und S a u n d e r s. Wien. (Regierungsrath Dr. Stege r.) Dem Vorstandsmitglied der israelitischen Cultusgemeinde Hof- und Gerichtsadvocaten Dr. Heinrich Steger in Wien hat der Kaiser den Titel eines Regierungsrathes verliehen. Wien. Del Bethaus-Borstand der israelitischen Cultusgemeinde in Wien bringt zur Kenntniß, daß in den Tempeln, 1., Seitenstettengaffe 4 und XV., Turne gaffe 22, am 20. Mai d. I. um 10 Uhr Vormittags, im Tempel der Leopoldstadt, 11., Tempelgaffe am 24. Mai 10 Uhr Vormittags und im Tempel XVI.. Hubergaffe 8 am 27. Mai d. I. 10 Uhr Vormittags, die feierliche „Mädchen-Confirmation" stattfinden wird. Wien. Herr Dr. S. Frankfurter, Scriptor an der k. k. Wiener Universitäts-Bibliothek, ist vom Minister für Cultus und Unterricht zum correfpondirenden Mitglied des österr. archäologischen Instituts ernannt worden. Wien. Sonntag, den 20. Mai 10 Uhr Vormittags, findet im israelitischen Taubstummen-Jnstitut, IIL, Rudolfs gaffe 22, eine Prüfung der Zöglinge statt. Wien. (Ferienheim.) In dem soeben zur Ausgabe gelangten Berichte über das Vereinsjahr 1899 ist in Folge eines unliebsamen Versehens bei der Correctur der Absatz ausgefallen, welcher den Dank für die reichliche Spende an Medicamenten und Verbandzeug, durch welche Herr Apotheker R o t hz i e g e l Wien I., Rudolfsplatz 5, unseren Verein auch in diesem Jahre unterstützte, enthielt. Herr Benno Rothziegel zählt zu unseren eifrigsten und wärmsten Förderern und benutzen wir gerne diese Gelegenheit, um ihm unseren Dank zum Ausdrucke zu bringen. Der Vorstand des Vereines „Ferienheim."