Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 20 (18.5.1900)
- Date
- 1900-05-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 376 Nr. 20 Dr. Blocht WvchenschrM» Wohlfahrt der Juden Galiziens stets zu bethätigen pflege, nicht blos eine Personenverwechslung, sondern auch einen Frontwechsel meinerseits anuehmen könnten. Von Ihrer Objectivität aber hoffe und erwarte ich, datz Sie meinen Ausführungen Raum gewähren werden Ich will es offen gestehen, daß die jüdische Bevölkerung hierzulande sich hinsichtlich des Erfolges eines in Galizien stattfindenden Gemeindetages sehr skeptisch verhielt, zumal wir längst schon die Erfahrung gemacht haben, daß Resolutioneu — wie überzeugend sie auch klingen mögen — keinen praktischen Werth haben können Nichtsdestoweniger wurde die Einberufung dieser Versammlung nach Lemberg allseits freudig begrüßt, da diese allein Gelegenheit bieten konnte, nach Außen hin die Einigkeit der Juden Galiziens in der Abwehr der argen Bedrängniß zu documentiren. Statt dessen sahen wir mit bitterer Enttäuschung eine nach dem Muster der Wiener Antisemiten geführten Kampfesweise der jüdisch-radicalen alias Zionistenpartei, die unsere Feinde gewiß ausnützen werden. Verdächtigungen und Anrempelungen können wohl in der niederösterreichischen Landstube am Platze sein. Niemals aber dürfen turbulente Scenen in einer Versammlung jüdischer Notabeln stattfinden, namentlich in einer so k itischen Zeit, wo uns ohnehin das Leben genug sauer gemacht wird. Die Nothlage der Juden in Galizien ist eine gräßliche und unsere Glaubensbrüder im Westen haben keinen Begriff, wie schwer und trist die Erwerbsverhältnisse der Juden hierzulande sind, und doch rückten diese vatentirten Retter der Juden mit keinem Autrage zur Linderung dieser Noth hervor. Wenn die Zionisten, diese Vertreter der jüdischen Exclusivität, zumindest ein Mittel geboten hätten. Hunderttausend jüdischer Proletarier aus Galizien zu expatriiren und ihnen anderwärts — sei es in Palästina — eine wenn auch kümmerliche, so doch wenigstens gesicherte Existenz zu bieten — die Ausführbarkeit lassen wir dahin gestellt sein — so würden wir wenigstens an ihre ehrliche Absicht den Juden , zu helfen nicht zweifeln. So aber was haben sie uns geboten d Die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums, einer Anstalt, die wir derzeit leicht entbehren können. Brot gebt uns, Arbeit für unsere hungernden Glaubensgenossen aber keine Eultur. Einem hungernden Magen ist nicht leicht Eultur beizubringen. Zuerst muß die Magenfrage gelöst werden und dann erst kommen die anderen, wenn auch actuellen Fragen an die Reihe. Die Zionisten haben die bisherigen politischen Führer mit Vorwürfen überbaust Ob mit Recht oder Unrecht, kann jeder Leser selbstständig beurtheilen. Haben sie uns dagegen Positives geboten d Nein und abermals Nein!! Sie haben nichts mehr und nichts weniger als.den Beweis erbracht, daß trotz'der gemeinsamen Noth in unserem 'eigenen Lager eine Zerklüftung und Zwiespalt herrscht, welche unseren gemeinsamen Feinden — denn auch sie, welche den Antrsemiten Alles in die Hände spielen, werden auch dann nicht verschont bleiben — zu Nutze kommen werden. Einigkeit ist Macht und sie allein haben diese Macht gebrochen. Einen Erfolg hat aber der galizische Gemeindetag uns gebracht. Er hat uns die Augen geöffnet und gezeigt, wohin die Zionisten steuern und wessen Geschäfte sie besorgen. Hochachtungsvoll Neu-Sandez, 14. Mai 1900. N. Taubes Gemeinde-Secretär. Prag. Ju ihrem Anträge zur theilweisen Linderung des jüdischen Elends in Galizien weist Frau Rosalie Unger auch auf Böhmen hin, wo arme jüdische Mädchen aus Galizien als Dienstboten untergebracht werden könnten. Ich weiß nicht und möchte es bezweifeln, ob Frau Ungar die religiös-rituellen Verhältnisse in den jüdischen Häusern Böhmens kennt. Wollen wir uns nicht selbst täuschen, so müssen wir, wenn auch mit großem Bedauern, constatiren, daß nur in den wenigsten der Sabbath beobachtet und die Speisegesktze wenigstens nach orthodoxen Begriffen gehalten werden (auch in den anderen deutsch-österreichischen Provinzen dürfte es leider nicht viel besser sein). Würden nun Mädchen, die streng religiös erzogen und an die genauesten Beobachtung aller rituellen Satzungen gewohnt sind, in solchen Häusern sich behaglich fühlen? Möchte nicht mit der Bes itigung der materiellen Noth eine moralische, eine Gewiffensnoth für sie entstehen, die ihnen vielleicht noch schmerzlicher wäre, als die materielle. Und ist es im Interesse des Judenthums auch nur wünschenswerth. daß Mädchen aus streng frommen Kreisen in solche Kreise kommen, wo das, was ihnen bisher für hochheilig gegolten, völlig unbeachtet bleibt, oder gering gehalten wird. Steht nicht zu befürchten, daß dadurch nicht blos der religiöse, sondern auch der moralische Halt unerfahrener und ungebildeter Mädchen erschüttert werden wird. In den wenigen streng-frommen Häusern aber ist man schon des Sabbaths wegen gezwungen, einen nichtjüdischen Dienstboten zu halten. Diejenigen jüdischen Familien, welche im Stande sind, neben dem jüdischen noch einen christlichen Dienstboten zu halten, gehören in der Regel nicht zu den Strengfrommen. Am Sabbath — zumal im Winter — wird man unter allen Umständen immer auf nichtjüdische Aushilfe angewiesen fein. Der berührte Punkt muß meines Erachtens bei der Erörterung "ber jüdischen Dienstbotenfrage in Erwägung gezogen werden. Ar. Carlsbad. Die eigentliche. Badesaison beginnt sich bereits zu entwickeln und Helle Schaaren strömen uns täglich zu. Erst vor Kurzem wies die Curliste ein Minus von über 750 Gästen gegenüber dem Vorjahre aus, und tout Carlsbad war bereits kopfhängerisch und mißlaunig. Nun zeigt sich aber, daß die Besorgnisse ganz ungerechtfertigt waren, indem der Ausfall beinahe ganz wettgemacht ist. Es ist nur in Folge des früheren schlechten Wetters und der verspäteten Osterferertage eine Verzögerung eingetreten, und hoffentlich wird auch der heurige Sommer trotz Pariser Weltausstellung und trotz des englischafrikanischen Krieges die vorjährige Frequenz erreichen, vielleicht sogar überschreiten. Unser herrlicher Tempel und der mustergiltige Gottesdienst bilden wie immer einen Anziehungspunkt für sämmtliche Fremde. Auch weiland Kaiserin Elisabeth weilte seinerzeit während ihrer hiesigen Cur im Tempel und hörte andächtig dem Gottesdienste zu. Wir hatten sogar bereits zwei kleine sensationelle Fälle, die vielfach besprochen wurden. Der eine Fall betraf eine junge, hübsche Diaconissin vom rothen Kreuz aus Deutschland, die am vorletzten Peffachtag bei „Maskir" inbrünstig im Tempel betete; vielleicht ist sie auch so eine Art Michalina Araten. Das zweite Ereigniß war eine elegante, ganz schwarz gekleidete Dame, die raschen Schrittes in den Tempel bis zur Stirnseite vordrang, sich dort niederkniete und mehrmals das Kreuz schlug. Es entstand eine momentane Verblüffung, doch bald wurde die Dame von den Ordnern auf die Frauengalerie geleitet und der Zwischenfall war erledigt. Seit dem 1. d. M. ist Carlsbad mit emer sehenswürdigen Neuheit bereichert worden. Es ist dies.die hier errichtete Filiale der Wiener „Karmel"-Gesellschaft, die die köstlichen Palästina-Weine zum Verkaufe bringt. Das Geschäft befindet sich gegenüber der Mühlbrunn-Colonnade, ist äußerst geschmackvoll ausgestattet und kann unmöglich selbst von weiter Ferne übersehen werden. Es zeigt sich auch bereits lebhaftes Interesse für das Unternehmen, und die Prosperität ist ihm umsomehr gesichert, als den Aerzten nunmehr Gelegenheit geboten wird, ihren Patienten einen echten, vollständig unverfälschten Naturwein empfehlen zu können. Pisek. (Der zweite Proceß Hilsner.) Aus Pisek wird telegraphirt: Die neuerliche Verhandlung gegen Leopold Hilsner findet bestimmt Anfangs Juli statt und zwar ist für d>.n Beginn derselben der 11. Juli, ein Mittwoch, in Aussicht genommen. Es werden zur Durchführung vorläufig zehn Tage nöthig sein, da diesmal gegen hundert Zeugen geführt werden. Das neue Zeugenmaterial wurde durch den Untersuchungsrichter Gerichtssecretär Dr. Glossauer in Kuttenberg, der nach dem Gerichtsadjuncten Baudisch die Untersuchung übernahm, in Polna, wo Dr. Glossauer im April dieses Jahres längere Zeit weilte, sowie in Klein-Wisnitz, dem Heimatsorte der Hruza, zutage gefördert. Hilsner wird nur wegen Ermordung der Anna Hruza sich zu verantworten haben, da die Untersuchung wegen Ermordung der Marie Klima eingestellt wurde. Die neue Verhandlung wird auf Grund der Kuttenberger Anklageschrift durchgeführt werden. Den Vorsitz wird der Kreisgerichtspräsident Dr. Ottokar Winter führen. Die Anklage vertritt der erste Staatsanwalt von Pisek, Dr. Maliovsky. Hilsner wird von Dr. Zdenko Aurednicek vertheidigt. Als Vertreter der Privatbetheiligten wird auch diesmal Dr. B a x a interveniren. Budweis. (Vandalismus auf dem jüdischen F r i e d h o f e.) Seit einigen Tagen wüthet eine ruchlose Hand auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe in vandalischer Weise. Sämmtliche Rosenstöcke wurden abgeschnitten, Grabmäler und Grabeinzäunungen beschädigt, Ornamente abgeschlagen, Blumenhalter und ähnliche andere abgeschraubt und fortgetragen. Der Verdacht lenkt sich auf die Familie des Todtengräbers Prokesch, den Brodneid zu diesen Schandthaten veranlaßt haben soll, weil mehrere Familien ihre Gräber nicht von ihm, sondern von dem hiesigen Gärtner Zobel bepflanzen ließen. Berlin. Die „Lib. Corr? schreibt: „Die in den letzten Tagen in großer Anzahl vorgenommenen Vernehmungen in der Konitzer Mordaffaire haben, wie verlautet, irgend welche neuere bestimmte Verdachtsmomente nicht ergeben. Nicht gerade erleichtert wird den Untersuchungsbehörden ihre mühevolle Aufgabe durch das